
(Bildquelle: KI-generiert von ChatGPT)
„Doch wenn ich mir vornehme: „Ich will seiner nicht mehr gedenken und in seinem Namen nicht mehr reden”, so ist es mir im Innern, als wäre ein loderndes Feuer in meinen Gebeinen eingeschlossen; und mühe ich mich ab, es auszuhalten, so vermag ich es nicht“ (Jeremia 20:9)
Manchmal beginnt eine Berufung mit einem Satz, der uns klein erscheinen lässt. Jeremia war noch jung, als der Herr zu ihm sagte, dass er ihn bereits vor seiner Geburt gekannt und für eine besondere Aufgabe bestimmt hatte. Jeremia antwortete mit Unsicherheit: „Ach, Herr, Herr! Siehe, ich kann nicht reden; denn ich bin zu jung.“ (Jeremia 1:6). Der Herr aber sah mehr in ihm, als Jeremia selbst sehen konnte.
Viele Jahre später finden wir denselben Mann an einem ganz anderen Punkt seines Weges. Jeremia hat gesprochen, gewarnt und geweint. Er hat erlebt, dass Menschen seine Worte ablehnten und ihn verspotteten. In Jeremia 20 wird er geschlagen und in den Block gelegt Jeremia 20:1-2 Nun klingt seine Stimme nicht mehr wie die eines mutigen Propheten, sondern wie die eines erschöpften Menschen.
„Da dachte ich: Ich will ihn nicht mehr erwähnen und nicht mehr in seinem Namen reden!“ (Jeremia 20:9)
Man kann diesen Satz nachempfinden. Es gibt Momente, in denen wir müde werden, immer wieder zu hoffen, zu dienen oder Zeugnis zu geben. Vielleicht wurden wir zurückgewiesen oder haben für etwas gebetet, ohne eine sichtbare Antwort zu erhalten. Irgendwann entsteht der Wunsch, einfach still zu sein.
Doch Jeremia entdeckt etwas Erstaunliches: Er kann nicht einfach aufhören.
„Aber da war es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen; ich mühte mich, es auszuhalten, aber ich konnte es nicht.“ (Jeremia 20:9)
Das Feuer bedeutet nicht, dass seine Schwierigkeiten verschwunden sind. Seine Gegner bleiben, ebenso seine Erschöpfung. Aber mitten in allem ist etwas in ihm stärker geworden als sein Wunsch zu schweigen: das Wort Gottes.
Damit schließt sich ein großer Bogen dieser Reihe. In Jeremia 1 sagte der junge Prophet: „Ich kann nicht reden.“ In Jeremia 20 sagt derselbe Mann gewissermaßen: „Ich kann nicht schweigen.“ Zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein langer Weg: Berufung → Abkehr → Umkehr → Sammlung → Formung → Zeugnis.
Die Joseph Smith Translation unterstreicht an einer anderen Stelle, was Gottes Wort für Jeremia bedeutet: „Deine Worte wurden gefunden, und ich aß sie; und dein Wort war mir zur Freude und zum Frohlocken meines Herzens.“ (JST Jeremia 15:16). Gottes Wort bleibt nicht nur Information. Wenn wir es aufnehmen, darüber nachdenken und danach handeln, kann es Teil unseres Herzens werden.
Elder David A. Bednar hat diesen Gedanken in seiner BYU-Ansprache A Reservoir of Living Water ebenfalls eindrucksvoll beschrieben. Geistiges Verständnis entsteht nicht allein dadurch, dass wir etwas mit dem Verstand wissen. Der Heilige Geist macht aus Wissen eine persönliche Gewissheit, die unser Leben verändert. David A. Bednar: „A Reservoir of Living Water“
Vielleicht ist genau das mit dem brennenden Feuer gemeint. Das Evangelium bleibt nicht außerhalb von uns. Es dringt nach innen.
Die Geschichte der Kirche zeigt immer wieder Menschen, die das erfahren haben. Ein Beispiel findet sich in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Viele Missionare mussten das Land verlassen, und Gemeinden waren plötzlich weitgehend auf sich selbst gestellt. Dennoch übernahmen örtliche Mitglieder Verantwortung und hielten das Werk aufrecht. (Geschichte der Kirche in Deutschland)
Auch in der DDR waren die Möglichkeiten der Kirche stark eingeschränkt. Ausländische Missionare konnten nicht frei arbeiten, kirchliche Materialien waren schwer zugänglich und manche Aktivitäten wurden behindert. Doch die Mitglieder machten weiter. Die äußeren Bedingungen konnten das innere Zeugnis nicht zum Schweigen bringen. Die Geschichte der Kirche erzählt viele solcher Geschichten.
Das erinnert mich an Jeremia: Das Feuer Gottes braucht nicht immer ideale äußere Bedingungen.
Vielleicht gibt es auch in unserem Leben etwas, das Gott uns anvertraut hat und das wir am liebsten beiseitelegen würden. Eine Berufung. Eine Aufgabe in der Familie. Der Versuch, einem Menschen weiterhin Liebe zu zeigen. Oder der Wunsch, über Jesus Christus zu sprechen, obwohl wir nicht wissen, wie unsere Worte aufgenommen werden.
Dann müssen wir nicht künstlich ein Feuer entfachen. Wir dürfen zuerst selbst wieder zum Feuer kommen: durch die heiligen Schriften, durch Gebet, durch das Abendmahl, durch den Tempel und durch das bewusste Hören auf den Heiligen Geist.
Denn Zeugnis bedeutet nicht, niemals erschöpft zu sein. Zeugnis bedeutet, trotz dieser Erschöpfung nicht aufzuhören, sich Christus zuzuwenden.
Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass etwas in uns anders geworden ist. Wir sprechen über Christus nicht mehr, weil wir glauben, es tun zu müssen, sondern weil wir ihn kennen und lieben.
Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür sehe ich bei Elder Patrick Kearon. In seiner Ansprache „Discipleship: Our Way Safely Home“ spricht er davon, dass der Vater im Himmel seine Kinder liebt und sich danach sehnt, dass sie sicher und glücklich zu ihm nach Hause zurückkehren. Gerade weil das Erdenleben von Prüfungen und Fehlern geprägt ist, brauchen wir die Gewissheit, dass wir nicht allein unterwegs sind. Christus hat den Weg zurück zum Vater bereitet. Elder Kearons Zeugnis erinnert daran, dass unsere Schwierigkeiten nicht bedeuten, dass Gott uns verlassen hat. Sie können vielmehr zu Erfahrungen werden, durch die wir seine Liebe tiefer erkennen und lernen, ihm zu vertrauen.
Das ist vielleicht die eigentliche Bedeutung des brennenden Feuers: Nicht, dass alle Fragen verschwinden, sondern dass Christus mitten in unseren Fragen gegenwärtig bleibt.
Ich glaube, dass der Herr uns tatsächlich kennt, lange bevor wir selbst wissen, wer wir einmal sein werden. Ich glaube, dass unsere Berufung nicht mit unserer eigenen Stärke beginnt, sondern mit seiner Kenntnis von uns. Und ich glaube, dass er uns durch sein Wort, durch Umkehr, Bündnisse und den Heiligen Geist so verändern kann, dass aus einem zaghaften „Ich kann nicht“ eines Tages ein dankbares „Ich kann nicht schweigen“ wird.
Mein Zeugnis ist, dass Jesus Christus dieses Feuer in unserem Herzen entzünden und bewahren kann. Er kennt unsere Schwachheit und unsere Erschöpfung, aber er kennt auch das Zeugnis, das in uns wachsen kann. Wenn wir uns ihm immer wieder zuwenden, kann aus unserer Schwachheit Stärke und aus unserer Erfahrung ein persönliches Zeugnis werden. Ich glaube, dass der Herr uns nicht nur beruft, sondern uns Schritt für Schritt zu den Menschen formt, die wir in seinem Reich sein können. Und wenn Christus tief genug in unserem Herzen wohnt, müssen wir nicht mehr versuchen, ihn mit großen Worten zu verkündigen. Unser Leben selbst beginnt von ihm Zeugnis zu geben.



