"Um Zions willen darf ich nicht schweigen und um Jerusalems willen mir keine Ruhe gönnen (= nicht ruhig zusehen), bis seine Gerechtigkeit (= Rechtfertigung) aufgeht wie Lichtglanz (= die Morgensonne) und sein Heil wie eine brennende Fackel," (Jesaja 62:1)
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Warten auf etwas und dem Warten mit Glauben. Das eine kann passiv sein. Das andere verändert uns. Jesaja 62 führt uns genau in diesen Zwischenraum: Der Erlöser ist angekündigt, Zion ist verheißen – aber die vollständige Erfüllung steht noch aus. Und gerade deshalb sagt Jesaja: „Um Zions willen will ich nicht schweigen.“
Das ist bemerkenswert. Jesaja hätte angesichts der noch nicht erfüllten Verheißungen auch sagen können: Wir müssen eben abwarten. Stattdessen wird das Warten zu einer geistlichen Aufgabe. Er will reden, beten, hoffen und mitwirken.
Besonders eindrucksvoll ist das Bild der Wächter auf den Mauern Jerusalems: „Ich habe Wächter auf deine Mauern gestellt, Jerusalem; sie werden niemals schweigen, weder bei Tag noch bei Nacht.“ Und ihnen wird aufgetragen: „Gebt ihm keine Ruhe“, bis der Herr Zion aufrichtet. (Jesaja 62:6-7)
Ein Wächter kann den Sonnenaufgang nicht beschleunigen. Er kann die Zukunft nicht herbeizwingen. Aber er kann wach bleiben.
Vielleicht ist das eine der schwierigsten Formen des Glaubens: treu zu bleiben, wenn die verheißene Veränderung noch nicht sichtbar ist.
Wir kennen diesen Zustand. Wir beten für eine Veränderung in der Familie, für Heilung, Versöhnung oder Frieden. Wir hoffen auf eine Antwort und wissen doch nicht, wann sie kommen wird. Manchmal erkennen wir sogar Gottes Verheißung, ohne zu wissen, wie sie sich erfüllen soll.
Jesaja erinnert uns daran: Gottes Verzögerung ist nicht Gottes Vergessen.
Die Joseph Smith Translation macht an einer kleinen Stelle etwas besonders deutlich. Wo die King-James-Bibel in Vers 4 die Namen „Hephzibah“ und „Beulah“ verwendet, gibt die Inspired Version deren Bedeutung wieder: „Delightful“ und „Union“. Zion soll nicht mehr „verlassen“ heißen; das Land nicht mehr „öde“. Denn, so heißt es: „the Lord delighteth in thee“ – der Herr hat Gefallen an dir. (Isaiah 62:4)
Das ist mehr als eine sprachliche Einzelheit. Hinter der Verheißung Zions steht die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Was heute noch unvollendet aussieht, ist für Gott nicht wertlos. Er sieht bereits, was daraus werden kann.
Und deshalb schweigen die Wächter nicht.
Ihr Schweigen wäre geradezu ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit. Ihr Reden dagegen bedeutet: Ich glaube noch an die Verheißung.
Das lässt sich unmittelbar auf unser persönliches Leben übertragen. Wenn wir für einen Menschen beten, der sich vom Evangelium entfernt hat, sagen wir durch unser Gebet: Ich glaube noch an Gottes Wirken. Wenn wir trotz Enttäuschungen weiter dienen, sagen wir: Ich glaube noch daran, dass dieses Werk dem Herrn gehört. Wenn wir in schwierigen Zeiten weiterhin Gottesdienst feiern, das Abendmahl nehmen und unsere Bündnisse halten, sagen wir: Die gegenwärtigen Umstände bestimmen nicht meine Hoffnung.
So wird Warten zu Mitwirken.
Jesaja formuliert es später ganz praktisch: „Geht durch, geht durch die Tore, bereitet dem Volk den Weg; bahnt, bahnt die Straße, räumt die Steine weg, richtet ein Banner auf für die Völker!“ (Jesaja 62:10)
Wir warten also nicht einfach auf Zion. Wir bereiten den Weg für Zion.
Wir warten auf Frieden – und schaffen Frieden, wo wir leben.
Wir warten auf die Sammlung Israels – und helfen heute schon, Menschen zu Christus zu führen.
Wir warten auf eine heilere Welt – und heilen, was in unserem kleinen Einflussbereich geheilt werden kann.
Wir warten auf den Erlöser – und versuchen, sein Licht sichtbar werden zu lassen.
Ein modernes Beispiel dafür sehe ich in den Heiligen in der Ukraine. Während des Krieges war für viele von ihnen die Zukunft völlig ungewiss. Und doch wurde der Glaube nicht einfach auf einen späteren, besseren Zeitpunkt verschoben. Anfang 2023 veranstaltete die Kirche wöchentliche Online-Seminare für ukrainische Mitglieder und Flüchtlinge. Selbst während der Stromausfälle schalteten sich Menschen aus der Ukraine dazu – manche nur mit ihrem Mobiltelefon und im völligen Dunkel. Eine Verantwortliche sagte später: „Wir haben immer Angst, dass die Menschen wegen der Stromausfälle nicht teilnehmen können, aber sie sind immer da, selbst im Dunkeln.“ „Ukrainian Members Learn Emotional Resilience, Coping Skills From Church Seminar“ – Church News
Das beeindruckt mich gerade deshalb, weil darin nichts Spektakuläres liegen muss. Ein Wächter auf der Mauer tut zunächst etwas sehr Einfaches: Er bleibt dort.
Vielleicht ist das auch manchmal unsere wichtigste Aufgabe.
Weiter beten.
Weiter dienen.
Weiter hoffen.
Weiter glauben.
Weiter den Weg bereiten.
Wir müssen nicht wissen, wann die vollständige Erfüllung kommt. Wir müssen nur wissen, wem wir vertrauen.
Das erinnert an Abraham. Auch ihm wurden Verheißungen gegeben, deren vollständige Erfüllung er nicht selbst erleben sollte. Sein Glaube bestand nicht darin, dass er alle Einzelheiten kannte. Sein Glaube bestand darin, dass er Gott vertraute und deshalb weiterging.
Genau darin liegt eine wichtige geistliche Wahrheit: Wir müssen nicht die ganze Erfüllung sehen, um treu an ihr mitzuwirken.
Manche Menschen pflanzen Bäume, unter deren Schatten sie niemals sitzen werden. Manche Eltern säen Glauben, dessen Früchte erst ihre Kinder sehen. Manche Mitglieder bauen Gemeinden auf, deren spätere Entwicklung sie selbst nicht mehr erleben. Manche beten für Zion und sehen nur einen kleinen Anfang.
Aber Gott sieht das Ganze.
Jesaja beschreibt deshalb Zion nicht als etwas, das Menschen allein hervorbringen. Am Ende steht die Zusage des Herrn: „Sie werden sie nennen: das heilige Volk, die Erlösten des HERRN; und dich wird man nennen: die Gesuchte, die nicht verlassene Stadt.“ (Jesaja 56:12)
Die nicht verlassene Stadt.
Vielleicht ist das die Antwort auf viele unserer persönlichen Wartezeiten.
Wir sehen nur die Mauer.
Gott sieht die Stadt.
Wir sehen nur die Verzögerung.
Gott sieht die Erfüllung.
Wir sehen nur den nächsten Schritt.
Gott sieht den Weg.
Darum ist das „Nicht-Schweigen“ Jesajas nicht bloß ein Aufruf zum Reden. Es ist ein Bekenntnis des Vertrauens. Ich schweige nicht, weil ich bereits alles sehe. Ich schweige nicht, weil alle Probleme gelöst wären. Ich schweige nicht, weil ich die Zukunft kenne.
Ich schweige nicht, weil ich den kenne, der die Zukunft kennt.
Und vielleicht bedeutet das für uns heute: Wenn die Antwort noch aussteht, lass das Gebet nicht verstummen. Wenn Zion noch nicht vollendet ist, hör nicht auf, daran mitzubauen. Wenn Gottes Verheißung noch nicht sichtbar geworden ist, halte dich umso fester an ihn.
Denn irgendwann wird der Wächter nicht mehr in die Ferne schauen müssen.
Irgendwann wird der Erlöser kommen.
Bis dahin dürfen wir auf der Mauer stehen.
Wach.
Betend.
Hoffend.
Und tätig.
Ich glaube an Jesus Christus, den Erlöser Zions. Ich glaube, dass seine Verheißungen gewiss sind, auch wenn ihre Erfüllung manchmal länger auf sich warten lässt, als wir es uns wünschen. Ich glaube, dass der Herr sein Volk nicht vergisst und dass auch unser kleines, treues Wirken Teil seines großen Werkes sein kann. Deshalb möchte ich nicht schweigen – nicht weil ich schon alles sehe, sondern weil ich dem vertraue, der alles sieht.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen