„Abraham, du bist einer von ihnen; du wurdest erwählt, ehe du geboren wurdest.“ (Abraham 3:23)
Vorherbestimmung, Erwählung und Entscheidungsfreiheit (Abraham 3:22–28)
Es gibt Texte in der heiligen Schrift, die uns nicht nur informieren, sondern uns an unsere tiefste Herkunft erinnern. Abraham 3:22–28 ist ein solcher Text. Hier öffnet Gott den Vorhang der Ewigkeit und lässt Abraham – und uns – in jene Welt blicken, in der unsere Geschichte begann: den vorirdischen Rat im Himmel.
Wir entdecken dort nicht nur unsere Herkunft als Kinder eines ewigen Vaters, sondern auch unseren Auftrag und den Grund, weshalb wir auf der Erde leben. In diesen wenigen Versen liegen Identität, Berufung und Bestimmung verborgen. Doch sie sprechen nicht nur zu unserem Verstand; sie sprechen zu unserem Geist, der die Wahrheit erkennt, weil er sie einst kannte.
1. Erwählt, ehe man geboren wurde (Vers 23)
„Abraham, du bist einer von ihnen; du wurdest erwählt, ehe du geboren wurdest.“
Was bedeutet es, schon vor der Geburt erwählt zu sein?
Es heißt nicht, dass Gott manche bevorzugt und andere vernachlässigt. Vielmehr bedeutet es, dass Gott uns kannte – mit all unseren Fähigkeiten, unserer Bereitschaft und unserem Herzen. Die Erwählung ist weniger Auszeichnung als Auftrag. Gott sah die Seelen der „Edlen und Großen“, weil sie sich im vorirdischen Leben durch Treue, Rechtschaffenheit und Lernbereitschaft auszeichneten.
Diese Lehre ist tief verwurzelt auch in der Bibel:
- Jeremia hörte Gottes Stimme:
„Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ (Jeremia 1:5)
- Auch Paulus beschreibt unsere Erwählung „vor Grundlegung der Welt“ (Epheser 1:4).
Erwählung bedeutet: Gott hat uns vertraut. Er sah in uns etwas, das Wert hat, etwas, das dienen kann, etwas, das trägt. Im Grunde erinnert uns Gott in Abraham 3 daran:
Du bist kein Zufallsprodukt. Du bist ein Gedanke Gottes – und ein Plan Gottes.
2. Der Eine, „der war wie Gott“ (Vers 24)
„Da stand einer unter ihnen, der war wie Gott…“
Wer ist dieser Eine?
Die Offenbarungen der Letzten Tage machen es klar: Es ist Jesus Christus, der Erstgeborene im Geist, vollkommen eins mit dem Vater in Wille, Liebe und Geist.
Er ist „wie Gott“, weil er schon vor der Geburt den Charakter, die Gesinnung und die Hingabe des Vaters vollständig verkörperte. Darum konnte Er sagen:
„Ich bin gekommen, um deinen Willen zu tun, o Gott.“ (Hebräer 10:7)
Schon vor dieser Welt war Christus derjenige, der bereit war, herabzusteigen, um die Erde, die Menschen und den Heilsplan zu schaffen und auszuführen. Er war der Mittelpunkt des Großen Rates – derjenige, durch den alles Wirklichkeit werden würde.
3. Der Zweck der Erde (Verse 25–26)
„Wir wollen sie hierdurch prüfen…“
Warum wurde die Erde geschaffen?
Der Text nennt zwei zentrale Gründe:
(1) Um uns zu prüfen
Nicht im Sinn eines Examens, sondern im Sinn einer Reifung.
Wir kamen auf die Erde, um Freiheit zu erleben – echte Freiheit, die Wahl zwischen Licht und Finsternis, zwischen Selbstsucht und Nächstenliebe, zwischen Eigenwille und Gottes Wille.
Wie Lehi sagt:
„denn es muss notwendigerweise so sein, dass es in allem einen Gegensatz gibt.“ (2 Nephi 2:11)
(2) Um uns zu erhöhen
Diejenigen, die ihren „ersten Stand“ bewahren – also treu in der vorirdischen Welt gewesen sind – sollten die Möglichkeit bekommen, durch den „zweiten Stand“ der Sterblichkeit, Herrlichkeit hinzugefügt zu bekommen.
Das Evangelium ist kein Prüfungsraum, sondern ein Wachstumsraum.
Die Erde ist ein Ort:
- der Erfahrungen,
- der Entscheidungen,
- des Glaubens,
- der Liebe,
- des Umkehrens,
- der Verbindung mit Christus.
Gott schuf die Erde nicht, um uns zu beobachten, sondern um uns zu verwandeln.
4. Wer meldete sich? (Vers 27)
„Hier bin ich, sende mich!“
Im Rat im Himmel standen zwei auf:
- Der Erste, „wie des Menschen Sohn“ – Jesus Christus.
Sein Angebot war von Liebe getragen:
„Vater, dein Wille geschehe, und die Herrlichkeit sei dein.“
Er war bereit, das Opfer zu bringen, den Weg zu öffnen und alle Menschen zum Vater zurückzuführen.
- Der Zweite – Luzifer.
Er bot etwas scheinbar Einfaches an:
Er wollte die Entscheidungsfreiheit aufheben und damit jede Sünde und jeden Verlust unmöglich machen.
Doch sein Plan hätte uns um unsere Identität beraubt. Ohne Freiheit gäbe es keine Liebe, keine Erfahrung, kein Wachstum – und wir wären keine Kinder Gottes mehr, sondern Marionetten.
Darum sagte Gott:
„Ich werde den ersten senden.“
5. Weshalb der Zweite seinen ersten Stand nicht bewahrte (Vers 28)
„Der zweite wurde zornig und bewahrte sich seinen ersten Stand nicht…“
Der Fall Luzifers ist nicht nur ein kosmisches Ereignis; er ist eine Lehre über das Herz.
Sein Zorn entsprang Stolz – dem Wunsch, die Herrlichkeit Gottes für sich zu nehmen.
Der Vater der Lüge wollte nicht dienen, sondern herrschen.
Er wollte nicht Gottes Willen tun, sondern seinen eigenen Willen durchsetzen.
So brach er den ersten Stand, also seine Treue im vorirdischen Leben. Und viele folgten ihm, nicht weil sie böse waren, sondern weil sie sich täuschen ließen und Gottes Plan nicht vertrauten.
Diese Wahrheit trägt ein stilles Echo in sich:
Die wahre Prüfung des Lebens ist stets eine Herzensprüfung:
Ob wir Gott vertrauen und Christus folgen – oder uns selbst.
Die Botschaft für uns heute
Diese Verse erinnern uns an drei ewige Wahrheiten:
- Wir stammen aus der Gegenwart Gottes.
Unsere Seele hat eine Geschichte vor diesem Leben.
- Wir haben eine vorirdische Berufung.
Gott hat uns vertraut, bevor wir etwas beweisen konnten.
- Wir besitzen Entscheidungsfreiheit.
Freiheit ist ein göttliches Geschenk – und der entscheidende Ort, an dem wir Gottes Sohn ähnlich werden.
Wenn wir verstehen, wer wir waren, verstehen wir auch, wer wir werden können.
Persönliches geistliches Zeugnis
Wenn ich über den Großen Rat im Himmel nachsinne, spüre ich eine leise, heilige Gewissheit: Ich stamme nicht aus Zufall, sondern aus der Liebe meines himmlischen Vaters. Ich glaube, dass jeder Mensch, der heute lebt, einst bewusst Ja sagte zu diesem Weg – zu diesem Leben, mit all seinem Licht und all seinen Herausforderungen. Ich weiß, dass Jesus Christus der Erste war, der sich meldete, und dass sein Opfer der Mittelpunkt des göttlichen Plans ist. Und ich weiß: Unsere Entscheidungsfreiheit ist ein Geschenk, das uns zu Kindern Gottes macht. Wenn wir uns für Christus entscheiden, kehren wir Schritt für Schritt zu unserer ewigen Heimat zurück. Darin liegt unsere Bestimmung. Und darin liegt unser Friede.





