„Da erging das Wort des HErrn an Jeremia, nachdem der König jene Rolle verbrannt hatte mitsamt den Worten, die Baruch so, wie Jeremia sie ihm vorsagte, aufgeschrieben hatte, folgendermaßen: 28 „Nimm dir noch einmal eine andere Rolle und schreibe auf sie alle die vorigen Worte, welche auf der vorigen Rolle gestanden haben, die Jojakim, der König von Juda, verbrannt hat.“ (Jeremia 36:27–28)
Es gibt Dinge, die Menschen zerstören können. Ein Haus kann niederbrennen, ein Brief kann zerrissen werden, ein Buch kann im Feuer verschwinden. Aber es gibt etwas, das sich menschlicher Macht entzieht: Gottes Wort.
Jeremia 36 erzählt von einem König, der genau das Gegenteil glaubt. Jojakim hört die Worte Gottes, die ihm unangenehm sind. Sie sprechen von Umkehr und von den Folgen eines Lebens, das sich von Gott entfernt hat. Doch anstatt sich zu demütigen, nimmt er ein Messer, schneidet die vorgelesenen Abschnitte der Schriftrolle Stück für Stück ab und wirft sie ins Feuer. Schließlich ist die ganze Rolle verbrannt. (Jeremia 36:23)
Man kann diese Szene kaum betrachten, ohne darin etwas zutiefst Menschliches zu erkennen. Jojakim wollte nicht hören, was Gott sagte. Er konnte Gottes Wort nicht verändern – also versuchte er, es zu vernichten.
Doch dann geschieht etwas Bemerkenswertes. Gott sagt zu Jeremia: „Nimm dir noch einmal eine andere Rolle.“ Und Jeremia tut es. Baruch schreibt die Worte erneut nieder. Nicht nur die verbrannten Worte werden wieder aufgeschrieben, sondern weitere Worte kommen hinzu. (Jeremia 36:28)
Das Feuer hatte die erste Rolle vernichtet, aber nicht Gottes Botschaft.
Darin liegt eine Wahrheit, die weit über die Geschichte eines Königs in Jerusalem hinausreicht: Man kann das Buch verbrennen, aber nicht die Wahrheit. Man kann einen Propheten zum Schweigen bringen, aber nicht die Offenbarung Gottes. Man kann Menschen daran hindern, sich zu versammeln, aber nicht verhindern, dass das Evangelium in ihrem Herzen weiterlebt.
Vielleicht brauchen wir diese Wahrheit gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, dass Gottes Stimme in unserer Welt leiser wird.
Wir erleben, dass religiöse Überzeugungen belächelt oder zurückgedrängt werden. Vielleicht betrifft es uns sogar persönlich: Ein Mensch, den wir lieben, will nichts mehr vom Evangelium hören. Ein Kind entfernt sich von der Kirche. Jemand macht sich über unseren Glauben lustig.
Dann können wir leicht Angst bekommen.
Jeremia 36 erinnert uns daran, dass Gottes Wahrheit nicht von gesellschaftlicher Zustimmung abhängt. Sie ist nicht deshalb wahr, weil viele Menschen sie annehmen. Und sie wird nicht deshalb unwahr, weil viele Menschen sie ablehnen.
Aber Gottes Wort ist auch nicht einfach ein Urteil über uns. Der Herr ließ Jeremia schreiben, damit die Menschen „sich von ihrem bösen Wandel“ abkehrten und Vergebung finden konnten (Jeremia 36:3). Hinter der Warnung stand also Barmherzigkeit.
Das ist entscheidend. Gottes Wort ist nicht in erster Linie ein Hammer, mit dem Gott auf unsere Fehler schlägt. Es ist ein Ruf, der uns nach Hause führen möchte. Wenn Gott uns auf etwas hinweist, das in unserem Leben nicht stimmt, dann geschieht das nicht, weil er uns beschämen möchte. Er möchte uns retten.
Deshalb ist es so bedeutsam, dass Jeremia die verbrannte Schriftrolle nicht einfach als Verlust hinnimmt. Er schreibt sie neu. Was zerstört werden sollte, wird wiederhergestellt.
Darin sehe ich auch einen Grundgedanken der Wiederherstellung des Evangeliums. Joseph Smith erhielt die Aufgabe, verlorene und verdunkelte Wahrheiten wieder ans Licht zu bringen. Die Inspired Version kann dabei als ergänzende Vergleichsquelle dienen. Sie zeigt beispielhaft, wie die Joseph-Smith-Übersetzung biblische Aussagen verdeutlicht und zusätzliche geistige Zusammenhänge sichtbar macht.
Doch eine besonders eindrucksvolle moderne Parallele zu Jeremia 36 finden wir in Westafrika.
In Nigeria hatten Menschen bereits lange vor dem offiziellen Beginn der Missionsarbeit Zugang zu Literatur der Kirche und zum Buch Mormon. Sie lasen, glaubten, beteten und versammelten sich. Anthony Obinna und andere führten in den 1960er und 1970er Jahren Gemeinden, obwohl die Kirche damals noch keine Missionare nach Nigeria schicken konnte. (Kirchengeschichte Nigeria)
Als schließlich 1978 die ersten Missionare eintrafen, hatte Obinna mehr als ein Jahrzehnt gewartet. Er hatte das Evangelium nicht deshalb angenommen, weil bereits eine organisierte Kirche vor Ort gewesen wäre. Das Wort hatte ihn erreicht, bevor die äußeren Strukturen vorhanden waren.
Ähnliches geschah in Ghana. Joseph William Billy Johnson und andere hatten bereits eigene Gemeinden gegründet. Sie studierten das Buch Mormon, beteten und warteten. Als 1978 die Missionare eintrafen, fanden sie Menschen vor, deren Herzen längst vorbereitet waren. (Kirchengeschichte Ghana)
Die Geschichten Nigerias und Ghanas sind natürlich nicht identisch mit Jeremia 36. Aber das geistliche Muster ist ähnlich: Menschen können versuchen, den Weg des Wortes Gottes zu versperren, aber sie können seine Wirkung nicht kontrollieren.
Das lässt mich auch über mein eigenes Leben nachdenken.
Vielleicht gibt es Zeiten, in denen wir Gottes Wort nicht verbrennen, aber doch beiseitelegen. Wir hören etwas, das uns unbequem ist, und blättern weiter. Wir lesen eine Schriftstelle, die eine Veränderung von uns verlangt, und vergessen sie. Wir bekommen einen geistigen Eindruck und hoffen, dass er von selbst wieder verschwindet.
Jojakim brauchte Feuer. Wir brauchen keines. Manchmal genügt Gleichgültigkeit.
Darum lautet die Frage dieses Kapitels nicht nur: Was tun andere mit Gottes Wort? Sie lautet auch: Was tue ich mit dem Wort, das Gott mir gegeben hat?
Vielleicht gibt es eine Schriftstelle, die du schon lange kennst und die dich gerade jetzt neu anspricht. Vielleicht gibt es einen Rat eines lebenden Propheten, den du bisher vor dir hergeschoben hast. Vielleicht fordert dich der Herr zu einer Umkehr auf, die du lieber vermeiden möchtest.
Dann denke an Jeremia.
Die erste Rolle wurde verbrannt. Aber Gottes Wort war nicht verbrannt.
Und vielleicht ist das eine der schönsten Botschaften der Wiederherstellung: Gott gibt nicht einfach auf. Wenn etwas verloren geht, kann er es wiederherstellen. Wenn ein Zeugnis schwach geworden ist, kann er es neu entzünden. Wenn eine Generation das Evangelium vergisst, kann er in der nächsten Generation neue Herzen dafür öffnen.
Neal A. Maxwell sprach an der Brigham Young University über die Kraft des Wortes Gottes und darüber, dass es Menschen verändern kann. Gottes Wort besitzt keine Macht nur deshalb, weil wir es verteidigen können. Seine Macht liegt darin, dass Gott selbst dahintersteht. (BYU-Rede von Neal A. Maxwell)
Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Angst davor, dass die Welt das Evangelium zerstören könnte – und mehr Vertrauen darauf, dass wir selbst es in unserem Herzen bewahren können.
Denn am Ende hatte Jojakim zwar ein Feuer.
Aber Jeremia hatte ein neues Blatt.
Und hinter Jeremia stand Gott.
Ich glaube daran, dass Gottes Wort auch heute nicht zum Schweigen gebracht werden kann. Menschen können es ablehnen, verdrehen oder ignorieren. Aber wenn ein Mensch sein Herz öffnet, kann dasselbe Wort wieder lebendig werden. Ich glaube, dass der Herr seine Wahrheit bewahrt und sie immer wieder dorthin führt, wo bereite Herzen auf sie warten. Ich glaube, dass auch in unserem persönlichen Leben nichts endgültig verloren sein muss, wenn wir uns wieder dem Herrn zuwenden. Was Menschen zerstören, kann Gott wiederherstellen. Was verbrannt scheint, kann er neu schreiben. Dafür bin ich dankbar und dafür gebe ich Zeugnis.




