"Wendet euch zu mir und laßt euch retten, alle ihr Enden der Erde! denn ich bin Gott und keiner sonst!" (Jesaja 45:22)
Es gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen alles ungeordnet erscheint. Reiche steigen auf und fallen. Herrscher treffen Entscheidungen, deren Folgen Millionen Menschen betreffen. Grenzen verschieben sich, Kriege verändern das Leben ganzer Generationen, und oft fragen sich gläubige Menschen: Wo ist Gott in all dem? Hat er die Kontrolle verloren? Oder laufen die Ereignisse einfach ihrem eigenen Lauf entgegen?
Genau in diese Fragen hinein spricht Jesaja 45 und 46. Das Erstaunliche ist nicht nur die Botschaft selbst, sondern auch ihr Zeitpunkt. Rund eineinhalb Jahrhunderte bevor der persische König Cyrus überhaupt geboren wurde, nennt Jesaja ihn bereits beim Namen. Gott erklärt, dass dieser fremde Herrscher sein Werkzeug sein werde, um Israel aus der babylonischen Gefangenschaft zurückzuführen. Cyrus kennt den Gott Israels nicht. Dennoch gebraucht Gott ihn, um seine Verheißungen zu erfüllen.
Das ist einer der überraschendsten Gedanken der ganzen Heiligen Schrift. Gott wirkt nicht nur durch Propheten, Priester oder gläubige Menschen. Er kann auch Menschen gebrauchen, die ihn gar nicht kennen. Nicht, weil sie selbst seinen Plan vollständig verstehen würden, sondern weil seine Weisheit größer ist als die Absichten einzelner Menschen.
Mehrmals sagt der Herr zu Cyrus:
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen ... obgleich du mich nicht kanntest.“ (Jesaja 45:4)
Dieser Satz verändert unseren Blick auf Geschichte. Oft stellen wir uns vor, Gott könne nur innerhalb seiner Kirche oder nur unter gläubigen Menschen handeln. Jesaja erweitert diesen Horizont gewaltig. Der Herr ist nicht lediglich der Gott Israels. Er ist der Herr der ganzen Schöpfung. Nationen, Könige, wirtschaftliche Entwicklungen und politische Veränderungen stehen letztlich ebenfalls unter seiner Kenntnis und innerhalb seines größeren Planes.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Gott jedes menschliche Handeln gutheißt. Menschen besitzen Entscheidungsfreiheit. Kriege, Unterdrückung und Ungerechtigkeit entspringen oft dem Missbrauch dieser Freiheit. Dennoch ist Gott niemals überrascht. Er vermag selbst menschliche Entscheidungen in seinen Erlösungsplan einzubeziehen, ohne die Freiheit des Menschen aufzuheben.
Diese Wahrheit zieht sich wie ein roter Faden durch die heiligen Schriften.
Joseph wurde von seinen Brüdern verkauft. Für sie war es Neid. Für Gott wurde daraus der Weg zur Rettung einer ganzen Familie während der Hungersnot.
Der persische König Cyrus wollte vermutlich vor allem sein Reich stabilisieren. Gott machte daraus den Anfang der Rückkehr Israels.
Im Buch Mormon sehen wir, wie der Herr sogar politische Entwicklungen unter den Nephiten nutzt, damit Missionare neue Völker erreichen können.
Und im Neuen Testament wird selbst die römische Volkszählung zum Mittel, um Maria und Joseph nach Bethlehem zu führen, damit sich eine jahrhundertealte Prophezeiung über die Geburt Jesu Christi erfüllt.
Die Joseph-Smith-Übersetzung verändert an diesen Kapiteln keine grundlegenden Aussagen. Gerade dadurch wird deutlich, wie klar und kraftvoll diese Botschaft bereits im ursprünglichen Text steht: Gott kennt das Ende von Anfang an und handelt entsprechend seinem vollkommenen Plan.
Jesaja stellt dieser Größe Gottes die völlige Ohnmacht der Götzen gegenüber. In Kapitel 46 beschreibt er Bel und Nebo, die berühmten Götter Babylons. Sie müssen auf Tiere geladen werden, weil sie sich selbst nicht bewegen können. Die Menschen tragen ihre Götzen.
Wie anders ist der wahre Gott.
„Bis in euer Alter bin ich derselbe, und bis zu eurem Greisenalter will ich euch tragen.“ (Jesaja 46:4)
Dieser Gegensatz gehört zu den schönsten Bildern des Alten Testaments. Menschen tragen ihre selbstgemachten Götter. Der lebendige Gott trägt seine Kinder.
Damals waren es Götzen aus Holz und Stein. Heute sehen sie oft anders aus. Erfolg, Einfluss, Geld, politische Systeme, Technik oder die eigene Selbstgenügsamkeit können unmerklich den Platz einnehmen, der eigentlich Gott gehört. Solange alles gut läuft, scheinen diese Sicherheiten zuverlässig zu sein. Doch wenn Krisen kommen, zeigen sie ihre Grenzen.
Nur Gott trägt auch dann noch.
Gerade in unserer Zeit erleben wir rasante gesellschaftliche Veränderungen. Technologische Entwicklungen verändern Berufe innerhalb weniger Jahre. Internationale Konflikte erschüttern ganze Regionen. Wirtschaftliche Unsicherheiten prägen viele Familien. Es wäre leicht, in solchen Zeiten nur auf Nachrichten, Regierungen oder wirtschaftliche Prognosen zu schauen.
Jesaja lädt uns zu einer anderen Perspektive ein.
Nicht politische Entwicklungen bestimmen letztlich Gottes Werk.
Gott gebraucht Entwicklungen, um sein Werk voranzubringen.
Diese Wahrheit lässt sich eindrucksvoll an der weltweiten Entwicklung der Kirche Jesu Christi erkennen.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses göttliche Wirken in der Geschichte der Kirche in Italien. Als Präsident Russell M. Nelson 2019 den Rom-Tempel weihte, erinnerte er nicht nur an die Bedeutung dieses historischen Augenblicks, sondern würdigte auch Menschen, die den Boden dafür über Jahrzehnte vorbereitet hatten. Einer von ihnen war Vincenzo Conforte, einer der frühen italienischen Pioniere der Kirche. Als er zum Evangelium fand, gehörten die Mitglieder in Italien noch zu einer kleinen Minderheit. Viele begegneten Vorurteilen, familiärem Widerstand und großer Einsamkeit. Dennoch hielten sie treu am Glauben fest und bauten Gemeinde um Gemeinde auf. Rückblickend wird deutlich, dass Gott längst an einem Werk arbeitete, dessen volle Bedeutung diese erste Generation kaum erahnen konnte. Der Rom-Tempel entstand nicht allein aus Stein, Marmor und Glas. Er steht auch als Zeugnis für den Glauben jener Menschen, die dem Herrn vertrauten, lange bevor die Erfüllung seiner Verheißungen sichtbar wurde. So lenkt Gott Geschichte – oft leise, geduldig und über Generationen hinweg. Mehr hierzu lies gerne “From Monastery to Mission President”
Ähnlich beeindruckend verlief die Entwicklung in Brasilien. Was einst mit wenigen Missionaren begann, ist heute zu einer der größten Gemeinschaften der Kirche weltweit geworden. Tempel in vielen Städten bezeugen, dass Gottes Werk nicht an Länder oder Kulturen gebunden ist. Was Menschen manchmal als Zufall oder historische Entwicklung betrachten, erkennen gläubige Augen oft als langfristige Vorbereitung durch den Herrn.
Besonders eindrucksvoll wird dies auch am Tempelbau in Afrika sichtbar. Jeder neue Tempel ist weit mehr als ein Bauprojekt. Er erzählt davon, dass Gott Generationen im Voraus vorbereitet. Familien wachsen im Evangelium heran. Gemeinden werden stark. Führungsverantwortung entwickelt sich. Irgendwann kommt der Tag, an dem ein Tempel errichtet wird – scheinbar plötzlich. In Wirklichkeit hat Gott diesen Moment oft jahrzehntelang vorbereitet. Lies gerne “The Church in Ghana”.
Der Siebziger Kyle S. McKay weist darauf hin, dass wir die Wiederherstellung nicht nur anhand einzelner Ereignisse beurteilen dürfen. Wer Gottes Wirken über längere Zeiträume betrachtet, erkennt ein Muster göttlicher Führung, das sich oft erst im Rückblick vollständig erschließt. Lies gerne “A Sure and Certain Foundation”.
Diese Erkenntnis verändert auch unser persönliches Leben.
Nicht nur Nationen haben eine Geschichte.
Auch wir haben eine.
Wie oft verstehen wir Gottes Führung erst Jahre später. Eine unerwartete Arbeitsstelle. Ein Umzug. Eine Begegnung. Eine Krankheit. Eine Enttäuschung. Vieles ergibt zunächst keinen Sinn. Erst später erkennen wir, wie der Herr einzelne Ereignisse miteinander verbunden hat.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gründe, warum Jesaja immer wieder dazu auffordert, auf Gottes Größe zu vertrauen. Wir sehen einzelne Kapitel. Er kennt die ganze Geschichte.
Darum endet Kapitel 46 mit einer machtvollen Zusage:
„Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefällt, werde ich vollbringen.“ (Jesaja 46:10)
Das ist keine Einladung zur Passivität. Gott erwartet weiterhin Glauben, Umkehr und Gehorsam. Aber wir dürfen aufhören zu glauben, dass letztlich alles von unserer eigenen Kontrolle abhängt.
Der Herr trägt sein Werk.
Der Herr trägt seine Kirche.
Und der Herr trägt auch seine Kinder.
Ich denke manchmal darüber nach, wie oft ich Entwicklungen zunächst falsch eingeschätzt habe. Dinge, die wie Rückschritte wirkten, wurden später zu wichtigen Wegbereitern. Türen, die sich schlossen, führten zu besseren Möglichkeiten. Menschen, denen ich zufällig begegnete, wurden später zu entscheidenden Wegbegleitern meines Glaubens. Je länger ich auf mein Leben zurückblicke, desto häufiger erkenne ich Muster, die ich währenddessen überhaupt nicht sehen konnte. Das stärkt mein Vertrauen, dass Gott auch heute wirkt – selbst dort, wo ich seine Hand noch nicht erkennen kann.
Jesaja lädt uns ein, mit anderen Augen auf die Welt zu schauen. Nicht naiv. Nicht blind gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit. Sondern mit der stillen Gewissheit, dass der Herr der Geschichte auch der Herr unseres Lebens ist. Seine Wege reichen weiter, als wir sehen können. Seine Verheißungen tragen weiter, als wir denken. Und seine Einladung gilt bis heute allen Menschen:
„Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, alle Enden der Erde! Denn ich bin Gott und sonst keiner.“
