Dienstag, 6. Oktober 2026

Fürchte dich nicht, denn dein Erlöser lebt

 

(Bildquelle)

„Ich, ich bin es, der euch tröstet: wer bist du gewesen, daß du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterblich sind, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen?“ (Jesaja 51:12) 

Jesaja 51 und 52 

Es gibt Zeiten, in denen die Angst größer wird als unsere Erinnerung. Wir sehen, was vor uns liegt, und vergessen, was hinter uns liegt. Wir sehen die Bedrohung und vergessen den, der uns bisher getragen hat. Wir sehen die Unsicherheit und verlieren aus dem Blick, dass Gott schon unzählige Male Wege durch scheinbar unüberwindbare Hindernisse geschaffen hat. 

Genau in eine solche Situation hinein spricht Jesaja. 

Die Menschen, zu denen er spricht, kennen Leid. Sie kennen Verlust, Unsicherheit und das Gefühl, dass Gott weit entfernt sein könnte. Und doch beginnt Jesaja 51 nicht mit einer neuen Warnung, sondern mit einer Aufforderung zur Erinnerung: „Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht! Blickt hin auf den Felsen, aus dem ihr gehauen seid, und auf die Grube, aus der ihr herausgegraben wurdet.“ (Jesaja 51:1) 

Das ist bemerkenswert. Wenn wir Angst haben, sagt der Herr nicht zuerst: Schau auf die Gefahr. Er sagt: Schau zurück. Erinnere dich. 

Erinnere dich daran, woher du kommst. Erinnere dich daran, was Gott bereits getan hat. Erinnere dich an Abraham und Sara. Aus einem einzelnen Menschen und einer scheinbar unmöglichen Verheißung machte Gott ein Volk. Aus einem Anfang, der menschlich betrachtet viel zu klein erschien, entstand etwas Großes. 

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten geistlichen Übungen des Glaubens: Wir müssen lernen, unsere gegenwärtige Situation im Licht der vergangenen Treue Gottes zu betrachten. 

Jesaja führt diesen Gedanken weiter. Zion liegt wie eine Wüste vor ihm, doch Gott sagt: „Der HERR wird Zion trösten, wird alle ihre Trümmerstätten trösten; er macht ihre Wüste wie Eden und ihre Steppe wie den Garten des HERRN.“ (Jesaja 51:3) 

Gott verspricht nicht, dass es niemals Wüsten geben wird. Er verspricht, dass die Wüste nicht das letzte Wort behalten wird. 

Das wird besonders deutlich, wenn Jesaja wenig später sagt: „Fürchtet euch nicht vor der Schmähung der Menschen und erschreckt nicht vor ihren Lästerungen.“ (Jesaja 51:7) Und dann folgt die wunderbare Zusage: „Ich, ich bin es, der euch tröstet.“ (Jesaja 51:12) 

Angst richtet unseren Blick häufig auf Menschen, Umstände und Möglichkeiten. Vertrauen richtet unseren Blick auf den Herrn. 

Das bedeutet nicht, dass gläubige Menschen keine Angst kennen. Die Heiligen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kannten sie sehr wohl. Viele hatten Angehörige verloren, waren aus ihrer Heimat geflohen, lebten unter Hunger und Entbehrung und wussten nicht, was der nächste Tag bringen würde. Dennoch blieb der Glaube bestehen. 

Eine besonders eindrucksvolle Geschichte erzählt von Ilse und Herbert Kaden in Ostdeutschland. 1945 versuchte Ilse durch Tauschgeschäfte Lebensmittel für ihre Familie zu beschaffen. Sie besserte Socken aus, um dafür Butter, Quark, Eier und Milch zu bekommen, und strickte Jacken gegen Mehl. Später verlor ihr Mann seine Arbeitsstelle, weil er sich weigerte, seine Zugehörigkeit zur Kirche zu verleugnen. Trotzdem blieben beide ihrem Glauben treu und stärkten andere Mitglieder. Jahrzehnte später wurden sie Tempelarbeiter im Freiberg-Tempel. 

Was mich daran berührt, ist nicht nur das spätere Wunder des Tempels. Es ist die Treue dazwischen. 

Als Ilse und Herbert Kaden noch nichts von Freiberg wussten, lebten sie trotzdem ihren Glauben. 

Das ist Hoffnung. 

Hoffnung bedeutet nicht, dass ich bereits weiß, wie Gott eine Situation lösen wird. Hoffnung bedeutet, dass ich weiß, wer Gott ist, auch wenn ich noch nicht weiß, was er tun wird. 

Die Geschichte der Kirche in Ostdeutschland ist dafür ein eindrucksvolles Zeugnis. Jahrzehntelang waren die Möglichkeiten der Mitglieder eingeschränkt. Missionare durften nicht frei wirken, kirchliche Materialien waren teilweise verboten und die Verbindung zur Kirchenleitung war schwierig. Dennoch versammelten sich die Heiligen, sangen gemeinsam und stärkten einander. 

Und dann geschah etwas, das aus menschlicher Sicht kaum vorhersehbar gewesen wäre. 

1985 wurde in Freiberg der erste Tempel in einem kommunistischen Land geweiht. Nur wenige Jahre später fiel die Berliner Mauer und Deutschland wurde wiedervereinigt. 

Jesaja hätte dafür ein Bild gefunden: „Erwache! Erwache! Bekleide dich mit deiner Kraft, Zion!“ (Jesaja 52:1). 

In Lehre und Bündnisse 113 erhält diese Aufforderung durch Joseph Smith eine bemerkenswerte zusätzliche Bedeutung. Dort wird Jesaja 52:1 auf diejenigen bezogen, die in den letzten Tagen berufen werden, Zion wiederherzustellen. „Seine Stärke anziehen“ wird mit der Vollmacht des Priestertums verbunden; die Fesseln des Halses werden als Aufforderung an die zerstreuten Überreste verstanden, zum Herrn zurückzukehren. Und wenn sie zurückkehren, verheißt der Herr, dass er zu ihnen sprechen und Offenbarung geben wird. 

Damit bekommt Jesaja 52 eine sehr persönliche Dimension. 

Aufstehen beginnt mit Umkehr. 

Der Herr sagt nicht einfach: „Sei stärker.“ Er sagt sinngemäß: Komm zurück zu mir. Löse dich aus den Fesseln. Empfange wieder meine Stimme. Zieh die Stärke an, die von mir kommt. 

Das passt wunderbar zu dem Weg, den Jesaja 51 und 52 beschreiben: 

Leid → Angst → Erinnerung → Vertrauen → Aufstehen. 

Und dann geschieht etwas Entscheidendes: Der Blick richtet sich nicht mehr nur auf Zion, sondern auf den kommenden Erlöser. 

Jesaja 52 endet mit dem Bild des Knechtes, dessen Aussehen entstellt sein wird und der dennoch viele Nationen sammeln wird. Damit öffnet sich unmittelbar die Tür zu Jesaja 53 – zu dem Knecht, der unsere Krankheit trägt und unsere Schmerzen auf sich lädt. 

Die Hoffnung Israels ist deshalb keine abstrakte Hoffnung. Sie hat ein Gesicht. 

Jesus Christus. 

Der Apostel Neil L. Andersen hat einmal daran erinnert, dass unser Glaube in Krisenzeiten nicht dadurch stärker wird, dass wir alle Antworten bekommen, sondern indem wir unseren Blick bewusst auf Jesus Christus richten. Hoffnung in Christus gibt uns die Kraft, durch Unsicherheit hindurchzugehen. Auch David A. Bednar hat diesen Gedanken eindringlich formuliert: Wenn wir auf den Erlöser schauen und ihm vertrauen, können wir Hoffnung und geistige Festigkeit empfangen, selbst wenn um uns herum Verwirrung herrscht. 

John H. Groberg hat bei einer BYU-Ansprache sogar davon gesprochen, dass Glaube und Hoffnung miteinander verbunden sind: Der Glaube erinnert sich an Gottes Wirken in der Vergangenheit und hofft auf seine Verheißungen für die Zukunft. Gerade deshalb kann Hoffnung uns durch eine Gegenwart tragen, deren Ausgang wir noch nicht kennen. 

Vielleicht brauchen wir genau diese Erinnerung heute. 

Vielleicht ist deine persönliche „Wüste“ noch nicht vorbei. Vielleicht gibt es eine Frage, auf die du noch keine Antwort bekommen hast. Vielleicht erwartest du seit langer Zeit eine Veränderung und fragst dich manchmal, ob Gott deine Gebete überhaupt hört. 

Dann spricht Jesaja auch zu dir: 

„Ich, ich bin es, der euch tröstet.“ 

Nicht: Du musst alles verstehen. 

Nicht: Du musst wissen, wie es weitergeht. 

Sondern: Fürchte dich nicht. Erinnere dich, wem du gehörst. Schau auf den Felsen, aus dem du gehauen wurdest. Schau auf Christus. Und dann steh auf. 

Denn der Erlöser, auf den Jesaja hinweist, lebt. 

Und wenn Christus lebt, dann ist keine Wüste endgültig, kein Verlust das letzte Kapitel und keine Nacht ohne Morgen. 

Ich glaube, dass Gott uns nicht immer sofort aus unseren schwierigen Umständen herausführt. Aber ich glaube ebenso, dass er uns darin nicht allein lässt. Manchmal besteht das Wunder zunächst nur darin, dass wir am nächsten Morgen wieder aufstehen, wieder beten, wieder glauben und wieder einen kleinen Schritt gehen können. 

Vielleicht ist genau das „Stärke anziehen“. 

Ich bin dankbar für einen Erlöser, der nicht nur unsere Sünden, sondern auch unsere Schmerzen, Ängste und Lasten kennt. Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass Jesus Christus lebt und dass seine Verheißungen größer sind als die Umstände, die uns heute bedrängen. Und ich glaube, dass wir Hoffnung bewahren können, wenn wir uns erinnern: Gott war treu – und er wird treu bleiben.

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