„… und doch bist du da, und dein Schoß ist da; und du bist auch gerecht; du bist barmherzig und wohlwollend immerdar.“ (Mose 7:30)
Die Ketten Satans und die Würde der Entscheidung
Henoch steht erhoben, emporgehoben in den Schoß des Vaters und des Menschensohnes, und gerade von diesem erhöhten Ort aus sieht er den tiefen Fall der Menschheit. Generation folgt auf Generation, doch statt Fortschritt in Licht und Liebe breitet sich etwas anderes aus: „die Macht des Satans war über der ganzen Erde“ (Mose 7:24). Die Tragik dieser Szene liegt nicht zuerst in äußeren Katastrophen, sondern im inneren Zustand des Menschen. Hugh Nibley betont sinngemäß, dass die eigentliche Katastrophe nicht die äußere Zerstörung sei, sondern der geistige Zustand der Menschen selbst (vgl. Enoch the Prophet, 15). Zufrieden mit sich selbst, beleidigt durch jede göttliche Mahnung, lehnen sie Hilfe ab und empören sich gegen den, der sie retten will.
Zerstörung kommt hier nicht willkürlich vom Himmel herab. Sie wächst von innen. Der Herr selbst erklärt Henoch den Grund: Die Menschen sind „ohne Zuneigung“ (vgl. Mose 7:33). Sie weigern sich, Gott als Vater zu erwählen, und verweigern einander die Liebe. Damit säen sie nicht den Samen, den Gott ihnen gegeben hat, sondern einen anderen – einen Samen der Zerstörung. Diese Zerstörung ist folglich kein Akt göttlicher Willkür, sondern die ernste Konsequenz menschlicher Entscheidungen. Immer wieder erklingt im Buch Mose derselbe Refrain: Der Mensch bringt das Gericht durch seine eigenen Werke über sich.
Dieses innere Gefälle wird in einem erschütternden Bild verdichtet: Henoch sieht Satan selbst, mit einer großen Kette in der Hand, die die ganze Erde mit Finsternis überzieht (Mose 7:26). Diese Kette ist kein plötzliches Instrument. Sie fällt nicht auf einen Menschen herab wie ein Blitz. Sie entsteht, wie Carlos E. Asay lehrt, aus feinen Fäden – Gewohnheit um Gewohnheit, kleine Nachgiebigkeit um kleine Nachgiebigkeit. Was zunächst wie ein harmloser Faden erscheint, wird zur schweren Kette, wenn es nicht durch Umkehr zerschnitten wird. Genau darin liegt eine ernste Warnung, aber auch Hoffnung: Was geknüpft wurde, kann gelöst werden. Ketten sind nicht endgültig, solange der Mensch bereit ist, sie abzuschütteln.
Besonders verstörend ist, dass Satan in dieser Vision lacht. Er blickt auf und freut sich, und seine Engel freuen sich mit ihm. Dieses Lachen ist kein Ausdruck von Stärke, sondern von bitterer Ironie. Bruce C. Hafen weist darauf hin, dass Satan genau dann lacht, wenn er den Menschen dort hat, wo er ihn haben will. Der Spott, den viele aus Angst vor der Welt fürchten, endet schließlich im Hohn des Widersachers selbst. Satans Angebot ist stets dasselbe: kurzfristige Freiheit gegen langfristige Knechtschaft. Er verspricht billige Augenblicke des Reizes, fordert aber am Ende die Seele. Unsere Entscheidungen sollen ihn nicht amüsieren, sondern entmachten. Jede bewusste Wahl für das Gute ist ein stiller Akt des Widerstands gegen sein höhnisches Lachen. Was die Faust-Dichtung in Bildern zeigt, offenbart Mose 7 in geistlicher Klarheit: Der Widersacher verspricht den Augenblick des Reizes, fordert aber am Ende die Seele. Darum sollen unsere Entscheidungen ihn nicht belustigen, sondern entmachten; jede bewusste Wahl für das Gute ist ein stiller Akt des Widerstands gegen sein höhnisches Lachen.
Mitten in dieser düsteren Vision geschieht etwas völlig Unerwartetes: Gott weint. „Der Gott des Himmels blickte auf das übrige Volk, und er weinte“ (Mose 7:28). Henoch ist darüber zutiefst erstaunt. Dreimal fragt er nach, wie es möglich sei, dass ein heiliger, ewiger, allmächtiger Gott weinen könne. Diese Wiederholung unterstreicht die Tiefe der Offenbarung. Neal A. Maxwell nennt diese Szene ein „Fenster göttlicher Offenbarung“. Wir erfahren hier, dass wir nicht immer allein weinen. Mehr noch: Der Himmel selbst leidet mit. Lies auch gerne “Book of Moses Evidence: Themes of Weeping”.
Gottes Tränen entspringen keiner Schwäche, sondern seiner Liebe. Er sieht die Konsequenzen der Entscheidungen seiner Kinder, und er hebt dennoch ihre Entscheidungsfreiheit nicht auf. Bruce C. Hafen betont, dass Gott gerade deshalb weint, weil er die Entscheidungsfreiheit nicht widerruft. Zwang wäre einfacher gewesen. Aber ein erzwungener Gehorsam hätte keine reifen, liebenden, mitfühlenden Wesen hervorgebracht. Liebe ohne Freiheit ist keine Liebe. Wachstum ohne Wahl ist kein Wachstum.
Aber nicht nur Gott weint über die Schlechtigkeit, sogar die Erde und dann auch Henoch (Mose 7:49). Mehr hierzu lies in “Book of Moses Evidence: Themes of Weeping”
Henochs Blick weitet sich weiter. Er erkennt die unfassbare Größe der Schöpfung: Selbst wenn der Mensch die Teilchen der Erde zählen könnte, wäre das noch nicht der Anfang der Werke Gottes (Mose 7:30). Diese Erkenntnis hätte den Menschen klein und bedeutungslos erscheinen lassen können. Doch das Gegenteil geschieht. Gerade in der Unermesslichkeit der Schöpfung erkennt Henoch etwas zutiefst Tröstliches: „und doch bist du da“. Der unendliche Gott ist zugleich der nahe Gott. Seine Größe hebt nicht die Nähe auf, sondern schließt sie ein.
Die Offenbarung gipfelt in einer der klarsten Aussagen über den Charakter Gottes: Trotz unzähliger Welten ist sein Werk auf den Einzelnen gerichtet. Sein Ziel ist nicht die Erschaffung von Raum, sondern die Erhöhung seiner Kinder. Er kennt sie, er liebt sie, und er leidet, wenn sie leiden – selbst dann, wenn ihr Leiden selbstverschuldet ist. Diese göttliche Empathie verbindet vollkommene Gerechtigkeit mit vollkommener Barmherzigkeit.
Der Kern all dessen liegt in der Entscheidungsfreiheit. „Im Garten von Eden gab ich dem Menschen seine Entscheidungsfreiheit“ (Mose 7:32). Marion D. Hanks erinnert daran, dass wir diese Freiheit schon vor dieser Welt kannten und bewusst wählten. Wir wussten um die Risiken der Freiheit, aber auch um ihre Notwendigkeit. Ohne sie gäbe es weder Liebe noch Reife noch göttliche Ähnlichkeit. Gott rüttelt nicht an diesem Gesetz, weil er sich selbst treu bleibt.
Schließlich wird deutlich, was Gott von seinen Kindern verlangt – und was sie verweigerten: Sie sollten einander lieben und ihn, ihren Vater, erwählen (Mose 7:33). Darin liegen die beiden großen Gebote. Gottes Zorn entbrennt nicht aus verletztem Stolz, sondern aus dem Wissen um das Leid, das Lieblosigkeit zwangsläufig hervorbringt. Wer ohne Zuneigung lebt, folgt dem Vater des Elends und vergrößert das Leid in der Welt.
Persönliches geistliches Zeugnis:
Wenn ich diese Verse lese, berührt mich besonders die Wahrheit, dass Gott weint – nicht, weil er ohnmächtig wäre, sondern weil er liebt. Es tröstet mich zu wissen, dass meine Entscheidungen Bedeutung haben, dass meine Freiheit von Gott geachtet wird und dass selbst meine Tränen nicht unbeachtet bleiben. Ich bezeuge, dass Gott nahe ist, selbst in einer Welt voller Finsternis, und dass jede bewusste Entscheidung für Liebe, Umkehr und Treue Ketten sprengt und den Himmel erfreut.






