“Ich will also meinen Geist in euch kommen lassen, daß ihr lebendig werdet, und will euch wieder in euer Land versetzen, damit ihr erkennt, daß ich, der HErr, es verheißen habe und es auch zur Ausführung bringe!’ — so lautet der Ausspruch des HErrn.” (Ezechiel 37:14)
Es gibt Augenblicke, in denen Hoffnung nicht einfach nur schwach geworden ist, sondern beinahe tot erscheint. Man sieht keinen Weg mehr nach vorn. Was einmal lebendig war, ist zerfallen. Eine Zukunft, auf die man vertraut hat, scheint nicht mehr möglich. Genau in eine solche Situation führt der Herr den Propheten Ezechiel.
Ezechiel sieht ein Tal voller Totengebeine. Sie liegen überall, und sie sind nicht nur tot, sondern vollkommen verdorrt. Der Herr fragt ihn: „Menschensohn, können wohl diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Ezechiel antwortet: „HErr, mein Gott, du weißt es.“ (Ezechiel 37:2).
Diese Antwort gefällt mir. Ezechiel versucht nicht, Gott zu erklären, was möglich oder unmöglich ist. Er weiß selbst keine Antwort. Aber er weiß, wer die Antwort kennt.
Dann befiehlt Gott ihm, über die Gebeine zu weissagen. Sie sollen das Wort des Herrn hören. Und tatsächlich beginnen sie sich zusammenzufügen. Sehnen entstehen, Fleisch wächst, Haut bedeckt sie. Doch noch fehlt das Entscheidende: der Lebensgeist. Erst als der Geist kommt, werden sie lebendig und stehen auf ihren Füßen.
Die Inspired Version macht diesen Vorgang besonders anschaulich. Dort wird mehrfach vom „Lebensgeist“ gesprochen. Zuerst hören die verdorrten Gebeine das Wort des Herrn. Dann werden sie wieder aufgebaut. Aber erst der Lebensgeist macht aus dem zusammengesetzten Körper ein lebendiges Wesen.
Und dann erklärt der Herr selbst, was diese Vision bedeutet: „Diese Gebeine hier sind das ganze Haus Israel.“ Israel sagt: „Verdorrt sind unsere Gebeine, und geschwunden ist unsere Hoffnung: es ist aus mit uns!“ Doch genau hier widerspricht Gott der Hoffnungslosigkeit. Er sagt: „Ich will eure Gräber öffnen.“ Er will sein Volk aus seinen Gräbern führen, ihm seinen Geist geben und es wieder in sein Land bringen. (Inspired Version Ezekiel 37:11-13)
Damit wird deutlich: Die unmittelbare Botschaft der Vision ist die Wiederherstellung Israels. Das Volk, das zerstreut, geschlagen und scheinbar ohne Zukunft ist, wird von Gott nicht aufgegeben. Was für Israel wie das Ende aussieht, ist für Gott nicht das Ende.
Das passt unmittelbar zu dem, was wir im vorhergehenden Kapitel gelesen haben. Dort hatte der Herr verheißen: „Einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.“ (Ezechiel 36:26). In Kapitel 37 sehen wir nun, was dieser Geist bewirken kann. Er bringt Leben hervor. Er führt Menschen aus Hoffnungslosigkeit heraus. Er sammelt, was zerstreut wurde.
Gleichzeitig hat die Vision eine weitere Bedeutung, die im Evangelium besonders kostbar ist. Die Auferstehung wird in Ezechiels Bild von den Gebeinen ebenfalls sichtbar: Körper werden wiederhergestellt und der Lebensgeist kehrt in sie zurück. Die Lehre der Kirche verbindet deshalb Ezechiel 37 sowohl mit der Auferstehung als auch mit der Wiederherstellung Israels.
Das Buch Mormon gibt uns dafür ein klares Zeugnis. Jakob lehrt, dass der Tod nicht das Ende ist, weil Jesus Christus durch seine Macht die Auferstehung ermöglicht. Körper und Geist werden wiedervereinigt (2 Nephi 9:10–13). Alma erklärt seinem Sohn ebenfalls, dass der Geist und der Körper wiedervereinigt werden und dass die Auferstehung eine wirkliche Wiederherstellung ist (Alma 40,18–23).
Doch Ezechiel führt seine Vision noch weiter. Nun sieht er zwei Holzstäbe. Auf dem einen steht Juda, auf dem anderen Joseph, der Stab Ephraims. Gott befiehlt ihm, beide zusammenzufügen, sodass sie in seiner Hand eins werden.
Gerade hier wird die Botschaft für die Wiederherstellung des Evangeliums besonders deutlich. In der Lehre der Kirche steht der Stab Judas für die Bibel und der Stab Josephs beziehungsweise Ephraims für das Buch Mormon. Beide werden zu einem Zeugnis in der Hand des Herrn. Elder Boyd K. Packer erklärte, dass der Stab oder die Aufzeichnung Judas – das Alte und Neue Testament – und der Stab oder die Aufzeichnung Ephraims – das Buch Mormon als ein weiteres Zeugnis für Jesus Christus – heute miteinander verbunden sind. Er sagte: „Sie sind tatsächlich eins in unseren Händen. Ezechiels Prophezeiung ist nun erfüllt.“ Elder Boyd K. Packer, „Scriptures“, Generalkonferenz Oktober 1982
Diese Deutung wird auch im aktuellen Lehrmaterial der Kirche zu Ezechiel 37 aufgegriffen. Dort werden der Stab Judas als Bibel und der Stab Josephs als Buch Mormon verstanden. Beide Schriften wirken gemeinsam als Zeugnisse für Jesus Christus und sein wiederhergestelltes Evangelium. Ezechiel 37 – Die Bibel und das Buch Mormon geben Zeugnis für Jesus Christus
Damit verändert sich die Perspektive noch einmal. Gott erweckt nicht nur etwas Totes zum Leben. Er stellt wieder her. Er sammelt sein Volk. Er verbindet, was getrennt war. Er schenkt seinem Volk erneut sein Wort. Und schließlich verheißt er einen ewigen Bund und sein Heiligtum in ihrer Mitte.
Diese Verheißung kann auch unser eigenes Leben berühren. Vielleicht gibt es Bereiche, bei denen wir innerlich sagen: Es ist aus mit mir. Meine Hoffnung ist vertrocknet. Ich habe zu lange gewartet. Ich sehe keinen Weg mehr. Ezechiel lädt uns nicht dazu ein, die Realität solcher Situationen schönzureden. Die Gebeine waren tatsächlich trocken. Israel hatte tatsächlich alles verloren, was ihm Hoffnung gegeben hatte.
Aber Gott zeigt, dass die sichtbare Wirklichkeit nicht die ganze Wirklichkeit ist.
Ein eindrucksvolles Beispiel für solche Wiederherstellung finden wir in der jüngeren Geschichte der Kirche in der Ukraine. Als die ersten Missionare 1990 nach Kiew kamen, lag das Land noch im Schatten der Sowjetzeit. Die Kirche war dort kaum bekannt und musste zunächst überhaupt rechtlich anerkannt werden. Doch schon bald entstanden Gemeinden, und die ersten ukrainischen Mitglieder begannen davon zu träumen, eines Tages einen Tempel in ihrer eigenen Heimat zu haben.
1992 reisten ukrainische Heilige der Letzten Tage erstmals gemeinsam zum Freiberg-Tempel in Deutschland. Die Reise war lang, teuer und beschwerlich. Trotzdem fuhren immer wieder Gruppen nach Deutschland, um dort im Haus des Herrn Bündnisse zu schließen und geistliche Kraft zu empfangen. Einer von ihnen, Valeriy Stavichenko, schrieb nach der ersten Reise, er habe beim Anblick des erleuchteten Tempelturms begonnen, von einem solchen Haus des Herrn in Kiew zu träumen.
Dann kam 1998 die Ankündigung: In der Ukraine sollte ein Tempel gebaut werden. Noch war kein Pfahl organisiert, und bis zum Baubeginn sollten weitere Jahre vergehen. Doch der Traum blieb bestehen. 2004 wurde in Kiew der erste Pfahl der Ukraine gegründet. Am 29. August 2010 wurde schließlich der Kiew-Tempel geweiht. Was zunächst wie eine ferne Hoffnung erschienen war, stand nun sichtbar vor den Augen der Heiligen.
Mich beeindruckt daran besonders die Verbindung zu Ezechiel. Dort sieht der Prophet zunächst nur vertrocknete Gebeine. Doch Gott sieht bereits, was daraus werden kann. In der Ukraine war es ähnlich: Die Menschen konnten zunächst nur die Begrenzungen ihrer Zeit sehen. Aber der Herr ließ Schritt für Schritt etwas wachsen, das zuvor kaum vorstellbar gewesen war. Aus einzelnen Gläubigen wurden Gemeinden, aus Gemeinden ein Pfahl, und schließlich stand mitten in diesem Land ein Haus des Herrn.
Die Verheißung erfüllte sich nicht plötzlich. Sie brauchte Geduld, Glauben und viele einzelne Schritte. Aber gerade darin liegt eine wichtige geistliche Wahrheit: Gottes Wiederherstellung geschieht manchmal nicht in einem einzigen großen Augenblick. Manchmal beginnt sie damit, dass ein Mensch trotz aller Umstände weiter glaubt, betet und dem Wort Gottes folgt. Dann fügt der Herr Schritt für Schritt zusammen, was für uns noch wie einzelne, voneinander getrennte Gebeine aussieht. “Ukraine”
Das erinnert mich an Ezechiels Vision. Der Geist beseitigt nicht immer sofort die äußeren Umstände. Aber er kann Leben in eine Situation bringen, die sich innerlich bereits wie ein Grab anfühlt.
Vielleicht müssen wir deshalb manchmal nicht zuerst darum bitten, dass Gott unsere Umstände verändert. Vielleicht dürfen wir zunächst darum bitten, dass er seinen Geist in uns kommen lässt.
Denn der Herr sagt nicht: Ihr müsst euch selbst lebendig machen. Er sagt: „Ich will meinen Geist in euch kommen lassen, daß ihr lebendig werdet.“ (Ezechiel 37:14)
Das ist für mich eine der hoffnungsvollsten Aussagen dieses Kapitels. Der Herr verlangt von uns nicht, dass wir aus eigener Kraft aus unseren Gräbern steigen. Er bittet uns, seinem Wort zuzuhören, uns seinem Geist zu öffnen und ihm zu vertrauen.
Ich glaube an Jesus Christus und an seine Macht, Leben wiederherzustellen. Ich glaube an die wirkliche Auferstehung und daran, dass der Tod nicht das letzte Wort über Gottes Kinder hat. Aber ich glaube auch an die geistliche Wiederherstellung, die schon heute beginnen kann. Wenn ich mich innerlich und auch äußerlich darauf vorbereite, den Geist des Herrn zu empfangen, erfahre ich immer wieder, dass persönliche Offenbarung nicht nur Erkenntnis schenkt. Sie kann Hoffnung zurückbringen, Kraft geben und etwas in mir lebendig machen, das ich selbst bereits für verloren hielt.
Vielleicht sehe ich manchmal nur die Gebeine. Der Herr aber sieht bereits das Leben, das daraus entstehen kann.
Und deshalb bleibt die letzte Botschaft Ezechiels nicht: „Es ist aus mit uns.“ Sie lautet: „Ich will meinen Geist in euch kommen lassen, daß ihr lebendig werdet.“


