„So konnten denn die Ältesten der Juden weiterbauen, und die Arbeit ging erfolgreich von statten gemäß der Weissagung der Propheten, nämlich Haggai’s und Sacharja’s, des Sohnes Iddo’s, sodaß sie den Bau zu Ende führten nach dem Befehl des Gottes Israels und nach dem Befehl des Kores und des Darius und des Königs Arthasastha von Persien.“ (Esra 6:14)
Nach dem ersten Aufbruch aus dem babylonischen Exil war die Freude groß. Endlich durften die Juden nach Jerusalem zurückkehren. Endlich konnten sie wieder an dem Ort leben, den Gott ihren Vätern verheißen hatte. Und vor allem: Endlich sollte der Tempel wieder aufgebaut werden.
Die ersten Schritte waren voller Hoffnung. Der Altar wurde errichtet. Die Grundlagen des Tempels wurden gelegt. Viele sahen darin die Erfüllung jahrzehntealter Gebete. Doch dann kam der Widerstand.
Die Gegner des Werkes boten zunächst scheinbare Hilfe an. Als ihr Angebot abgelehnt wurde, änderten sie ihre Strategie. Sie begannen, die Bauleute einzuschüchtern. Sie versuchten, die Verantwortlichen zu entmutigen. Schließlich schrieben sie Briefe an die persischen Herrscher und erhoben Anschuldigungen gegen die Juden. Die Folge war dramatisch: Die Arbeiten kamen zum Stillstand.
Was für eine Enttäuschung muss das gewesen sein.
Viele der Heimkehrer hatten jahrelang von diesem Moment geträumt. Sie hatten Opfer gebracht, ihre Heimat verlassen und eine gefährliche Reise auf sich genommen. Nun standen sie vor einem halbfertigen Fundament und mussten erleben, wie alles ins Stocken geriet.
Vielleicht kennen wir ähnliche Situationen.
Manchmal glauben wir, dass Gott uns auf einen bestimmten Weg geführt hat. Wir beginnen voller Glauben. Wir setzen Ziele. Wir dienen. Wir arbeiten an unserer Familie, unserer Berufung oder unserem geistlichen Leben. Doch plötzlich tauchen Hindernisse auf. Dinge dauern länger als erwartet. Türen schließen sich. Menschen stellen sich gegen uns. Fortschritt wird mühsam.
In solchen Momenten entsteht leicht die Frage: Hat Gott seine Hand zurückgezogen?
Die Geschichte in Esra 4–6 beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein.
Die Unterbrechung bedeutete nicht, dass Gott sein Werk aufgegeben hatte. Sein Plan lief weiter – auch wenn die Menschen ihn nicht vollständig erkennen konnten.
Jahre vergingen. Das Fundament des Tempels lag weiterhin sichtbar in Jerusalem. Wahrscheinlich erinnerte es die Menschen täglich daran, was sie begonnen und nicht vollendet hatten. Vielleicht fragten sich manche, ob die Verheißungen Gottes jemals Wirklichkeit würden.
Dann sandte der Herr die Propheten Haggai und Sacharja.
Ihre Botschaft war nicht kompliziert. Sie riefen das Volk zurück zur Arbeit und zurück zum Vertrauen auf Gott. Sie erinnerten die Menschen daran, dass Gottes Zusagen nicht von politischen Umständen abhängig waren. Der Herr hatte den Tempelbau geboten, und deshalb sollte das Werk fortgesetzt werden.
Bemerkenswert ist, dass sich die äußeren Umstände zunächst kaum verändert hatten. Die Gegner waren noch da. Die politischen Risiken bestanden weiterhin. Die Herausforderungen waren nicht verschwunden.
Verändert hatte sich vor allem der Blick des Volkes auf Gott.
Oft warten wir darauf, dass Gott zuerst die Hindernisse beseitigt. Doch häufig stärkt er zuerst unseren Glauben, damit wir trotz der Hindernisse weitergehen können.
Als die Juden den Bau wieder aufnahmen, versuchten ihre Gegner erneut einzugreifen. Wieder wurden Berichte an die persische Regierung geschickt. Doch diesmal geschah etwas Unerwartetes. Im königlichen Archiv wurde der ursprüngliche Erlass des Königs Kyrus gefunden. Dadurch wurde bestätigt, dass der Tempelbau tatsächlich rechtmäßig war. Nicht nur das: Der neue König ordnete an, dass das Werk fortgesetzt werden sollte.
Was Menschen stoppen wollten, gebrauchte Gott letztlich zur Bestätigung seines Werkes.
Schließlich wurde der Tempel vollendet.
Esra fasst diesen langen Prozess mit bemerkenswerter Schlichtheit zusammen: „Die Ältesten der Juden aber bauten weiter.“ Gerade darin liegt eine wichtige geistliche Lektion. Große Werke Gottes entstehen oft nicht durch spektakuläre Augenblicke, sondern durch treues Weitermachen.
Viele Gläubige erwarten, dass Gottes Führung sich vor allem in schnellen Erfolgen zeigt. Doch die Schrift berichtet immer wieder von langen Zeiten des Wartens.
Noah baute jahrelang an der Arche, bevor ein einziger Regentropfen fiel.
Abraham wartete Jahrzehnte auf die Verheißung eines Sohnes.
Nephi musste trotz wiederholter Rückschläge immer wieder nach Jerusalem zurückkehren, bevor er die Messingplatten erhielt.
Auch die frühen Heiligen der Letzten Tage kannten solche Erfahrungen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies während der schweren Verfolgungen in Missouri. Die Heiligen verloren Häuser, Eigentum und Sicherheit. Viele fragten sich, warum Gott das zuließ. Selbst der Prophet Joseph Smith verbrachte Monate im Gefängnis von Liberty. Doch gerade dort empfing er Offenbarungen voller Hoffnung und Trost, die heute in Lehre und Bündnisse 121–123 enthalten sind. Was zunächst wie ein Stillstand aussah, wurde später zu einer Quelle geistlicher Stärke für Generationen von Heiligen. Mehr über diese Ereignisse findet sich im Beitrag „Gefängnis zu Liberty “ der Kirchengeschichte. Gefängnis zu Liberty
Ein weiteres Beispiel finden wir bei den Pionieren. Viele von ihnen erlebten auf ihrem Weg nach Zion Verzögerungen, Rückschläge und schwere Prüfungen. Besonders die Handkarrenpioniere mussten lernen, Schritt für Schritt weiterzugehen, auch wenn das Ziel noch fern war. Dennoch erreichten die meisten ihr Ziel, weil sie nicht aufgaben. Ihre Geschichte erinnert daran, dass Gottes Führung nicht immer den einfachsten Weg bedeutet, aber stets einen Weg mit Sinn und Verheißung. Informationen dazu finden sich in den historischen Berichten über die Handkarrenabteilungen sowie auf der Seite Treck der Pioniere.
Vielleicht befindest du dich gerade in einer Phase, in der Fortschritt langsamer verläuft als erhofft. Vielleicht betest du seit langer Zeit für eine Veränderung. Vielleicht arbeitest du an einer Aufgabe, ohne sichtbare Ergebnisse zu erkennen. Vielleicht scheint ein von Gott inspirierter Weg voller Hindernisse zu sein.
Die Kapitel Esra 4–6 erinnern uns daran, dass Verzögerung nicht dasselbe ist wie Ablehnung.
Gott arbeitet oft auch dann, wenn wir seine Hand gerade nicht erkennen können. Während die Menschen nur ein unfertiges Fundament sahen, bereitete Gott bereits die Umstände für die Vollendung des Tempels vor.
Treue bedeutet deshalb nicht nur, Gott zu vertrauen, wenn alles gelingt. Treue bedeutet, weiterzubauen, auch wenn Ergebnisse auf sich warten lassen.
Der Herr misst Erfolg nicht allein an sichtbaren Resultaten. Oft achtet er vielmehr auf unsere Bereitschaft, trotz Widerstand und Unsicherheit weiterzugehen.
Manche der größten Segnungen entstehen erst nach langen Zeiten scheinbaren Stillstands.
Persönliches Zeugnis
Ich glaube, dass Gott sein Werk niemals aufgibt. Ich glaube, dass Widerstand nicht bedeutet, dass der Herr fern ist. Oft wirkt er gerade dann am stärksten, wenn wir nur Hindernisse sehen. Immer wieder habe ich erlebt, dass Gott Türen öffnet, die lange verschlossen schienen, und Wege vorbereitet, die vorher nicht sichtbar waren. Die Geschichte des Tempelbaus in Esra stärkt mein Vertrauen, dass seine Verheißungen Bestand haben. Wenn wir ihm treu bleiben und weiterbauen, wird er sein Werk zu seiner Zeit vollenden. Davon gebe ich Zeugnis.


