Mittwoch, 4. November 2026

Ich selbst will meine Schafe suchen

 

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„Denn so hat Gott der HErr gesprochen: „Wisset wohl, ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich ihrer annehmen.“ (Ezechiel 34:11) 

Ezechiel 34 

Was geschieht, wenn Menschen versagen, auf die wir vertraut haben? Wenn jemand, von dem wir erwartet hätten, dass er uns schützt, uns übersieht? Wenn ein geistlicher Führer mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit den Menschen, für die er Verantwortung trägt? Wenn wir enttäuscht werden, verletzt zurückbleiben oder uns schließlich sogar von der Gemeinschaft entfernen? 

Ezechiel 34 gibt darauf eine Antwort, die zunächst wie ein Gerichtswort klingt und doch zu einer der tröstlichsten Verheißungen des Alten Testaments wird. 

Gott spricht gegen die Hirten Israels. Sie haben ihre Aufgabe vergessen. Sie haben sich selbst geweidet, aber nicht die Herde. Sie haben die Milch getrunken, sich mit der Wolle bekleidet und die besten Tiere geschlachtet, aber die Schwachen nicht gestärkt, die Kranken nicht geheilt, die Verwundeten nicht verbunden und die Verlorenen nicht gesucht. Deshalb zerstreute sich die Herde. 

Es ist bemerkenswert, dass Gott das Versagen der Hirten nicht kleinredet. Er sagt nicht: „Das war eben menschlich.“ Er sagt nicht: „Du musst darüber hinwegsehen.“ Gott nimmt ernst, wenn Menschen verletzt werden, weil diejenigen, die ihnen hätten dienen sollen, es nicht getan haben. 

Und dann geschieht etwas Erstaunliches. 

Gott sagt nicht: Dann ist es eben vorbei. 

Er sagt: „Ich selbst will meine Schafe suchen.“ 

Das ist der Wendepunkt. 

Wenn menschliche Hirten versagen, gibt Gott seine Schafe nicht auf. 

Die Kirche Jesu Christi lehrt uns nicht, dass Menschen unfehlbar sind. Im Gegenteil: Jeder, der eine Berufung trägt, bleibt ein Mensch mit Schwächen, blinden Flecken und eigenen Herausforderungen. Aber hinter allen menschlichen Berufungen steht ein Hirte, der vollkommen ist. Die Kirche ist nicht deshalb sicher, weil jeder Mensch, der dient, vollkommen wäre. Sie ist sicher, weil Jesus Christus der eigentliche Hirte ist. 

Die heiligen Schriften verbinden Ezechiel 34 deshalb unmittelbar mit Christus. Der Herr verheißt: „Ich werde über sie einen einzigen Hirten einsetzen … meinen Knecht David.“ (Ezechiel 34:23). Damit ist nicht der längst verstorbene König David gemeint, sondern der verheißene Nachkomme Davids: Jesus Christus.  

Psalm 23 hatte diesen Gedanken bereits ausgesprochen: „Der Herr ist mein Hirte.“ Jesaja sah ihn voraus: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und an seinem Busen tragen.“ Und Jesus selbst sagt später: „Ich bin der gute Hirt.“ 

Ezechiel beschreibt dann ganz konkret, was dieser gute Hirte tut: Er sucht, er kümmert sich, er sammelt, er führt auf gute Weide, er bringt das Vertriebene zurück, er verbindet das Verletzte und stärkt das Kranke.  

Das ist mehr als ein schönes Bild. Es beschreibt Gottes Umgang mit Menschen. 

Vielleicht bist du nicht verloren, weil du rebelliert hast. Vielleicht bist du verloren gegangen, weil du verletzt wurdest. 

Vielleicht hast du dich nicht von Gott entfernt, weil du ihn nicht mehr liebst. Vielleicht hast du dich zurückgezogen, weil jemand, der in seinem Namen handeln sollte, dich enttäuscht hat. 

Ezechiel sagt: Auch dann bist du nicht vergessen. 

Gott macht einen Unterschied zwischen dem verlorenen und dem vertriebenen Schaf. Das eine ist vielleicht selbst davongelaufen; das andere wurde zerstreut. Für den guten Hirten sind beide wichtig. Er fragt nicht zuerst: „Wer ist schuld?“ Er sucht. 

Diese Wahrheit begegnet uns auch im Buch Mormon. Alma beschreibt Menschen, die „wie Schafe ohne Hirten“ vom Weg abgekommen sind. Und dann sagt er: „Der gute Hirte ruft euch; ja, und in seinem eigenen Namen ruft er euch, nämlich im Namen Christi.“  (Alma 5:37-38) 

Christus ruft persönlich. 

Das ist vielleicht einer der schönsten Gedanken dieses Kapitels. Der Hirte kennt nicht nur die Herde. Er kennt die einzelnen Schafe. 

In einer Ansprache über Ezechiel 34 wurde die Geschichte eines alten Hirten erzählt, der ein verletztes Schaf aufnahm und immer wieder über dessen Kopf strich. Als der Übersetzer erklärte, was er zu dem Tier sagte, lautete die Antwort: Er nannte es beim Namen. Denn ein guter Hirte kenne jedes seiner Schafe beim Namen. “Lost and Found” Mark Alden Callister. 

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer Organisation und dem Evangelium Jesu Christi: Für Gott bist du keine Nummer in einer Herde. Du bist ein Mensch, den er kennt. 

Das wird besonders deutlich, wenn wir in die neuere Kirchengeschichte schauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Heiligen in Deutschland in einer geradezu erschütternden Situation. Mehr als 600 deutsche Mitglieder waren getötet worden, 2.500 wurden vermisst, viele waren obdachlos, und fast jedes Kirchengebäude war zerstört.  

Und doch war die Herde nicht vergessen. 

Ein beeindruckendes Beispiel sind Ilse und Herbert Kaden in Ostdeutschland. Herbert kehrte 1945 aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager zurück. Die Familie musste ihre Wohnung verlassen; politische Unsicherheit und wirtschaftliche Not bestimmten ihr Leben. Dennoch blieben die Kadens in Ostdeutschland. Herbert sagte später rückblickend: Wenn alle Mitglieder in den Westen gegangen wären, hätte es dort keine Kirche und keinen Tempel gegeben. Schließlich dienten beide im Freiberg-Tempel und später als Tempelmissionare. BYU Studies – Ilse und Herbert Kaden, „Behind the Iron Curtain“ 

Man könnte sagen: In einer Zeit, in der vieles auseinanderfiel, wurden manche Menschen selbst zu Hirten füreinander. 

Das ist die zweite Seite von Ezechiel 34. Nachdem Gott sagt, „Ich selbst will meine Schafe suchen“, beschreibt er zugleich, was seine Hirten tun sollen. Wer Christus nachfolgt, wird nicht zum Besitzer der Herde, sondern zu einem Unterhirten. Wir gehören Christus nicht, weil wir andere kontrollieren, sondern weil wir ihnen helfen, seine Stimme wiederzuerkennen. 

Elder Mark Alden Callister hat in einer BYU-Andacht genau dieses Bild aufgegriffen. Er beschreibt Menschen, die durch liebevollen Dienst zu „Unterhirten“ werden: Sie suchen die Verirrten, helfen ihnen aus der Wüste und führen sie wieder zu den lebendigen Wassern.  

Und vielleicht liegt hier die praktische Anwendung für uns. 

Wir können heute jemanden suchen. 

Nicht jemanden beurteilen – suchen. 

Wir können einen Anruf machen, den wir schon lange vor uns herschieben. Wir können jemanden nach langer Abwesenheit wieder einladen. Wir können zuhören, ohne sofort Antworten geben zu müssen. Wir können einem Verletzten nicht erklären, warum er sich nicht verletzt fühlen sollte, sondern zunächst einfach bei ihm bleiben. 

Vielleicht braucht jemand heute keine Predigt. 

Vielleicht braucht er einen Hirten. 

Einen Menschen, durch den er wieder spürt, dass der große Hirte ihn nicht vergessen hat. 

Deshalb führt die Suche des Hirten letztlich immer zu Christus. Menschliche Hirten können uns enttäuschen. Christus nicht. Menschen können uns übersehen. Christus kennt uns. Menschen können uns nicht finden. Christus weiß, wo wir sind. 

Und manchmal findet er uns gerade dort, wo wir selbst nicht mehr wissen, wie wir zurückkommen sollen. 

Das ist auch die Botschaft der Joseph-Smith-Übersetzung zu Jesu Gleichnis vom verlorenen Schaf. Dort wird die Suche noch eindringlicher beschrieben: Der Hirte geht dem Verlorenen „in die Wildnis nach, bis er es findet“ (JST Luke 15:4). Die Inspired Version enthält tatsächlich auch das Buch Ezechiel; die vergleichende Ausgabe weist allerdings nur bei bestimmten Versen textliche Abweichungen aus, während Ezechiel 34 nicht zu den dort hervorgehobenen Änderungen gehört. Gerade deshalb liegt die besondere Ergänzung hier weniger in einer veränderten Formulierung von Ezechiel 34 als in der Joseph-Smith-Übersetzung des Gleichnisses: Christus sucht nicht ungefähr. Er sucht bis er findet. 

Vielleicht ist das heute Gottes Wort an jemanden, der sich selbst bereits abgeschrieben hat: 

Du bist nicht vergessen. 

Du bist nicht zu weit entfernt. 

Du bist nicht nur eines von vielen Schafen. 

Der Hirte kennt deinen Namen. 

Und er sucht dich. 

Ich weiß, dass Jesus Christus wirklich der gute Hirte ist. Ich weiß, dass er auch dann nach uns sucht, wenn wir uns selbst nicht mehr zurechtfinden. Ich habe erlebt, dass seine Führung oft durch Menschen kommt, die zur richtigen Zeit anrufen, zuhören, helfen, trösten oder einfach bleiben. In solchen Augenblicken erkenne ich etwas von dem, was Ezechiel beschreibt: Gott lässt seine Schafe nicht los. Er sucht sie. Er sammelt sie. Er heilt ihre Wunden. Und er führt sie schließlich zu einer Weide, auf der ihre Seele wieder Frieden findet.

Dienstag, 3. November 2026

Ich habe dich zum Wächter gesetzt

 

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„Du nun, Menschensohn, — dich habe ich zum Wächter für das Haus Israel bestellt, damit du sie, wenn du ein Wort aus meinem Munde vernommen hast, in meinem Namen warnst.“ (Ezechiel 33:7) 

Ezechiel 33 

Ein Wächter steht auf einer erhöhten Stelle. Er sieht vielleicht etwas, das andere noch nicht erkennen können. Deshalb ist er dort. Nicht um über die Menschen unter ihm zu herrschen, sondern um ihnen zu dienen. Wenn Gefahr kommt, soll er warnen. 

Dieses Bild gibt Gott dem Ezechiel. Nach seiner Berufung erhält der Prophet eine besondere Verantwortung: Er soll Gottes Wort nicht nur empfangen, sondern es weitergeben. „Ich habe dich zum Wächter gesetzt.“ Damit wird aus Berufung Verantwortung. 

Und hier liegt eine wichtige geistliche Unterscheidung: Der Wächter ist verantwortlich dafür, zu warnen – aber nicht dafür, wie die Menschen auf seine Warnung reagieren. 

Wenn der Wächter das Schwert kommen sieht und die Trompete bläst, hat er seine Aufgabe erfüllt. Hört jemand die Warnung und entscheidet sich trotzdem gegen sie, trägt dieser Mensch die Verantwortung für seine Entscheidung. Schweigt der Wächter dagegen, obwohl er die Gefahr erkennt, trägt er Verantwortung dafür, dass die Menschen ungewarnt bleiben. 

Das ist auch für unser persönliches Leben bedeutsam. 

Wir können andere Menschen nicht zur Umkehr zwingen. Wir können unsere Kinder nicht glauben lassen. Wir können einen Freund nicht dazu bringen, auf einen geistigen Eindruck zu hören. Wir können niemandem die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden. Aber wir können treu sein. 

Wir können die Trompete blasen. 

Dabei kommt es allerdings darauf an, wie wir warnen. Ein Wächter Christi steht nicht stolz über den anderen. Er ist nicht besser, weil er eine Aufgabe empfangen hat. Er steht dort, weil ihm etwas anvertraut wurde. 

Deshalb verbindet sich geistliche Verantwortung immer mit Liebe. In Lehre und Bündnisse 121:41 wird erklärt, dass Einfluss nicht durch Zwang oder Herrschaft ausgeübt werden soll, sondern „durch Überredung, durch Langmut, durch Milde und Sanftmut und durch ungeheuchelte Liebe“. Selbst eine notwendige Zurechtweisung soll von einer Zunahme der Liebe begleitet sein. 

Das verändert die Bedeutung einer Warnung. 

Eine Warnung lautet dann nicht: „Ich weiß es besser als du.“ 

Sie kann vielmehr bedeuten: „Ich sehe etwas, das dir schaden könnte, und weil du mir wichtig bist, möchte ich es dir sagen.“ 

Auch Amulek spricht in Alma 34:31 mit dieser Haltung. Er fordert die Menschen zur Umkehr auf und erinnert sie daran: „Jetzt ist die Zeit und der Tag eurer Errettung.“ (Ezechiel 33:7). Seine Botschaft soll nicht Verzweiflung hervorrufen, sondern eine Entscheidung für das Leben ermöglichen. 

Und genau hier liegt vielleicht der überraschendste Gedanke in Ezechiel 33. Gott sagt: „Ich habe kein Wohlgefallen am Tode des Gottlosen, sondern daran, daß der Gottlose sich von seinem Wandel bekehrt und am Leben bleibt!“ 

Gott warnt nicht, weil er Freude am Gericht hat. 

Gott warnt, weil er Freude am Leben hat. 

Das verändert auch unseren Blick auf Gottes Gebote. Sie sind keine willkürlichen Einschränkungen unserer Freiheit. Sie sind Wegweiser. Wenn Gott sagt: „Kehre um“, dann bedeutet das nicht: „Ich will dich bestrafen.“ Es bedeutet: „Du musst diesen Weg nicht weitergehen. Es gibt einen Weg zurück.“ 

Ezechiel spricht diese Botschaft in einer Zeit, in der Jerusalem bereits vor dem Untergang steht. Und doch ist Gottes Herz nicht von Vergeltung erfüllt. Er ruft weiterhin zur Umkehr. 

Auch die Joseph Smith Translation bestätigt diesen Zusammenhang. In Ezechiel 18:32 bleibt die zentrale Aussage erhalten: Gott hat kein Wohlgefallen am Tod des Menschen, sondern ruft ihn auf, umzukehren und zu leben. Die Inspired Version liefert hier keine grundlegende andere Lehre, macht aber deutlich, wie eng Ezechiels Warnungen mit Gottes Einladung zum Leben verbunden sind. 

Ein Beispiel dafür, wie schwer diese Verantwortung manchmal sein kann, finden wir in der jüngeren Geschichte der Kirche. 

Der siebzehnjährige Helmuth Hübener gehörte während des Zweiten Weltkriegs zur Kirche in Hamburg. Er erkannte die Gefahren der nationalsozialistischen Propaganda und verfasste Flugblätter, in denen er die Lügen des Regimes offenlegte. Am 27. Oktober 1942 wurde er dafür hingerichtet. Zwei weitere junge Mitglieder, Rudolf Wobbe und Karl-Heinz Schnibbe, wurden wegen ihrer Beteiligung zu Arbeitslagerstrafen verurteilt. 

Hübener war kein Prophet wie Ezechiel. Dennoch erinnert seine Geschichte daran, dass es Situationen gibt, in denen Schweigen einfacher wäre – aber ein Mensch innerlich weiß, dass er Zeugnis geben muss. 

Und die Geschichte der deutschen Heiligen nach dem Krieg zeigt eine zweite Seite dieses Wächterdienstes. 

1945 lagen viele Leben in Trümmern. Mehr als 600 deutsche Mitglieder waren getötet worden, etwa 2.500 wurden vermisst, viele waren obdachlos, und fast alle Gemeindehäuser waren zerstört. Doch die Heiligen begannen wieder aufzubauen. 1946 wurden unter der Leitung von Elder Ezra Taft Benson etwa 2.500 Tonnen kirchlicher Hilfsgüter in Deutschland und den umliegenden Ländern verteilt. 1947 schickten Mitglieder in den Niederlanden sogar ihre gesamte Kartoffelernte an hungernde deutsche Mitglieder. "Kleine Kartoffel – große Wirkung" 

Hier wird das Bild des Wächters noch weiter. 

Manchmal besteht unsere Warnung nicht darin, laut „Gefahr!“ zu rufen. Manchmal besteht sie darin, ein Leben zu führen, das anderen zeigt, wo Sicherheit und Hoffnung zu finden sind. 

Ein Mensch, der vergibt, warnt vor der zerstörerischen Kraft des Hasses. 

Ein Mensch, der trotz Leid am Glauben festhält, warnt davor, die Hoffnung aufzugeben. 

Ein Mensch, der nach einem Fehler umkehrt, bezeugt: Es gibt einen Weg zurück. 

Vielleicht bist auch du an einen solchen Platz gestellt worden. 

Vielleicht in deiner Familie. Vielleicht unter Freunden. Vielleicht in deiner Gemeinde oder an deinem Arbeitsplatz. Vielleicht kennt jemand in deinem Umfeld gerade nur Dunkelheit und braucht einen Menschen, der ihm nicht Vorwürfe macht, sondern den Weg zurück zu Christus zeigt. 

Du musst nicht alle Menschen überzeugen. 

Du musst nicht ihre Entscheidungen kontrollieren. 

Du musst nur treu sein. 

Vielleicht ist dein „Trompetenstoß“ ein Satz, den du im richtigen Augenblick aussprichst. Vielleicht ist es dein Zeugnis. Vielleicht ist es ein stilles Beispiel. Vielleicht ist es die Bereitschaft, einen Menschen nicht aufzugeben. 

Denn hinter Ezechiels Warnung steht nicht Gottes Wunsch nach Bestrafung. Hinter ihr steht Gottes Einladung: 

„Kehrt um und lebt.“ 

Das ist der geistliche Weg dieses Kapitels: Berufung führt zu Verantwortung. Verantwortung führt zum Zeugnis. Das Zeugnis kann zur Umkehr führen. Und Umkehr führt zum Leben. 

Ich glaube, dass Jesus Christus lebt und dass seine Gebote Wegweiser zum Leben sind. Ich glaube, dass der Herr Menschen als Wächter beruft – manchmal durch ein Amt, manchmal durch eine besondere geistliche Aufgabe und manchmal einfach dadurch, dass wir an unserem Platz treu Zeugnis geben. Ich bin dankbar für Menschen, die mich in meinem Leben gewarnt haben, wenn ich selbst eine Gefahr noch nicht erkannt hatte. Ihre Worte waren nicht immer bequem, aber sie halfen mir, den Weg zurück zu Christus zu finden. Ich glaube, dass auch wir solche Menschen für andere sein können – nicht als Richter, sondern als Zeugen der Liebe des Erlösers.

Montag, 2. November 2026

Ich will zu dir reden

 

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„Er sagte dann zu mir: „Menschensohn! ich sende dich zu denen vom Hause Israel, zu den abtrünnigen Stämmen, die sich gegen mich aufgelehnt haben; sie und ihre Väter sind von mir abgefallen bis auf den heutigen Tag.“ (Ezechiel 2:3) 

Ezechiel 1, 2 und 3 

Manchmal begegnet uns Gott nicht dort, wo wir ihn erwartet haben. Wir haben Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen sollte, wo wir leben, was wir tun und welche Aufgaben vor uns liegen. Und dann kommt es anders. Eine Tür schließt sich, ein vertrauter Lebensabschnitt endet oder wir finden uns plötzlich in einer Situation wieder, die wir selbst niemals gewählt hätten. Dann stellt sich die Frage: Kann Gott mir auch hier begegnen? Kann er mich auch unter diesen Umständen gebrauchen? 

Ezechiel musste genau das erfahren. 

Ezechiel wirkte im 6. Jahrhundert vor Christus. Er gehörte zu den Israeliten, die von den Babyloniern aus Juda nach Babylon verschleppt worden waren. Als Sohn eines Priesters hätte sein Lebensweg eigentlich eng mit dem Tempel in Jerusalem verbunden sein können. Doch nun befand er sich weit entfernt von Jerusalem, unter den Weggeführten, am Fluss Kebar. Jerusalem war noch nicht endgültig zerstört, aber die Katastrophe war absehbar. 

Und gerade dort, im Exil, begann Ezechiels prophetischer Dienst. 

„Da tat sich der Himmel auf, und ich sah göttliche Gesichte.“ (Ezechiel 1:1) 

Was für ein bemerkenswerter Ort für eine solche Offenbarung! Ezechiel war nicht im Tempel. Er war nicht in Jerusalem. Er war nicht dort, wo er nach menschlichem Ermessen hätte sein sollen. Er war am Kebar, einem schiffbaren Kanal im Gebiet der Stadt Babylon. 

Doch der Himmel war auch dort offen. 

Ezechiel sieht eine überwältigende Vision der Herrlichkeit Gottes. Sturmwind, Feuer, Lichtglanz, geheimnisvolle lebendige Wesen und Räder erscheinen vor seinen Augen. Die Einzelheiten dieser Vision sind schwer zu erfassen. Aber ihre zentrale Botschaft ist deutlich: Gott ist nicht auf Jerusalem beschränkt. Seine Herrlichkeit kann sein Volk auch im Exil erreichen. 

Vielleicht liegt genau darin eine der ersten großen Botschaften des Buches Ezechiel. 

Wir denken manchmal, wir könnten Gott besser dienen, wenn unsere äußeren Umstände anders wären. Wenn wir mehr Zeit hätten. Wenn unsere Familie weniger Sorgen hätte. Wenn die berufliche Situation leichter wäre. Wenn wir an einem anderen Ort leben würden. Wenn eine bestimmte Belastung endlich vorbei wäre. 

Ezechiel zeigt uns: Gottes Gegenwart wartet nicht auf ideale Bedingungen. 

Der Herr kommt zu Ezechiel dorthin, wo er tatsächlich ist. 

Und aus dieser Begegnung entsteht eine Berufung. Der Herr sagt: 

„Menschensohn, ich sende dich zu den Israeliten.“ (Ezechiel 2:3) 

Ezechiel wird nicht zuerst aus Babylon herausgeführt und dann berufen. Er wird mitten im Exil berufen. Sein Auftrag beginnt dort, wo sein Leben gerade stattfindet. 

Das erinnert an Jesaja. Auch er erlebt seine Berufung in einer Vision der Herrlichkeit Gottes. Er hört die Frage: „Wen soll ich senden?“ und antwortet: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6:8). 

Eine ähnliche Erfahrung macht Lehi. In 1 Nephi 1 betet er angesichts der Schwierigkeiten Jerusalems und empfängt eine Vision. Auch seine Berufung entsteht nicht in einer Zeit äußerer Sicherheit, sondern mitten in einer krisenhaften Situation. Kurz darauf muss seine Familie Jerusalem verlassen und in eine völlig unbekannte Zukunft aufbrechen. 

Immer wieder zeigt die Schrift: Gott wartet nicht, bis die Welt um seine Propheten herum ruhig geworden ist. Er beruft sie mitten in die Unruhe hinein. 

Auch Ezechiel bekommt keinen leichten Auftrag. Er soll zu einem widerspenstigen Volk sprechen. Gott sagt ihm ausdrücklich, dass die Menschen möglicherweise nicht hören werden. Trotzdem soll er reden. 

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Ezechiel wird nicht dafür verantwortlich gemacht, die Menschen zum Hören zu zwingen. Er soll treu sein. 

Vielleicht brauchen auch wir diese Perspektive. 

Manchmal messen wir unsere geistlichen Bemühungen an ihren sichtbaren Ergebnissen. Wir haben mit einem Menschen gesprochen, für jemanden gebetet, ein Zeugnis gegeben oder versucht, in unserer Familie ein gutes Beispiel zu sein. Und wenn sich scheinbar nichts verändert, fragen wir uns, ob unsere Bemühungen überhaupt etwas bewirken. 

Ezechiel erinnert uns daran, dass Treue nicht dasselbe ist wie sichtbarer Erfolg. 

Gott sagt nicht: „Ich sende dich, und alle werden auf dich hören.“ 

Er sagt: „Ich sende dich.“ 

Das genügt. 

Doch bevor Ezechiel seinen Auftrag erfüllt, geschieht etwas Entscheidendes. In Ezechiel 2 wird ihm eine Schriftrolle gereicht, die mit Worten der Klage und des Weherufens beschrieben ist. Er soll sie essen. Gottes Wort soll nicht nur etwas sein, das er äußerlich verkündet. Es soll in ihn hinein. 

Dann berichtet Ezechiel: 

„Da aß ich sie, und sie wurde in meinem Munde süß wie Honig.“ (Ezechiel 3:3) 

Die Botschaft selbst ist schwer. Aber Gottes Wort wird ihm süß. 

Vielleicht kennen wir etwas Ähnliches. Gottes Wille ist nicht immer leicht. Ein Auftrag kann uns fordern. Eine Berufung kann Opfer verlangen. Ein Weg kann anders verlaufen, als wir gehofft hatten. Doch wenn wir Gottes Wort wirklich in unser Herz aufnehmen, können wir erfahren, dass selbst ein schwieriger Weg von seiner Gegenwart getragen wird. 

Besonders berührt mich dabei Ezechiel 2:2: 

„Als er zu mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße.“ 

Ezechiel steht nicht aus eigener Kraft auf. 

Der Geist Gottes richtet ihn auf. 

Erst kommt die Gegenwart Gottes. Dann die Berufung. Und dann die Kraft, dieser Berufung zu folgen. 

Das ist vielleicht auch für uns eine wichtige Reihenfolge. Wir müssen nicht erst stark genug werden, bevor Gott uns gebrauchen kann. Wir dürfen zunächst zu ihm kommen. Er kann uns aufrichten und uns dann die Kraft geben, den nächsten Schritt zu gehen. 

Am Ende von Kapitel 3 geschieht noch etwas sehr Menschliches. Ezechiel kommt zu den Weggeführten und sitzt sieben Tage lang unter ihnen, überwältigt und bestürzt. Er beginnt nicht sofort zu reden. Er sitzt zunächst bei ihnen. 

Auch darin liegt eine geistliche Lektion. 

Manchmal beginnt unser Dienst nicht damit, dass wir die richtigen Worte finden. Manchmal beginnt er damit, dass wir bereit sind, bei einem Menschen auszuharren. Ezechiel kennt die Erfahrung des Exils selbst. Er spricht nicht von außen über Menschen, deren Leben zerbrochen ist. Er sitzt mitten unter ihnen. 

Das erinnert uns an Jesus Christus. Er blieb nicht auf Abstand zu den Leidenden. Er kam zu ihnen. Er trug ihre Schmerzen und Schwächen und nahm schließlich die Sünden der Welt auf sich. Der vollkommene Sohn Gottes trat selbst in die Bedingungen unserer gefallenen Welt ein, um uns von innen heraus zu erretten. 

Ezechiel durfte erfahren, dass Gottes Gegenwart ihn auch im Exil erreichen konnte. Vielleicht dürfen auch wir lernen, dass unser persönlicher „Kebar“ nicht der Ort sein muss, an dem Gott am weitesten von uns entfernt ist. 

Vielleicht bist du gerade an einem Ort, den du nicht gewählt hast. 

Vielleicht ist es eine Lebenssituation, eine Aufgabe oder eine Veränderung, die du dir anders vorgestellt hast. Vielleicht fragst du dich, warum Gott dich gerade hierher geführt hat. 

Ezechiel gibt darauf keine einfache Erklärung. Aber er gibt uns ein Zeugnis: 

Auch dort kann sich der Himmel öffnen. 

Gott kann uns dort ansprechen. Er kann uns dort aufrichten. Er kann uns dort einen Auftrag geben. Und er kann uns dort gebrauchen. 

Vielleicht müssen wir deshalb nicht immer zuerst fragen: „Wann komme ich endlich aus dieser Situation heraus?“ 

Vielleicht dürfen wir auch fragen: 

„Herr, was möchtest du mir hier zeigen? Und was möchtest du durch mich gerade hier tun?“ 

Ich glaube daran, dass Gott seine Kinder nicht aus den Augen verliert, wenn ihr Leben anders verläuft, als sie es sich vorgestellt haben. Ich glaube, dass seine Gegenwart nicht an bestimmte Orte oder ideale Lebensumstände gebunden ist. Er kann uns am Kebar begegnen. Er kann uns mitten in unserer Unsicherheit aufrichten. Und wenn wir bereit sind zu hören, kann auch heute seine leise, aber machtvolle Botschaft an uns ergehen: 

„Ich will zu dir reden.“ 

Vielleicht liegt unsere Aufgabe nicht darin, zuerst den Ort zu verändern, an dem wir stehen. Vielleicht besteht sie darin, dort, wo wir stehen, Gott zu hören und ihm treu zu folgen.

Samstag, 31. Oktober 2026

Aber daran will ich denken

 

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"Dies will ich mir zu Herzen nehmen und darum der Hoffnung leben: 22 Die Gnadenerweisungen des HErrn sind noch nicht erschöpft, sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende; 23 alle Morgen sind sie neu, groß ist deine Treue." (Klagelieder 3,21–23) 

Klagelieder 3 

Es gibt Augenblicke, in denen wir nicht viel tun können, außer uns zu erinnern. 

Der Schmerz ist da. Die Fragen sind da. Vielleicht hat sich eine Situation verändert, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Vielleicht ist etwas zerbrochen, das uns wichtig war. Vielleicht warten wir schon lange auf eine Antwort Gottes und wissen nicht, wie lange wir noch warten müssen. 

Klagelieder 3 spricht genau in eine solche Situation hinein. 

Jerusalem ist im Jahr 586 v. Chr. gefallen. Die Babylonier unter König Nebukadnezar II. eroberten und zerstörten die Stadt; der Tempel lag in Trümmern, Menschen waren getötet worden und andere befanden sich in Gefangenschaft. Jeremia hatte diese Katastrophe angekündigt und über Jahre hinweg zur Umkehr gerufen. Doch nun ist das Gericht Wirklichkeit geworden. Es gibt nichts zu beschönigen. 

Und deshalb beginnt Klagelieder 3 auch nicht mit Hoffnung. Der Verfasser spricht von Bedrängnis, Bitterkeit und Dunkelheit. Er beschreibt das Gefühl, dass Gott sein Gebet nicht hört. Schließlich sagt er: „Dahin ist meine Lebenskraft und meine Hoffnung auf den HERRN!“ (Klagelieder 3:18). 

Das ist vielleicht gerade deshalb so tröstlich, weil die Bibel uns hier nichts vormacht. 

Glaube bedeutet nicht, dass ein gläubiger Mensch niemals verzweifelt. Hoffnung bedeutet nicht, dass wir keine Tränen mehr haben. Und Vertrauen auf Gott bedeutet nicht, dass wir jede seiner Entscheidungen verstehen. 

Aber dann geschieht etwas. 

Der Verfasser sagt: „Dies will ich mir zu Herzen nehmen.“ (Klagelieder 3:21) 

Er verdrängt seine Wirklichkeit nicht. Jerusalem ist noch immer zerstört. Die Trauer ist noch immer da. Aber er entscheidet, woran er denken will. 

Aber daran will ich denken. 

Ich will daran denken, dass Gottes Gnade nicht erschöpft ist. 

Ich will daran denken, dass sein Erbarmen nicht aufgehört hat. 

Ich will daran denken, dass jeder neue Morgen ein stilles Zeugnis seiner Treue sein kann. 

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Entscheidungen, die wir in Zeiten der Trauer treffen können: nicht darüber zu bestimmen, was wir fühlen müssen, sondern darüber, woran wir uns erinnern wollen. 

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür finden wir in einem persönlichen Bericht aus der Ukraine. Anastasia Kocheva war im Februar 2022 gerade Mutter geworden. Ihr Sohn war erst zwei Tage alt, als eine Krankenschwester sie aufforderte, das Baby zu nehmen und sofort den Raum zu verlassen. Kiew wurde angegriffen. Bomben und Flugzeuge bestimmten plötzlich die Wirklichkeit, in der sie ihr neugeborenes Kind schützen musste. 

Sie wusste nicht, wie die nächsten Stunden aussehen würden. 

Sie wusste nicht, ob ihre Familie sicher bleiben würde. 

Sie wusste nicht, wann sie ihren Mann wiedersehen würde. 

Sie konnte den Krieg nicht beenden. Sie konnte die politische Situation nicht verändern. Sie konnte die Gefahr nicht einfach wegbeten. 

Aber sie konnte beten. 

Und sie konnte auf Eingebungen achten. 

Auf ihrer Flucht aus Kiew ergaben sich Möglichkeiten, anderen Menschen zu helfen. Ihr kleines Auto wurde zu einem Mittel, durch das mehrere Menschen aus der gefährlichen Situation herauskommen konnten. Anastasia beschreibt diese Erfahrungen nicht als Beweis dafür, dass von diesem Augenblick an alles gut gewesen sei. Der Krieg ging weiter. Die Sorgen blieben. Aber mitten in dieser Unsicherheit begann sie, Gottes Hand in einzelnen Erfahrungen zu erkennen. „Facing the Conflict in Ukraine: Healing the Conflict in My Heart“ – Anastasia Kocheva 

Das hat mich an die Worte aus Klagelieder erinnert. 

Die Umstände hatten sich noch nicht vollständig verändert. Aber ihre Sicht darauf begann sich zu verändern. 

Sie konnte nicht sagen: „Alles ist gut.“ 

Sie konnte sagen: „Ich habe erlebt, dass Gott mich nicht vergessen hat.“ 

Vielleicht ist das manchmal die Form, in der Hoffnung zu uns kommt. 

Nicht als große Gewissheit über die Zukunft, sondern als kleine Erinnerung an die Treue Gottes in der Gegenwart. 

Richard C. Edgley hat in einer BYU-Andacht über die Kraft der Hoffnung gesprochen (Faith, Hope, and You). Er erzählte unter anderem von einem Mann, der als Kind ein Konzentrationslager überlebt hatte. Als Edgley ihn fragte, was ihn damals am Leben gehalten habe, antwortete dieser nicht mit Liebe oder Stärke, sondern mit einem Wort: Hoffnung. Hoffnung auf Freiheit, Hoffnung auf Überleben, Hoffnung auf eine Zukunft. 

Edgley verband diese Erfahrung mit der Hoffnung, die aus dem Sühnopfer Jesu Christi entsteht. Für ihn ist christliche Hoffnung keine vage Vorstellung, dass irgendwann vielleicht alles besser wird. Sie gründet sich auf Jesus Christus, auf seine Auferstehung und auf die Gewissheit, dass sein Sühnopfer auch für unsere persönlichen Schmerzen und Enttäuschungen von Bedeutung ist. 

Damit führt uns Klagelieder 3 schließlich zu Christus. 

Denn was bedeutet es für uns, dass Gottes Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist? 

Es bedeutet nicht, dass jeder Morgen automatisch leicht sein wird. 

Es bedeutet nicht, dass jede Krankheit geheilt, jede Beziehung wiederhergestellt oder jeder Verlust in diesem Leben rückgängig gemacht wird. 

Es bedeutet vielmehr: Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende. 

Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung. 

Optimismus sagt: „Vielleicht wird morgen alles besser.“ 

Christliche Hoffnung sagt: „Auch wenn morgen anders wird, als ich es mir wünsche, weiß ich, wem ich vertrauen kann.“ 

Und genau deshalb bekommt die Trauer nicht das letzte Wort. 

Der Bogen dieser Reihe führt von der Trauer zur Hoffnung. Wir haben gesehen, dass Gottes Volk tatsächlich leiden musste. Jerusalem wurde tatsächlich zerstört. Jeremia musste tatsächlich erleben, dass seine Warnungen Wirklichkeit wurden. Doch Gott hatte damit nicht aufgehört, sein Volk zu lieben. 

Das wird später in der Verheißung aus Jeremia 31 sichtbar: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dir meine Güte bewahrt.“ (Jeremia 31:3). Die Trauer war real – aber sie war nicht das Ende der Geschichte. 

Vielleicht gilt das auch für manche Kapitel unseres eigenen Lebens. 

Vielleicht gibt es Dinge, die wir nicht mehr ändern können. Menschen, die wir vermissen. Entscheidungen, deren Folgen wir tragen müssen. Gebete, auf deren Erfüllung wir noch warten. 

Dann dürfen wir weinen. 

Aber wir dürfen uns auch erinnern. 

Aber daran will ich denken. 

Ich will daran denken, was Gott bereits getan hat. 

Ich will daran denken, dass er mich schon durch andere schwere Zeiten geführt hat. 

Ich will daran denken, dass seine Barmherzigkeit nicht von meiner momentanen Gefühlslage abhängt. 

Ich will daran denken, dass Jesus Christus meine Schmerzen kennt und dass seine Auferstehung eine Zukunft eröffnet, die weit über das hinausgeht, was ich jetzt sehen kann. 

Und vielleicht dürfen wir diese Hoffnung nicht nur für uns selbst bewahren. 

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist heute eine weltweite Gemeinschaft. Ihre Geschichte besteht deshalb nicht nur aus den bekannten Ereignissen der frühen Wiederherstellung oder der Pionierzeit. Sie wird ebenso von Menschen geschrieben, die in Kriegsgebieten, nach Katastrophen, in Armut oder persönlichen Krisen ihren Glauben an Christus bewahren. Die Geschichte der Kirche zeigt diese Entwicklung über viele Generationen und Kontinente hinweg. 

Wir können dabei selbst zu Menschen werden, durch die Gottes Barmherzigkeit sichtbar wird. 

Vielleicht braucht heute jemand nicht unsere Erklärung für sein Leid, sondern unsere Gegenwart. 

Vielleicht braucht jemand ein Gebet. 

Vielleicht einen Anruf. 

Vielleicht eine helfende Hand. 

Vielleicht einfach jemanden, der sagt: „Ich weiß nicht, warum du das erleben musst. Aber ich weiß, dass du nicht allein bist.“ 

Denn manchmal besteht unsere Aufgabe nicht darin, einem Menschen sofort die Trauer zu nehmen. Manchmal besteht sie darin, ihm zu helfen, mitten in der Trauer wieder etwas zu finden, woran er denken kann. 

Klagelieder 3 endet deshalb nicht mit der Aufforderung, die Vergangenheit zu vergessen. Es lädt uns ein, unseren Blick auf Gottes Charakter zu richten: 

„Groß ist deine Treue.“ (Klagelieder 3:23) 

Das möchte ich mir zu Herzen nehmen. 

Wenn ich nicht verstehe, will ich daran denken. 

Wenn ich traurig bin, will ich daran denken. 

Wenn meine Hoffnung klein geworden ist, will ich daran denken. 

Nicht weil alles gut ist. 

Sondern weil Gott gut ist. 

Nicht weil ich die Zukunft kenne. 

Sondern weil ich den kenne, der die Zukunft kennt. 

Nicht weil die Trauer unwirklich wäre. 

Sondern weil sie nicht das letzte Wort behalten wird. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich weiß, dass er lebt, dass er unsere Sünden und auch unsere tiefsten Schmerzen getragen hat und dass durch seine Auferstehung der Tod nicht das Ende ist. Ich weiß, dass Gottes Barmherzigkeit tatsächlich jeden Morgen neu ist – auch an den Morgen, an denen wir sie noch nicht erkennen können. 

Darum möchte ich mir diese Worte zu Herzen nehmen: 

Aber daran will ich denken. 

Groß ist deine Treue.

Freitag, 30. Oktober 2026

Wenn die Warnung Wirklichkeit wird

 

(Bildquelle)

"Der HErr ist gerecht (oder: im Recht), denn seinen Geboten habe ich widerstrebt! Hört es doch, ihr Völker alle, und seht meinen Schmerz: meine Jungfraun und meine Jünglinge sind in die Gefangenschaft gezogen!" (Klagelieder 1:18) 

Jeremia 39 und Klagelieder 1 

Es gibt einen Augenblick, in dem eine Warnung nicht mehr nur eine Warnung ist. 

Bis dahin kann man hoffen, dass es vielleicht doch anders kommt. Man kann glauben, dass noch Zeit bleibt, dass eine Umkehr möglich ist, dass sich Umstände verändern. Solange eine angekündigte Katastrophe noch nicht eingetroffen ist, lebt man zwischen Furcht und Hoffnung. Doch dann kommt der Tag, an dem man erkennen muss: Es ist geschehen. 

Jeremia hatte diesen Tag angekündigt – neben vielen anderen Propheten, wie zum Beispiel Lehi, der zur gleichen Zeit in Jerusalem wirkte und ebenfalls eindringlich vor der bevorstehenden Zerstörung Jerusalems warnte. Über viele Jahre hatte Jeremia sein Volk gewarnt. Nicht, weil er Freude daran gehabt hätte, Unglück anzukündigen. Im Gegenteil: Sein Wirken war von Schmerz über sein Volk geprägt. Immer wieder hatte er zur Umkehr gerufen. Doch nun berichtet Jeremia 39 nüchtern von dem, was niemand mehr abwenden konnte: Die Babylonier drangen in Jerusalem ein, die Stadtmauer wurde durchbrochen, Zedekia wurde gefangen genommen, Jerusalem wurde verbrannt und ein großer Teil des Volkes wurde weggeführt. 

Es ist eine der Stellen in der Bibel, an denen man am liebsten weiterblättern möchte. 

Aber vielleicht müssen wir gerade hier stehen bleiben. 

Denn unser Leben kennt ebenfalls Augenblicke, in denen wir nicht mehr hoffen können, dass etwas nicht geschehen ist. Eine Beziehung ist zerbrochen. Ein Mensch ist gestorben. Ein Traum ist zerfallen. Eine Entscheidung hat Folgen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Manchmal besteht geistliche Reife nicht darin, sofort eine Erklärung zu finden, sondern zunächst den Mut aufzubringen, die Wirklichkeit anzusehen und zu sagen: Das ist tatsächlich geschehen. 

Die Klagelieder helfen uns dabei. Nach der Zerstörung Jerusalems versucht niemand, die Tragödie schönzureden. Jerusalem wird als einsame Frau dargestellt: „Ach, wie liegt sie doch (jetzt) so einsam da, die (einst) volkreiche Stadt!“ (Klagelieder 1:1) 

Das ist keine schnelle Antwort. 

Das ist Trauer. 

Vielleicht liegt darin ein wichtiger Trost der heiligen Schriften: Gott verlangt von uns nicht, dass wir so tun, als wäre nichts geschehen. Wir dürfen ihm erzählen, was geschehen ist. Wir dürfen unsere Einsamkeit, unsere Enttäuschung und unsere Fragen aussprechen. Der Glaube besteht nicht darin, keine Tränen mehr zu haben. Der Glaube besteht darin, mit unseren Tränen nicht von Gott wegzulaufen. 

Auch Jesus Christus hat den Schmerz nicht übersprungen. 

Er weinte am Grab des Lazarus, obwohl er wusste, dass Lazarus auferstehen würde. In Getsemani bat er darum, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, obwohl er den ewigen Plan des Vaters kannte. Seine Kenntnis der Zukunft machte das gegenwärtige Leiden nicht weniger real. 

Deshalb dürfen auch wir weinen. 

Und doch ist Jeremia 39 nicht nur ein Kapitel über Zerstörung. 

Mitten in diesem dunklen Geschehen wird Ebed-Melech erwähnt, der Jeremia zuvor aus der Zisterne gerettet hatte. Nun spricht der Herr zu ihm: „Ich will dich an jenem Tage erretten … denn du hast auf mich vertraut.“ (Jeremia 39:16-18) 

Beachte: Jerusalem wird tatsächlich zerstört. Ebed-Melech wird trotzdem bewahrt. 

Das ist ein wichtiger Unterschied. Gottes Schutz bedeutet nicht immer, dass wir von jeder Katastrophe verschont bleiben. Manchmal besteht sein Schutz darin, dass wir mitten durch das Geschehen hindurch bewahrt werden. Die Stadt kann fallen, und doch kann ein Mensch seinen Glauben behalten. Eine vertraute Welt kann zerbrechen, und doch kann die Beziehung zu Gott bestehen bleiben. 

Ein modernes Beispiel dafür finden wir bei den Heiligen in der Ukraine. 

Als am 24. Februar 2022 der Krieg begann, wurden für viele ukrainische Mitglieder innerhalb weniger Stunden Dinge zur Wirklichkeit, die bis dahin unvorstellbar gewesen waren. Eine junge Mutter berichtete, wie sie mit ihrem wenige Tage alten Baby in Kiew war, als die Angriffe begannen. Andere Mitglieder mussten ihre Heimat verlassen, während wieder andere blieben und mit ständiger Unsicherheit lebten. Bericht über Mitglieder in der Ukraine 

Bemerkenswert ist nicht, dass diese Menschen behaupteten, alles sei leicht geworden. Sie sprachen von Angst, Verlust und Trauer. Aber sie berichteten ebenso davon, wie ihr Glaube ihnen half, weiterzugehen. 

Und die Hilfe blieb nicht bei Worten. Mitglieder nahmen Flüchtlinge in ihren Häusern auf, halfen bei Transport und Versorgung und öffneten Gemeindehäuser für Menschen auf der Flucht. Bericht über die Hilfe für ukrainische Flüchtlinge in Polen 

Vielleicht erkennen wir darin etwas von Ebed-Melech wieder: Inmitten einer zerstörten Welt gibt es immer noch Menschen, die sich entscheiden, einander nicht im Stich zu lassen. 

Die Kirche selbst blieb ebenfalls bestehen. Missionare wurden aus Sicherheitsgründen aus der Ukraine evakuiert, doch die ukrainischen Mitglieder blieben Teil einer lebendigen Kirche. Später besuchten Generalautoritäten die Heiligen und stärkten sie darin, sich auf Christus, ihre Bündnisse und den Tempel zu konzentrieren. Elder Quentin L. Cook bei den ukrainischen Heiligen 

Das bedeutet nicht, dass die Wunden verschwunden wären. 

Aber es bedeutet, dass Zerstörung nicht dasselbe ist wie das Ende. 

Eine bemerkenswerte Parallele findet sich in den heiligen Schriften selbst. Nach den dunklen Worten der Klagelieder kommt schließlich ein Satz, der wie ein kleines Licht inmitten der Nacht erscheint: „Die Gnadenerweise des HErrn sind nicht zu Ende, sein Erbarmen ist noch nicht erschöpft.“ (Klagelieder 3:22-23) 

Die Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass Jerusalem plötzlich wieder unversehrt wäre. Sie entsteht mitten in den Trümmern. 

Vielleicht müssen wir deshalb manchmal zuerst Klagelieder lesen, bevor wir Jubellieder singen können. 

Vielleicht müssen wir zunächst sagen dürfen: Ich habe verloren. Ich bin verletzt. Ich verstehe es nicht. Es tut weh. 

Und dann – nicht immer sofort, manchmal erst nach langer Zeit – können wir hinzufügen: Aber ich bin noch hier. Gott ist noch hier. Christus hat mich nicht verlassen. 

Auch die Joseph-Smith-Übersetzung lässt uns bei Jeremia erkennen, dass Gottes Handeln nicht mit der sichtbaren Katastrophe endet. Die Inspired Version ist deshalb eine hilfreiche Vergleichsquelle, wenn wir die prophetischen Aussagen und ihren geistlichen Zusammenhang genauer betrachten wollen. Inspired Version – Jeremiah 

Das ist vielleicht eine der schwierigsten geistlichen Aufgaben unseres Lebens: anzuerkennen, was geschehen ist, ohne zu glauben, dass das Geschehene alles ist, was noch geschehen kann. 

Denn Jesus Christus ist nicht nur der Herr über unsere hellen Tage. Er ist der Erretter unserer dunkelsten Stunden. Er verlangt nicht, dass wir unsere Wunden verstecken. Er kennt sie. Er hat selbst gelitten, geweint und Einsamkeit erfahren. Gerade deshalb können wir uns ihm anvertrauen, wenn wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. 

Ich glaube an Jesus Christus, weil er uns nicht auffordert, unsere Trauer zu überspringen. Er geht mit uns hindurch. Und ich glaube, dass seine Verheißung größer ist als das, was wir heute sehen können. 

Die Warnung Jeremias wurde Wirklichkeit. Jerusalem fiel. Die Tränen waren real. Der Verlust war real. 

Aber auch die Verheißung Gottes war real. 

Die Geschichte Gottes mit seinem Volk endet nicht mit den brennenden Mauern Jerusalems. Und deshalb muss auch unsere Geschichte nicht mit dem enden, was heute zerbrochen vor uns liegt. 

Ich bezeuge, dass Trauer ihren Platz haben darf. Aber ich bezeuge ebenso, dass Trauer nicht das letzte Wort behalten wird. Christus wird eines Tages das, was heute nur wie Verlust aussieht, in etwas verwandeln, das wir mit unseren gegenwärtigen Augen noch nicht erkennen können. 

Bis dahin dürfen wir weinen, dürfen wir klagen – und dürfen wir trotzdem weitergehen. 

Vielleicht beginnt Hoffnung manchmal nicht mit einem Lächeln, sondern mit dem mutigen Satz: „Ja, es ist geschehen – aber Gott ist noch da.“

Donnerstag, 29. Oktober 2026

In der Zisterne

 

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„Da ließen sie Jeremia festnehmen und ihn in die Zisterne des Königssohnes (= Prinzen) Malkija werfen, die sich im Wachthof befand; in diese ließen sie Jeremia an Stricken hinab. In der Zisterne war aber kein Wasser, sondern nur Schlamm, in welchen Jeremia einsank.“ (Jeremia 38:6) 

Jeremia 37 und 38 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man nicht mehr tiefer sinken möchte. Jeremia kennt einen solchen Augenblick. Er hat nicht deshalb gelitten, weil er sich von Gott entfernt hatte. Im Gegenteil: Er hatte das Wort des Herrn verkündigt, obwohl niemand es hören wollte. Er hatte gesagt, was Gott ihm aufgetragen hatte, obwohl seine Botschaft unbequem war. Und nun wird gerade dieser treue Prophet bestraft. 

Zuerst wird er beschuldigt und eingesperrt. Dann wird er geschlagen. Schließlich lassen ihn seine Gegner in eine Zisterne hinab. Dort gibt es kein Wasser, sondern Schlamm. Jeremia sinkt hinein. 

Es ist ein bedrückendes Bild. Und vielleicht kennen wir solche Zisternen, auch wenn sie heute anders aussehen. Manchmal ist es eine Krankheit, die unser Leben plötzlich verändert. Manchmal der Verlust eines Menschen, eine zerbrochene Beziehung, eine berufliche oder finanzielle Krise. Manchmal ist es auch eine tiefe seelische Erschöpfung, bei der selbst Dinge, die uns früher Freude gemacht haben, ihre Farbe verlieren. 

Das Bemerkenswerte an Jeremias Geschichte ist: Gott verhindert nicht, dass Jeremia in die Zisterne geworfen wird. 

Der Herr hätte seine Feinde aufhalten können. Er hätte den König bewegen können, ihn zu schützen. Er hätte die Zisterne leer machen können. Aber nichts davon geschieht. 

Stattdessen geschieht etwas anderes. 

Ein Mensch namens Ebed-Melech hört, was mit Jeremia geschehen ist. Er geht zum König und setzt sich für den Propheten ein. Dann nimmt er Männer, Seile und alte Kleidungsstücke. Er lässt diese Stoffstücke zu Jeremia hinab, damit die Seile ihn beim Herausziehen nicht verletzen. Schließlich wird Jeremia aus dem Schlamm gezogen. 

Ich finde dieses Detail besonders berührend. Gott rettet Jeremia nicht durch ein spektakuläres Wunder. Er schickt ihm einen Menschen. 

Vielleicht liegt darin eine Wahrheit, die wir leicht übersehen. Gottes Antwort auf unser Leid besteht nicht immer darin, dass er die Zisterne sofort verschwinden lässt. Manchmal besteht seine Antwort darin, dass er uns in der Zisterne nicht allein lässt. 

Doch gerade an dieser Stelle lohnt sich ein Blick über das Buch Jeremia hinaus. Denn während Jeremia in Jerusalem wirkt, lebt dort zur selben Zeit ein anderer Prophet: Lehi. 

Das Buch Mormon gibt uns einen bemerkenswerten zeitlichen Hinweis. Nephi schreibt, dass dies im ersten Jahr der Regierung Zidkijas geschah. In Jerusalem traten damals viele Propheten auf und verkündeten, das Volk müsse umkehren, sonst werde Jerusalem zerstört werden. Auch Lehi betete für sein Volk, empfing eine Vision und begann anschließend, genau diese Warnung zu verkündigen. 

Damit stehen Jeremia und Lehi plötzlich nebeneinander. 

Zwei Propheten. 
Eine Stadt. 
Eine Zeit. 
Eine Warnung. 

Beide sprechen von der kommenden Zerstörung Jerusalems. Beide erleben Ablehnung. Beide stehen einer Gesellschaft gegenüber, die ihre Botschaft nicht hören will. 

Und doch führt Gott sie auf unterschiedliche Wege. 

Jeremia bleibt. 

Lehi geht. 

Das ist für mich eine der eindrucksvollsten Wahrheiten dieser Geschichte. 

Lehi wird vom Herrn angewiesen, Jerusalem mit seiner Familie zu verlassen. Er nimmt seine Familie und zieht in die Wildnis. Der Herr führt ihn aus der Stadt hinaus, bevor das angekündigte Gericht hereinbricht. 

Jeremia dagegen bleibt in Jerusalem. Er wird eingesperrt, geschlagen und schließlich in die Zisterne geworfen. Später erlebt er sogar den Untergang der Stadt, vor dem er so lange gewarnt hatte. 

Warum wird der eine herausgeführt und der andere zurückgelassen? 

Ich glaube, wir sollten hier vorsichtig sein. Die Geschichte sagt nicht, dass Lehi „mehr Glauben“ hatte als Jeremia oder dass Jeremia irgendeinen Fehler gemacht hätte, weil er blieb. Im Gegenteil: Beide gehorchten Gott. 

Und genau darin liegt vielleicht die tiefere Lektion: 

Gehorsam bedeutet nicht immer, dass Gott uns denselben Weg führt wie jemand anderen. 

Manchmal sagt der Herr: Geh. 

Manchmal sagt er: Bleib. 

Manchmal führt er uns aus einer schwierigen Situation heraus. Und manchmal gibt er uns Kraft, mitten in dieser Situation auszuharren. 

Lehi konnte vielleicht auf den Aufbruch zurückblicken und sagen: Der Herr hat uns bewahrt, indem er uns aus Jerusalem herausführte. Jeremia konnte dagegen nicht auf dieselbe Weise gerettet werden. Seine Berufung bestand darin, in Jerusalem Zeugnis zu geben, solange Gott es von ihm verlangte. 

Das bedeutet auch: Wir sollten vorsichtig sein, wenn wir die Wege anderer Menschen beurteilen. Wenn jemand eine schwere Situation verlässt, bedeutet das nicht automatisch, dass er weniger ausharrt. Wenn jemand bleibt, bedeutet es nicht automatisch, dass ihm der Glaube fehlt, weil er nicht „rechtzeitig“ gegangen ist. 

Gott kennt die Berufung jedes Einzelnen. 

Und manchmal ist es genau diese Erkenntnis, die wir brauchen, wenn wir selbst leiden. Wir fragen: Warum nimmt Gott mich nicht hier heraus? Warum muss ich noch bleiben? Warum bekommt jemand anderes eine Lösung, während ich noch in meiner Zisterne sitze? 

Jeremias Geschichte gibt darauf keine einfache Antwort. 

Aber sie gibt uns eine Zusage: Du bist auch dort nicht vergessen. 

Elder Jeffrey R. Holland hat in seiner Ansprache „Wie ein zerbrochenes Gefäß“ über psychische und emotionale Leiden gesprochen. Er erinnert daran, dass solche Leiden zu den Realitäten des irdischen Lebens gehören und dass wir uns ihrer nicht schämen müssen. Gleichzeitig ruft er zu Mitgefühl und Hoffnung auf. 

Diese Gedanken passen erstaunlich gut zu Jeremia. 

Jeremia ist kein schwacher Prophet, weil er leidet. 

Seine Zisterne ist kein Beweis dafür, dass Gott ihn verlassen hat. 

Seine Erschöpfung bedeutet nicht, dass sein Glaube wertlos geworden ist. 

Und ebenso wenig müssen wir unser eigenes Leiden als Beweis dafür betrachten, dass Gott uns vergessen hätte. 

Vielleicht wünschen wir uns manchmal eine Antwort wie bei Lehi: „Verlasse diese Stadt. Geh hinaus. Ich werde dich an einen anderen Ort führen.“ 

Und manchmal schenkt Gott tatsächlich genau diese Antwort. Er öffnet eine Tür. Er führt uns aus einer Situation heraus. Er verändert Umstände. Er schenkt eine neue Aufgabe, einen neuen Ort, einen neuen Anfang. 

Aber manchmal lautet seine Antwort eher: „Ich bin mit dir hier.“ 

Dann ist unsere Geschichte mehr die von Jeremia. 

Und vielleicht ist das schwerer zu verstehen. 

Denn wir möchten gerne, dass Glaube bedeutet, dass die Zisterne gar nicht erst entsteht. Doch manchmal besteht Glaube darin, mitten im Schlamm weiterhin nach oben zu schauen. 

Das Buch Mormon zeigt uns sogar, dass auch Lehis Weg keineswegs ein bequemer Weg war. Jerusalem zu verlassen bedeutete nicht, dass alle Schwierigkeiten vorbei waren. Die Familie ließ Besitz zurück und zog in die Wildnis. Später folgten Hunger, Konflikte, Auflehnung und weitere Bedrängnisse. Lehis Rettung war nicht der Beginn eines problemlosen Lebens. 

Das ist wichtig. 

Aus Jerusalem herausgeführt zu werden bedeutet nicht, von allem Leid befreit zu sein. 

Und in der Zisterne zu bleiben bedeutet nicht, von Gott verlassen zu sein. 

Beide Wege können Wege des Glaubens sein. 

Vielleicht liegt darin auch eine praktische Frage für uns. Wenn wir in einer schweren Situation sind, sollten wir nicht nur darum beten: „Herr, nimm mich hier heraus.“ Wir dürfen auch fragen: „Herr, was möchtest du, dass ich hier tue?“ 

Vielleicht lautet die Antwort: Geh. 

Dann dürfen wir gehen. 

Vielleicht lautet sie: Bleib. 

Dann dürfen wir bleiben. 

Vielleicht lautet sie: Warte. 

Dann dürfen wir warten. 

Und vielleicht schickt Gott uns dabei einen Ebed-Melech – einen Menschen, der uns nicht alle Probleme abnimmt, aber uns hilft, nicht im Schlamm unterzugehen. 

Ebed-Melech wusste nicht, wie Jeremias Geschichte enden würde. Er wusste nur, dass dort unten ein Mensch war, der Hilfe brauchte. Er hielt keine lange Predigt. Er erklärte Jeremia nicht, warum Gott dies zugelassen hatte. Er handelte. 

Auch wir können solche Menschen sein. 

Ein Anruf. Ein Besuch. Eine Mahlzeit. Ein Zuhören. Ein Gebet. Ein gemeinsamer Gang durch eine schwere Zeit. Manchmal ist das Seil, das Gott einem Menschen hinabreicht, unsere eigene Hand. 

Und dann ist da Christus. 

Er ist größer als Jeremia und Lehi. Er kennt sowohl den Weg des Bleibens als auch den Weg des Leidens. Er kennt die Einsamkeit, die Angst und die scheinbare Abwesenheit einer Antwort. Und er hat nicht nur von unserem Leid gehört. Er hat es getragen. 

Deshalb können wir uns ihm anvertrauen, auch wenn wir nicht wissen, warum unsere Zisterne noch da ist. 

Vielleicht wird er uns herausziehen. 

Vielleicht wird er uns einen Menschen schicken, der uns herauszieht. 

Vielleicht wird er uns auffordern, aufzubrechen und einen neuen Weg zu gehen. 

Und vielleicht wird er uns sagen, dass wir noch bleiben sollen. 

Aber eines glaube ich: Wo immer der Herr uns hinführt, dort kann er uns begegnen. 

Lehi musste Jerusalem verlassen, um seine Familie zu bewahren. Jeremia musste Jerusalem nicht verlassen, um dem Herrn treu zu sein. Beide Wege führten durch Unsicherheit. Beide Wege verlangten Glauben. Beide Wege lagen in Gottes Hand. 

Und so können auch unsere Wege sehr verschieden sein. 

Vielleicht frage ich heute nicht mehr zuerst: „Warum ist mein Weg nicht wie der des anderen?“ 

Vielleicht frage ich: „Herr, welchen Weg hast du für mich?“ 

Denn Gottes Liebe zeigt sich nicht darin, dass er alle seine Kinder auf demselben Weg führt. Sie zeigt sich darin, dass kein Weg außerhalb seiner Reichweite liegt. 

Jeremia lag im Schlamm – und Gott hatte ihn nicht vergessen. 

Lehi zog durch die Wildnis – und Gott hatte ihn nicht vergessen. 

Und auch wenn unser Weg heute anders aussieht als der eines anderen Menschen, dürfen wir darauf vertrauen: Der Herr kennt den Weg. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er uns nicht verspricht, dass wir niemals in Zisternen geraten. Aber ich glaube, dass keine Zisterne zu tief und keine Wildnis zu weit für seine Gegenwart ist. Ich glaube, dass er manchmal Türen öffnet und uns hinausführt und manchmal neben uns bleibt, während wir durch etwas hindurchgehen, das wir uns niemals ausgesucht hätten. 

Und ich glaube, dass beides Rettung sein kann. 

Denn letztlich ist nicht entscheidend, ob mein Weg dem Weg Jeremias oder dem Weg Lehis gleicht. 

Entscheidend ist, ob ich dem Herrn auf meinem Weg vertraue.

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Gottes Wort lässt sich nicht verbrennen

 

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„Da erging das Wort des HErrn an Jeremia, nachdem der König jene Rolle verbrannt hatte mitsamt den Worten, die Baruch so, wie Jeremia sie ihm vorsagte, aufgeschrieben hatte, folgendermaßen: 28 „Nimm dir noch einmal eine andere Rolle und schreibe auf sie alle die vorigen Worte, welche auf der vorigen Rolle gestanden haben, die Jojakim, der König von Juda, verbrannt hat.“ (Jeremia 36:27–28) 

Jeremia 36 

Es gibt Dinge, die Menschen zerstören können. Ein Haus kann niederbrennen, ein Brief kann zerrissen werden, ein Buch kann im Feuer verschwinden. Aber es gibt etwas, das sich menschlicher Macht entzieht: Gottes Wort. 

Jeremia 36 erzählt von einem König, der genau das Gegenteil glaubt. Jojakim hört die Worte Gottes, die ihm unangenehm sind. Sie sprechen von Umkehr und von den Folgen eines Lebens, das sich von Gott entfernt hat. Doch anstatt sich zu demütigen, nimmt er ein Messer, schneidet die vorgelesenen Abschnitte der Schriftrolle Stück für Stück ab und wirft sie ins Feuer. Schließlich ist die ganze Rolle verbrannt. (Jeremia 36:23) 

Man kann diese Szene kaum betrachten, ohne darin etwas zutiefst Menschliches zu erkennen. Jojakim wollte nicht hören, was Gott sagte. Er konnte Gottes Wort nicht verändern – also versuchte er, es zu vernichten. 

Doch dann geschieht etwas Bemerkenswertes. Gott sagt zu Jeremia: „Nimm dir noch einmal eine andere Rolle.“ Und Jeremia tut es. Baruch schreibt die Worte erneut nieder. Nicht nur die verbrannten Worte werden wieder aufgeschrieben, sondern weitere Worte kommen hinzu. (Jeremia 36:28) 

Das Feuer hatte die erste Rolle vernichtet, aber nicht Gottes Botschaft. 

Darin liegt eine Wahrheit, die weit über die Geschichte eines Königs in Jerusalem hinausreicht: Man kann das Buch verbrennen, aber nicht die Wahrheit. Man kann einen Propheten zum Schweigen bringen, aber nicht die Offenbarung Gottes. Man kann Menschen daran hindern, sich zu versammeln, aber nicht verhindern, dass das Evangelium in ihrem Herzen weiterlebt. 

Vielleicht brauchen wir diese Wahrheit gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, dass Gottes Stimme in unserer Welt leiser wird. 

Wir erleben, dass religiöse Überzeugungen belächelt oder zurückgedrängt werden. Vielleicht betrifft es uns sogar persönlich: Ein Mensch, den wir lieben, will nichts mehr vom Evangelium hören. Ein Kind entfernt sich von der Kirche. Jemand macht sich über unseren Glauben lustig. 

Dann können wir leicht Angst bekommen. 

Jeremia 36 erinnert uns daran, dass Gottes Wahrheit nicht von gesellschaftlicher Zustimmung abhängt. Sie ist nicht deshalb wahr, weil viele Menschen sie annehmen. Und sie wird nicht deshalb unwahr, weil viele Menschen sie ablehnen. 

Aber Gottes Wort ist auch nicht einfach ein Urteil über uns. Der Herr ließ Jeremia schreiben, damit die Menschen „sich von ihrem bösen Wandel“ abkehrten und Vergebung finden konnten (Jeremia 36:3). Hinter der Warnung stand also Barmherzigkeit. 

Das ist entscheidend. Gottes Wort ist nicht in erster Linie ein Hammer, mit dem Gott auf unsere Fehler schlägt. Es ist ein Ruf, der uns nach Hause führen möchte. Wenn Gott uns auf etwas hinweist, das in unserem Leben nicht stimmt, dann geschieht das nicht, weil er uns beschämen möchte. Er möchte uns retten. 

Deshalb ist es so bedeutsam, dass Jeremia die verbrannte Schriftrolle nicht einfach als Verlust hinnimmt. Er schreibt sie neu. Was zerstört werden sollte, wird wiederhergestellt. 

Darin sehe ich auch einen Grundgedanken der Wiederherstellung des Evangeliums. Joseph Smith erhielt die Aufgabe, verlorene und verdunkelte Wahrheiten wieder ans Licht zu bringen. Die Inspired Version kann dabei als ergänzende Vergleichsquelle dienen. Sie zeigt beispielhaft, wie die Joseph-Smith-Übersetzung biblische Aussagen verdeutlicht und zusätzliche geistige Zusammenhänge sichtbar macht. 

Doch eine besonders eindrucksvolle moderne Parallele zu Jeremia 36 finden wir in Westafrika. 

In Nigeria hatten Menschen bereits lange vor dem offiziellen Beginn der Missionsarbeit Zugang zu Literatur der Kirche und zum Buch Mormon. Sie lasen, glaubten, beteten und versammelten sich. Anthony Obinna und andere führten in den 1960er und 1970er Jahren Gemeinden, obwohl die Kirche damals noch keine Missionare nach Nigeria schicken konnte. (Kirchengeschichte Nigeria) 

Als schließlich 1978 die ersten Missionare eintrafen, hatte Obinna mehr als ein Jahrzehnt gewartet. Er hatte das Evangelium nicht deshalb angenommen, weil bereits eine organisierte Kirche vor Ort gewesen wäre. Das Wort hatte ihn erreicht, bevor die äußeren Strukturen vorhanden waren. 

Ähnliches geschah in Ghana. Joseph William Billy Johnson und andere hatten bereits eigene Gemeinden gegründet. Sie studierten das Buch Mormon, beteten und warteten. Als 1978 die Missionare eintrafen, fanden sie Menschen vor, deren Herzen längst vorbereitet waren. (Kirchengeschichte Ghana) 

Die Geschichten Nigerias und Ghanas sind natürlich nicht identisch mit Jeremia 36. Aber das geistliche Muster ist ähnlich: Menschen können versuchen, den Weg des Wortes Gottes zu versperren, aber sie können seine Wirkung nicht kontrollieren. 

Das lässt mich auch über mein eigenes Leben nachdenken. 

Vielleicht gibt es Zeiten, in denen wir Gottes Wort nicht verbrennen, aber doch beiseitelegen. Wir hören etwas, das uns unbequem ist, und blättern weiter. Wir lesen eine Schriftstelle, die eine Veränderung von uns verlangt, und vergessen sie. Wir bekommen einen geistigen Eindruck und hoffen, dass er von selbst wieder verschwindet. 

Jojakim brauchte Feuer. Wir brauchen keines. Manchmal genügt Gleichgültigkeit. 

Darum lautet die Frage dieses Kapitels nicht nur: Was tun andere mit Gottes Wort? Sie lautet auch: Was tue ich mit dem Wort, das Gott mir gegeben hat? 

Vielleicht gibt es eine Schriftstelle, die du schon lange kennst und die dich gerade jetzt neu anspricht. Vielleicht gibt es einen Rat eines lebenden Propheten, den du bisher vor dir hergeschoben hast. Vielleicht fordert dich der Herr zu einer Umkehr auf, die du lieber vermeiden möchtest. 

Dann denke an Jeremia. 

Die erste Rolle wurde verbrannt. Aber Gottes Wort war nicht verbrannt. 

Und vielleicht ist das eine der schönsten Botschaften der Wiederherstellung: Gott gibt nicht einfach auf. Wenn etwas verloren geht, kann er es wiederherstellen. Wenn ein Zeugnis schwach geworden ist, kann er es neu entzünden. Wenn eine Generation das Evangelium vergisst, kann er in der nächsten Generation neue Herzen dafür öffnen. 

Neal A. Maxwell sprach an der Brigham Young University über die Kraft des Wortes Gottes und darüber, dass es Menschen verändern kann. Gottes Wort besitzt keine Macht nur deshalb, weil wir es verteidigen können. Seine Macht liegt darin, dass Gott selbst dahintersteht. (BYU-Rede von Neal A. Maxwell) 

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Angst davor, dass die Welt das Evangelium zerstören könnte – und mehr Vertrauen darauf, dass wir selbst es in unserem Herzen bewahren können. 

Denn am Ende hatte Jojakim zwar ein Feuer. 

Aber Jeremia hatte ein neues Blatt. 

Und hinter Jeremia stand Gott. 

Ich glaube daran, dass Gottes Wort auch heute nicht zum Schweigen gebracht werden kann. Menschen können es ablehnen, verdrehen oder ignorieren. Aber wenn ein Mensch sein Herz öffnet, kann dasselbe Wort wieder lebendig werden. Ich glaube, dass der Herr seine Wahrheit bewahrt und sie immer wieder dorthin führt, wo bereite Herzen auf sie warten. Ich glaube, dass auch in unserem persönlichen Leben nichts endgültig verloren sein muss, wenn wir uns wieder dem Herrn zuwenden. Was Menschen zerstören, kann Gott wiederherstellen. Was verbrannt scheint, kann er neu schreiben. Dafür bin ich dankbar und dafür gebe ich Zeugnis.