Montag, 2. November 2026

Ich will zu dir reden

 

(Bildquelle)

„Er sagte dann zu mir: „Menschensohn! ich sende dich zu denen vom Hause Israel, zu den abtrünnigen Stämmen, die sich gegen mich aufgelehnt haben; sie und ihre Väter sind von mir abgefallen bis auf den heutigen Tag.“ (Ezechiel 2:3) 

Ezechiel 1, 2 und 3 

Manchmal begegnet uns Gott nicht dort, wo wir ihn erwartet haben. Wir haben Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen sollte, wo wir leben, was wir tun und welche Aufgaben vor uns liegen. Und dann kommt es anders. Eine Tür schließt sich, ein vertrauter Lebensabschnitt endet oder wir finden uns plötzlich in einer Situation wieder, die wir selbst niemals gewählt hätten. Dann stellt sich die Frage: Kann Gott mir auch hier begegnen? Kann er mich auch unter diesen Umständen gebrauchen? 

Ezechiel musste genau das erfahren. 

Ezechiel wirkte im 6. Jahrhundert vor Christus. Er gehörte zu den Israeliten, die von den Babyloniern aus Juda nach Babylon verschleppt worden waren. Als Sohn eines Priesters hätte sein Lebensweg eigentlich eng mit dem Tempel in Jerusalem verbunden sein können. Doch nun befand er sich weit entfernt von Jerusalem, unter den Weggeführten, am Fluss Kebar. Jerusalem war noch nicht endgültig zerstört, aber die Katastrophe war absehbar. 

Und gerade dort, im Exil, begann Ezechiels prophetischer Dienst. 

„Da tat sich der Himmel auf, und ich sah göttliche Gesichte.“ (Ezechiel 1:1) 

Was für ein bemerkenswerter Ort für eine solche Offenbarung! Ezechiel war nicht im Tempel. Er war nicht in Jerusalem. Er war nicht dort, wo er nach menschlichem Ermessen hätte sein sollen. Er war am Kebar, einem schiffbaren Kanal im Gebiet der Stadt Babylon. 

Doch der Himmel war auch dort offen. 

Ezechiel sieht eine überwältigende Vision der Herrlichkeit Gottes. Sturmwind, Feuer, Lichtglanz, geheimnisvolle lebendige Wesen und Räder erscheinen vor seinen Augen. Die Einzelheiten dieser Vision sind schwer zu erfassen. Aber ihre zentrale Botschaft ist deutlich: Gott ist nicht auf Jerusalem beschränkt. Seine Herrlichkeit kann sein Volk auch im Exil erreichen. 

Vielleicht liegt genau darin eine der ersten großen Botschaften des Buches Ezechiel. 

Wir denken manchmal, wir könnten Gott besser dienen, wenn unsere äußeren Umstände anders wären. Wenn wir mehr Zeit hätten. Wenn unsere Familie weniger Sorgen hätte. Wenn die berufliche Situation leichter wäre. Wenn wir an einem anderen Ort leben würden. Wenn eine bestimmte Belastung endlich vorbei wäre. 

Ezechiel zeigt uns: Gottes Gegenwart wartet nicht auf ideale Bedingungen. 

Der Herr kommt zu Ezechiel dorthin, wo er tatsächlich ist. 

Und aus dieser Begegnung entsteht eine Berufung. Der Herr sagt: 

„Menschensohn, ich sende dich zu den Israeliten.“ (Ezechiel 2:3) 

Ezechiel wird nicht zuerst aus Babylon herausgeführt und dann berufen. Er wird mitten im Exil berufen. Sein Auftrag beginnt dort, wo sein Leben gerade stattfindet. 

Das erinnert an Jesaja. Auch er erlebt seine Berufung in einer Vision der Herrlichkeit Gottes. Er hört die Frage: „Wen soll ich senden?“ und antwortet: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6:8). 

Eine ähnliche Erfahrung macht Lehi. In 1 Nephi 1 betet er angesichts der Schwierigkeiten Jerusalems und empfängt eine Vision. Auch seine Berufung entsteht nicht in einer Zeit äußerer Sicherheit, sondern mitten in einer krisenhaften Situation. Kurz darauf muss seine Familie Jerusalem verlassen und in eine völlig unbekannte Zukunft aufbrechen. 

Immer wieder zeigt die Schrift: Gott wartet nicht, bis die Welt um seine Propheten herum ruhig geworden ist. Er beruft sie mitten in die Unruhe hinein. 

Auch Ezechiel bekommt keinen leichten Auftrag. Er soll zu einem widerspenstigen Volk sprechen. Gott sagt ihm ausdrücklich, dass die Menschen möglicherweise nicht hören werden. Trotzdem soll er reden. 

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Ezechiel wird nicht dafür verantwortlich gemacht, die Menschen zum Hören zu zwingen. Er soll treu sein. 

Vielleicht brauchen auch wir diese Perspektive. 

Manchmal messen wir unsere geistlichen Bemühungen an ihren sichtbaren Ergebnissen. Wir haben mit einem Menschen gesprochen, für jemanden gebetet, ein Zeugnis gegeben oder versucht, in unserer Familie ein gutes Beispiel zu sein. Und wenn sich scheinbar nichts verändert, fragen wir uns, ob unsere Bemühungen überhaupt etwas bewirken. 

Ezechiel erinnert uns daran, dass Treue nicht dasselbe ist wie sichtbarer Erfolg. 

Gott sagt nicht: „Ich sende dich, und alle werden auf dich hören.“ 

Er sagt: „Ich sende dich.“ 

Das genügt. 

Doch bevor Ezechiel seinen Auftrag erfüllt, geschieht etwas Entscheidendes. In Ezechiel 2 wird ihm eine Schriftrolle gereicht, die mit Worten der Klage und des Weherufens beschrieben ist. Er soll sie essen. Gottes Wort soll nicht nur etwas sein, das er äußerlich verkündet. Es soll in ihn hinein. 

Dann berichtet Ezechiel: 

„Da aß ich sie, und sie wurde in meinem Munde süß wie Honig.“ (Ezechiel 3:3) 

Die Botschaft selbst ist schwer. Aber Gottes Wort wird ihm süß. 

Vielleicht kennen wir etwas Ähnliches. Gottes Wille ist nicht immer leicht. Ein Auftrag kann uns fordern. Eine Berufung kann Opfer verlangen. Ein Weg kann anders verlaufen, als wir gehofft hatten. Doch wenn wir Gottes Wort wirklich in unser Herz aufnehmen, können wir erfahren, dass selbst ein schwieriger Weg von seiner Gegenwart getragen wird. 

Besonders berührt mich dabei Ezechiel 2:2: 

„Als er zu mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße.“ 

Ezechiel steht nicht aus eigener Kraft auf. 

Der Geist Gottes richtet ihn auf. 

Erst kommt die Gegenwart Gottes. Dann die Berufung. Und dann die Kraft, dieser Berufung zu folgen. 

Das ist vielleicht auch für uns eine wichtige Reihenfolge. Wir müssen nicht erst stark genug werden, bevor Gott uns gebrauchen kann. Wir dürfen zunächst zu ihm kommen. Er kann uns aufrichten und uns dann die Kraft geben, den nächsten Schritt zu gehen. 

Am Ende von Kapitel 3 geschieht noch etwas sehr Menschliches. Ezechiel kommt zu den Weggeführten und sitzt sieben Tage lang unter ihnen, überwältigt und bestürzt. Er beginnt nicht sofort zu reden. Er sitzt zunächst bei ihnen. 

Auch darin liegt eine geistliche Lektion. 

Manchmal beginnt unser Dienst nicht damit, dass wir die richtigen Worte finden. Manchmal beginnt er damit, dass wir bereit sind, bei einem Menschen auszuharren. Ezechiel kennt die Erfahrung des Exils selbst. Er spricht nicht von außen über Menschen, deren Leben zerbrochen ist. Er sitzt mitten unter ihnen. 

Das erinnert uns an Jesus Christus. Er blieb nicht auf Abstand zu den Leidenden. Er kam zu ihnen. Er trug ihre Schmerzen und Schwächen und nahm schließlich die Sünden der Welt auf sich. Der vollkommene Sohn Gottes trat selbst in die Bedingungen unserer gefallenen Welt ein, um uns von innen heraus zu erretten. 

Ezechiel durfte erfahren, dass Gottes Gegenwart ihn auch im Exil erreichen konnte. Vielleicht dürfen auch wir lernen, dass unser persönlicher „Kebar“ nicht der Ort sein muss, an dem Gott am weitesten von uns entfernt ist. 

Vielleicht bist du gerade an einem Ort, den du nicht gewählt hast. 

Vielleicht ist es eine Lebenssituation, eine Aufgabe oder eine Veränderung, die du dir anders vorgestellt hast. Vielleicht fragst du dich, warum Gott dich gerade hierher geführt hat. 

Ezechiel gibt darauf keine einfache Erklärung. Aber er gibt uns ein Zeugnis: 

Auch dort kann sich der Himmel öffnen. 

Gott kann uns dort ansprechen. Er kann uns dort aufrichten. Er kann uns dort einen Auftrag geben. Und er kann uns dort gebrauchen. 

Vielleicht müssen wir deshalb nicht immer zuerst fragen: „Wann komme ich endlich aus dieser Situation heraus?“ 

Vielleicht dürfen wir auch fragen: 

„Herr, was möchtest du mir hier zeigen? Und was möchtest du durch mich gerade hier tun?“ 

Ich glaube daran, dass Gott seine Kinder nicht aus den Augen verliert, wenn ihr Leben anders verläuft, als sie es sich vorgestellt haben. Ich glaube, dass seine Gegenwart nicht an bestimmte Orte oder ideale Lebensumstände gebunden ist. Er kann uns am Kebar begegnen. Er kann uns mitten in unserer Unsicherheit aufrichten. Und wenn wir bereit sind zu hören, kann auch heute seine leise, aber machtvolle Botschaft an uns ergehen: 

„Ich will zu dir reden.“ 

Vielleicht liegt unsere Aufgabe nicht darin, zuerst den Ort zu verändern, an dem wir stehen. Vielleicht besteht sie darin, dort, wo wir stehen, Gott zu hören und ihm treu zu folgen.