Mittwoch, 26. August 2026

Unter dem Schatten deiner Flügel – Vertrauen in Zeiten der Bedrängnis

 

                                                                        (Bildquelle)

„Vom Ende der Erde (oder: des Landes) ruf’ ich zu dir, da mein Herz verschmachtet (= vor Angst vergeht). Auf einen Felsen, der mir zu hoch ist, wollest du mich führen!“ (Psalm 61:3

Psalm 61, 62, 63 und 64 

Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir uns innerlich weit entfernt fühlen – weit entfernt von Sicherheit, von Frieden, manchmal sogar weit entfernt von Gott selbst. Solche Zeiten können durch Krankheit, Verlust, Konflikte, Enttäuschungen oder durch die Last einer Welt entstehen, die uns zunehmend unsicher erscheint. Gerade dann sprechen die Psalmen mit erstaunlicher Ehrlichkeit zu unserem Herzen. 

David beginnt Psalm 61 mit Worten, die viele Menschen unmittelbar nachvollziehen können: „Vom Ende der Erde rufe ich zu dir, wenn mein Herz verzagt.“ Dieses „Ende der Erde“ ist weniger ein geografischer Ort als vielmehr ein seelischer Zustand. Es beschreibt das Empfinden, abgeschnitten zu sein – von vertrauten Menschen, von Hoffnung oder von der eigenen Kraft. 

Wer hat nicht schon einmal solche Momente erlebt? Augenblicke, in denen man zwar betet, aber das Gefühl hat, die Worte würden kaum die Zimmerdecke erreichen. Zeiten, in denen Sorgen und Ängste so laut werden, dass Gottes Stimme nur noch schwer wahrzunehmen ist. 

Gerade in diese Erfahrung hinein richtet David seinen Blick auf den Herrn: „Führe mich auf den Felsen, der mir zu hoch ist.“ David weiß, dass seine eigene Kraft nicht ausreicht. Er sucht einen Ort, der höher ist als seine Ängste, größer als seine Probleme und beständiger als seine Gefühle. 

Die Psalmen 61 bis 64 zeichnen ein eindrucksvolles Bild Gottes als Zuflucht. Immer wieder spricht David von Schutz, Zuflucht, Burg und Schatten. Besonders bewegend sind die Worte: „Denn du bist meine Zuflucht gewesen, ein starker Turm vor dem Feind“ (Psalm 61:4). In einer Welt voller Unsicherheit lädt uns der Herr ein, unsere Sicherheit nicht in Umständen, Menschen oder materiellen Dingen zu suchen, sondern in ihm selbst. 

Dieses Bild des Schutzes unter Gottes Flügeln begegnet uns mehrfach in den Schriften. Ruth fand Zuflucht „unter den Flügeln“ des Gottes Israels. Der Erretter selbst verglich seine Liebe mit einer Henne, die ihre Küken unter ihre Flügel sammeln möchte. Immer wieder erlebte Nephi, dass Gott seine Familie trotz vieler Bedrängnisse in der Wildnis stärkte und führte. Der Herr bereitete Mittel, damit sie seine Gebote erfüllen und ihren Weg fortsetzen konnten (siehe 1 Nephi 17:1–6). 

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Vertrauen in der Geschichte Nephis und seiner Familie. Immer wieder befanden sie sich in scheinbar ausweglosen Situationen: Hunger in der Wildnis, Spannungen innerhalb der Familie, Gefahren auf dem Meer und Ungewissheit über die Zukunft. Dennoch lernte Nephi, seine Zuflucht nicht in äußeren Sicherheiten, sondern im Herrn zu finden. Selbst als seine Brüder ihn banden und das Schiff von einem schweren Sturm bedroht wurde, blieb sein Vertrauen auf Gott bestehen. Der Herr führte und bewahrte seine Familie, auch wenn der Weg schwierig blieb. 

Auch Jared und sein Bruder erfuhren, dass Gottes Schutz nicht immer bedeutet, Schwierigkeiten zu vermeiden. Die Jarediten mussten gewaltige Ozeane überqueren. Ihre Schiffe wurden von Wellen umhergeworfen und zeitweise tief in die Meeresfluten gedrückt. Dennoch berichtet die Schrift, dass „der Wind niemals aufhörte, sie in das verheißene Land zu treiben“. Selbst inmitten des Sturms wirkte Gott zu ihrer Errettung (siehe Ether 6). 

David verschweigt allerdings nicht die Realität von Bedrohungen. In Psalm 64 beschreibt er verborgene Angriffe, heimliche Feindschaft und verletzende Worte. Seine Gegner greifen nicht mit Schwertern, sondern mit ihrer Zunge an. Wie aktuell diese Beschreibung doch ist. Auch heute entstehen viele Wunden durch Worte – durch Gerüchte, Verleumdung, Ausgrenzung oder digitale Angriffe. Nicht jede Bedrängnis ist sichtbar. Manche Kämpfe werden im Herzen ausgetragen. 

Gerade deshalb ist Davids Reaktion bemerkenswert: Er bringt seine Angst unmittelbar vor Gott. Er verdrängt seine Gefühle nicht und versucht auch nicht, allein mit ihnen fertigzuwerden. Er betet. 

Elder Ronald A. Rasband hat wiederholt bezeugt, dass göttlicher Schutz auf sehr unterschiedliche Weise erfahren werden kann. In seiner Generalkonferenzansprache „Die Welt heilen“ schilderte er mehrere Erlebnisse, bei denen Menschen in gefährlichen Situationen Führung, Warnung oder Frieden durch den Heiligen Geist empfingen. Er erinnert uns daran, dass der Herr seine Kinder kennt und ihnen oft auf sehr persönliche Weise beisteht. Nicht jede Schwierigkeit wird sofort beseitigt, aber niemand muss sie allein tragen. (Siehe „Die Welt heilen“, Generalkonferenz April 2022.) 

Ein besonders bewegendes Beispiel stammt aus unserer Zeit. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine berichten viele Mitglieder der Kirche von tiefen geistlichen Erfahrungen mitten im Chaos. Familien mussten fliehen oder wurden getrennt, und doch schilderten zahlreiche Heilige einen erstaunlichen inneren Frieden. Führer der Kirche berichteten wiederholt von Mitgliedern, die trotz Krieg und großer Unsicherheit weiterhin zusammenkamen, beteten und einander dienten. Ihre äußeren Umstände blieben schwierig, doch sie fanden Zuflucht „unter dem Schatten seiner Flügel“. (Siehe beispielsweise die Berichte Despite Challenges in Europe, Members Continue Living the Gospel of Jesus Christ und Latter-day Saints Around the World: Country Newsroom Websites, March 4, 2022.)  

Ähnliche Erfahrungen machten Mitglieder auf den Philippinen nach schweren Taifunen. Obwohl Häuser zerstört und Existenzen bedroht waren, berichteten viele Heilige, dass sie gerade in diesen Tagen die Gegenwart des Herrn besonders stark verspürten. Humanitäre Hilfe, Priestertumssegen und die Liebe der Gemeinden wurden zu sichtbaren Zeichen göttlicher Fürsorge. Oft bestand das Wunder nicht darin, dass der Sturm ausblieb, sondern dass Gott mitten im Sturm Kraft schenkte. (Siehe beispielsweise „Leaders Offer Comfort, Support in Philippines“ und „Church Applies Welfare Principles in Philippines Recovery“) 

Joseph in Ägypten verkörpert diese Wahrheit in besonderer Weise. Verraten, verkauft, zu Unrecht beschuldigt und ins Gefängnis geworfen – vieles in seinem Leben schien gegen ihn zu sprechen. Dennoch lesen wir immer wieder denselben Satz: „Der Herr war mit Joseph.“ Gottes Gegenwart bewahrte Joseph nicht vor jeder Prüfung, aber sie machte ihn fähig, sie zu überwinden. Rückblickend konnte Joseph sogar erkennen, dass Gott schwierige Erfahrungen zu etwas Gutem gewendet hatte. 

Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Botschaften dieser Psalmen: Vertrauen bedeutet nicht, dass wir alle Antworten kennen. Vertrauen bedeutet, dass wir den kennen, der uns führt. 

Praktisch kann dieses Vertrauen auf unterschiedliche Weise wachsen. Wir können lernen, unsere Sorgen bewusst im Gebet vor den Herrn zu bringen. Wir können die heiligen Schriften lesen, gerade wenn uns nicht danach ist. Wir können Tempel und Abendmahl als Orte geistlicher Zuflucht nutzen. Und wir können andere Menschen aufsuchen, statt uns in Zeiten der Bedrängnis zu isolieren. 

Manchmal besteht Glauben schlicht darin, weiterhin zu beten, obwohl wir noch keine Antwort sehen. Manchmal bedeutet Glauben, einen weiteren Schritt zu gehen, obwohl der Weg noch im Dunkeln liegt. 

David schließt diese Psalmen nicht mit Verzweiflung, sondern mit Zuversicht. Der Gerechte wird sich im Herrn freuen. Gott hört die Stimme der Bedrängten. Er bleibt ein Fels, auch wenn unser Herz verzagt. 

Mein Zeugnis 
Ich habe selbst erlebt, dass Gottes Frieden oft nicht dadurch kommt, dass Schwierigkeiten sofort verschwinden. Häufig schenkt der Herr zuerst Kraft, Hoffnung und die Gewissheit, dass wir nicht allein sind. Gerade in Zeiten der Unsicherheit habe ich erfahren, dass Jesus Christus tatsächlich eine sichere Zuflucht ist. Er kennt unsere Ängste, unsere Einsamkeit und unsere Sorgen vollkommen. Wenn wir uns ihm zuwenden, finden wir Schutz, Trost und einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. Davon gebe ich Zeugnis.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen