„die auf den HErrn harren, gewinnen neue Kraft, daß ihnen neue Schwingen (oder: Schwungfedern) wachsen wie den Adlern, daß sie laufen und nicht müde werden, daß sie wandern und nicht ermatten.“ (Jesaja 40:31)
Jesaja 40 beginnt mit Worten, die wie ein tiefer Atemzug nach langer Anspannung wirken. Nach den ernsten Warnungen der vorangegangenen Kapitel ändert sich der Ton plötzlich vollständig. Nicht Gericht eröffnet diesen neuen Abschnitt des Buches, sondern Trost. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ lautet Gottes Auftrag (Jesaja 40:1). Es ist bemerkenswert, dass der Herr seinem erschöpften Volk nicht zuerst neue Gebote gibt, keine Vorwürfe erhebt und keine Forderungen stellt. Er beginnt damit, Hoffnung zu schenken. Noch bevor sich die äußeren Umstände ändern, verändert Gott die Blickrichtung seines Volkes.
Diese Worte richteten sich ursprünglich an Israel in einer Zeit großer Unsicherheit. Viele der angekündigten Gerichte würden noch eintreffen, Jerusalem würde zerstört und das Volk ins Exil geführt werden. Dennoch spricht Gott bereits jetzt von Trost. Seine Verheißungen reichen weiter als die gegenwärtige Krise. Sie zeigen auf eine Zukunft, in der er selbst sein Volk sammeln, erlösen und schließlich durch den Messias vollkommen retten wird. Gerade darin liegt eine der großen Botschaften Jesajas: Gottes Heil beginnt oft lange bevor wir seine Erfüllung sehen können.
Auch wir kennen Zeiten geistlicher Müdigkeit. Nicht jede Erschöpfung entsteht durch Sünde oder mangelnden Glauben. Manchmal sind es Sorgen um die Familie, Krankheit, Einsamkeit oder Enttäuschungen, die unsere Kraft aufzehren. Manchmal verrichten wir treu unsere täglichen Aufgaben und spüren dennoch, dass unsere Seele müde geworden ist. Gerade solchen Menschen gilt Gottes erste Botschaft: „Tröstet mein Volk.“
Jesaja beschreibt anschließend einen Weg, der in der Wüste bereitet wird. Alle Täler sollen erhöht, alle Berge erniedrigt werden (Jesaja 40:4). Im Neuen Testament erkennen wir darin den Dienst Johannes des Täufers, der den Weg für Jesus Christus vorbereitete. Doch die Worte besitzen zugleich eine persönliche Bedeutung. Der Herr ebnet Hindernisse, die wir selbst nicht überwinden können. Er bereitet Wege, die wir noch gar nicht sehen.
Die Joseph Smith Translation verändert den Wortlaut dieses Kapitels kaum, bestätigt aber an anderen Stellen des Jesajabuches, dass viele dieser Prophezeiungen mehrere Erfüllungsebenen besitzen: Sie galten dem damaligen Israel, sie weisen auf Christus hin und sie sprechen ebenso zu den Letzten Tagen. Gerade deshalb lesen wir Jesaja nicht nur als Geschichte, sondern als Offenbarung für unsere Zeit.
Besonders berührend ist das Bild des guten Hirten: „Wie ein Hirte wird er seine Herde weiden; die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und an seiner Brust tragen.“ (Jesaja 40:11). Dieses Bild zeigt keinen fernen, unnahbaren Gott. Der Schöpfer des Universums kennt jedes einzelne Schaf seiner Herde. Er trägt die Schwachen, führt die Müden und geht mit den Langsamen geduldig ihren Weg.
Vielleicht überrascht gerade dieser Kontrast. Unmittelbar danach beschreibt Jesaja die unermessliche Größe Gottes. Er misst die Wasser mit seiner hohlen Hand, spannt den Himmel mit seiner Handbreite aus und kennt jede einzelne Sternenkonstellation. Dann folgt die Aussage, dass alle Völker vor ihm „wie nichts“ seien (Jesaja 40:17). Man könnte diesen Vers missverstehen, als wolle Gott den Menschen gering schätzen. Doch genau das ist nicht gemeint. Jesaja stellt nicht den Wert des Menschen infrage, sondern die Unvergleichbarkeit Gottes. Kein Volk, keine Macht und kein Reich kommt auch nur annähernd an seine Größe heran. Gerade weil Gott unendlich größer ist als alles Geschaffene, kann er seinem Volk auch Hoffnung schenken. Unsere Schwierigkeiten mögen aus menschlicher Sicht überwältigend erscheinen; vor Gott sind sie niemals größer als seine Macht.
Diese Wahrheit hat der Apostel Patrick Kearon in mehreren Ansprachen eindrucksvoll hervorgehoben. Immer wieder erinnert er daran, dass Gottes Liebe nicht von unserer Leistung abhängt. Der Vater im Himmel begegnet uns nicht zuerst mit Enttäuschung, sondern mit ausgestreckten Armen. Besonders seine Generalkonferenzansprache „Willkommen in der Kirche der Freude“ (Oktober 2024) macht deutlich, dass Christus Menschen nicht beschämt, sondern aufrichtet. Wer erkennt, wie Gott ihn wirklich sieht, beginnt auch sich selbst mit Hoffnung zu betrachten.
Diese Hoffnung erleben gegenwärtig viele Mitglieder der Kirche unter schwierigsten Umständen. Berichte aus der Ukraine erzählen von Gemeinden, die sich trotz Krieg weiterhin versammeln, Abendmahl feiern und gemeinsam beten. Manche mussten ihre Heimat verlassen, andere verloren Angehörige oder ihr Zuhause. Dennoch berichten viele davon, dass sie gerade in den dunkelsten Stunden den Frieden des Erretters besonders deutlich gespürt haben. Äußerlich hat sich ihre Lage oft nicht sofort verbessert. Doch innerlich empfingen sie jene neue Kraft, von der Jesaja spricht. Der Herr nahm ihnen nicht jede Last, aber er trug sie gemeinsam mit ihnen.
Solche Erfahrungen erinnern daran, dass Gottes Trost nicht immer bedeutet, unsere Umstände sofort zu verändern. Häufig verändert er zuerst unser Herz. Er schenkt Frieden, bevor er Lösungen schenkt. Er gibt Zuversicht, bevor der Weg sichtbar wird. Genau darin liegt das Wunder des Harrens auf den Herrn.
Am Ende des Kapitels stellt Jesaja eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: „Warum sprichst du denn: Mein Weg ist dem HERRN verborgen?“ (Jesaja 40:27). Wie oft fühlen wir uns übersehen oder vergessen. Doch Jesaja antwortet unmittelbar: Gott wird nicht müde. Seine Kraft nimmt niemals ab. Während unsere eigene Kraft begrenzt ist, bleibt seine unerschöpflich.
Deshalb gipfelt das Kapitel in einem der bekanntesten Verse der Heiligen Schrift: Die auf den Herrn harren, gewinnen neue Kraft (Jesaja 40:31). Bemerkenswert ist, dass Jesaja nicht sagt, sie würden niemals müde werden. Vielmehr erneuert Gott ihre Kraft immer wieder. Das Harren ist kein passives Warten. Es bedeutet, dem Herrn weiterhin zu vertrauen, auch wenn seine Antworten Zeit brauchen. Es bedeutet, den nächsten kleinen Schritt im Glauben zu gehen, obwohl wir das Ende des Weges noch nicht erkennen.
Vielleicht besteht unsere größte Herausforderung heute weniger darin, an Gottes Macht zu glauben als seiner Fürsorge zu vertrauen. Jesaja 40 verbindet beides auf wunderbare Weise. Der Gott, der Sterne zählt und ganze Nationen überblickt, kennt zugleich den Namen jedes Einzelnen seiner Kinder. Seine Größe macht seine Liebe nicht kleiner, sondern erst wirklich glaubwürdig. Weil er allmächtig ist, kann er auch unser Leben tragen.
Ich empfinde Jesaja 40 als eine der tröstlichsten Botschaften der ganzen Heiligen Schrift. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Herr gerade in Zeiten der Erschöpfung nicht zuerst neue Anforderungen stellte, sondern neue Kraft schenkte. Oft änderten sich die äußeren Umstände zunächst kaum. Doch wenn ich meinen Blick wieder auf Christus richtete, wurde der nächste Schritt möglich. Deshalb glaube ich aus eigener Erfahrung, dass Gottes Verheißung heute genauso gilt wie damals: Wer auf den Herrn harrt, wird nicht allein gelassen. Er wird getragen, gestärkt und zur rechten Zeit erneuert.


