„Denn wenn du wirklich zu dieser Zeit stille sitzen wolltest, so wird den Juden Hilfe und Rettung von einer andern Seite her erstehen; du aber und deine ganze Familie, ihr werdet umkommen! Und wer weiß, ob du nicht gerade für eine Zeit, wie diese ist, zur königlichen Würde gelangt bist?” (Ester 4:14)
Manchmal verändert ein einziger Augenblick den Blick auf das ganze Leben.
Bis zu diesem Zeitpunkt scheint Ester vor allem Empfängerin der Ereignisse zu sein. Sie wird aus ihrem Volk herausgenommen, in den königlichen Palast gebracht und schließlich zur Königin erhoben. Vieles geschieht mit ihr. Sie scheint eher Teil einer Geschichte zu sein, die andere schreiben.
Doch in Ester 4 ändert sich alles.
Die Nachricht von Hamans Plan, das jüdische Volk auszurotten, erreicht den Palast. Mordechai trauert öffentlich. Ester erfährt von der drohenden Katastrophe und erkennt plötzlich, dass die Krise nicht irgendwo außerhalb ihrer Welt stattfindet. Sie betrifft ihr eigenes Volk, ihre Familie, ihre Herkunft und letztlich auch ihre eigene Zukunft.
In diesem Augenblick spricht Mordechai die Worte, die zu den bekanntesten der ganzen Heiligen Schrift geworden sind:
„Wer weiß, ob du nicht gerade für eine Zeit wie diese zur königlichen Würde gekommen bist?“
Plötzlich erscheint alles in einem neuen Licht.
Vielleicht war Ester nicht zufällig Königin geworden.
Vielleicht waren die vergangenen Jahre eine Vorbereitung gewesen.
Vielleicht hatte Gott längst gewirkt, obwohl niemand es erkannt hatte.
Vielleicht war sie genau deshalb an diesem Ort, weil nun eine Aufgabe auf sie wartete, die niemand sonst erfüllen konnte.
Wir erleben ähnliche Momente auch in unserem Leben.
Oft verstehen wir erst rückblickend, warum bestimmte Erfahrungen notwendig waren. Warum wir bestimmte Fähigkeiten entwickelt haben. Warum wir Menschen begegnet sind, die unseren Weg geprägt haben. Warum Türen geöffnet oder geschlossen wurden.
Während wir mitten in den Ereignissen stehen, sehen wir oft nur einzelne Puzzleteile.
Gott dagegen sieht das ganze Bild.
Ester hatte vermutlich nie davon geträumt, Retterin ihres Volkes zu werden. Wahrscheinlich wollte sie einfach ihren Platz finden und die Herausforderungen ihres eigenen Lebens bewältigen. Doch nun erkannte sie, dass Gott größere Absichten hatte, als sie bisher verstanden hatte.
So handelt Gott häufig.
Er bereitet Menschen auf Aufgaben vor, lange bevor diese erkennen, wofür sie vorbereitet werden.
Nephi wusste zunächst nicht, warum der Herr ihn nach Jerusalem zurückschickte. Erst später wurde deutlich, dass die Messingplatten für die geistliche Zukunft eines ganzen Volkes unverzichtbar waren.
Auch Joseph Smith war zunächst nur ein vierzehnjähriger Junge mit Fragen. Er suchte Antworten für sich selbst. Doch der Herr bereitete ihn auf eine Aufgabe vor, die weit über seine eigenen Anliegen hinausging. Die Erscheinung des Vaters und des Sohnes wurde zum Beginn der Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi. Die Erste Vision
Immer wieder erkennen wir in den Schriften und in der Kirchengeschichte dieses Muster: Gott beruft gewöhnliche Menschen zu außergewöhnlichen Aufgaben.
Interessanterweise geschieht das fast nie zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Betreffenden besonders stark oder qualifiziert fühlen.
Mose fühlte sich ungeeignet.
Jeremia hielt sich für zu jung.
Henoch sah sich selbst als schwach und unbeholfen.
Nephi war jünger als seine Brüder.
Joseph Smith war ein unerfahrener Jugendlicher.
Und auch Ester reagiert zunächst nicht mit Begeisterung, sondern mit Sorge.
Sie kennt die Gefahr.
Wer ungerufen vor den König tritt, riskiert sein Leben.
Ihre Angst ist real.
Gerade deshalb ist Ester ein so kraftvolles Vorbild.
Denn Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, trotz der Angst gehorsam zu sein.
Oft stellen wir uns Glaubenshelden als Menschen vor, die niemals gezweifelt oder gefürchtet hätten. Die Schrift berichtet jedoch etwas anderes. Die meisten großen Diener Gottes handelten nicht deshalb mutig, weil sie keine Furcht kannten, sondern weil ihr Vertrauen in Gott größer wurde als ihre Angst.
Nachdem Mordechai zu ihr gesprochen hat, trifft Ester ihre Entscheidung:
„Komme ich um, so komme ich um.“
Diese Worte klingen nicht nach Selbstsicherheit.
Sie klingen nach Hingabe.
Ester weiß nicht, wie die Geschichte ausgehen wird.
Sie kennt nicht den Ausgang.
Sie erhält keine Garantie.
Aber sie entscheidet sich, das Richtige zu tun.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen unseres Glaubenslebens.
Wir wünschen uns oft vollständige Gewissheit, bevor wir handeln.
Der Herr erwartet jedoch häufig, dass wir zuerst handeln und ihm dann vertrauen.
So war es bei Nephi.
So war es bei den Pionieren.
So ist es bei Jüngern Christi in jeder Generation.
Jede Zeit bringt ihre eigenen geistlichen Herausforderungen hervor.
Die Aufgabe Esters bestand nicht darin, Jerusalem zu verlassen oder die Arche zu bauen oder goldene Platten zu übersetzen.
Ihre Aufgabe war einzigartig für ihre Zeit.
Ebenso verhält es sich heute.
Vielleicht fragt sich mancher Mensch, weshalb er gerade jetzt lebt und nicht in einer früheren Generation.
Doch Gott macht keine Fehler bei der Zeit seiner Kinder.
Er sendet Menschen nicht zufällig auf die Erde.
Der Herr kennt die Bedürfnisse jeder Generation und bereitet Menschen vor, die genau das einbringen können, was zu ihrer Zeit gebraucht wird.
Wenn wir darüber nachdenken, erkennen wir dieses Prinzip sogar außerhalb geistlicher Zusammenhänge.
Bestimmte Wissenschaftler erscheinen zu einer Zeit, in der ihre Entdeckungen möglich und notwendig werden.
Bestimmte Erfinder bringen Fähigkeiten mit, die gerade dann benötigt werden.
Bestimmte Führungspersönlichkeiten treten hervor, wenn besondere Herausforderungen bewältigt werden müssen.
Warum sollte Gott bei seinen Kindern weniger zielgerichtet handeln?
Jeder Mensch bringt etwas mit, das kein anderer in gleicher Weise einbringen kann.
Jeder besitzt Erfahrungen, Gaben, Einsichten und Möglichkeiten, die einzigartig sind.
Vielleicht besteht unsere Aufgabe nicht darin, Tausende Menschen zu beeinflussen.
Vielleicht besteht sie darin, eine Familie zu stärken.
Einem Menschen Hoffnung zu schenken.
Ein Zeugnis weiterzugeben.
Ein Kind zu unterrichten.
Einen Dienst zu erfüllen.
Eine Entscheidung für das Richtige zu treffen, obwohl sie unbequem ist.
Doch auch solche Aufgaben können ewige Auswirkungen haben.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: „Warum lebe ich gerade jetzt?“
Die wichtigere Frage lautet:
„Wofür hat Gott mich gerade jetzt hierhergestellt?“
Ester begann ihre Geschichte als junge Frau in einer fremden Umgebung.
Sie endet als Werkzeug in Gottes Hand.
Dazwischen lag der Augenblick, in dem sie erkannte, warum sie dort war.
Vielleicht möchte der Herr auch uns helfen, unsere eigene Berufung klarer zu erkennen.
Nicht unbedingt eine spektakuläre Berufung.
Aber die Aufgabe, die er gerade uns anvertraut.
Gerade für eine Zeit wie diese.
Mein Zeugnis
Ich glaube, dass Gott jeden Menschen mit Absicht in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort stellt. Ich glaube nicht an Zufälle in Gottes Werk. Oft erkennen wir erst Jahre später, warum bestimmte Erfahrungen notwendig waren und wie der Herr uns vorbereitet hat. Ich habe selbst erlebt, dass Gott Wege öffnet, die vorher nicht sichtbar waren, und dass er Menschen Aufgaben anvertraut, für die sie sich zunächst unzureichend fühlen. Gerade deshalb liebe ich die Geschichte Esters. Sie zeigt, dass Gott nicht die Perfekten beruft, sondern gewöhnliche Menschen stärkt, damit sie seine Absichten erfüllen können. Ich bezeuge, dass der Herr auch heute jeden von uns kennt und dass er für jeden eine Aufgabe bereithält, die nur wir erfüllen können. Im Namen Jesu Christi. Amen.



