Samstag, 24. Oktober 2026

In meinem Herzen ist es wie brennendes Feuer

 

(Bildquelle: KI-generiert von ChatGPT)

„Doch wenn ich mir vornehme: „Ich will seiner nicht mehr gedenken und in seinem Namen nicht mehr reden”, so ist es mir im Innern, als wäre ein loderndes Feuer in meinen Gebeinen eingeschlossen; und mühe ich mich ab, es auszuhalten, so vermag ich es nicht“ (Jeremia 20:9) 

Jeremia 20 

Manchmal beginnt eine Berufung mit einem Satz, der uns klein erscheinen lässt. Jeremia war noch jung, als der Herr zu ihm sagte, dass er ihn bereits vor seiner Geburt gekannt und für eine besondere Aufgabe bestimmt hatte. Jeremia antwortete mit Unsicherheit: „Ach, Herr, Herr! Siehe, ich kann nicht reden; denn ich bin zu jung.“ (Jeremia 1:6). Der Herr aber sah mehr in ihm, als Jeremia selbst sehen konnte. 

Viele Jahre später finden wir denselben Mann an einem ganz anderen Punkt seines Weges. Jeremia hat gesprochen, gewarnt und geweint. Er hat erlebt, dass Menschen seine Worte ablehnten und ihn verspotteten. In Jeremia 20 wird er geschlagen und in den Block gelegt Jeremia 20:1-2 Nun klingt seine Stimme nicht mehr wie die eines mutigen Propheten, sondern wie die eines erschöpften Menschen. 

„Da dachte ich: Ich will ihn nicht mehr erwähnen und nicht mehr in seinem Namen reden!“ (Jeremia 20:9) 

Man kann diesen Satz nachempfinden. Es gibt Momente, in denen wir müde werden, immer wieder zu hoffen, zu dienen oder Zeugnis zu geben. Vielleicht wurden wir zurückgewiesen oder haben für etwas gebetet, ohne eine sichtbare Antwort zu erhalten. Irgendwann entsteht der Wunsch, einfach still zu sein. 

Doch Jeremia entdeckt etwas Erstaunliches: Er kann nicht einfach aufhören. 

„Aber da war es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen; ich mühte mich, es auszuhalten, aber ich konnte es nicht.“ (Jeremia 20:9) 

Das Feuer bedeutet nicht, dass seine Schwierigkeiten verschwunden sind. Seine Gegner bleiben, ebenso seine Erschöpfung. Aber mitten in allem ist etwas in ihm stärker geworden als sein Wunsch zu schweigen: das Wort Gottes. 

Damit schließt sich ein großer Bogen dieser Reihe. In Jeremia 1 sagte der junge Prophet: „Ich kann nicht reden.“ In Jeremia 20 sagt derselbe Mann gewissermaßen: „Ich kann nicht schweigen.“ Zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein langer Weg: Berufung → Abkehr → Umkehr → Sammlung → Formung → Zeugnis. 

Die Joseph Smith Translation unterstreicht an einer anderen Stelle, was Gottes Wort für Jeremia bedeutet: „Deine Worte wurden gefunden, und ich aß sie; und dein Wort war mir zur Freude und zum Frohlocken meines Herzens.“ (JST Jeremia 15:16). Gottes Wort bleibt nicht nur Information. Wenn wir es aufnehmen, darüber nachdenken und danach handeln, kann es Teil unseres Herzens werden. 

Elder David A. Bednar hat diesen Gedanken in seiner BYU-Ansprache A Reservoir of Living Water ebenfalls eindrucksvoll beschrieben. Geistiges Verständnis entsteht nicht allein dadurch, dass wir etwas mit dem Verstand wissen. Der Heilige Geist macht aus Wissen eine persönliche Gewissheit, die unser Leben verändert. David A. Bednar: „A Reservoir of Living Water“ 

Vielleicht ist genau das mit dem brennenden Feuer gemeint. Das Evangelium bleibt nicht außerhalb von uns. Es dringt nach innen. 

Die Geschichte der Kirche zeigt immer wieder Menschen, die das erfahren haben. Ein Beispiel findet sich in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Viele Missionare mussten das Land verlassen, und Gemeinden waren plötzlich weitgehend auf sich selbst gestellt. Dennoch übernahmen örtliche Mitglieder Verantwortung und hielten das Werk aufrecht. (Geschichte der Kirche in Deutschland) 

Auch in der DDR waren die Möglichkeiten der Kirche stark eingeschränkt. Ausländische Missionare konnten nicht frei arbeiten, kirchliche Materialien waren schwer zugänglich und manche Aktivitäten wurden behindert. Doch die Mitglieder machten weiter. Die äußeren Bedingungen konnten das innere Zeugnis nicht zum Schweigen bringen. Die Geschichte der Kirche erzählt viele solcher Geschichten. 

Das erinnert mich an Jeremia: Das Feuer Gottes braucht nicht immer ideale äußere Bedingungen. 

Vielleicht gibt es auch in unserem Leben etwas, das Gott uns anvertraut hat und das wir am liebsten beiseitelegen würden. Eine Berufung. Eine Aufgabe in der Familie. Der Versuch, einem Menschen weiterhin Liebe zu zeigen. Oder der Wunsch, über Jesus Christus zu sprechen, obwohl wir nicht wissen, wie unsere Worte aufgenommen werden. 

Dann müssen wir nicht künstlich ein Feuer entfachen. Wir dürfen zuerst selbst wieder zum Feuer kommen: durch die heiligen Schriften, durch Gebet, durch das Abendmahl, durch den Tempel und durch das bewusste Hören auf den Heiligen Geist. 

Denn Zeugnis bedeutet nicht, niemals erschöpft zu sein. Zeugnis bedeutet, trotz dieser Erschöpfung nicht aufzuhören, sich Christus zuzuwenden. 

Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass etwas in uns anders geworden ist. Wir sprechen über Christus nicht mehr, weil wir glauben, es tun zu müssen, sondern weil wir ihn kennen und lieben. 

Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür sehe ich bei Elder Patrick Kearon. In seiner Ansprache „Discipleship: Our Way Safely Home“ spricht er davon, dass der Vater im Himmel seine Kinder liebt und sich danach sehnt, dass sie sicher und glücklich zu ihm nach Hause zurückkehren. Gerade weil das Erdenleben von Prüfungen und Fehlern geprägt ist, brauchen wir die Gewissheit, dass wir nicht allein unterwegs sind. Christus hat den Weg zurück zum Vater bereitet. Elder Kearons Zeugnis erinnert daran, dass unsere Schwierigkeiten nicht bedeuten, dass Gott uns verlassen hat. Sie können vielmehr zu Erfahrungen werden, durch die wir seine Liebe tiefer erkennen und lernen, ihm zu vertrauen. 

Das ist vielleicht die eigentliche Bedeutung des brennenden Feuers: Nicht, dass alle Fragen verschwinden, sondern dass Christus mitten in unseren Fragen gegenwärtig bleibt. 

Ich glaube, dass der Herr uns tatsächlich kennt, lange bevor wir selbst wissen, wer wir einmal sein werden. Ich glaube, dass unsere Berufung nicht mit unserer eigenen Stärke beginnt, sondern mit seiner Kenntnis von uns. Und ich glaube, dass er uns durch sein Wort, durch Umkehr, Bündnisse und den Heiligen Geist so verändern kann, dass aus einem zaghaften „Ich kann nicht“ eines Tages ein dankbares „Ich kann nicht schweigen“ wird. 

Mein Zeugnis ist, dass Jesus Christus dieses Feuer in unserem Herzen entzünden und bewahren kann. Er kennt unsere Schwachheit und unsere Erschöpfung, aber er kennt auch das Zeugnis, das in uns wachsen kann. Wenn wir uns ihm immer wieder zuwenden, kann aus unserer Schwachheit Stärke und aus unserer Erfahrung ein persönliches Zeugnis werden. Ich glaube, dass der Herr uns nicht nur beruft, sondern uns Schritt für Schritt zu den Menschen formt, die wir in seinem Reich sein können. Und wenn Christus tief genug in unserem Herzen wohnt, müssen wir nicht mehr versuchen, ihn mit großen Worten zu verkündigen. Unser Leben selbst beginnt von ihm Zeugnis zu geben.

Freitag, 23. Oktober 2026

Wie der Ton in der Hand des Töpfers

 

(Bildquelle)

„Habe ich nicht das Recht, wie dieser Töpfer da mit euch zu verfahren, ihr vom Hause Israel?” — so lautet der Ausspruch des HErrn. „Wisset wohl: wie der Ton in der Hand des Töpfers, ebenso seid ihr in meiner Hand, ihr vom Hause Israel." (Jeremia 18:6) 

Jeremia 18 

Manchmal schauen wir auf unser Leben und sehen nicht das Gefäß, das Gott darin erkennen kann. Wir sehen die Risse. Wir sehen Entscheidungen, die wir gern rückgängig machen würden. Wir denken an Möglichkeiten, die wir nicht genutzt haben, an Beziehungen, die zerbrochen sind, an Jahre, die anders verlaufen sind, als wir gehofft hatten. Vielleicht gibt es auch Dinge in uns, die wir schon lange verändern möchten und bei denen wir immer wieder an dieselbe Grenze stoßen. 

Jeremia bekommt in einer solchen Situation ein ungewöhnliches Bild. Der Herr schickt ihn nicht in den Tempel und auch nicht in den Palast. Er schickt ihn in die Werkstatt eines Töpfers: „Mache dich auf und gehe in das Haus des Töpfers hinab, denn dort will ich dir meine Weisungen kundtun!” (Jeremia 18:2). 

Jeremia beobachtet den Töpfer bei seiner Arbeit. Der Ton liegt auf der Scheibe. Die Hände des Meisters formen ihn. Doch dann geschieht etwas Entscheidendes: Das Gefäß misslingt. Es wird „verderbt“ in der Hand des Töpfers. Und nun könnte man meinen, die Arbeit sei beendet. Der Ton sei unbrauchbar geworden. Aber genau das geschieht nicht. Der Töpfer beginnt von Neuem: „So machte er es wieder zu einem anderen Gefäß, wie es dem Töpfer gefiel, es zu machen.“ (Jeremia 18:4). 

Das ist vielleicht einer der tröstlichsten Gedanken in diesem Kapitel: Der Töpfer wirft den misslungenen Ton nicht weg. 

Er arbeitet weiter. 

Das bedeutet nicht, dass unsere Entscheidungen keine Folgen hätten. Jeremia spricht sehr deutlich über Umkehr und Verantwortung. Die Inspired Version bestätigt diesen Gedanken und macht zugleich eine kleine, interessante sprachliche Abweichung sichtbar: Wo die King-James-Version in Vers 8 vom „repent“ (bereuen) des Herrn spricht, steht in der Inspired Version „withhold“ (JST: zurückhalten). Das Bild macht damit deutlich: Gottes angekündigtes Gericht ist nicht einfach ein unabänderliches Schicksal. Wenn Menschen umkehren, kann sich auch der Weg verändern. 

Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Herr sagt nicht: „Du hast dein Leben verdorben, also bist du für mich unbrauchbar.“ Er sagt vielmehr: Kehre um. Lass dich wieder in meine Hand nehmen. 

Vielleicht ist genau das der Kern echter Umkehr. Wir wollen oft, dass Gott unsere Vergangenheit auslöscht. Er möchte aber mehr. Er möchte unsere Zukunft gestalten. 

Auch Alma der Jüngere ist ein starkes Beispiel dafür. Er hatte nicht lediglich eine kleine Kurskorrektur nötig. Er hatte Menschen vom Evangelium weggeführt und versucht, die Kirche seines Vaters zu zerstören (Mosia 27:8–10). Dann kam seine Begegnung mit dem Engel, der ihn zur Umkehr rief (Mosia 27:11–18). Alma erlebte eine radikale Umkehr und wurde „aus Gott geboren“ (Mosia 27:24–29). Doch sein Leben wurde nicht einfach auf den ursprünglichen Zustand zurückgesetzt. Es wurde neu geformt. Nach seiner Umkehr zog er hinaus, um das wiedergutzumachen, was er angerichtet hatte, und wurde zu einem Werkzeug in den Händen Gottes (Mosia 27:32–37) 

So arbeitet der Töpfer. 

Diesen Gedanken finde ich auch in einer neueren Geschichte bemerkenswert. Präsident Dieter F. Uchtdorf erzählte von einem Mann, den er „David“ nannte. David hatte sich zur Kirche bekehrt, eine Mission erfüllt und später eine Familie gegründet. Doch dann geriet sein Glaube durch Informationen über die Kirche zunehmend ins Wanken. Schließlich ließ er seinen Namen aus den Kirchenunterlagen entfernen und begann sogar, mit Mitgliedern über ihren Glauben zu diskutieren. Einer dieser Menschen, den Uchtdorf „Jacob“ nennt, begegnete ihm dennoch über Jahre hinweg freundlich und respektvoll. Was David nicht wusste: Jacob betete mehr als ein Jahrzehnt lang für ihn. Irgendwann begann sich etwas zu verändern.  

David öffnete sich wieder für den Glauben. Sein Weg zurück geschah nicht plötzlich und nicht durch einen einzigen überzeugenden Satz. Gott hatte ihn nicht aufgegeben. Über Jahre hatte er Menschen, Begegnungen, Erinnerungen und stille Gebete in Davids Leben wirken lassen. Der Ton war nicht verworfen worden. Der Töpfer hatte weitergearbeitet. "Was wir von Alma und Amulek lernen" 

Genau darin liegt für mich eine der schönsten Botschaften von Jeremia 18. Wir wissen oft nicht, was Gott im Leben eines anderen Menschen gerade formt. Vielleicht sehen wir nur Distanz, Zweifel oder Widerstand. Gott aber sieht den Ton in seiner Hand. Deshalb dürfen wir einen Menschen nicht vorschnell als „fertig“ beurteilen. Manchmal besteht unser Teil darin, wie Jacob treu zu bleiben, zu lieben, zu beten und darauf zu vertrauen, dass der Töpfer selbst weiß, wann und wie er den nächsten Schritt tun wird. 

Auch eine junge Geschichte aus der Ukraine zeigt, wie diese Formung geschehen kann. Eine junge Frau aus Kyjiw berichtete, dass sie zunächst vor allem an einer Schule lernen wollte und wenig Interesse am Glauben hatte. Doch sie beobachtete Menschen, die Christus ernst nahmen. Nach und nach begann in ihr ein Wunsch zu wachsen, selbst herauszufinden, was es mit diesem Glauben auf sich hatte. Sie begann zu beten, studierte das Buch Mormon, nahm Missionarslektionen und ließ sich schließlich taufen. Ihr Weg erinnert mich an Almas Bild vom Samenkorn: Glaube beginnt manchmal nicht mit Gewissheit, sondern mit dem kleinen Wunsch, glauben zu können (Alma 32:27–28). Dann wird dieser Glaube genährt und wächst durch eigenes Erleben (Alma 32:37–43). Die junge Frau wusste, dass sie noch vieles lernen musste und keineswegs vollkommen war. Aber sie wollte Schritt für Schritt mehr wie Christus werden. Genau darin liegt geistliche Formung: Wir müssen nicht schon das vollkommene Gefäß sein, bevor der Töpfer mit uns arbeiten kann. Wir dürfen uns formen lassen. 

Das ist vielleicht die realistischere Form der Umkehr für die meisten von uns. Nicht die dramatische Verwandlung in einer einzigen Nacht, sondern ein geduldiges Formen. Eine Entscheidung heute. Ein Gebet morgen. Ein ehrlich ausgesprochenes „Es tut mir leid“. Eine schlechte Gewohnheit, die wir nicht mehr rechtfertigen, sondern ablegen. Eine Beziehung, die wir wieder in Ordnung bringen. Ein Sonntag, an dem wir erneut vom Abendmahl nehmen und unsere Bündnisse erneuern. 

Auch Camille Fronk hat dieses Bild in einer BYU-Ansprache eindrucksvoll entfaltet. Sie erinnert daran, dass ein misslungenes Gefäß nicht das Ende der Arbeit des Töpfers bedeutet. Der Ton kann erneut bearbeitet und wieder auf die Scheibe gebracht werden. Fronk verbindet diesen Vorgang ausdrücklich mit der Umkehr: Auch wenn wir uns dem Willen des Herrn widersetzen oder unser Leben eine falsche Richtung genommen hat, kann durch aufrichtige Umkehr ein neuer Anfang entstehen. Der Töpfer gibt den Ton nicht auf. Er nimmt ihn wieder in seine Hände. "Lessons from the Potter and the Clay" 

Genau darin liegt für mich die Hoffnung des Evangeliums Jesu Christi. 

Wir sind keine fertigen Gefäße. 

Wir sind Ton. 

Und Ton muss sich nicht selbst formen. 

Vielleicht ist das manchmal unser größtes Problem: Wir beurteilen uns selbst so, als wären wir bereits fertig. Wir sehen unsere gegenwärtige Gestalt und schließen daraus auf unseren endgültigen Wert. Gott tut das nicht. Er sieht nicht nur, was wir jetzt sind. Er sieht, was wir durch Christus werden können. 

Auch das Abendmahl erinnert mich an diesen fortlaufenden Formungsprozess. Jede Woche dürfen wir unsere Bündnisse mit dem Herrn erneuern und uns erneut an Jesus Christus ausrichten. Wir kommen nicht deshalb zum Abendmahl, weil wir bereits fertige Gefäße wären, sondern weil wir seine Hilfe brauchen, um immer mehr zu dem Menschen zu werden, den er aus uns machen möchte. Paulus nennt diesen Vorgang eine neue Schöpfung: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Korinther 5:17). Der Töpfer formt uns nicht in einem einzigen Augenblick fertig. Er arbeitet an uns – Woche für Woche, Entscheidung für Entscheidung, Schritt für Schritt. 

Und vielleicht muss ich deshalb auf meine eigenen „misslungenen“ Stellen anders schauen. 

Nicht alles, was schiefgegangen ist, kann ungeschehen gemacht werden. Manche Folgen bleiben. Manche Wunden brauchen lange Heilung. Manche Entscheidungen werden uns noch Jahre begleiten. Aber keine dieser Wahrheiten bedeutet, dass der Herr mit uns fertig ist. 

Der Ton liegt noch auf der Scheibe. 

Die Hände des Töpfers sind noch da. 

Und solange ich mich ihm anvertraue, ist meine Geschichte noch nicht abgeschlossen. 

Ich glaube an Jesus Christus, weil er nicht nur unsere Sünden vergibt, sondern uns verändert. Er sieht den Menschen hinter dem Versagen, die Möglichkeit hinter dem Scheitern und das zukünftige Gefäß hinter dem unfertigen Ton. Ich glaube, dass Umkehr deshalb kein Zeichen dafür ist, dass Gott uns aufgegeben hat, sondern gerade das Gegenteil: Umkehr ist der Beweis, dass er noch mit uns arbeitet. Wenn ich mich wieder in seine Hände begebe, kann er aus dem, was ich selbst nicht mehr für brauchbar halte, etwas Neues machen. Ich weiß, dass seine Hände nicht Hände der Verwerfung sind, sondern Hände des Erlösers. Und ich bin dankbar, dass der Töpfer nicht aufhört zu arbeiten, nur weil der Ton in meinen Händen misslungen ist.

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Ich werde euch sammeln – einen aus der Stadt und zwei aus dem Geschlecht“

 

(Bildquelle)

"Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den HErrn verläßt und dessen Zuversicht der HErr ist!" (Jeremia 17:7) 

Jeremia 16 und 17 

Jeremia spricht in diesen Kapiteln von Gericht und Zerstreuung. Doch mitten in diese ernste Botschaft hinein legt der Herr eine Verheißung: Die Zerstreuten werden nicht vergessen. Sie werden wieder gesammelt werden. „Ich werde sie in ihr Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe.“ (Jeremia 16:15) 

Damit öffnet sich plötzlich eine viel größere Perspektive. Gott sieht nicht nur die gegenwärtige Not seines Volkes. Er sieht bereits dessen Zukunft. Die Zerstreuung wird nicht das letzte Wort haben. Gott sammelt. 

Das verbindet Jeremia 16 unmittelbar mit dem Gedanken unserer ganzen Reihe. In Jeremia 1 wurde ein einzelner Mensch berufen: „Noch ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt.“ (Jeremia 1:5). Nun erkennen wir, dass diese persönliche Berufung Teil eines viel größeren Werkes ist. Gott beruft Menschen nicht nur für ihre eigene Rettung. Er beruft sie, damit sie anderen helfen, nach Hause zu finden. 

Präsident Russell M. Nelson hat diesen Gedanken für unsere Zeit besonders deutlich gemacht. Er bezeichnet die Sammlung Israels als das wichtigste Werk auf der Erde und erklärt, dass wir daran mitwirken, wenn wir Menschen helfen, Bündnisse mit Gott einzugehen und zu halten. Sammlung bedeutet deshalb nicht nur Mission, Tempelarbeit oder Familiengeschichte. Auch jedes Bemühen, den Glauben eines anderen Menschen an Jesus Christus zu stärken, gehört dazu. Kapitel 9: Die Sammlung Israels 

Das macht die Sammlung Israels plötzlich sehr persönlich. 

Vielleicht sammeln wir, wenn wir einen Menschen einladen, mit uns zur Kirche zu kommen. Vielleicht sammeln wir, wenn wir einem Jugendlichen helfen, ein eigenes Zeugnis zu entwickeln. Vielleicht sammeln wir, wenn wir einen Menschen besuchen, der sich zurückgezogen hat. Und vielleicht sammeln wir sogar dann, wenn wir jemandem in einer schweren Lebenssituation zunächst einfach zuhören. 

Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür bietet die Geschichte der Kirche in der Ukraine. Die ersten Missionare kamen 1990. 1991 versammelten sich zunächst nur wenige Mitglieder in einem kleinen Zweig in Kiew. Aus diesen unscheinbaren Anfängen wuchs die Kirche im ganzen Land. 2004 wurde in Kiew der erste Pfahl in der Ukraine und in Osteuropa gegründet, und 2010 wurde der Kiew-Tempel geweiht. Geschichte der Kirche in der Ukraine 

Was damals klein begann, wurde zu einem Teil der weltweiten Sammlung Israels. Gott arbeitet oft auf diese Weise: Ein Mensch, eine Familie, ein kleiner Zweig – und daraus entsteht mit der Zeit etwas, das niemand am Anfang vollständig erkennen konnte. 

Doch Jeremia zeigt uns auch, wohin diese Sammlung führen soll. In Kapitel 17 steht der Gegensatz zwischen dem Menschen, der auf Menschen vertraut, und demjenigen, dessen Zuversicht der Herr ist. „Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist!“ Er wird mit einem Baum verglichen, der seine Wurzeln zum Wasser ausstreckt. 

Das Bild gefällt mir besonders, weil der Baum nicht vor der Dürre bewahrt wird. Die Hitze kommt trotzdem. Aber seine Wurzeln reichen zur Quelle. Deshalb kann er auch in dürren Jahren Frucht tragen. 

Vielleicht ist das auch eine wichtige Wahrheit über die Sammlung Israels. Wir werden nicht gesammelt, damit unser Leben von Schwierigkeiten frei wird. Wir werden zu Christus gesammelt, damit wir inmitten der Schwierigkeiten verwurzelt bleiben. 

Jeremia nennt den Herrn an anderer Stelle den „Brunnquell lebendigen Wassers“ (Jeremia 17:13). Wer selbst an dieser Quelle bleibt, kann anderen helfen, sie zu finden. 

Präsident Nelson hat deshalb die Sammlung auch mit der persönlichen Entscheidung verbunden, Gott in unserem Leben „vorherrschen“ zu lassen. Wer sich von Gott führen lässt, wird leichter erkennen, wem er begegnen, wem er helfen und wen er einladen soll. 

Das kann ganz unspektakulär aussehen. 

Ein Gespräch am Arbeitsplatz. 
Ein Anruf bei einem einsamen Menschen. 
Eine Einladung zum Gottesdienst. 
Ein gemeinsames Gebet. 
Ein Name aus der Familiengeschichte, der endlich zum Tempel gebracht wird. 
Ein zurückgekehrtes Mitglied, das nicht gefragt wird, warum es so lange weg war, sondern nur hört: „Schön, dass du da bist.“ 

So wird Sammlung konkret. 

Und vielleicht müssen wir dabei zuerst selbst gesammelt werden. Unsere Gedanken können zerstreut sein, unser Glaube kann schwanken, unsere Aufmerksamkeit kann in hundert Richtungen gehen. Dann gilt die Verheißung Jeremias auch uns: Gott kennt den Weg zurück. 

Die Sammlung Israels beginnt deshalb nicht irgendwo weit entfernt. Sie beginnt im Herzen. 

Wenn ich mein Herz wieder auf Christus ausrichte, werde ich selbst stärker verwurzelt. Wenn ich seine Stimme suche, kann ich andere besser hören. Wenn ich seine Liebe erfahre, kann ich sie weitergeben. Und wenn ich mich von ihm sammeln lasse, kann ich vielleicht einem anderen Menschen helfen, ebenfalls nach Hause zu finden. 

Jeremia zeigt uns damit eine wunderbare Bewegung: Zerstreuung – Sammlung – Verwurzelung. Gott lässt seine Kinder nicht in der Zerstreuung zurück. Er ruft sie heim. Und wenn sie bei ihm Wurzeln schlagen, können sie selbst Frucht tragen. 

Vielleicht ist das auch die Antwort auf die Frage, warum der Herr uns persönlich beruft. Die Berufung Jeremias war nie nur für Jeremia. Seine Stimme sollte Menschen erreichen, die er selbst niemals vollständig kennenlernen würde. Ebenso kann unser Einfluss größer sein, als wir denken. 

Ich sehe, dass die Sammlung Israels heute wirklich geschieht. Ich bin sicher, dass Jesus Christus dieses Werk führt und dass er Menschen auf vielfältige Weise zu sich zurückführt. Manche werden durch Missionare gefunden, andere durch Familienmitglieder, Freunde, Gemeinden oder Tempelarbeit. Manche finden den Weg durch eine schwere Prüfung hindurch wieder. Und manche brauchen einfach einen Menschen, der ihnen zeigt: Du bist nicht vergessen. Du gehörst dazu. 

Mein persönliches Zeugnis ist: Der Herr vergisst keines seiner Kinder. Auch wenn Menschen sich zerstreut fühlen oder den Weg verloren haben, kennt er den Weg zurück. Jesus Christus ist die Quelle lebendigen Wassers. Wenn wir unsere Wurzeln immer wieder zu ihm ausstrecken, können wir auch in dürren Zeiten bestehen – und vielleicht selbst zu einem kleinen Teil dazu beitragen, dass andere Menschen gesammelt und zu ihm geführt werden.

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Bessert euren Wandel und eure Taten

 

(Bildquelle)

"So hat der HErr der Heerscharen, der Gott Israels, gesprochen: Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen!" (Jeremia 7:3) 

Jeremia 7 

Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine solche Predigt. Jeremia steht nicht irgendwo am Rand der Stadt, sondern am Eingang des Tempels. Menschen kommen, um Gott anzubeten. Sie kennen die richtigen Worte, bringen ihre Opfer und gehören zum Bundesvolk. Und doch stellt Gott durch seinen Propheten eine Frage, die bis in unser eigenes Herz reicht: Was geschieht zwischen unserem Gottesdienst und unserem Alltag? 

Jeremia soll den Menschen zurufen: „Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun!“ Und unmittelbar danach nennt er den Satz, auf den sie offenbar besonders stolz sind: „Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies!“ (Jeremia 7:4). Sie wiederholen den Namen des Tempels, als könnte die Nähe zu einem heiligen Ort selbst zu einem Schutzschild werden. Sie sind doch das Volk Gottes. Sie haben den Tempel. Was sollte ihnen schon geschehen? 

Doch der Herr schaut tiefer. 

Er spricht von Fremdlingen, Waisen und Witwen, die nicht bedrückt werden dürfen. Er spricht von unschuldigem Blut und davon, anderen Göttern nachzulaufen. Der Gottesdienst am heiligen Ort muss im Leben des Menschen sichtbar werden. Was im Tempel bekannt wird, muss vor der Haustür, am Arbeitsplatz, in der Familie und im Umgang mit dem Schwachen seine Wahrheit beweisen. 

Das macht Jeremia 7 für mich so eindringlich. Der Herr sagt nicht: Besucht den Tempel nicht. Hört auf zu beten. Werdet weniger religiös. Im Gegenteil: Er ruft sein Volk zu einer Religion zurück, die wirklich das ganze Leben umfasst. Die äußere Handlung ist nicht das Problem. Das Problem entsteht dort, wo die äußere Handlung das fehlende innere Leben verdeckt. 

Dasselbe lehrt später der Erretter. Jesus begegnet Menschen, die religiös ausgesprochen gewissenhaft sind. Sie zahlen sogar den Zehnten von den kleinsten Gewürzen, lassen aber, wie der Herr sagt, „das Wichtigere im Gesetz“ außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Dann gebraucht er das Bild vom Becher: „Mache zuerst das rein, was den Inhalt des Bechers bildet, dann wird auch seine Außenseite rein werden können.“ (Matthäus 23:26) 

Jesus sagt nicht, dass die Außenseite unwichtig ist. Er sagt: Beginne innen. 

Vielleicht liegt darin eine der großen Gefahren eines religiösen Lebens. Man kann lernen, wie man aussieht, ohne zu lernen, wie man wird. Man kann die Sprache des Glaubens beherrschen, ohne das Herz vom Glauben beherrschen zu lassen. Man kann regelmäßig am Abendmahl teilnehmen, in den Tempel gehen, Berufungen erfüllen, die Schrift lesen und beten – und gleichzeitig feststellen, dass bestimmte Bereiche des eigenen Lebens noch gar nicht wirklich dem Herrn gehören. 

Das ist keine Anklage gegen religiöse Gewohnheiten. Gute geistliche Gewohnheiten sind kostbar. Aber sie sind Mittel und nicht Ziel. Sie sollen unser Herz zu Christus führen. 

König Benjamin verstand diesen Zusammenhang. Sein Volk versammelte sich am Tempel, um seine Worte zu hören. Mosia 2. Doch die entscheidende Veränderung geschah nicht allein dadurch, dass sie sich an einem heiligen Ort versammelten. Als sie die Botschaft von Jesus Christus hörten und an ihn glaubten, erlebten sie, wie sie selbst sagten, eine „mächtige Wandlung“ in ihrem Herzen. Aus äußerer Versammlung wurde innere Wandlung. Mosia 5. 

Das ist der Unterschied zwischen religiöser Gewohnheit und Bekehrung. 

Bekehrung bedeutet nicht, dass ich plötzlich alles richtig mache. Sie bedeutet, dass ich Christus erlaube, mich von innen heraus zu verändern. Der natürliche Mensch wird nicht durch noch mehr religiöse Aktivitäten überwunden. Wir brauchen das Sühnopfer Christi und die Eingebungen des Heiligen Geistes. 

Das wird auch jedes Mal sichtbar, wenn wir vom Abendmahl nehmen. Wir tun äußerlich etwas sehr Einfaches: Wir nehmen Brot und Wasser. Doch diese Handlung verweist auf etwas, das innerlich geschehen soll. Wir kommen mit gebrochenem Herzen und zerknirschtem Geist zu Christus und empfangen erneut die reinigende Wirkung seines Sühnopfers. 

Vielleicht sollten wir deshalb am Sonntag nicht nur fragen: Habe ich teilgenommen? Sondern: Was verändert sich dadurch in mir? 

Verändert es meine Geduld mit meinem Ehepartner? Meine Sprache gegenüber meinen Kindern? Meine Bereitschaft, zu vergeben? Meine Ehrlichkeit, wenn niemand zusieht? Meine Aufmerksamkeit für einen Menschen, der Hilfe braucht? 

Dann würde aus einer äußeren Handlung eine innere Bewegung. 

Ein Beispiel dafür finden wir auch in der jüngeren Geschichte der Kirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele Städte Europas in Trümmern. In Ostdeutschland mussten Mitglieder ihren Glauben später unter den Bedingungen eines kommunistischen Staates leben. Die staatlichen Einschränkungen wurden immer stärker, und viele Mitglieder waren bei Arbeit und Ausbildung wegen ihres Glaubens Benachteiligungen ausgesetzt. Dennoch konzentrierten sie sich auf ihre Familien und ihr Kirchenleben und unterstützten einander. Ilse Kaden erinnerte sich später an diese Zeit mit den Worten: „Der Zusammenhalt war wunderschön.“ Geschichte der Kirche in Deutschland – „Der Zusammenhalt war wunderschön“; Chronologie der Kirche in Deutschland 

Später wurde dies auch bei den Jugendlichen sichtbar. Als 1980 in Ostdeutschland das Seminar eingeführt wurde, stieß das Programm trotz der schwierigen Bedingungen auf große Begeisterung. Als F. Enzio Busche das Gebiet besuchte, entschuldigte sich der zuständige Pfahlpräsident zunächst dafür, dass „nur“ 89 Prozent der Jugendlichen eingeschrieben waren. Busche hielt diesen Wert für außergewöhnlich hoch. Doch der Pfahlpräsident dachte an die elf Prozent, die noch fehlten. Er wollte sich damit nicht zufriedengeben: „Jeder unserer jungen Leute ist wichtig. Wir können nicht einen einzigen verlieren.“ Offizielle Geschichte des Seminars in Ostdeutschland 

So wurde Glaube sichtbar – nicht nur im Versammlungsgebäude, sondern in Fürsorge und Treue. 

Genau hier berührt sich die Botschaft Jeremias mit einer modernen Erklärung von Jüngerschaft. Sean R. Dixon lehrt, dass Jünger Christi ihr Leben nicht in verschiedene Bereiche aufteilen. Sie bemühen sich, in der Schule, bei der Arbeit, in der Kirche und in ihren alltäglichen Entscheidungen dieselben Menschen zu sein. Jüngerschaft ist für ihn keine zusätzliche Aktivität, sondern etwas, das den Kern unseres Lebens bestimmt. Sean R. Dixon – „Every Day Disciples of Jesus Christ“ 

Die Joseph Smith Translation kann uns bei solchen Texten zusätzlich helfen, bestimmte Aussagen aus der Perspektive der Wiederherstellung zu betrachten. Gerade bei einer prophetischen Warnung wie Jeremia 7 lohnt sich deshalb der Vergleich mit der Inspired Version / New Translation. Sie ersetzt den biblischen Text nicht, kann aber zum besseren Verständnis beitragen. 

Die entscheidende Frage lautet also nicht: Bin ich religiös genug? 

Vielleicht lautet sie vielmehr: Wird mein Glaube in meinem Leben wahr? 

Jeremia nennt dafür konkrete Prüfsteine. Wie behandle ich Menschen, die mir nichts zurückgeben können? Wie gehe ich mit Schwachen um? Wie ehrlich bin ich, wenn niemand zusieht? Welche Dinge haben vielleicht unbemerkt einen Platz in meinem Herzen eingenommen, der eigentlich Gott gehört? 

Das sind unangenehme Fragen. Aber gerade darin liegt ihre Heiligkeit. 

Denn Umkehr bedeutet nicht, dass ich mich vor Gott besser darstelle. Umkehr bedeutet, dass ich aufhöre, mich vor ihm zu verstecken. 

Ich kann ihm sagen: Herr, außen sieht manches bei mir ordentlich aus. Aber du kennst auch das Innere. Du weißt, wo mein Herz noch nicht verändert ist. Reinige zuerst den Becher in mir. 

Dann beginnt etwas Wunderbares. Christus verlangt nicht, dass ich mich allein in einen anderen Menschen verwandle. Er bittet mich, mich ihm anzuvertrauen. Sein Sühnopfer kann dort wirken, wo meine eigene Kraft nicht ausreicht. Seine Gnade kann aus einem äußerlich religiösen Leben ein innerlich geheiligtes Leben machen. 

Darum empfinde ich Jeremia 7 letztlich nicht als eine Botschaft der Verwerfung, sondern als eine Botschaft der Hoffnung. Der Herr ruft sein Volk nicht deshalb zur Umkehr, weil er es loswerden möchte. Er ruft es zurück, weil er bei ihm wohnen möchte: 

„Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen!“ 

Das ist für mich der tiefste Gedanke dieses Kapitels: Gott möchte nicht nur, dass ich mich in seiner Nähe befinde. Er möchte, dass er in mir Raum bekommt. 

Ich glaube, dass Jesus Christus genau das möglich macht. Ich habe erfahren, dass religiöse Gewohnheiten allein mein Herz nicht dauerhaft verändern können. Aber wenn ich mich ehrlich dem Herrn zuwende, meine Fehler nicht entschuldige und ihn um Vergebung und Veränderung bitte, geschieht etwas, das ich selbst nicht hervorbringen könnte. Manchmal langsam und fast unmerklich – aber wirklich. Mein Gottesdienst bekommt dann eine andere Bedeutung, weil er nicht mehr nur etwas ist, das ich für Gott tue, sondern Ausdruck dessen wird, was Gott in mir tut. 

Darum möchte ich den Ruf Jeremias nicht nur an andere richten. Ich möchte ihn selbst hören: 

Bessere deinen Wandel. Bessere dein Tun. Lass Christus dein Herz verändern. 

Denn vielleicht beginnt wahre Anbetung genau dort, wo das, was wir am heiligen Ort bekennen, auch in unserem gewöhnlichen Leben Gestalt annimmt.

Dienstag, 20. Oktober 2026

Du hast mich verlassen, die Quelle lebendigen Wassers

 

(Bildquelle)

„Denn zwiefaches Unrecht hat mein Volk begangen: mich, den Born lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich gegrabene Brunnen (d. h. Zisternen) anzulegen, löcherige Brunnen, die das Wasser nicht halten!” (Jeremia 2:13) 

Jeremia 2 und 3 

Es gibt einen Unterschied zwischen Durst und der Frage, wo wir unseren Durst stillen. Durst ist zunächst etwas ganz Natürliches. Jeder Mensch braucht Wasser. Aber wenn wir durstig sind, macht es einen entscheidenden Unterschied, ob wir zu einer frischen Quelle gehen oder aus einem Gefäß trinken, dessen Wasser längst abgestanden ist. 

Jeremia verwendet genau dieses Bild, um die geistliche Situation Israels zu beschreiben. Das Volk hatte den Herrn verlassen und suchte Leben an anderen Stellen. „Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen zu graben, rissige Zisternen, die kein Wasser halten.“ 

Das Bild ist deshalb so stark, weil eine Zisterne zunächst durchaus sinnvoll erscheint. Sie sammelt Wasser und kann einen Menschen durch trockene Zeiten bringen. Aber sie produziert kein Wasser. Und wenn sie Risse bekommt, verliert sie sogar das, was sie einmal empfangen hat. 

Vielleicht beschreibt das überraschend genau manches in unserem eigenen Leben. 

Wir suchen Sicherheit in unserem Besitz, Bedeutung in unserer Leistung, Anerkennung in den Augen anderer oder Ablenkung in der Fülle unserer Möglichkeiten. Nichts davon muss an sich schlecht sein. Aber nichts davon kann die Aufgabe erfüllen, die nur Christus erfüllen kann. Wir können viele Dinge besitzen und innerlich trotzdem durstig bleiben. 

Jeremias Botschaft ist deshalb mehr als eine Anklage. Sie ist eine Einladung, die Quelle wiederzufinden. 

In Jeremia 3 ruft der Herr: „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!“ Der Ruf zur Umkehr ist unmittelbar mit einer Verheißung verbunden. Gott möchte sein Volk nicht einfach für seinen Irrweg bestrafen. Er möchte es zurückhaben. Umkehr bedeutet deshalb nicht nur, etwas Falsches aufzugeben. Sie bedeutet, nach Hause zurückzukehren. 

Das wird besonders deutlich, wenn wir Jeremia mit einer Begebenheit aus dem Leben Jesu verbinden. Jahrhunderte später steht eine Samariterin am Jakobsbrunnen. Sie kommt, um Wasser zu schöpfen. Jesus aber spricht zu ihr von einem Wasser, das tiefer reicht als das Wasser des Brunnens: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ (Johannes 4:14). 

Plötzlich bekommt Jeremias Bild ein Gesicht. 

Die Quelle lebendigen Wassers ist Jesus Christus. 

Elder David A. Bednar hat in seiner BYU-Rede „A Reservoir of Living Water“ genau diesen Zusammenhang aufgegriffen. Er erklärt, dass Christus und sein Evangelium für unser geistliches Leben ebenso notwendig sind wie Wasser für unseren Körper. Besonders eindrücklich finde ich seinen Gedanken, dass wir das lebendige Wasser nicht nur gelegentlich brauchen. Wir brauchen es beständig. Die heiligen Schriften werden dabei zu einem Reservoir, aus dem wir immer wieder schöpfen können. David A. Bednar: „A Reservoir of Living Water“ 

Das verändert auch unseren Umgang mit den heiligen Schriften. Wir lesen sie dann nicht nur, um Informationen über vergangene Menschen zu erhalten. Wir suchen darin die Stimme dessen, der auch heute zu uns spricht. Wir suchen Christus. 

Alma erlebte etwas Ähnliches. Als er sich an die Worte seines Vaters über Jesus Christus erinnerte, veränderte sich sein Innerstes. Aus Schuld wurde Vergebung, aus Verzweiflung Hoffnung und aus geistlichem Durst Freude. Alma hatte versucht, sein Leben selbst zu gestalten. Erst als er sich Christus zuwandte, fand er die Quelle, die er selbst nicht hervorbringen konnte. 

Vielleicht kennen wir diese Erfahrung in kleinerem Maßstab. Manchmal haben wir lange versucht, ein Problem allein zu lösen. Wir haben geplant, kontrolliert, gearbeitet und uns Sorgen gemacht. Und irgendwann merken wir: Ich brauche nicht noch mehr von mir selbst. Ich brauche Christus. 

Dann kann ein Gebet wieder anders werden. Eine Schriftstelle bekommt plötzlich eine persönliche Bedeutung. Das Abendmahl wird zu mehr als einem vertrauten Teil des Gottesdienstes. Wir beginnen wieder zu trinken. 

Auch die neuere Geschichte der Kirche zeigt, dass lebendiges Wasser nicht von günstigen Umständen abhängig ist. In der Ukraine begann die Kirche Anfang der 1990er Jahre mit einer kleinen Gemeinschaft in Kiew. Die Mitglieder lebten das Evangelium zunächst in kleinen und einfachen Formen. Schon 1992 organisierten ukrainische Mitglieder Tempelfahrten nach Freiberg. Die Reise war lang, teuer und mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden – und trotzdem machten sie sich auf den Weg. 

Auch die neuere Geschichte der Kirche zeigt, dass lebendiges Wasser nicht von günstigen Umständen abhängig ist. 1992 machten sich ukrainische Mitglieder erstmals gemeinsam auf den langen und kostspieligen Weg zum Freiberg-Tempel. Fast zwei Jahrzehnte lang reisten Mitglieder aus der Ukraine nach Deutschland, um dort geistliche Kraft zu finden. Eine von ihnen war Larysa Shyshkanova, die trotz ihres Alters und der körperlichen Belastung 2004 diese Reise unternahm. Schließlich wurde am 29. August 2010 der Kiew-Tempel geweiht. Die Geschichte zeigt mir: Geistliches Leben wächst nicht zuerst durch äußere Größe. Es beginnt damit, dass Menschen sich immer wieder der Quelle zuwenden. “The Morning Breaks”; "Temple Pilgrimages" 

Das ist auch für uns eine wichtige Frage. Woraus versuche ich meinen inneren Durst zu stillen? 

Vielleicht ist es nicht immer etwas Offensichtliches. Manchmal bauen wir unsere Zisternen aus sehr guten Dingen. Arbeit. Familie. Dienst. Wissen. Gemeindeaktivitäten. Selbst unser religiöses Engagement kann zu einer Zisterne werden, wenn wir irgendwann mehr auf unsere Aktivität als auf Christus vertrauen. 

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Tue ich genug?“ 

Sondern: „Trinke ich noch?“ 

Trinke ich täglich aus dem Wort Gottes? Suche ich den Heiligen Geist? Spreche ich mit dem Herrn nicht nur über meine Aufgaben, sondern auch über mein Herz? Kehre ich zu Christus zurück, wenn ich merke, dass meine Seele trocken wird? 

Jeremia erinnert uns daran, dass Gott uns nicht aus der Ferne zur Umkehr auffordert. Er ruft seine Kinder nach Hause. „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!“ Das ist die Stimme eines Vaters, der nicht möchte, dass wir auf unseren rissigen Zisternen sitzen bleiben. 

Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zu unserer eigenen Berufung, die über dieser Reihe steht: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen.“ Der Gott, der uns kennt, bevor wir geboren wurden, kennt auch unsere Umwege. Er kennt unseren Durst. Er kennt die Stellen, an denen wir versucht haben, ohne ihn auszukommen. Und dennoch bleibt seine Einladung bestehen. 

Komm zurück. 

Trink. 

Bleib bei der Quelle. 

Ich glaube, dass Jesus Christus tatsächlich die Quelle lebendigen Wassers ist. Ich habe erfahren, dass er einen inneren Frieden schenken kann, den äußere Umstände nicht hervorbringen können. Nicht jedes Problem verschwindet dadurch, und nicht jede Frage wird sofort beantwortet. Aber wenn ich mich wieder Christus zuwende, verändert sich etwas in mir. Ich bekomme neue Kraft, Hoffnung und Orientierung. Deshalb möchte ich nicht immer größere Zisternen bauen, um meinen Durst selbst zu kontrollieren. Ich möchte lernen, immer wieder zu der Quelle zu gehen, die niemals versiegt.

Montag, 19. Oktober 2026

Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen

 

(Bildquelle)

„Noch ehe ich dich im Mutterschoße bildete, habe ich dich erwählt (oder: ersehen), und ehe du das Licht der Welt erblicktest, habe ich dich geweiht: zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt”. (Jeremia 1:5) 

Jeremia 1 

Das Buch Jeremia beginnt nicht mit einem großen Sieg, sondern mit der Berufung eines Menschen, der sich selbst für ungeeignet hält. Vielleicht ist gerade das ein guter Anfang für eine Reihe über einen Propheten, dessen Leben von Widerstand, Einsamkeit, Trauer und der scheinbaren Erfolglosigkeit seiner Botschaft geprägt sein wird. 

Jeremia wirkte etwa ab 627 v. Chr. im Südreich Juda und bis nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. Seine Berufung erhielt er im 13. Regierungsjahr König Josias. Damit war er ein Zeitgenosse Lehis. Als Lehi ungefähr um 600 v. Chr. Jerusalem mit seiner Familie verließ, wirkte Jeremia noch immer in derselben Stadt. Beide verkündeten die Warnung vor dem kommenden Gericht, doch der Herr gab ihnen unterschiedliche Aufträge: Jeremia blieb in Jerusalem, während Lehi mit seiner Familie in ein neues Land geführt wurde. Das Buch Mormon bestätigt, dass zu jener Zeit „viele Propheten“ nach Jerusalem kamen und das Volk vor der Zerstörung der Stadt warnten (1 Nephi 1:4). Jeremia war einer von ihnen. 

Juda entfernte sich immer weiter von Gott. Politische Bündnisse schienen wichtiger als Vertrauen auf den Herrn, und religiöse Formen konnten den Verlust des Glaubens nicht mehr verdecken. Jeremia sollte diese Entwicklung nicht nur beobachten. Er sollte sie ansprechen. Er sollte warnen, mahnen und zugleich von einer kommenden Hoffnung zeugen. Sein Buch ist deshalb zugleich ein Buch des Gerichts und ein Buch der Verheißung. Hinter den Tränen über Jerusalem steht immer wieder die Zusage, dass Gott sein Volk nicht endgültig aufgeben wird. Und während Jeremia in Jerusalem blieb, begann durch Lehis Familie bereits ein weiterer Teil der Geschichte Israels – eine Geschichte, in der sich die Warnungen der Propheten ebenso erfüllen sollten wie die Verheißungen des Herrn. 

Doch bevor Jeremia zum Propheten für Juda wird, muss er zunächst etwas über sich selbst erfahren. 

Der Herr sagt zu ihm: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erkannt.“ 

Jeremia sieht sich selbst offenbar zuerst aus der Perspektive seiner Begrenzungen: „Ach, Herr, HERR! Siehe, ich kann nicht reden; denn ich bin zu jung.“ (Jeremia 1:6) Der Herr sieht dagegen etwas, das Jeremia selbst noch nicht erkennen kann. Er sieht einen Menschen, den er kennt, den er vorbereitet und den er gebrauchen kann. 

Das ist ein Gedanke, der mich unmittelbar betrifft. 

Wie oft beurteilen wir uns selbst danach, was wir gerade können? Wir vergleichen unsere Worte mit denen anderer, unsere geistige Stärke mit der anderer, unsere Erfahrungen mit denen anderer. Wir sehen, was uns fehlt. Gott sieht darüber hinaus. 

Er sagt zu Jeremia nicht: Du hast recht. Du bist zu jung. Suche dir jemanden, der besser geeignet ist. 

Er sagt: „Du sollst zu allen gehen, zu denen ich dich sende, und alles reden, was ich dir gebiete.“ (Jeremia 1:7) 

Und dann gibt er ihm die entscheidende Zusage: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten.“ (Jeremia 1:8) 

Das ist etwas anderes als die Zusicherung, dass Jeremia keine Schwierigkeiten erleben werde. Der Herr verspricht ihm nicht Erfolg nach menschlichen Maßstäben. Er verspricht ihm seine Gegenwart. 

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Glauben. Selbstvertrauen sagt: Ich kann das schaffen. Glaube sagt: Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann – aber ich weiß, wem ich vertraue. 

Diese Erfahrung zieht sich durch die heiligen Schriften. Mose fühlt sich wegen seiner Sprache ungeeignet. Henoch bezeichnet sich als langsam im Reden. Joseph Smith beschreibt sich später als einen unbedeutenden jungen Mann. Immer wieder scheint Gott Menschen zu berufen, die selbst nicht das Gefühl haben, den Anforderungen zu genügen. 

Auch Joseph Smiths Geschichte beginnt in dieser Spannung. Der junge Prophet hatte keine akademische Ausbildung und keine kirchliche Stellung, die ihn nach menschlichen Maßstäben für die Aufgabe der Wiederherstellung qualifiziert hätte. Und doch wurde er berufen, das Evangelium Jesu Christi in einer Zeit wiederherzustellen, in der Priestertumsvollmacht, lebende Propheten und viele klare Lehren des Evangeliums verloren gegangen waren. Seine Geschichte zeigt nicht, dass Gott nur außergewöhnlich begabte Menschen gebrauchen kann. Sie zeigt vielmehr, was geschehen kann, wenn ein Mensch bereit ist, sich von Gott führen zu lassen. 

Geschichte der Kirche – Material der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Interessant ist dabei auch die Lehre von der Vorherordinierung. Jeremia hört: „Ehe du aus dem Mutterschoß hervorgingst, habe ich dich geheiligt.“ Das bedeutet nicht, dass sein Leben ohne Entscheidungsfreiheit festgelegt gewesen wäre. Vielmehr erkennen wir darin die Wirklichkeit, dass Gott seine Kinder kennt und sie auf Aufgaben vorbereiten kann, die sie in diesem Erdenleben übernehmen sollen. 

Die Wiederherstellung vertieft diesen Gedanken. In Lehre und Bündnisse 138 wird von den treuen Geistern in der vorirdischen Welt berichtet, die auf ihre irdische Aufgabe vorbereitet wurden. Das macht Jeremias Berufung für mich noch persönlicher: Vielleicht beginnt Gottes Wirken in unserem Leben nicht erst in dem Augenblick, in dem wir eine Berufung erhalten. Vielleicht hat er uns schon lange vorher mit Erfahrungen, Begabungen, Beziehungen und geistigen Eindrücken darauf vorbereitet. 

Doch Vorbereitung bedeutet nicht Perfektion. 

Das zeigt gerade Jeremia. 

Der Herr beruft ihn – und Jeremia bleibt ein Mensch. Er wird später klagen, weinen und sich von seiner Aufgabe überfordert fühlen. Seine Berufung schützt ihn nicht vor Schmerz. Aber sie gibt seinem Schmerz einen anderen Zusammenhang: Er weiß, wem er gehört und wem er dienen soll. 

Hier passt eine Aussage von Gérald Caussé besonders gut. In einer BYU-Ansprache über persönliche Schwächen erinnerte er daran, dass Gott gerade junge und unerfahrene Menschen für sein Werk gebraucht und dass der Herr persönliche Begrenzungen durch seine Gnade in Stärke verwandeln kann. Er verweist dabei ausdrücklich auf Enoch, Joseph Smith und andere junge Menschen, die sich selbst nicht für außergewöhnlich hielten. 

Gérald Caussé – „For When I Am Weak, Then Am I Strong“ 

Das entspricht auch einer Wahrheit aus dem Buch Mormon. Moroni fürchtete, dass seine sprachlichen und schriftstellerischen Schwächen dazu führen könnten, dass die Menschen seine Aufzeichnungen nicht annehmen würden. Doch der Herr antwortete: „Wenn Menschen zu mir kommen, so werde ich ihnen ihre Schwäche zeigen … wenn sie sich vor mir demütigen und Glauben an mich haben, dann werde ich Schwaches für sie stark werden lassen.“ (Ether 12:27.) 

Vielleicht ist Schwäche deshalb nicht immer das Gegenteil von Berufung. Manchmal ist sie sogar der Ort, an dem Berufung wirklich wirksam werden kann. 

Denn solange ich glaube, ich müsse alles allein können, brauche ich Gott nicht wirklich. 

Jeremia muss lernen, dass die entscheidende Frage nicht lautet: Kann ich sprechen? Sondern: Wird der Herr durch mich sprechen? 

Das ist auch für unsere heutigen Berufungen wichtig. Vielleicht stehst du vor einer Aufgabe, bei der du dich unvorbereitet fühlst. Vielleicht sollst du eine Klasse unterrichten, eine Familie führen, jemandem helfen, eine schwierige Entscheidung treffen oder in einer neuen Verantwortung dienen. Vielleicht denkst du: Andere könnten das besser. 

Dann lohnt es sich, Jeremia 1 noch einmal langsam zu lesen. 

Der Herr sagt nicht: Du bist perfekt. 

Er sagt: Ich kenne dich. 

Er sagt nicht: Du brauchst mich nicht. 

Er sagt: Ich werde meine Worte in deinen Mund legen. 

Und er sagt nicht: Du wirst keine Angst haben. 

Er sagt: „Ich bin mit dir.“ 

Das verändert die Perspektive. Unsere Schwächen müssen nicht länger Beweise dafür sein, dass wir ungeeignet sind. Sie können uns daran erinnern, woher unsere eigentliche Kraft kommt. 

Ich glaube, dass Jesus Christus uns tiefer kennt, als wir uns selbst kennen. Ich glaube, dass unser Leben für ihn nicht zufällig ist und dass er uns mit Gaben, Erfahrungen und Möglichkeiten vorbereitet. Ich glaube auch, dass eine Berufung nicht bedeutet, dass wir bereits alles können. Sie kann vielmehr der Weg sein, auf dem Christus uns befähigt, zu dem Menschen zu werden, den er in uns sieht. 

Jeremia sah einen jungen Mann, der nicht reden konnte. 

Der Herr sah einen Propheten. 

Vielleicht sehen wir heute nur unsere Schwächen. Vielleicht sieht Christus bereits etwas, das wir selbst noch nicht erkennen können. 

Und vielleicht beginnt Vertrauen genau dort: nicht damit, dass ich plötzlich keine Angst mehr habe, sondern damit, dass ich trotz meiner Angst dem folge, der sagt: 

„Fürchte dich nicht … denn ich bin mit dir.“ 

Samstag, 17. Oktober 2026

Für Zion kommt der Erlöser

 

(Bildquelle)

„Wer ist der, der von Edom kommt, von Bozra in hochroten Kleidern?“ (Jesaja 63:1) – verbunden mit Jesaja 65:17: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ 

Jesaja 63, 64, 65 und 66 

Es ist ein ungewöhnliches Bild, mit dem Jesaja den letzten Abschnitt seines Buches eröffnet. Einer kommt aus Edom, seine Kleider sind rot, sein Auftreten ist gewaltig. Er ist nicht der stille Tröster, den wir aus den Evangelien kennen. Er kommt als der, der „mächtig ist zu retten“ (Jesaja 63:1). Wenige Kapitel später hören wir dieselbe Stimme sagen: „Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jesaja 65:17). Zwischen diesen beiden Bildern liegt die ganze Spannung der Wiederkunft Christi: Der Erlöser kommt nicht nur, um zu trösten. Er kommt, um das Böse zu richten, sein Volk zu erlösen und schließlich alles neu zu machen. 

Damit schließt sich der große Kreis des Buches Jesaja. 

Jesaja hatte mit einem Volk begonnen, das sich von Gott entfernt hatte. Schuld, Stolz und geistliche Blindheit prägten seine Geschichte. Doch mitten in dieses Versagen stellte der Prophet die Verheißung eines kommenden Messias. Ein Licht sollte aufgehen. Ein Knecht sollte leiden. Ein Erlöser sollte kommen. Zion sollte wiederhergestellt werden. 

Nun stehen wir am Ende – und der Erlöser kommt tatsächlich. 

Jesaja 63 zeigt dabei eine Seite Christi, die wir vielleicht lieber ausblenden würden. Der Messias ist nicht nur der sanfte Tröster. Er ist auch der Richter. Das rote Gewand erinnert an die Kelter und an das Gericht über das Böse. Aber gerade hier liegt eine wichtige Wahrheit: Der Richter und der Erlöser sind nicht zwei verschiedene Personen. Derjenige, der das Böse endgültig besiegt, ist derselbe, der unsere Schmerzen getragen hat. 

Jesaja 63 zeigt zunächst den gewaltigen Erlöser, der kommt, um sein Volk zu retten. Doch mitten in diesen großen Bildern des kommenden Herrn erinnert Jesaja an „die Taten der Huld des HERRN“: „In all ihrer Bedrängnis war auch er bedrängt … in seiner Liebe und seinem Erbarmen hat er selbst sie erlöst.“ (Jesaja 63:7,9). Genau auf diese Verse lenkt auch der Leitfaden „Komm und folge mir nach!“ den Blick. Er nennt Jesaja 63:7–9 ausdrücklich als Zeugnis für Jesus Christus als unseren Erretter und Erlöser. Der kommende Christus ist derselbe Christus, der sein Volk schon immer getragen hat. Derjenige, der am Ende in Macht kommt, ist derselbe Erlöser, der in Liebe und Erbarmen handelt. 

Dann wird aus der Prophezeiung ein Gebet. Jesaja 64:1 ruft: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Das ist die Sehnsucht eines Menschen, der nicht mehr nur über Gott reden möchte. Er möchte, dass Gott kommt. 

Vielleicht kennen wir dieses Gebet. 

Es gibt Zeiten, in denen wir keine Erklärung mehr suchen, sondern seine Gegenwart. Zeiten, in denen wir nicht mehr fragen: „Warum geschieht das?“, sondern: „Herr, wann kommst du?“ Jesaja gibt dieser Sehnsucht Worte. 

Und doch bleibt seine Antwort nicht beim Warten stehen. In Jesaja 65 spricht Gott selbst: „Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jesaja 65:17) 

Das ist mehr als eine Reparatur der alten Welt. 

Es ist Wiederherstellung. 

Die Lehre und Bündnisse helfen uns, diese Verheißung zu verstehen. Die Erde wird nicht einfach bedeutungslos werden. Sie soll geheiligt und für celestiale Herrlichkeit vorbereitet werden. Lehre und Bündnisse 63:49 verbindet das Kommen des Herrn mit der Zeit, in der „das Alte vergeht und alles neu wird“. 

Die Zukunft, die Jesaja beschreibt, ist deshalb keine Flucht aus Gottes Schöpfung, sondern ihre Vollendung. 

Und genau hier wird Jesajas Vision plötzlich sehr gegenwärtig. Denn während wir auf die endgültige Wiederkunft warten, erleben wir bereits die Sammlung Israels. Jesaja 66:18 beschreibt Menschen aus „allen Nationen und Zungen“, die kommen und die Herrlichkeit des Herrn sehen. 

Das ist heute keine rein zukünftige Vorstellung mehr. 

Die Kirche Jesu Christi ist zu einer weltweiten Gemeinschaft geworden. Menschen aus immer mehr Nationen schließen Bündnisse mit Christus, Gemeinden entstehen in unterschiedlichen Kulturen, und Tempel werden auf mehreren Kontinenten gebaut. Die Sammlung Israels bedeutet dabei nicht einfach, dass alle Menschen an einen einzigen geografischen Ort ziehen. Zion wird überall dort aufgebaut, wo Menschen Christus nachfolgen und seine Bündnisse eingehen. 

Präsident Russell M. Nelson hat deshalb dazu eingeladen, die Welt auf das Zweite Kommen Christi vorzubereiten. Er verbindet diese Vorbereitung nicht mit Angst vor der Zukunft, sondern mit einer bewussteren Nachfolge: „Jetzt ist die Zeit“, unser Leben Christus neu zu weihen, Israel zu sammeln und uns auf seine Wiederkunft vorzubereiten. "Der Herr Jesus Christus wird wiederkommen". 

Gerade die weltweite Kirche macht diesen Gedanken sichtbar. Ein junger Mensch in Afrika, eine Familie in Südamerika, ein Mitglied in Asien oder eine Gemeinde in Europa müssen nicht darauf warten, irgendwann an einen entfernten Ort zu gelangen, um Teil Zions zu sein. Zion beginnt dort, wo Menschen ihr Herz dem Erlöser zuwenden. 

Damit bekommt Jesajas Vision eine ganz praktische Bedeutung. 

Wenn Christus kommt, möchte ich nicht erst anfangen, ihm zu folgen. Ich möchte heute schon lernen, so zu leben, wie ich dann leben möchte. Ich kann Frieden stiften, wo Streit herrscht. Ich kann vergeben, wo Verletzungen geblieben sind. Ich kann dienen, wo jemand Hilfe braucht. Ich kann meine Bündnisse ernst nehmen. Ich kann meine Familie und meine Gemeinde stärken. Und ich kann daran mitwirken, dass Menschen in meiner Umgebung etwas von der Liebe Christi erfahren. 

Ich kann die neue Welt nicht selbst erschaffen. 

Aber ich kann heute schon ein kleines Stück Zion sichtbar machen. 

Jesaja 66 führt diese Hoffnung schließlich über Israel hinaus. Menschen aus den Nationen kommen und sehen die Herrlichkeit Gottes. Der Prophet blickt damit auf eine Zeit, in der Gottes Gegenwart nicht mehr nur von wenigen gesucht wird, sondern seine Herrlichkeit die Welt erfüllt. Die offizielle Zusammenfassung des Kapitels verbindet diese Vision ausdrücklich mit dem Zweiten Kommen, der Sammlung Israels und der Verkündigung des Evangeliums unter den Nationen. 

Und dann steht am Ende noch einmal diese gewaltige Verheißung: 

„Denn gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, die ich schaffen werde, vor mir bestehen werden … so soll auch euer Same und euer Name bestehen.“ (Jesaja 66:22) 

Gottes Werk ist größer als meine Lebenszeit. 

Das bedeutet: Ich muss nicht alles vollendet sehen, um treu zu sein. Ich darf an etwas bauen, dessen endgültige Vollendung ich vielleicht nicht mehr in meinem irdischen Zustand erleben werde. Ich darf glauben, dienen, Zeugnis geben und Bündnisse halten, weil ich weiß, dass der Herr die Geschichte zu ihrem Ziel führen wird. 

Damit schließt sich der Kreis dieser ganzen Reihe. 

Jesaja begann mit einer verletzten Welt. Er führte uns durch Gericht und Hoffnung, Dunkelheit und Licht, menschliches Versagen und göttliche Barmherzigkeit. Er zeigte uns den leidenden Knecht, den kommenden Erlöser, die Sammlung Israels und die Wiederherstellung Zions. 

Nun endet er mit einer neuen Schöpfung. 

Das ist für mich die eigentliche Botschaft: Der Herr kommt. 

Nicht nur als Erinnerung an Bethlehem. Nicht nur als der Christus von Golgatha. Nicht nur als der auferstandene Herr, von dem wir in den Evangelien lesen. Er kommt wieder – in Macht und Herrlichkeit. Und derselbe Christus, der einst sagte: „Kommt her zu mir“, wird eines Tages kommen, um sein Volk zu sammeln, das Böse zu überwinden und seine Schöpfung zu erneuern. 

Darum muss ich vor der Zukunft keine Angst haben. 

Ich muss mich auf sie vorbereiten. 

Wenn Jesaja fragt: „Wer ist der, der von Edom kommt?“, kenne ich die Antwort. Er selbst gibt sie: „Ich bin es, der mit Gerechtigkeit redet, der reiche Mittel hat zu retten.“ (Jesaja 63:1). Es ist mein Erlöser. 

Der, dessen Gewand mich an das Gericht über das Böse und zugleich an sein vergossenes Blut erinnert. Der, der sein Volk getragen hat. Der, der die Tränen seiner Kinder gesehen hat. Der, der Zion sammelt. Und der schließlich sagen wird: 

„Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er lebt und wiederkommen wird. Und ich glaube, dass wir schon heute kleine Zeichen dieser kommenden Wirklichkeit erleben dürfen: in der Sammlung Israels, in Tempeln, in Dienst, Barmherzigkeit und Glauben auf der ganzen Welt. 

Für Zion kommt der Erlöser. 

Und wenn er kommt, wird er nicht nur etwas Altes reparieren. 

Er wird alles neu machen.