"Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den HErrn verläßt und dessen Zuversicht der HErr ist!" (Jeremia 17:7)
Jeremia 16 und 17
Jeremia spricht in diesen Kapiteln von Gericht und Zerstreuung. Doch mitten in diese ernste Botschaft hinein legt der Herr eine Verheißung: Die Zerstreuten werden nicht vergessen. Sie werden wieder gesammelt werden. „Ich werde sie in ihr Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe.“ (Jeremia 16:15)
Damit öffnet sich plötzlich eine viel größere Perspektive. Gott sieht nicht nur die gegenwärtige Not seines Volkes. Er sieht bereits dessen Zukunft. Die Zerstreuung wird nicht das letzte Wort haben. Gott sammelt.
Das verbindet Jeremia 16 unmittelbar mit dem Gedanken unserer ganzen Reihe. In Jeremia 1 wurde ein einzelner Mensch berufen: „Noch ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt.“ (Jeremia 1:5). Nun erkennen wir, dass diese persönliche Berufung Teil eines viel größeren Werkes ist. Gott beruft Menschen nicht nur für ihre eigene Rettung. Er beruft sie, damit sie anderen helfen, nach Hause zu finden.
Präsident Russell M. Nelson hat diesen Gedanken für unsere Zeit besonders deutlich gemacht. Er bezeichnet die Sammlung Israels als das wichtigste Werk auf der Erde und erklärt, dass wir daran mitwirken, wenn wir Menschen helfen, Bündnisse mit Gott einzugehen und zu halten. Sammlung bedeutet deshalb nicht nur Mission, Tempelarbeit oder Familiengeschichte. Auch jedes Bemühen, den Glauben eines anderen Menschen an Jesus Christus zu stärken, gehört dazu. Kapitel 9: Die Sammlung Israels
Das macht die Sammlung Israels plötzlich sehr persönlich.
Vielleicht sammeln wir, wenn wir einen Menschen einladen, mit uns zur Kirche zu kommen. Vielleicht sammeln wir, wenn wir einem Jugendlichen helfen, ein eigenes Zeugnis zu entwickeln. Vielleicht sammeln wir, wenn wir einen Menschen besuchen, der sich zurückgezogen hat. Und vielleicht sammeln wir sogar dann, wenn wir jemandem in einer schweren Lebenssituation zunächst einfach zuhören.
Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür bietet die Geschichte der Kirche in der Ukraine. Die ersten Missionare kamen 1990. 1991 versammelten sich zunächst nur wenige Mitglieder in einem kleinen Zweig in Kiew. Aus diesen unscheinbaren Anfängen wuchs die Kirche im ganzen Land. 2004 wurde in Kiew der erste Pfahl in der Ukraine und in Osteuropa gegründet, und 2010 wurde der Kiew-Tempel geweiht. Geschichte der Kirche in der Ukraine
Was damals klein begann, wurde zu einem Teil der weltweiten Sammlung Israels. Gott arbeitet oft auf diese Weise: Ein Mensch, eine Familie, ein kleiner Zweig – und daraus entsteht mit der Zeit etwas, das niemand am Anfang vollständig erkennen konnte.
Doch Jeremia zeigt uns auch, wohin diese Sammlung führen soll. In Kapitel 17 steht der Gegensatz zwischen dem Menschen, der auf Menschen vertraut, und demjenigen, dessen Zuversicht der Herr ist. „Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist!“ Er wird mit einem Baum verglichen, der seine Wurzeln zum Wasser ausstreckt.
Das Bild gefällt mir besonders, weil der Baum nicht vor der Dürre bewahrt wird. Die Hitze kommt trotzdem. Aber seine Wurzeln reichen zur Quelle. Deshalb kann er auch in dürren Jahren Frucht tragen.
Vielleicht ist das auch eine wichtige Wahrheit über die Sammlung Israels. Wir werden nicht gesammelt, damit unser Leben von Schwierigkeiten frei wird. Wir werden zu Christus gesammelt, damit wir inmitten der Schwierigkeiten verwurzelt bleiben.
Jeremia nennt den Herrn an anderer Stelle den „Brunnquell lebendigen Wassers“ (Jeremia 17:13). Wer selbst an dieser Quelle bleibt, kann anderen helfen, sie zu finden.
Präsident Nelson hat deshalb die Sammlung auch mit der persönlichen Entscheidung verbunden, Gott in unserem Leben „vorherrschen“ zu lassen. Wer sich von Gott führen lässt, wird leichter erkennen, wem er begegnen, wem er helfen und wen er einladen soll.
Das kann ganz unspektakulär aussehen.
Ein Gespräch am Arbeitsplatz.
Ein Anruf bei einem einsamen Menschen.
Eine Einladung zum Gottesdienst.
Ein gemeinsames Gebet.
Ein Name aus der Familiengeschichte, der endlich zum Tempel gebracht wird.
Ein zurückgekehrtes Mitglied, das nicht gefragt wird, warum es so lange weg war, sondern nur hört: „Schön, dass du da bist.“
So wird Sammlung konkret.
Und vielleicht müssen wir dabei zuerst selbst gesammelt werden. Unsere Gedanken können zerstreut sein, unser Glaube kann schwanken, unsere Aufmerksamkeit kann in hundert Richtungen gehen. Dann gilt die Verheißung Jeremias auch uns: Gott kennt den Weg zurück.
Die Sammlung Israels beginnt deshalb nicht irgendwo weit entfernt. Sie beginnt im Herzen.
Wenn ich mein Herz wieder auf Christus ausrichte, werde ich selbst stärker verwurzelt. Wenn ich seine Stimme suche, kann ich andere besser hören. Wenn ich seine Liebe erfahre, kann ich sie weitergeben. Und wenn ich mich von ihm sammeln lasse, kann ich vielleicht einem anderen Menschen helfen, ebenfalls nach Hause zu finden.
Jeremia zeigt uns damit eine wunderbare Bewegung: Zerstreuung – Sammlung – Verwurzelung. Gott lässt seine Kinder nicht in der Zerstreuung zurück. Er ruft sie heim. Und wenn sie bei ihm Wurzeln schlagen, können sie selbst Frucht tragen.
Vielleicht ist das auch die Antwort auf die Frage, warum der Herr uns persönlich beruft. Die Berufung Jeremias war nie nur für Jeremia. Seine Stimme sollte Menschen erreichen, die er selbst niemals vollständig kennenlernen würde. Ebenso kann unser Einfluss größer sein, als wir denken.
Ich sehe, dass die Sammlung Israels heute wirklich geschieht. Ich bin sicher, dass Jesus Christus dieses Werk führt und dass er Menschen auf vielfältige Weise zu sich zurückführt. Manche werden durch Missionare gefunden, andere durch Familienmitglieder, Freunde, Gemeinden oder Tempelarbeit. Manche finden den Weg durch eine schwere Prüfung hindurch wieder. Und manche brauchen einfach einen Menschen, der ihnen zeigt: Du bist nicht vergessen. Du gehörst dazu.
Mein persönliches Zeugnis ist: Der Herr vergisst keines seiner Kinder. Auch wenn Menschen sich zerstreut fühlen oder den Weg verloren haben, kennt er den Weg zurück. Jesus Christus ist die Quelle lebendigen Wassers. Wenn wir unsere Wurzeln immer wieder zu ihm ausstrecken, können wir auch in dürren Zeiten bestehen – und vielleicht selbst zu einem kleinen Teil dazu beitragen, dass andere Menschen gesammelt und zu ihm geführt werden.

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