Donnerstag, 20. August 2026

Mein Gott, warum?

 

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„Ein Psalm von David. Der HErr ist mein Hirt: mir mangelt nichts.“ (Psalm 23:1

Psalm 22, 23 und 24 

Es gibt Fragen, die Menschen seit Anbeginn begleiten. Keine gehört wohl so tief zu unserer sterblichen Erfahrung wie diese: Warum? Warum trifft Leid gerade mich? Warum scheint Gott manchmal fern zu sein? Warum schweigt der Himmel gerade dann, wenn wir seine Stimme am dringendsten brauchen? 

Wer jemals schwere Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen, Enttäuschung oder tiefe Einsamkeit erlebt hat, kennt diese Fragen. Erstaunlicherweise verschweigt die Heilige Schrift solche Empfindungen nicht. Im Gegenteil: Sie gibt ihnen Raum. Besonders eindrucksvoll geschieht dies in den Psalmen 22 bis 24. Diese drei Psalmen bilden eine geistliche Bewegung, die von der tiefsten Verlassenheit bis zur höchsten Herrlichkeit führt. Sie zeigen uns den leidenden Hirten, den führenden Hirten und schließlich den verherrlichten König. 

Psalm 22 beginnt mit Worten, die zu den erschütterndsten der gesamten Schrift gehören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22:2). Jahrhunderte bevor Jesus Christus geboren wurde, ließ David diese Worte niederschreiben. Der Psalm beschreibt Erfahrungen, die in bemerkenswerter Weise auf das Sühnopfer und die Kreuzigung des Erretters hinweisen. Die Hände und Füße werden durchbohrt, die Kleider verteilt, Spott und Verachtung treffen den Leidenden von allen Seiten. 

Als Jesus am Kreuz hing, griff er genau diese Worte auf. Inmitten unerträglicher körperlicher und geistiger Qual rief er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27:46). Dieser Ausruf war weit mehr als ein Ausdruck menschlichen Leidens. Er offenbarte die Tiefe des Sühnopfers. Kein anderer Mensch hat jemals eine solche Last getragen. Christus stieg tiefer hinab, als irgendjemand hinabsteigen könnte, damit niemand jemals völlig allein leiden muss. 

Viele Menschen fragen sich, ob Gott sie in Zeiten schwerer Prüfungen vergessen hat. Psalm 22 erinnert uns daran, dass selbst der Sohn Gottes einen Augenblick äußerster Verlassenheit erlebte. Gerade deshalb kann er uns vollkommen verstehen. Weil er „unter alles hinabgestiegen“ ist, kennt er nicht nur unsere Schmerzen – er weiß auch, wie er uns daraus emporheben kann (Alma 7:11–12). 

Doch Psalm 22 endet nicht in Verzweiflung. Schrittweise wandelt sich die Klage in Vertrauen und schließlich in Lobpreis. Der Psalm blickt bereits über das Kreuz hinaus auf den Sieg des Messias. Leid ist nicht das letzte Wort. Gott handelt oft auf Wegen und zu Zeiten, die wir zunächst nicht verstehen, doch seine Erlösung bleibt gewiss. 

Diese Gewissheit führt unmittelbar zu Psalm 23, einem der bekanntesten und geliebtesten Texte der Heiligen Schrift: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“ 

Nachdem Psalm 22 den leidenden Hirten gezeigt hat, begegnen wir nun dem lebendigen und fürsorglichen Hirten. Jesus Christus hat den Tod überwunden. Er begleitet seine Jünger weiterhin Tag für Tag. 

Das Bild des Hirten war den Menschen des Alten Testaments vertraut. Schafe sind auf Führung angewiesen. Allein finden sie weder Nahrung noch Sicherheit. Ebenso sind wir auf den Herrn angewiesen. Oft meinen wir, unseren Weg selbst bestimmen zu können, bis Schwierigkeiten, Unsicherheiten oder Versuchungen uns erkennen lassen, wie sehr wir seine Führung benötigen. 

Bemerkenswert ist, dass der Psalm nicht verspricht, dass es keine dunklen Täler geben wird. Vielmehr heißt es: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“ (Psalm 23:4). Der Herr führt uns nicht immer um jedes Leid herum. Häufig führt er uns hindurch. Seine Gegenwart verändert jedoch die Erfahrung des Leidens grundlegend. 

Viele Mitglieder der Kirche erlebten dies besonders während der weltweiten Pandemie. Gewohnte Strukturen brachen plötzlich weg. Versammlungen konnten zeitweise nicht stattfinden, persönliche Kontakte wurden eingeschränkt, Unsicherheit und Sorge prägten den Alltag vieler Menschen. Gerade in dieser Zeit lud Präsident Russell M. Nelson die Mitglieder wiederholt ein, ihre Fähigkeit zu stärken, persönliche Offenbarung zu empfangen. Unzählige Heilige berichteten später, wie sie in einer Zeit äußerer Unsicherheit die Führung des Guten Hirten persönlicher und unmittelbarer erfuhren als zuvor. Die Krise wurde für viele zu einer Gelegenheit, ihre Beziehung zu Christus zu vertiefen. (lies z. B. “Der Tempel und Ihr geistiges Fundament”

Auch andere Schriftstellen bezeugen diese Wahrheit. Als Alma und sein Volk von den Priestern Noas unterdrückt wurden, nahm der Herr ihre Lasten nicht sofort hinweg. Stattdessen stärkte er sie, damit sie ihre Lasten tragen konnten. Ebenso erlebte Nephi auf seiner langen Reise durch die Wildnis immer wieder die leitende Hand des Herrn. Der Hirte führte seine Schafe Schritt für Schritt. 

Schließlich öffnet Psalm 24 den Blick noch weiter. Hier erscheint Christus nicht mehr als Leidender und auch nicht nur als Führer seiner Herde, sondern als „König der Herrlichkeit“. Die eindrucksvolle Frage erklingt: „Wer ist derselbe König der Ehren?“ Die Antwort lautet: „Es ist der Herr, stark und mächtig.“ (Psalm 24:8

Dieser Psalm richtet unseren Blick auf die endgültige Vollendung des göttlichen Plans. Jesus Christus ist nicht nur der Gekreuzigte. Er ist der auferstandene Herr, der Sieger über Sünde, Tod und Hölle. Eines Tages wird jedes Knie sich vor ihm beugen und jede Zunge bekennen, dass er der Christus ist. 

Für die ersten Jünger war die Kreuzigung zunächst wie eine Niederlage erschienen. Doch die Auferstehung offenbarte, dass Gott bereits einen größeren Sieg vorbereitet hatte. Auch wir sehen inmitten unserer Prüfungen oft nur einen kleinen Ausschnitt. Der Herr jedoch kennt das Ende von Anfang an (Abraham 2:8). Wo wir Niederlage sehen, bereitet er manchmal bereits Herrlichkeit vor. 

Die Bewegung dieser drei Psalmen spiegelt deshalb auch den Weg jedes Jüngers wider: Zeiten des Schmerzes, Erfahrungen der täglichen Führung und schließlich die Hoffnung auf ewige Herrlichkeit in Christus. 

Vielleicht befindest du dich gerade in einem „Psalm-22-Moment“ und fragst: „Warum?“ Vielleicht wanderst du durch ein dunkles Tal aus Psalm 23. Oder vielleicht darfst du bereits etwas von der Freude und dem Frieden aus Psalm 24 erfahren. Wo immer du dich befindest: Der Herr kennt deinen Weg. Der leidende Hirte wurde zum führenden Hirten und schließlich zum König der Herrlichkeit. Weil er lebt, gibt es Hoffnung – selbst in den dunkelsten Stunden. 

Ich bezeuge, dass Jesus Christus jede Form menschlichen Leidens vollkommen versteht. Ich weiß, dass er uns nicht verlässt, auch wenn seine Gegenwart manchmal zunächst verborgen scheint. Er führt seine Schafe mit vollkommener Liebe. Und ich weiß, dass er der König der Herrlichkeit ist, der eines Tages alle Tränen abwischen wird. In ihm finden wir Halt, Hoffnung und Frieden. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Mittwoch, 19. August 2026

Der Herr ist mein Schild

 

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„Das Gesetz des HErrn ist vollkommen (oder: ohne Fehl): erquickt die Seele; das Zeugnis des HErrn ist zuverlässig: macht die Törichten weise;“ (Psalm 19:8

Psalm 19, 20 und 21 

Wo finden wir Sicherheit, wenn vertraute Gewissheiten ins Wanken geraten? Unsere Zeit ist geprägt von Unsicherheit. Nachrichten überschlagen sich, gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich mit großer Geschwindigkeit, und nicht selten erleben Menschen auch im persönlichen Leben Erschütterungen: Krankheit, Verlust, zerbrochene Beziehungen oder Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt. In solchen Zeiten suchen wir nach Halt. Manche setzen ihre Hoffnung auf Wissen, auf politische Systeme, auf finanzielle Absicherung oder auf die eigene Kraft. Doch die Psalmen 19 bis 21 weisen auf eine tiefere Quelle der Sicherheit hin. Sie bezeugen, dass Gott spricht, dass er führt und dass seine Macht größer ist als jede menschliche Stärke. 

Psalm 19 beginnt nicht mit Geboten oder Ermahnungen, sondern mit einem Blick zum Himmel: „Die Himmel verkünden Gottes Herrlichkeit“ (Psalm 19:2). David lädt uns ein, innezuhalten und aufmerksam zu werden. Die Schöpfung selbst wird zum Zeugen ihres Schöpfers. Tag und Nacht verkünden seine Größe. Ohne Worte und ohne Stimme spricht die Erde von dem Gott, der sie geschaffen hat. 

Wer einmal in einer klaren Nacht den Sternenhimmel betrachtet hat, kennt vielleicht dieses stille Staunen. Plötzlich erscheinen die eigenen Sorgen kleiner. Das Herz wird ruhig. Die Seele erinnert sich daran, dass sie nicht allein ist. Mose machte eine ähnliche Erfahrung. Nachdem ihm der Herr in einer Vision seine Schöpfung gezeigt hatte, erkannte Mose zugleich Gottes Größe und seine eigene Abhängigkeit von ihm. Diese Erkenntnis führte ihn nicht zur Verzweiflung, sondern zu größerem Vertrauen. Er wusste nun, wer ihn berufen hatte und wem er vertrauen konnte. 

Auch heute spricht Gott noch durch seine Schöpfung. Manchmal geschieht dies in den großen Augenblicken – auf einem Berggipfel, am Meer oder unter einem sternklaren Himmel. Oft geschieht es aber auch in den kleinen, stillen Momenten des Alltags: im Gesang eines Vogels, im Licht eines neuen Morgens oder in der unerwarteten Schönheit einer einfachen Blume. Die Schöpfung erinnert uns daran, dass hinter allem ein liebender Vater im Himmel steht, der seine Kinder kennt. 

Doch David bleibt nicht beim Zeugnis der Natur stehen. Er führt den Leser weiter zur noch deutlicheren Offenbarung Gottes: seinem Wort. 

„Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele.“(Psalm 19:8

Während die Schöpfung Gottes Größe offenbart, zeigt sein Wort seinen Willen. Die Schriften lehren uns nicht nur, dass Gott existiert; sie helfen uns, ihn kennenzulernen. Sie schenken Orientierung, wenn Wege unklar erscheinen. Sie korrigieren, trösten, warnen und heilen. 

David beschreibt das Wort Gottes mit eindrucksvollen Bildern. Es macht weise, erfreut das Herz und erleuchtet die Augen. Gerade in Zeiten geistiger Dunkelheit wird das Wort Gottes zu einer Leuchte auf unserem Weg. 

Viele Menschen erleben Phasen, in denen sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. Entscheidungen stehen an, Gebete scheinen unbeantwortet zu bleiben oder die Zukunft erscheint ungewiss. In solchen Augenblicken mag die Versuchung groß sein, sich ausschließlich auf eigene Überlegungen zu verlassen. Doch die Psalmen laden uns ein, zuerst die Stimme des Herrn zu suchen. 

Nephi kannte diese Erfahrung. Immer wieder stand er vor scheinbar unlösbaren Aufgaben. Dennoch wandte er sich an den Herrn und vertraute auf die bereits empfangene Offenbarung. Die heiligen Schriften und die fortlaufende Führung des Geistes wurden für ihn zum Wegweiser durch Unsicherheit und Gefahr. Sein Beispiel erinnert uns daran, dass Offenbarung selten alle Fragen auf einmal beantwortet. Häufig schenkt Gott nur genügend Licht für den nächsten Schritt. 

In den Psalmen 20 und 21 verschiebt sich der Blick erneut. Nun geht es um Bedrohung, Kampf und Rettung. Das Volk Israel bittet um Gottes Hilfe. Doch mitten in diesen Gebeten steht ein bemerkenswertes Bekenntnis: 

„Diese verlassen sich auf Wagen und jene auf Rosse; wir aber denken an den Namen des Herrn, unseres Gottes.“ (Psalm 20:8

Wagen und Rosse waren im Altertum Symbole militärischer Stärke. Wer viele Streitwagen besaß, galt als mächtig und sicher. David erinnert jedoch daran, dass menschliche Macht niemals die letzte Sicherheit bieten kann. 

Auch wir besitzen heute unsere „Wagen und Rosse“. Vielleicht sind es Bildung, Versicherungen, Technologie, Einfluss oder persönliche Fähigkeiten. All diese Dinge können hilfreich und notwendig sein. Doch sie tragen nicht das Gewicht unserer letztlichen Hoffnung. Früher oder später stoßen menschliche Sicherheiten an ihre Grenzen. 

Die vergangenen Jahre haben dies vielen Menschen eindrücklich vor Augen geführt. Während der weltweiten Pandemie wurden vertraute Strukturen plötzlich erschüttert. Gerade in dieser Zeit rief Präsident Russell M. Nelson die Mitglieder der Kirche immer wieder dazu auf, ihre Fähigkeit zu stärken, persönliche Offenbarung zu empfangen. Er betonte, dass die kommenden Tage ohne die leitende und tröstende Macht des Heiligen Geistes kaum zu bestehen seien. Millionen Mitglieder erfuhren in jener Zeit, dass Gottes Führung auch dann verlässlich bleibt, wenn äußere Umstände unsicher werden. (siehe z. B. „Offenbarung für die Kirche, Offenbarung für unser Leben“) 

Psalm 21 beschreibt schließlich die Freude über Gottes Rettung. Der König jubelt nicht über seine eigene Stärke, sondern über die Macht des Herrn. Der Sieg gehört letztlich Gott. 

Hier weist der Psalm über David hinaus auf Jesus Christus. Er ist der wahre König, der den entscheidenden Sieg errungen hat. Durch sein Sühnopfer und seine Auferstehung hat er Sünde, Tod und jede Macht der Finsternis überwunden. Weil Christus gesiegt hat, können auch wir Hoffnung haben – selbst in Zeiten tiefster Unsicherheit. 

Vielleicht liegt die größte Botschaft dieser Psalmen gerade darin: Sicherheit bedeutet nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten. Sicherheit bedeutet, den Herrn an seiner Seite zu wissen. Wer auf seine Stimme hört, wer sich von seinem Wort führen lässt und wer auf seine rettende Macht vertraut, findet einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. 

Praktisch kann dies bedeuten, jeden Tag bewusst Zeit für die Schriften zu reservieren, auch wenn das Leben hektisch erscheint. Es kann bedeuten, in der Natur nach Momenten des Staunens zu suchen. Es kann bedeuten, vor wichtigen Entscheidungen zuerst zu beten und auf geistige Eindrücke zu achten. Und es kann bedeuten, inmitten von Sorgen immer wieder bewusst zu bekennen: „Der Herr ist mein Schild.“ (Psalm 28:7

Die Welt verändert sich ständig. Gottes Stimme hingegen bleibt dieselbe. Sein Wort ist beständig. Seine Verheißungen gelten weiterhin. Und seine rettende Macht reicht aus – gestern, heute und in Ewigkeit. 

Persönliches Zeugnis 

Ich bin dankbar, dass Gott auch heute noch spricht. Ich habe erlebt, dass die heiligen Schriften gerade in Zeiten der Unsicherheit Trost, Orientierung und Frieden schenken. Immer wieder durfte ich erfahren, dass der Herr Wege öffnet, die ich selbst nicht erkennen konnte. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt. Er ist unser wahrer Schild und unsere sichere Zuflucht. Wer ihm vertraut und auf seine Stimme hört, wird selbst in stürmischen Zeiten getragen. Davon gebe ich Zeugnis.

Dienstag, 18. August 2026

Wenn der Himmel von Gottes Herrlichkeit erzählt

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„Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!“ (Psalm 8:10

Psalm 8 

Hast du schon einmal in einer klaren Nacht in den Sternenhimmel geschaut und plötzlich gespürt, wie klein und zugleich wie unendlich kostbar dein Leben ist? Was geschieht mit unserem Glauben, wenn wir neu lernen, über Gottes Schöpfung zu staunen? 

Psalm 8 lädt uns ein, den Blick zu heben – weg von den Sorgen des Alltags, hin zu den Werken der Hände Gottes. In diesem Beitrag entdecken wir, wie die Schöpfung Gottes Größe bezeugt, warum jeder Mensch eine göttliche Würde besitzt und wie Jesus Christus die vollkommene Erfüllung dieses Psalms ist. 

David beginnt und beendet seinen Psalm mit denselben Worten: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!“ Zwischen diesen beiden Ausrufen entfaltet sich ein Lied des Staunens. Es ist, als stünde David nachts unter dem Sternenhimmel, fern vom Lärm der Welt. Vielleicht erinnerte er sich an seine Zeit als junger Hirte auf den Feldern Bethlehems, als er die Schafe seines Vaters hütete und unzählige Nächte unter dem offenen Himmel verbrachte. 

Wer jemals allein unter einem sternklaren Himmel gestanden hat, kennt dieses Gefühl. Die gewohnten Maßstäbe verlieren ihre Bedeutung. Die Probleme, die uns tagsüber so groß erscheinen, treten für einen Augenblick zurück. Wir erkennen, dass wir Teil von etwas Größerem sind. 

David schreibt: 

„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ (Psalm 8:4-5). 

Diese Frage bewegt die Menschheit seit Jahrtausenden. Angesichts der Weite des Universums erscheint der Mensch zunächst unbedeutend. Wir leben auf einem kleinen Planeten, der wiederum nur ein winziger Teil einer gewaltigen Schöpfung ist. Und doch bleibt David nicht bei dieser Erkenntnis stehen. Er verfällt nicht in Hoffnungslosigkeit oder Bedeutungslosigkeit. Vielmehr staunt er darüber, dass Gott den Menschen trotz seiner Kleinheit kennt, liebt und ihm Würde verleiht. 

Gerade darin liegt eine zentrale Botschaft des Evangeliums: Unser Wert hängt nicht von unserer Größe, unseren Leistungen oder unserem gesellschaftlichen Einfluss ab. Unser Wert gründet darin, dass wir Kinder himmlischer Eltern sind. 

Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt gelehrt, dass das Verständnis unserer Identität als Kinder Gottes unsere Sicht auf uns selbst und unsere ewigen Möglichkeiten grundlegend verändert. (Entscheidungen für die Ewigkeit

Diese Wahrheit verleiht jedem Menschen eine unveräußerliche Würde. In einer Welt, die den Wert eines Menschen häufig an Erfolg, Besitz oder äußerer Erscheinung misst, erinnert Psalm 8 daran, wer wir wirklich sind. 

David erklärt sogar, dass Gott den Menschen „wenig niedriger gemacht hat als Gott“ und ihn „mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt“ hat (vgl. Psalm 8:6). Diese Aussage verweist nicht auf menschlichen Stolz, sondern auf göttliche Bestimmung. Gott hat den Menschen geschaffen, damit er wachsen, lernen und schließlich ihm ähnlicher werden kann. 

Gerade deshalb führt wahres Staunen nicht zur Selbstüberhöhung, sondern zur Demut. Wer die Größe Gottes erkennt, wird nicht hochmütig. Er erkennt vielmehr, dass alles Gute letztlich von Gott kommt. 

Eine ähnliche Erfahrung machte Mose. Nachdem ihm in einer Vision die Unermesslichkeit der Schöpfung gezeigt worden war, bekannte er: 

„Nun weiß ich, dass der Mensch nichts ist, was ich nie zuvor angenommen hätte.“ (Mose 1:10

Doch bemerkenswert ist, dass Mose unmittelbar zuvor erfahren hatte, dass er ein Sohn Gottes ist (vgl. Mose 1:4). Die Erkenntnis unserer Kleinheit und die Erkenntnis unserer göttlichen Herkunft widersprechen sich nicht. Sie gehören zusammen. Gerade weil Gott unendlich groß ist, wird seine Liebe zu jedem einzelnen Menschen noch erstaunlicher. 

Psalm 8 weist außerdem prophetisch auf Jesus Christus hin. Der Verfasser des Hebräerbriefes greift die Worte Davids auf und erklärt, dass ihre vollkommene Erfüllung in Christus gefunden wird (vgl. Hebräer 2:6-9). Jesus wurde tatsächlich „für kurze Zeit niedriger als die Engel gemacht“, kam in die Sterblichkeit und nahm die Begrenzungen des menschlichen Lebens auf sich. 

Er, der die Welten erschaffen hatte, wurde als hilfloses Kind geboren. Er kannte Hunger, Müdigkeit, Ablehnung und Schmerz. Doch gerade durch seine Erniedrigung wurde er erhöht und mit Herrlichkeit gekrönt. 

Christus offenbart uns nicht nur, wer Gott ist; er offenbart uns auch, was der Mensch werden kann. In ihm sehen wir den vollkommenen Sohn des Menschen – das vollkommene Abbild göttlicher Sohnschaft. 

Wenn wir den Nachthimmel betrachten, sehen wir daher nicht nur Sterne. Wir sehen Zeugnisse eines Schöpfers, der uns kennt. Wir sehen Erinnerungen an unsere Herkunft und Hinweise auf unsere ewige Bestimmung. 

Ein eindrucksvolles Beispiel aus der neueren Kirchengeschichte ereignete sich im Jahr 2020 während der weltweiten Pandemie. Als viele Versammlungen ausgesetzt wurden und Menschen auf der ganzen Welt Isolation, Unsicherheit und Angst erlebten, lud Präsident Russell M. Nelson die Mitglieder wiederholt ein, trotz aller Umstände bewusst Gottes Hand im täglichen Leben zu erkennen und Dankbarkeit zu kultivieren. Besonders seine weltweite Einladung in den sozialen Medien, Erlebnisse unter dem Stichwort „#GiveThanks“ zu teilen, führte dazu, dass Millionen Menschen ihren Blick von Sorgen auf Gottes Wirken lenkten. Viele berichteten, dass gerade das bewusste Wahrnehmen von Gottes Segnungen – oft in einfachen Dingen der Schöpfung, in Familienbeziehungen oder stillen geistigen Eindrücken – ihren Glauben stärkte und Hoffnung schenkte. 

In einer besonderen Video-Botschaft mit dem Titel „Gebet eines Propheten für Dankbarkeit, Hoffnung und Heilung für die Welt“ lud Präsident Russell M. Nelson weltweit dazu ein, Dankbarkeit bewusst zu praktizieren und Gottes Wirken im Alltag zu erkennen. 

Auch die heiligen Schriften berichten immer wieder davon, dass Gottes Schöpfung Menschen zum Glauben führte. Alma lud sein Volk ein, „alles ringsum“ als Zeugnis Gottes zu betrachten (vgl. Alma 30:44). Henoch sah in visionärer Schau die Größe von Gottes Werken und lernte zugleich Gottes Liebe für seine Kinder kennen (vgl. Mose 6–7). Der auferstandene Christus verwies seine Jünger auf die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels, um ihnen Vertrauen auf den Vater zu lehren (vgl. Matthäus 6:26-30). 

Vielleicht liegt eine praktische Anwendung von Psalm 8 gerade darin, wieder Zeiten des Staunens zu suchen. Vielleicht bedeutet das, einen Spaziergang ohne Ablenkung zu machen, bewusst den Sonnenaufgang zu betrachten oder nachts einige Minuten schweigend in den Himmel zu blicken. Solche Augenblicke lösen nicht alle Probleme. Aber sie helfen uns, die Dinge aus göttlicher Perspektive zu sehen. 

Denn wer Gottes Größe betrachtet, entdeckt oft neu seine eigene Würde. 

Ich bezeuge, dass die Schöpfung von Jesus Christus Zeugnis gibt. Ich glaube, dass kein Mensch für unseren himmlischen Vater unbedeutend ist. Derselbe Gott, der Sterne und Galaxien erschaffen hat, kennt jeden von uns beim Namen. Er kennt unsere Freuden, unsere Fragen und unsere Kämpfe. Jesus Christus offenbart uns sowohl die Größe Gottes als auch den unermesslichen Wert jeder Seele. Wenn wir zu ihm aufblicken, lernen wir nicht nur, wer Gott ist, sondern auch, wer wir wirklich sind.

Montag, 17. August 2026

Der Weg des Gerechten

 

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„Wohl dem*), der nicht wandelt im Rat (= nach den Lehren) der Gottlosen und nicht tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt im Kreise der Spötter, 2 vielmehr Gefallen hat am Gesetz des HErrn und sinnt über sein Gesetz bei Tag und bei Nacht!“ (Psalm 1:1–2

Die Psalmen 

Wo findet ein Mensch festen Halt, wenn die Stimmen dieser Welt ihn in unterschiedliche Richtungen ziehen? 

Die Psalmen sind eine Sammlung von 150 inspirierten Liedern, Gebeten und poetischen Meditationen. Viele stammen von David, andere von Mose, Asaph und weiteren inspirierten Verfassern. Der Psalter umfasst Lob und Dank ebenso wie Klage, Rufe zur Umkehr, Weisheit und prophetische Zeugnisse von Jesus Christus. Seit Jahrtausenden begleiten diese heiligen Lieder Gläubige durch alle Höhen und Tiefen des Lebens – von tiefster Verzweiflung bis zu jubelnder Freude. 

Ursprünglich wurden die Psalmen gesungen und im Tempelgottesdienst Israels verwendet. Ihre poetische Sprache mit ihren Bildern, Wiederholungen und Parallelismen lädt nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Nachdenken und Beten ein. Die Sammlung ist in fünf Bücher gegliedert und erinnert damit bewusst an die fünf Bücher Mose. Wie diese führen auch die Psalmen den Menschen in die Gegenwart Gottes und lehren ihn, auf seine Stimme zu hören. 

Bemerkenswert ist dabei ihre große Ehrlichkeit. In den Psalmen begegnen wir Menschen, die Gott loben, aber auch mit ihm ringen; Menschen, die jubeln, zweifeln, hoffen und klagen. Gerade deshalb sprechen sie bis heute so unmittelbar zu unserem Herzen. Sie lehren uns nicht nur, über Gott zu sprechen, sondern auch, mit Gott zu sprechen. Viele Psalmen weisen zudem prophetisch auf Jesus Christus hin – auf sein Leiden, seine Herrlichkeit und seine ewige Königsherrschaft. 

Nicht zufällig stehen Psalm 1 und Psalm 2 am Anfang des Psalters. Sie bilden gewissermaßen das Eingangstor zum ganzen Buch: Der erste Psalm fragt nach dem Weg des Menschen, der zweite nach dem König Gottes. Zusammen zeigen sie, dass wahres Glück darin besteht, den Herrn zum Mittelpunkt des Lebens zu machen und auf seinen Gesalbten zu vertrauen. 

Psalm 1 

Der erste Psalm beginnt mit einer bemerkenswerten Beschreibung des glücklichen Menschen. Er wird nicht zunächst durch das charakterisiert, was er tut, sondern durch das, was er meidet: Er wandelt nicht im Rat der Gottlosen, tritt nicht auf den Weg der Sünder und sitzt nicht dort, wo die Spötter sitzen. Es ist eine Bewegung zunehmender Bindung: vom Vorübergehen zum Stehenbleiben und schließlich zum Sesshaftwerden. 

Auch unsere Zeit kennt solche Entwicklungen. Selten entfernt sich ein Mensch von Gott mit einem einzigen entschlossenen Schritt. Häufig beginnt es viel unscheinbarer. Eine Stimme hier, ein Gedanke dort, eine Gewohnheit, die man zunächst harmlos findet. Nach und nach verschieben sich Prioritäten. Was früher heilig war, erscheint plötzlich nebensächlich. Gebet wird seltener, das Schriftstudium oberflächlicher, geistliche Eindrücke werden verdrängt. 

Dem stellt der Psalm einen anderen Lebensweg gegenüber: „Gefallen hat am Gesetz des HErrn und sinnt über sein Gesetz bei Tag und bei Nacht!“. Das hebräische Wort für „sinnen“ beschreibt ein beständiges Nachdenken, ein inneres Wiederholen, beinahe ein leises Murmeln der heiligen Worte. Gottes Wort soll nicht nur gelesen, sondern verinnerlicht werden. Es soll in Herz und Gedanken wohnen. 

Der Psalm vergleicht einen solchen Menschen mit einem Baum, gepflanzt an Wasserbächen. Dieses Bild berührt mich immer wieder. Ein Baum wächst langsam. Seine Kraft entsteht nicht über Nacht. Lange Zeit geschieht das Entscheidende unsichtbar unter der Oberfläche: Wurzeln breiten sich aus, suchen Wasser, finden Halt. 

Geistliches Wachstum geschieht ähnlich. Viele wünschen sich rasche Veränderungen oder spektakuläre geistige Erfahrungen. Doch der Herr wirkt häufig still. Tägliches Beten. Tägliches Schriftstudium. Wöchentliche Abendmahlsversammlung. Kleine Akte des Dienens. Unscheinbare Entscheidungen der Treue. Gerade diese beständigen Gewohnheiten bilden die Wurzeln, die uns tragen, wenn Stürme kommen. 

Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt bezeugt, dass Offenbarung nicht gewöhnlich in Augenblicken geistlicher Hast empfangen wird, sondern dort, wo Menschen sich regelmäßig Zeit nehmen, den Herrn zu suchen. Besonders eindrucksvoll war sein weltweiter Aufruf, das eigene geistliche Fundament durch tägliche Umkehr und persönliche Offenbarung zu stärken. Viele Mitglieder berichteten später, wie gerade diese kleinen, beständigen Gewohnheiten ihnen in den Unsicherheiten der Pandemie Halt gaben. Siehe “Offenbarung für die Kirche, Offenbarung für unser Leben”. 

Psalm 2 erweitert diese Perspektive. Die Völker toben, die Nationen lehnen sich gegen Gott auf und glauben, unabhängig von ihm Freiheit zu finden. Doch mitten in dieser Unruhe spricht Gott von seinem König: „Ich habe meinen König eingesetzt auf Zion.“ (Psalm 2:6

Für die ersten Christen erfüllte sich dieser Psalm in Jesus Christus. Er ist der wahre Gesalbte, der Messias. Die Welt konnte ihn verwerfen, verspotten und kreuzigen – dennoch blieb Gottes Plan bestehen. Christus lebt. Er regiert. Sein Reich wird letztlich triumphieren. 

Gerade deshalb endet Psalm 2 mit einer Einladung voller Hoffnung: „Wohl allen, die auf ihn trauen!“ (Psalm 2:12

Bemerkenswert ist, dass das Psalmenbuch nicht mit einer Forderung beginnt, sondern mit einer Verheißung. Glückseligkeit, Segen, geistliche Stabilität – all dies findet sich nicht in Selbstgenügsamkeit, nicht in Popularität, nicht in gesellschaftlicher Anerkennung. Es findet sich im Vertrauen auf Christus. 

Eine ähnliche Einladung begegnet uns im Buch Mormon. Nephi beschreibt den Baum des Lebens und die eiserne Stange, die zum Baum führt (siehe 1 Nephi 8). Auch dort stehen Menschen vor unterschiedlichen Stimmen und Wegen. Einige halten sich fest und gelangen zur Frucht. Andere lassen los, weil sie von Spott oder Ablenkungen beeinflusst werden. Wie in Psalm 1 entscheidet letztlich die Frage, woran wir uns festhalten. 

Auch Henoch sah in einer Zeit großer Gottlosigkeit den Herrn und blieb trotz widriger Umstände treu. Obwohl er sich zunächst für ungeeignet hielt, machte Gottes Gegenwart aus einem unsicheren Menschen einen Propheten (siehe Mose 6:31-34). 

Vielleicht lädt uns Psalm 1 heute ein, unser eigenes Leben zu betrachten. Welche Stimmen prägen mein Denken? Wo suche ich Rat? Was nährt meine Seele? Welche Wurzeln wachsen gerade in meinem Herzen? 

Und vielleicht lädt uns Psalm 2 ein, eine noch tiefere Frage zu stellen: Wer ist mein König? 

Denn am Ende geht es nicht nur um richtige Entscheidungen. Es geht um eine Beziehung. Es geht darum, Jesus Christus zum Mittelpunkt des Lebens zu machen. Wer ihm vertraut, wird Stürme erleben – aber er wird nicht entwurzelt werden. 

Ich habe selbst erlebt, dass die Zeiten größten geistlichen Wachstums selten die spektakulären Momente waren. Viel häufiger waren es die stillen Tage des beharrlichen Schriftstudiums, des Gebets und des geduldigen Wartens auf den Herrn. Gerade in solchen Zeiten habe ich erfahren, dass Christus tatsächlich die Quelle lebendigen Wassers ist. Er trägt, stärkt und führt. Deshalb möchte auch ich weiterhin auf ihn harren.

Samstag, 15. August 2026

Ich harre auf ihn

 

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“Nur durch Hörensagen hatte ich von dir vernommen, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.” (Hiob 42:5

Hiob 42 

Ijob hatte lange auf Gott gewartet. Er hatte gerufen, gefragt, geklagt und gerungen. Er hatte versucht zu verstehen, warum sein Leben in so kurzer Zeit zerbrochen war. Seine Freunde hatten ihm Erklärungen gegeben, doch keine davon konnte sein Leid wirklich erklären. Ijob selbst hatte Gott immer wieder gesucht – manchmal voller Vertrauen, manchmal voller Verzweiflung. Und nun geschieht etwas, worauf er lange gewartet hat: Gott spricht. 

Doch Gottes Antwort ist anders, als Ijob vielleicht erwartet hatte. Der Herr erklärt ihm nicht, warum er leiden musste. Er nennt keinen verborgenen Grund, keine himmlische Absprache und keine Rechtfertigung für das Geschehene. Stattdessen lenkt er Ijobs Blick auf die Größe seiner Schöpfung. Er fragt: „Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ (Ijob 38:4). Er spricht von den Grenzen des Meeres, vom Licht und von der Finsternis, von den Sternen, den Tieren und den geheimnisvollen Ordnungen seiner Schöpfung. 

Ijob erhält nicht die Antwort auf seine Frage nach dem „Warum“. Aber er begegnet dem, auf den er gewartet hat. 

Und genau darin liegt vielleicht die tiefste Botschaft dieses Buches. 

Manchmal denken wir, unser Glaube werde dadurch gestärkt, dass Gott unsere Fragen beantwortet. Doch Ijob erfährt etwas anderes: Sein Glaube wird dadurch vertieft, dass er Gott selbst erkennt. Die Antwort ist nicht eine Erklärung. Die Antwort ist eine Begegnung. 

Deshalb sagt Ijob am Ende: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen gehört; jetzt aber hat mein Auge dich gesehen.“ (Ijob 42:5). Er kannte Gott schon vorher. Er hatte ihm vertraut, ihm gedient und ihn verehrt. Aber nun ist aus dem Wissen über Gott eine tiefere persönliche Erkenntnis geworden. 

Das ist ein bemerkenswerter Unterschied. Man kann vieles über Gott wissen und ihn dennoch neu kennenlernen, wenn man durch eine schwere Zeit gegangen ist. Man kann die Geschichten der Heiligen Schrift kennen, Zeugnisse anderer hören und selbst viele Erfahrungen mit dem Herrn gemacht haben. Doch manche Erkenntnisse entstehen erst dort, wo wir keine eigenen Antworten mehr haben und trotzdem nicht aufhören, uns Gott zuzuwenden. 

Ijob hat genau das getan. 

Dabei ist bemerkenswert, dass seine Begegnung mit Gott ihn nicht stolz macht, sondern demütig. Er antwortet: „Darum widerrufe ich und bereue in Staub und Asche.“ (Ijob 42:6). Er erkennt, wie begrenzt sein eigenes Verständnis gewesen ist. Das bedeutet nicht, dass seine Klage falsch gewesen wäre. Gott hatte Ijob ja nicht dafür verurteilt, dass er ehrlich gerungen hatte. Im Gegenteil: Später sagt der Herr zu Ijobs Freunden, dass sie nicht recht von ihm geredet hatten wie Ijob, sein Knecht (vgl. Ijob 42:7). 

Damit wird etwas Wichtiges deutlich: Gott erwartet von uns keine künstliche Frömmigkeit. Ijob musste sein Leid nicht schönreden. Er durfte fragen. Er durfte klagen. Er durfte sogar sagen, dass er Gottes Handeln nicht verstand. Entscheidend war, dass er trotz all dieser Fragen die Beziehung zu Gott nicht aufgab. 

Vielleicht ist das auch eine wichtige Unterscheidung für unser eigenes Leben. Glaube bedeutet nicht, keine Fragen zu haben. Glaube bedeutet, mit unseren Fragen bei Gott zu bleiben. 

Ijob hatte Gott nicht verstanden – aber er hatte Gott nicht losgelassen. 

Und dann geschieht noch etwas Erstaunliches. Der Herr fordert Ijob auf, für seine Freunde zu beten. Ausgerechnet für diejenigen, die ihn in seinem Leid mit falschen Erklärungen belastet hatten. Ijob hätte allen Grund gehabt, sich von ihnen abzuwenden. Stattdessen tritt er für sie ein. 

Hier zeigt sich, dass die Begegnung mit Gott sein Herz verändert hat. Wer selbst Barmherzigkeit erfahren hat, kann Barmherzigkeit weitergeben. Ijob wird vom Leidenden zum Fürbitter. 

Vielleicht gehört auch das zum Harren auf Gott: Wir warten nicht nur darauf, dass Gott unsere eigene Situation verändert. Manchmal verändert Gott während unseres Wartens zuerst unser Herz. 

Ijob bekommt schließlich sein Leben zurück. Der Herr wendet sein Geschick, und Ijob erhält wieder Besitz, Familie und ein langes Leben. Doch diese Wiederherstellung sollte man nicht als einfache Formel verstehen: „Wenn du nur lange genug ausharrst, wird Gott dir alles zurückgeben.“ Das wäre eine Botschaft, die dem Buch Ijob nicht gerecht würde. Viele Menschen erleben in diesem Leben keine vollständige Wiederherstellung dessen, was sie verloren haben. Manche Gebete werden anders beantwortet, als wir hoffen. Manche Wunden bleiben. 

Die eigentliche Wiederherstellung Ijobs hatte deshalb schon begonnen, bevor sein Besitz zurückkehrte. 

Sie begann in dem Augenblick, als er Gott begegnete. 

Das ist vielleicht die tiefste Bedeutung des Titels dieser Reihe: „Ich harre auf ihn.“ Ijob harrte nicht einfach auf bessere Umstände. Er harrte auf den Herrn. Und als der Herr schließlich zu ihm sprach, entdeckte Ijob, dass Gott die ganze Zeit größer gewesen war als sein eigenes Verständnis. 

Auch wir kennen solche Zeiten. Wir warten auf eine Veränderung, auf Heilung, auf eine Lösung, auf eine Antwort. Wir beten vielleicht über lange Zeit für etwas, das uns wichtig ist. Manchmal verändert sich die Situation. Manchmal geschieht es anders als erwartet. Und manchmal bleibt die ersehnte Antwort aus. 

Dann kann Ijobs Zeugnis zu unserem eigenen werden: „Jetzt aber hat mein Auge dich gesehen.“ 

Vielleicht bedeutet geistliche Reife nicht, dass wir auf alle Fragen eine Antwort bekommen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, dass wir auch ohne Antworten sagen können: Ich kenne den, auf den ich harre. 

Das Leben des Propheten Joseph Smith enthält eine Erfahrung, die daran erinnert. Während seiner Gefangenschaft im Gefängnis zu Liberty schien Gott weit entfernt zu sein. Joseph fragte: „O Gott, wo bist du?“ Doch die Antwort des Herrn bestand nicht darin, ihm jede Schwierigkeit zu erklären. Gott sprach ihm Frieden zu und verhieß, dass seine Bedrängnisse nur einen kleinen Augenblick dauern würden, wenn er gut darin ausharre. Er erklärte ihm: „Alle diese Dinge werden dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen.“ (Lehre und Bündnisse 122:7) Die Prüfung sollte nicht das letzte Wort haben. 

Auch Präsident Russell M. Nelson hat immer wieder dazu eingeladen, gerade in Zeiten der Unsicherheit auf den Herrn zu hören und persönliche Offenbarung zu suchen. In seiner Ansprache Ihn höre! während der weltweiten Unsicherheit im Jahr 2020 erinnerte er daran, dass wir gerade dann Führung brauchen, wenn wir nicht wissen, was vor uns liegt. Wer lernt, die Stimme des Herrn zu hören, kann auch in schwierigen Umständen erkennen, wie er weitergehen soll. 

So endet das Buch Ijob nicht eigentlich mit Reichtum, sondern mit Erkenntnis. Ijob hat gelernt, dass Gott größer ist als seine Fragen, größer als sein Leid und größer als sein eigenes Verständnis. 

Und vielleicht ist das auch für uns die entscheidende Lektion des Harrens: Wir warten nicht vergeblich, wenn wir auf den Herrn warten. Selbst wenn sich unsere Umstände nicht sofort verändern, kann sich während des Wartens etwas in uns verändern. Unser Blick kann klarer werden. Unser Vertrauen kann tiefer werden. Unser Herz kann barmherziger werden. Und unsere Beziehung zu Gott kann wachsen. 

Ijob verlor vieles. Aber am Ende hatte er etwas gewonnen, das größer war als alles, was ihm genommen worden war: eine tiefere Erkenntnis Gottes. 

Darum können auch wir sagen: 

Ich harre auf ihn. Nicht weil ich alle Antworten kenne, sondern weil ich weiß, auf wen ich warte. 

Und vielleicht wird eines Tages auch unser eigenes Zeugnis lauten: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen gehört; jetzt aber hat mein Auge dich gesehen.“ 

Persönliches Zeugnis 

Ich glaube, dass der Herr uns nicht immer erklärt, warum bestimmte Wege durch unser Leben führen. Aber ich glaube ebenso fest daran, dass er uns auf diesen Wegen nicht verlässt. Manches verstehe ich erst im Rückblick, manches vielleicht erst in der Ewigkeit. Doch ich habe gelernt, dass Vertrauen nicht bedeutet, alle Antworten zu besitzen. Vertrauen bedeutet, mich auch dann an den Herrn zu halten, wenn ich die Antwort noch nicht sehe. Deshalb möchte ich mit Ijob sagen: Ich harre auf ihn. Ich glaube, dass seine Weisheit größer ist als meine und dass seine Liebe auch dort gegenwärtig ist, wo ich sie im Augenblick nicht erkennen kann.

Freitag, 14. August 2026

Wenn Gott spricht

 

„Die Säulen der Schöpfung“
Foto: dpa/Space Telescope Science Institut

„Wo warst du, als ich die Erde baute? Sprich es aus, wenn du Einsicht besitzest (oder: Bescheid weißt)!” (Hiob 38:4

Hiob 38, 39 und 40 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen Worte verstummen. Nachdem wir lange gebetet, gerungen und gefragt haben, bleibt irgendwann nur noch Schweigen zurück. So erging es auch Hiob. 

Über viele Kapitel hinweg hatte er geklagt, argumentiert und mit seinen Freunden gerungen. Er hatte nach Gründen gesucht, nach Erklärungen verlangt und Gott aufgefordert, ihm Antwort zu geben. Warum musste all dies geschehen? Weshalb dieses Leid? Wo war die Gerechtigkeit Gottes geblieben? 

Dann geschieht etwas Unerwartetes. 

„Da antwortete der Herr dem Hiob aus dem Sturm“ (Hiob 38:1). 

Nicht Hiob eröffnet das Gespräch. Nicht seine Freunde. Gott selbst spricht. 

Der Herr erscheint nicht in einem sanften Flüstern, sondern im Sturm. Schon diese Szene erinnert daran, dass Gott größer ist als menschliche Vorstellungen. Der Sturm steht in den heiligen Schriften oft für göttliche Majestät. Als Israel am Sinai stand, waren Donner, Blitz und Wolken gegenwärtig. Als Nephi die Stimme des Herrn hörte, kam sie nach Wind, Erdbeben und Feuer. Auch hier begegnet Hiob einem Gott, der weder berechenbar noch kontrollierbar ist. 

Und doch überrascht uns Gottes Antwort. 

Er erklärt Hiob nicht die himmlischen Hintergründe seines Leidens. Er berichtet nichts vom Rat im Himmel. Er erläutert nicht die Gespräche mit dem Widersacher. Er beantwortet keine einzige der großen Warum-Fragen. 

Stattdessen stellt Gott Fragen. 

„Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ 

„Wer hat dem Meer seine Grenzen gesetzt?“ 

„Kannst du die Sterne binden?“ 

„Hast du dem Morgen geboten?“ 

Eine Frage folgt der anderen. Fast vier Kapitel lang. 

Auf den ersten Blick mag dies hart erscheinen. Doch Gottes Ziel ist nicht, Hiob zu demütigen. Der Herr lädt ihn ein, die Perspektive zu wechseln. Hiob hatte die Welt aus dem Blickwinkel seines Schmerzes betrachtet. Nun richtet Gott seinen Blick auf die Größe der Schöpfung. 

Kapitel 38 entfaltet ein gewaltiges Panorama. Gott spricht von den Fundamenten der Erde, von den Meeren, vom Morgenlicht, von Schnee und Hagel, von Sternbildern und Naturgewalten. Alles gehorcht seinem Wort. 

Die Botschaft ist eindeutig: Gott ist der Schöpfer. 

Er allein hält die Welt in seinen Händen. 

Wir Menschen können vieles verstehen, berechnen und gestalten. Doch wir kontrollieren weder den Lauf der Sterne noch die Entstehung des Lebens. Wir bestimmen nicht den Wechsel der Jahreszeiten und vermögen keinen einzigen Sonnenaufgang hervorzubringen. 

Hiob wird nicht klein gemacht. Er wird an seinen wahren Platz erinnert. 

Dasselbe gilt für uns. 

Wir leben in einer Zeit, die von Kontrolle geprägt ist. Wir planen unsere Tage, sichern uns gegen Risiken ab, verwalten Termine, Finanzen und Zukunftspläne. Vieles davon ist notwendig und gut. Doch manchmal entsteht die Illusion, wir könnten unser Leben vollständig beherrschen. 

Dann kommt Krankheit. 

Ein Verlust. 

Eine unerwartete Diagnose. 

Eine zerbrechende Beziehung. 

Plötzlich erkennen wir, wie begrenzt unsere Möglichkeiten tatsächlich sind. 

Die Erfahrung Hiobs erinnert uns daran, dass Geschöpfsein keine Schwäche ist. Es ist unsere Bestimmung. Wir müssen nicht Gott sein. 

Kapitel 39 führt diesen Gedanken weiter. Der Herr richtet Hiobs Aufmerksamkeit auf die Tierwelt: die Steinböcke in den Bergen, die Hirschkühe, den Wildesel, den Strauß, das Pferd, den Adler. 

Viele dieser Tiere leben fern menschlicher Beobachtung. Niemand versorgt sie. Niemand überwacht sie. 

Und doch kennt Gott sie alle. 

Er weiß, wann die Gemsen ihre Jungen werfen. 

Er sorgt für Nahrung. 

Er bewahrt ihre Lebensräume. 

Er erhält das Leben selbst. 

Hier liegt ein tiefer Trost verborgen. 

Wenn Gott schon kein einziges Geschöpf übersieht – wie viel mehr sieht er dann seine Kinder? 

Der Erretter griff Jahrhunderte später genau diesen Gedanken auf: 

„Seht die Vögel des Himmels an.“ (Matthäus 6:26

Wenn unser himmlischer Vater die Spatzen ernährt und die Lilien kleidet, wird er seine Kinder nicht vergessen. 

Gerade in Zeiten des Leidens fühlen wir uns jedoch oft übersehen. Das Schweigen Gottes kann wie Verlassenheit erscheinen. Doch Hiob 39 lehrt eine andere Wahrheit: Gottes Fürsorge endet nicht dort, wo unser Verständnis endet. 

Viele Jahre nach der Wiederherstellung erlebten die Mitglieder der Kirche während der weltweiten COVID-19-Pandemie etwas Ähnliches. Versammlungen wurden ausgesetzt, Tempel geschlossen, Zukunftspläne zerbrachen. Vieles schien unsicher. Dennoch berichteten zahllose Mitglieder auf der ganzen Welt, dass sie gerade in dieser Zeit Gottes sorgende Hand auf neue Weise erkannten – durch häusliche Abendmahlsversammlungen, persönliche Offenbarung und stärkere familiäre Beziehungen. Präsident Russell M. Nelson sprach wiederholt davon, dass der Herr sein Werk selbst unter schwierigen Umständen voranbringt und seine Kinder führt. Gerade in einer Zeit weltweiter Unsicherheit lernten viele neu, dass Gott die Kontrolle nicht verloren hatte. Er blieb der Herr seiner Kirche. 
Weitere Informationen finden sich in der offiziellen Kirchengeschichte und den Berichten der Kirche: Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sowie in Präsident Nelsons Botschaften: Generalkonferenzansprachen von Russell M. Nelson 

Schließlich gelangen wir zu Kapitel 40

Hier spricht Gott noch direkter: 

„Will der Tadler mit dem Allmächtigen rechten?“ (Hiob 40:2

Hiob hatte Gott nicht bewusst herausfordern wollen. Doch in seinem Schmerz war er stellenweise an den Punkt gelangt, an dem er Gottes Handeln beurteilen wollte. 

Auch dies kennen wir. 

Wir fragen: Warum greift Gott nicht ein? Warum heilt er nicht? Warum verhindert er dieses Unglück nicht? 

Solche Fragen sind menschlich. Die heiligen Schriften verurteilen sie nicht. Selbst Hiob wird am Ende nicht verworfen. 

Aber Kapitel 40 erinnert uns daran, dass wir niemals den gesamten Plan überblicken. 

Nur Gott ist Richter. 

Nur Gott kennt Anfang und Ende. 

Nur Gott sieht das große Ganze. 

Wir hingegen sehen oft nur einen kleinen Ausschnitt. 

Deshalb lautet die große Botschaft dieser Kapitel: 

Gott ist Schöpfer, Erhalter und Richter. Wir sind seine Geschöpfe. 

Und gerade darin liegt unsere Ruhe. 

Denn wenn Gott wirklich Gott ist, dann muss nicht alles von uns abhängen. 

Wir müssen nicht jede Entwicklung kontrollieren. 

Wir müssen nicht jede Frage beantworten können. 

Wir müssen nicht jede Zukunft kennen. 

Wir dürfen vertrauen. 

Vielleicht ist dies die eigentliche Wende im Buch Hiob. Nicht die Erklärung seines Leidens bringt Frieden. Sondern die Begegnung mit dem lebendigen Gott. 

Auch unser Friede entsteht letztlich nicht dadurch, dass wir alle Antworten erhalten. Er wächst, wenn wir erkennen, wer Gott ist. 

Gott ist groß. 

Und das ist unsere Ruhe. 

Ich bezeuge, dass unser himmlischer Vater lebt. Er ist der Schöpfer dieser Welt, ihr Erhalter und ihr gerechter Richter. Seine Weisheit übersteigt unser Verstehen, und seine Fürsorge reicht weiter, als wir oft erkennen können. Ich weiß, dass wir ihm vertrauen dürfen – selbst dann, wenn Fragen offenbleiben. Jesus Christus lebt. In ihm finden wir Halt, wenn unsere eigene Kraft nicht ausreicht. Und ich habe erfahren, dass die Erkenntnis von Gottes Größe nicht Angst hervorbringt, sondern Frieden. Gerade weil Gott größer ist als wir, dürfen wir ruhen. Im Namen von Jesus Christus. Amen.

Donnerstag, 13. August 2026

Fragen ohne Antworten

 

(Bildquelle)

“Er kennt ja doch den von mir eingehaltenen Weg (= Wandel), und prüfte er mich: — wie Gold aus der Schmelze würde ich hervorgehen!” (Hiob 23:10

Hiob 21, 22, 23 und 24 

Es gibt Fragen, die sich nicht leicht beantworten lassen. Manche entstehen in stillen Stunden des persönlichen Leids. Andere werden geboren, wenn wir die Welt um uns herum betrachten. 

Warum leiden gerechte Menschen? Warum scheint Gott manchmal zu schweigen? Warum erleben Menschen, die ehrlich dienen und glauben, Prüfungen, während andere, die sich nicht um Gott kümmern, scheinbar ungehindert Erfolg haben? 

Diese Fragen sind so alt wie die Menschheit selbst. 

Hiob stellt sie mit bemerkenswerter Offenheit. In den Kapiteln 21 bis 24 erreichen seine inneren Kämpfe einen neuen Höhepunkt. Er blickt nicht mehr nur auf seinen eigenen Schmerz. Er schaut hinaus in die Welt und erkennt etwas, das ihn zutiefst erschüttert: Die Wirklichkeit entspricht oft nicht seinen Erwartungen von göttlicher Gerechtigkeit. 

„Warum leben die Gottlosen, werden alt und nehmen an Kraft zu?“ (Hiob 21:7

Hiob beobachtet Menschen, die Gott verwerfen und dennoch Wohlstand genießen. Ihre Häuser sind sicher. Ihre Herden vermehren sich. Ihre Familien gedeihen. Sie sterben in Frieden. Für Hiob scheint dies im völligen Widerspruch zu dem zu stehen, was seine Freunde behaupten. 

Eliphas, Bildad und Zophar vertreten eine einfache Theologie: Gerechte werden gesegnet, Gottlose bestraft. Wer leidet, muss gesündigt haben. 

Doch Hiob weiß aus eigener Erfahrung, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. 

Er selbst hat Gott gedient. Er hat Opfer dargebracht. Er war gerecht und barmherzig. Dennoch sitzt er nun in Asche. 

Hiob wagt es deshalb, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen: Das Leben folgt nicht immer den Mustern, die wir erwarten. 

Viele Gläubige kennen diesen Konflikt. 

Wir beten um Heilung – und die Krankheit bleibt. 

Wir fasten für einen geliebten Menschen – und verlieren ihn dennoch. 

Wir bemühen uns treu zu leben – und erleben dennoch Enttäuschungen, Einsamkeit oder Ungerechtigkeit. 

In solchen Augenblicken können Fragen entstehen, die tief gehen. 

Manchmal erschrecken uns diese Fragen. Wir meinen vielleicht, echter Glaube dürfe keine Zweifel kennen. 

Doch das Buch Hiob zeigt etwas anderes. 

Der Herr tadelt Hiob nie dafür, dass er Fragen stellt. 

Hiob klagt. Er ringt. Er versteht vieles nicht. Er spricht Worte voller Schmerz. Aber mitten in all dem hält er an Gott fest. 

Gerade das macht seinen Glauben so bemerkenswert. 

Glaube bedeutet nicht, auf jede Frage bereits eine Antwort zu besitzen. 

Glaube bedeutet oft, Gott weiterhin zu vertrauen, obwohl Antworten fehlen. 

Der Leitvers dieses Essays gehört zu den schönsten Glaubensaussagen der Heiligen Schrift: 

„Er aber kennt meinen Weg; er prüfe mich, so werde ich hervorgehen wie Gold.“(Hiob 23:10

Bemerkenswert ist, dass Hiob diese Worte nicht am Ende seiner Prüfungen spricht. Er spricht sie mitten im Dunkel. 

Er weiß nicht, warum er leidet. 

Er kennt den Ausgang seiner Geschichte nicht. 

Er sieht keinen Sinn in seinen Verlusten. 

Aber er weiß eines: Gott kennt seinen Weg. 

Vielleicht liegt hierin ein Schlüssel für unseren eigenen Glauben. 

Wir verstehen nicht immer den Weg. 

Aber der Herr versteht ihn. 

Wir sehen oft nur die gegenwärtige Prüfung. 

Der Herr sieht das Ende von Anfang an. 

Wir erleben die Hitze des Schmelzofens. 

Der Herr sieht bereits das gereinigte Gold. 

Ein ähnliches Muster finden wir immer wieder in den heiligen Schriften. 

Alma und Amulek predigten mit großer Macht in Ammoniha. Dennoch wurden die gläubigen Frauen und Kinder verbrannt. Amulek fragte erschüttert, warum Gott dies zulasse. Alma erhielt keine vollständige Erklärung. Er wusste lediglich, dass Gott die Opfer zu sich nehmen würde und dass ihre Leiden eines Tages Zeugnis gegen die Schuldigen sein würden (siehe Alma 14). 

Auch dort blieb die große Frage zunächst unbeantwortet. 

Dennoch gingen Alma und Amulek weiter im Glauben voran. 

Ein weiteres Beispiel finden wir im Leben von Joseph in Ägypten. Verraten von seinen Brüdern, als Sklave verkauft und zu Unrecht eingesperrt, hätte Joseph allen Grund gehabt, an Gottes Gerechtigkeit zu zweifeln. Erst viele Jahre später erkannte er, wie Gott selbst durch menschliches Unrecht größere Segnungen vorbereitete (siehe 1 Mose 37–50). 

Auch in der neueren Geschichte der Kirche finden sich solche Erfahrungen. 

Ein modernes Beispiel für solches Vertrauen schilderte Präsident Russell M. Nelson. Während eines Besuchs in Tonga hatten Mitglieder gefastet und gebetet, dass eine große Versammlung im Freien vom Regen verschont bleiben möge. Anders als auf anderen Inseln hörte der Regen jedoch nicht auf. Dennoch harrten Tausende treuer Heiliger geduldig aus. Präsident Nelson sprach später von „Glauben, groß genug, den Regen aufzuhalten, und Glauben, auszuharren, wenn der Regen nicht aufhörte“. Manchmal besteht wahrer Glaube nicht darin, dass alle Fragen beantwortet oder alle Schwierigkeiten sofort beseitigt werden. Manchmal zeigt sich Glaube gerade darin, weiterzugehen, obwohl der Himmel schweigt. (Christus ist auferstanden; Glaube an ihn versetzt Berge; vergleiche Hiob 23:10

Besonders eindrucksvoll schilderte Elder Patrick Kearon in seiner Generalkonferenzansprache „Willkommen zu Hause“, dass viele Menschen in ihrem Leben Zeiten erleben, in denen sie sich verirrt, verlassen oder unbeantworteten Fragen gegenübersehen. Dennoch bleibt die Einladung Christi bestehen, zu ihm zu kommen und bei ihm Frieden zu finden. Ansprache „Willkommen zu Hause“ von Patrick Kearon 

Vielleicht besteht eine der größten geistlichen Herausforderungen darin, Gottes Charakter zu vertrauen, auch wenn wir Gottes Wege nicht verstehen. 

Hiob konnte die himmlischen Ereignisse hinter seinem Leid nicht sehen. Er wusste nichts von den Gesprächen zwischen Gott und dem Widersacher. Der Vorhang blieb geschlossen. 

Auch uns bleibt vieles verborgen. 

Wir wissen nicht, warum manche Gebete scheinbar sofort beantwortet werden und andere nicht. 

Wir wissen nicht, warum manche Prüfungen schnell enden und andere ein Leben lang andauern. 

Doch wir wissen, wer Gott ist. 

Wir kennen seinen Sohn Jesus Christus. 

Der Erretter selbst schritt den Weg unbeantworteter Fragen. Im Garten Getsemani bat er darum, dass der Kelch vorübergehen möge. Am Kreuz rief er aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auch Christus ging durch eine Erfahrung tiefster Dunkelheit. 

Gerade deshalb kann er uns vollkommen verstehen. 

Vielleicht werden wir manche Antworten erst jenseits dieses Lebens erhalten. 

Bis dahin lädt uns Hiob ein, trotz ungelöster Fragen festzuhalten: 

„Er kennt meinen Weg.“ 

Das genügte Hiob, um weiterzugehen. 

Und vielleicht genügt es auch uns. 

Mein Zeugnis 

Ich bezeuge, dass der Vater im Himmel unsere Wege kennt, auch wenn wir sie selbst nicht verstehen. Ich glaube, dass keine Träne unbeachtet bleibt und keine Prüfung sinnlos ist. Oft erkennen wir erst rückblickend, wie der Herr uns getragen, geformt und näher zu sich geführt hat. Ich weiß, dass Jesus Christus unsere Fragen, unsere Zweifel und unsere Schmerzen kennt. Weil er lebt, dürfen wir ihm auch dann vertrauen, wenn Antworten noch ausstehen. Und ich habe erfahren, dass gerade in Zeiten unbeantworteter Fragen die tiefsten Wurzeln des Glaubens wachsen können.