„Noch ehe ich dich im Mutterschoße bildete, habe ich dich erwählt (oder: ersehen), und ehe du das Licht der Welt erblicktest, habe ich dich geweiht: zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt”. (Jeremia 1:5)
Das Buch Jeremia beginnt nicht mit einem großen Sieg, sondern mit der Berufung eines Menschen, der sich selbst für ungeeignet hält. Vielleicht ist gerade das ein guter Anfang für eine Reihe über einen Propheten, dessen Leben von Widerstand, Einsamkeit, Trauer und der scheinbaren Erfolglosigkeit seiner Botschaft geprägt sein wird.
Jeremia wirkte etwa ab 627 v. Chr. im Südreich Juda und bis nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. Seine Berufung erhielt er im 13. Regierungsjahr König Josias. Damit war er ein Zeitgenosse Lehis. Als Lehi ungefähr um 600 v. Chr. Jerusalem mit seiner Familie verließ, wirkte Jeremia noch immer in derselben Stadt. Beide verkündeten die Warnung vor dem kommenden Gericht, doch der Herr gab ihnen unterschiedliche Aufträge: Jeremia blieb in Jerusalem, während Lehi mit seiner Familie in ein neues Land geführt wurde. Das Buch Mormon bestätigt, dass zu jener Zeit „viele Propheten“ nach Jerusalem kamen und das Volk vor der Zerstörung der Stadt warnten (1 Nephi 1:4). Jeremia war einer von ihnen.
Juda entfernte sich immer weiter von Gott. Politische Bündnisse schienen wichtiger als Vertrauen auf den Herrn, und religiöse Formen konnten den Verlust des Glaubens nicht mehr verdecken. Jeremia sollte diese Entwicklung nicht nur beobachten. Er sollte sie ansprechen. Er sollte warnen, mahnen und zugleich von einer kommenden Hoffnung zeugen. Sein Buch ist deshalb zugleich ein Buch des Gerichts und ein Buch der Verheißung. Hinter den Tränen über Jerusalem steht immer wieder die Zusage, dass Gott sein Volk nicht endgültig aufgeben wird. Und während Jeremia in Jerusalem blieb, begann durch Lehis Familie bereits ein weiterer Teil der Geschichte Israels – eine Geschichte, in der sich die Warnungen der Propheten ebenso erfüllen sollten wie die Verheißungen des Herrn.
Doch bevor Jeremia zum Propheten für Juda wird, muss er zunächst etwas über sich selbst erfahren.
Der Herr sagt zu ihm: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erkannt.“
Jeremia sieht sich selbst offenbar zuerst aus der Perspektive seiner Begrenzungen: „Ach, Herr, HERR! Siehe, ich kann nicht reden; denn ich bin zu jung.“ (Jeremia 1:6) Der Herr sieht dagegen etwas, das Jeremia selbst noch nicht erkennen kann. Er sieht einen Menschen, den er kennt, den er vorbereitet und den er gebrauchen kann.
Das ist ein Gedanke, der mich unmittelbar betrifft.
Wie oft beurteilen wir uns selbst danach, was wir gerade können? Wir vergleichen unsere Worte mit denen anderer, unsere geistige Stärke mit der anderer, unsere Erfahrungen mit denen anderer. Wir sehen, was uns fehlt. Gott sieht darüber hinaus.
Er sagt zu Jeremia nicht: Du hast recht. Du bist zu jung. Suche dir jemanden, der besser geeignet ist.
Er sagt: „Du sollst zu allen gehen, zu denen ich dich sende, und alles reden, was ich dir gebiete.“ (Jeremia 1:7)
Und dann gibt er ihm die entscheidende Zusage: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten.“ (Jeremia 1:8)
Das ist etwas anderes als die Zusicherung, dass Jeremia keine Schwierigkeiten erleben werde. Der Herr verspricht ihm nicht Erfolg nach menschlichen Maßstäben. Er verspricht ihm seine Gegenwart.
Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Glauben. Selbstvertrauen sagt: Ich kann das schaffen. Glaube sagt: Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann – aber ich weiß, wem ich vertraue.
Diese Erfahrung zieht sich durch die heiligen Schriften. Mose fühlt sich wegen seiner Sprache ungeeignet. Henoch bezeichnet sich als langsam im Reden. Joseph Smith beschreibt sich später als einen unbedeutenden jungen Mann. Immer wieder scheint Gott Menschen zu berufen, die selbst nicht das Gefühl haben, den Anforderungen zu genügen.
Auch Joseph Smiths Geschichte beginnt in dieser Spannung. Der junge Prophet hatte keine akademische Ausbildung und keine kirchliche Stellung, die ihn nach menschlichen Maßstäben für die Aufgabe der Wiederherstellung qualifiziert hätte. Und doch wurde er berufen, das Evangelium Jesu Christi in einer Zeit wiederherzustellen, in der Priestertumsvollmacht, lebende Propheten und viele klare Lehren des Evangeliums verloren gegangen waren. Seine Geschichte zeigt nicht, dass Gott nur außergewöhnlich begabte Menschen gebrauchen kann. Sie zeigt vielmehr, was geschehen kann, wenn ein Mensch bereit ist, sich von Gott führen zu lassen.
Geschichte der Kirche – Material der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Interessant ist dabei auch die Lehre von der Vorherordinierung. Jeremia hört: „Ehe du aus dem Mutterschoß hervorgingst, habe ich dich geheiligt.“ Das bedeutet nicht, dass sein Leben ohne Entscheidungsfreiheit festgelegt gewesen wäre. Vielmehr erkennen wir darin die Wirklichkeit, dass Gott seine Kinder kennt und sie auf Aufgaben vorbereiten kann, die sie in diesem Erdenleben übernehmen sollen.
Die Wiederherstellung vertieft diesen Gedanken. In Lehre und Bündnisse 138 wird von den treuen Geistern in der vorirdischen Welt berichtet, die auf ihre irdische Aufgabe vorbereitet wurden. Das macht Jeremias Berufung für mich noch persönlicher: Vielleicht beginnt Gottes Wirken in unserem Leben nicht erst in dem Augenblick, in dem wir eine Berufung erhalten. Vielleicht hat er uns schon lange vorher mit Erfahrungen, Begabungen, Beziehungen und geistigen Eindrücken darauf vorbereitet.
Doch Vorbereitung bedeutet nicht Perfektion.
Das zeigt gerade Jeremia.
Der Herr beruft ihn – und Jeremia bleibt ein Mensch. Er wird später klagen, weinen und sich von seiner Aufgabe überfordert fühlen. Seine Berufung schützt ihn nicht vor Schmerz. Aber sie gibt seinem Schmerz einen anderen Zusammenhang: Er weiß, wem er gehört und wem er dienen soll.
Hier passt eine Aussage von Gérald Caussé besonders gut. In einer BYU-Ansprache über persönliche Schwächen erinnerte er daran, dass Gott gerade junge und unerfahrene Menschen für sein Werk gebraucht und dass der Herr persönliche Begrenzungen durch seine Gnade in Stärke verwandeln kann. Er verweist dabei ausdrücklich auf Enoch, Joseph Smith und andere junge Menschen, die sich selbst nicht für außergewöhnlich hielten.
Gérald Caussé – „For When I Am Weak, Then Am I Strong“
Das entspricht auch einer Wahrheit aus dem Buch Mormon. Moroni fürchtete, dass seine sprachlichen und schriftstellerischen Schwächen dazu führen könnten, dass die Menschen seine Aufzeichnungen nicht annehmen würden. Doch der Herr antwortete: „Wenn Menschen zu mir kommen, so werde ich ihnen ihre Schwäche zeigen … wenn sie sich vor mir demütigen und Glauben an mich haben, dann werde ich Schwaches für sie stark werden lassen.“ (Ether 12:27.)
Vielleicht ist Schwäche deshalb nicht immer das Gegenteil von Berufung. Manchmal ist sie sogar der Ort, an dem Berufung wirklich wirksam werden kann.
Denn solange ich glaube, ich müsse alles allein können, brauche ich Gott nicht wirklich.
Jeremia muss lernen, dass die entscheidende Frage nicht lautet: Kann ich sprechen? Sondern: Wird der Herr durch mich sprechen?
Das ist auch für unsere heutigen Berufungen wichtig. Vielleicht stehst du vor einer Aufgabe, bei der du dich unvorbereitet fühlst. Vielleicht sollst du eine Klasse unterrichten, eine Familie führen, jemandem helfen, eine schwierige Entscheidung treffen oder in einer neuen Verantwortung dienen. Vielleicht denkst du: Andere könnten das besser.
Dann lohnt es sich, Jeremia 1 noch einmal langsam zu lesen.
Der Herr sagt nicht: Du bist perfekt.
Er sagt: Ich kenne dich.
Er sagt nicht: Du brauchst mich nicht.
Er sagt: Ich werde meine Worte in deinen Mund legen.
Und er sagt nicht: Du wirst keine Angst haben.
Er sagt: „Ich bin mit dir.“
Das verändert die Perspektive. Unsere Schwächen müssen nicht länger Beweise dafür sein, dass wir ungeeignet sind. Sie können uns daran erinnern, woher unsere eigentliche Kraft kommt.
Ich glaube, dass Jesus Christus uns tiefer kennt, als wir uns selbst kennen. Ich glaube, dass unser Leben für ihn nicht zufällig ist und dass er uns mit Gaben, Erfahrungen und Möglichkeiten vorbereitet. Ich glaube auch, dass eine Berufung nicht bedeutet, dass wir bereits alles können. Sie kann vielmehr der Weg sein, auf dem Christus uns befähigt, zu dem Menschen zu werden, den er in uns sieht.
Jeremia sah einen jungen Mann, der nicht reden konnte.
Der Herr sah einen Propheten.
Vielleicht sehen wir heute nur unsere Schwächen. Vielleicht sieht Christus bereits etwas, das wir selbst noch nicht erkennen können.
Und vielleicht beginnt Vertrauen genau dort: nicht damit, dass ich plötzlich keine Angst mehr habe, sondern damit, dass ich trotz meiner Angst dem folge, der sagt:
„Fürchte dich nicht … denn ich bin mit dir.“

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