Samstag, 10. Oktober 2026

Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen

 

(Bildquelle)

“indem ich als die Frucht der Lippen Frieden schaffe, nämlich Frieden den Fernen und den Nahen!” spricht der HErr, — „und ich will es heilen!” (Jesaja 57:19) 

Jesaja 57 

Es gibt eine besondere Stille, die erst nach einem langen Weg des Leidens entstehen kann. Sie ist nicht die Stille eines Lebens, in dem niemals etwas Schweres geschehen ist. Sie ist auch nicht die Stille, die entsteht, wenn alle Fragen beantwortet und alle Wunden verschwunden sind. Es ist eine tiefere Stille: die Gewissheit, dass man trotz allem nicht allein ist. Jesaja 57 führt uns genau an diesen Ort. Nach den eindringlichen Worten über Abkehr, falsche Sicherheiten und die Folgen menschlicher Wege richtet sich der Blick plötzlich auf einen Gott, der nicht bei den Starken stehen bleibt. Er kommt zu den Zerschlagenen. 

Das ist vielleicht die schönste Wendung am Ende dieser Reihe. Jesaja hat uns durch Leid, Verlassenheit, Hoffnung und die Verheißung des leidenden Knechtes geführt. In Jesaja 53 haben wir gelesen, dass der Knecht unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich nimmt und dass „durch seine Wunden wir geheilt sind“. Nun, in Jesaja 57, hören wir gewissermaßen die Antwort Gottes darauf: „Ich habe seine Wege gesehen und will ihn heilen; ich will ihn führen und ihm wieder Trost geben.“ (Jesaja 57:18) 

Heilung ist hier also nicht einfach die Rückkehr zu dem Zustand, in dem wir vor dem Leiden waren. Gott verspricht nicht: Du wirst wieder derselbe Mensch sein wie vorher. Er sagt vielmehr: Ich werde dich führen. Ich werde dich trösten. Ich werde dich heilen. Das bedeutet Wiederherstellung – nicht bloß Reparatur. 

Bemerkenswert ist dabei, wo Gott wohnt: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, um den Geist der Demütigen zu beleben und das Herz der Zerschlagenen aufzurichten.“ (Jesaja 57:15). Der Hohe und Erhabene ist nicht nur „oben“. Er ist zugleich bei dem Menschen, dessen Herz gebrochen ist. 

Vielleicht ist genau das eine der tiefsten Aussagen des Evangeliums Jesu Christi: Gottes Größe zeigt sich nicht darin, dass er sich von unserem Schmerz fernhält, sondern darin, dass seine Heiligkeit ihn nicht davon abhält, zu uns in unseren Schmerz zu kommen. 

Die Inspired Version, Joseph Smiths „New Translation“, bestätigt diese Linie sehr eindrücklich. In Jesaja 57 finden sich gegenüber dem King-James-Text keine grundlegenden Veränderungen, aber die Fassung macht besonders deutlich, wie eng revive, heal, comfort und peace miteinander verbunden sind: Gott will den Geist beleben, das Herz heilen, Trost wiederherstellen und Frieden schenken. Die Inspired Version kann deshalb beim Studium dieses Kapitels eine wertvolle Vergleichshilfe sein. 

Und dann kommt diese wunderbare Verheißung: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen.“ (Jesaja 57:19). Das ist ein weiter Frieden. Er gilt dem Nahen – dem Menschen, der sich Gott verbunden fühlt, der vielleicht in einer sicheren Umgebung lebt und dessen Leben äußerlich geordnet ist. Aber er gilt auch dem Fernen: dem Menschen, der sich verloren hat, der geflohen ist, der zweifelt, der sich schuldig fühlt oder der den Eindruck hat, Gott sei weit weg. 

Vielleicht ist „fern“ manchmal gar keine geografische Entfernung. Vielleicht kann ein Mensch mitten in einer Gemeinde innerlich sehr weit entfernt sein. Vielleicht kann jemand jeden Sonntag am Abendmahl teilnehmen und sich doch im Herzen fragen: Weiß Gott wirklich, was mit mir geschieht? Jesaja antwortet: Ja. „Ich habe seine Wege gesehen.“ (Jesaja 57:18). Gott sieht den Weg. Auch den Weg, den sonst niemand kennt. 

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür finden wir in der heutigen weltweiten Kirche. Als 2022 der Krieg in der Ukraine begann, wurden viele Mitglieder selbst zu Flüchtlingen. Sergei und Poulina Gorski mussten ihre Heimat verlassen, nachdem eine Rakete ihr Wohngebäude getroffen hatte. Sie kamen schließlich nach Deutschland und wurden von Mitgliedern aufgenommen. Gemeindemitglieder halfen ihnen mit Möbeln und Haushaltsgegenständen. Als Elder Jeffrey R. Holland sie in Hannover traf, sprach Poulina davon, dass sie verstanden hätten, dass sie nicht allein gelassen worden waren. 

Das ist Jesaja 57 in menschlicher Gestalt: „Friede dem Fernen und dem Nahen.“ (Jesaja 57:19). Nicht, weil plötzlich alle politischen Probleme gelöst waren. Nicht, weil die Vergangenheit ungeschehen gemacht wurde. Sondern weil Menschen erfuhren: Wir sind nicht vergessen. 

Noch eindrucksvoller ist, was aus dieser Hilfe entstehen kann. Die Kirche berichtet von zahlreichen Mitgliedern in Polen, die ukrainischen Flüchtlingen Nahrung, Wasser, Medikamente und Unterkunft bereitstellten. Andriy Didushok, ein Führer der Kirche in der Ukraine, fuhr mit Flüchtlingen in Richtung Westen und nach Polen; Gemeindehäuser wurden zu Orten, an denen Menschen auf ihrer Flucht Erholung und Hilfe fanden. Eine polnische Schwester sagte schlicht: Wenn man Menschen sieht, die Hilfe brauchen, hilft man ihnen – denn der himmlische Vater liebt alle Menschen. 

Frieden ist im Evangelium deshalb niemals nur ein Gefühl. Er wird zu einer Haltung. Und schließlich zu einer Handlung. 

Das passt zu einer weiteren Aussage aus Jesaja: „Bereitet den Weg, nehmt die Anstoßsteine aus dem Weg meines Volkes.“ (Jesaja 57:14). Wer den Frieden Christi empfängt, beginnt selbst, Wege für andere freizumachen. Vielleicht kann ich einem Menschen zuhören. Vielleicht kann ich vergeben. Vielleicht kann ich einen Einsamen anrufen. Vielleicht kann ich einen Flüchtling willkommen heißen. Vielleicht kann ich in meiner Familie aufhören, einen alten Streit immer wieder neu zu führen. 

So wird die Heilung, die Christus schenkt, durch uns weitergetragen. 

Auch in der neueren Kirche wird diese Wahrheit immer wieder sichtbar. Elder Gerrit W. Gong sprach 2025 bei seinem Dienst in Mitteleuropa davon, dass das Evangelium Jesu Christi allen Zugehörigkeit, Hoffnung und Zuflucht geben kann und dass niemand seinen Lebensweg allein gehen sollte. In Wiesbaden lehrte er vor mehr als 3.000 Mitgliedern und Freunden, das wiederhergestellte Evangelium sei ein Zuhause für alle und niemand solle allein im Gottesdienst oder im Leben sitzen. Wenige Tage später rief er bei einer Konferenz in München dazu auf, zu den „gastfreundlichsten Menschen“ zu werden – nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters, der dafür sorgte, dass niemand allein blieb. Das ist mehr als ein freundlicher Gemeindesatz. Es ist eine konkrete Antwort auf Jesaja 57: Gottes Friede erreicht den Fernen und den Nahen auch durch Menschen, die andere aufnehmen, ihnen Zugehörigkeit schenken und sie nicht allein lassen. Elder Gong Inspires Saints and Civic and Religious Leaders in Central Europe 

Auch BYU-Reden greifen diesen Gedanken auf. Richard B. Miller beschreibt, wie Menschen mit zerbrochenen Herzen durch das Sühnopfer Christi Frieden finden können und wie dieser Frieden sogar zerbrochene Beziehungen zu heilen vermag. Und Donald N. Wright erinnert daran, dass der Friede Christi gerade mitten in Verwirrung und Prüfung möglich ist – nicht weil die Welt plötzlich ruhig geworden wäre, sondern weil Christus in uns eine tiefere Wirklichkeit schaffen kann. 

Vielleicht liegt darin die praktische Einladung dieses Kapitels: Suche nicht nur nach einer Welt ohne Sturm. Suche nach Christus im Sturm. 

Wenn heute etwas in deinem Leben zerschlagen ist, musst du nicht warten, bis du wieder stark genug bist, um zu Gott zu kommen. Jesaja sagt gerade das Gegenteil. Der Hohe und Erhabene wohnt „bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind“ (Jesaja 57:15). Deine Zerbrochenheit ist kein Ort, den Gott meiden muss. Sie kann zu einem Ort seiner Gegenwart werden. 

Darum dürfen wir unsere Wunden nicht mit unserer Identität verwechseln. Wir sind nicht das, was uns geschehen ist. Wir sind auch nicht unsere Fehler, unsere Verluste oder unsere Enttäuschungen. Wir sind Kinder Gottes, die durch einen Erretter geführt werden, der unsere Schmerzen kennt. Und weil er sie kennt, kann er uns einen Frieden schenken, den die Welt nicht hervorbringen kann. 

Damit schließt sich der Bogen dieser Reihe. Jesaja 53:5 sagte: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Jesaja 57:19 sagt: „Ich will ihn heilen.“ Zwischen diesen beiden Aussagen steht Jesus Christus. Er ist der leidende Knecht. Er ist der Heiler. Er ist derjenige, der den Schmerz nicht nur erklärt, sondern trägt. Und er ist derjenige, der am Ende sagt: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen.“ 

Ich glaube, dass dieser Friede real ist. Nicht immer als sofortige Erleichterung und nicht immer als Antwort auf jede Frage. Aber als eine stille, tragende Gegenwart, die uns wissen lässt: Gott hat mich nicht vergessen. Christus kennt meinen Weg. Und selbst wenn ich noch nicht sehe, wohin dieser Weg führt, darf ich darauf vertrauen, dass er mich führt. 

Ich bezeuge, dass Jesus Christus der Heiler unserer Seele ist. Er kann aus Wunden keine bloßen Erinnerungen machen, sondern Quellen von Mitgefühl, Glauben und Hoffnung. Er kann einen Menschen nicht einfach in den Zustand vor dem Leid zurückführen, sondern ihn durch das Leid hindurch zu einem tieferen Frieden führen. Und ich glaube, dass seine Verheißung auch uns gilt: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen … ich will ihn heilen.“ Im Namen Jesu Christi. Amen.

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