"Dies will ich mir zu Herzen nehmen und darum der Hoffnung leben: 22 Die Gnadenerweisungen des HErrn sind noch nicht erschöpft, sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende; 23 alle Morgen sind sie neu, groß ist deine Treue." (Klagelieder 3,21–23)
Es gibt Augenblicke, in denen wir nicht viel tun können, außer uns zu erinnern.
Der Schmerz ist da. Die Fragen sind da. Vielleicht hat sich eine Situation verändert, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Vielleicht ist etwas zerbrochen, das uns wichtig war. Vielleicht warten wir schon lange auf eine Antwort Gottes und wissen nicht, wie lange wir noch warten müssen.
Klagelieder 3 spricht genau in eine solche Situation hinein.
Jerusalem ist im Jahr 586 v. Chr. gefallen. Die Babylonier unter König Nebukadnezar II. eroberten und zerstörten die Stadt; der Tempel lag in Trümmern, Menschen waren getötet worden und andere befanden sich in Gefangenschaft. Jeremia hatte diese Katastrophe angekündigt und über Jahre hinweg zur Umkehr gerufen. Doch nun ist das Gericht Wirklichkeit geworden. Es gibt nichts zu beschönigen.
Und deshalb beginnt Klagelieder 3 auch nicht mit Hoffnung. Der Verfasser spricht von Bedrängnis, Bitterkeit und Dunkelheit. Er beschreibt das Gefühl, dass Gott sein Gebet nicht hört. Schließlich sagt er: „Dahin ist meine Lebenskraft und meine Hoffnung auf den HERRN!“ (Klagelieder 3:18).
Das ist vielleicht gerade deshalb so tröstlich, weil die Bibel uns hier nichts vormacht.
Glaube bedeutet nicht, dass ein gläubiger Mensch niemals verzweifelt. Hoffnung bedeutet nicht, dass wir keine Tränen mehr haben. Und Vertrauen auf Gott bedeutet nicht, dass wir jede seiner Entscheidungen verstehen.
Aber dann geschieht etwas.
Der Verfasser sagt: „Dies will ich mir zu Herzen nehmen.“ (Klagelieder 3:21)
Er verdrängt seine Wirklichkeit nicht. Jerusalem ist noch immer zerstört. Die Trauer ist noch immer da. Aber er entscheidet, woran er denken will.
Aber daran will ich denken.
Ich will daran denken, dass Gottes Gnade nicht erschöpft ist.
Ich will daran denken, dass sein Erbarmen nicht aufgehört hat.
Ich will daran denken, dass jeder neue Morgen ein stilles Zeugnis seiner Treue sein kann.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Entscheidungen, die wir in Zeiten der Trauer treffen können: nicht darüber zu bestimmen, was wir fühlen müssen, sondern darüber, woran wir uns erinnern wollen.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür finden wir in einem persönlichen Bericht aus der Ukraine. Anastasia Kocheva war im Februar 2022 gerade Mutter geworden. Ihr Sohn war erst zwei Tage alt, als eine Krankenschwester sie aufforderte, das Baby zu nehmen und sofort den Raum zu verlassen. Kiew wurde angegriffen. Bomben und Flugzeuge bestimmten plötzlich die Wirklichkeit, in der sie ihr neugeborenes Kind schützen musste.
Sie wusste nicht, wie die nächsten Stunden aussehen würden.
Sie wusste nicht, ob ihre Familie sicher bleiben würde.
Sie wusste nicht, wann sie ihren Mann wiedersehen würde.
Sie konnte den Krieg nicht beenden. Sie konnte die politische Situation nicht verändern. Sie konnte die Gefahr nicht einfach wegbeten.
Aber sie konnte beten.
Und sie konnte auf Eingebungen achten.
Auf ihrer Flucht aus Kiew ergaben sich Möglichkeiten, anderen Menschen zu helfen. Ihr kleines Auto wurde zu einem Mittel, durch das mehrere Menschen aus der gefährlichen Situation herauskommen konnten. Anastasia beschreibt diese Erfahrungen nicht als Beweis dafür, dass von diesem Augenblick an alles gut gewesen sei. Der Krieg ging weiter. Die Sorgen blieben. Aber mitten in dieser Unsicherheit begann sie, Gottes Hand in einzelnen Erfahrungen zu erkennen. „Facing the Conflict in Ukraine: Healing the Conflict in My Heart“ – Anastasia Kocheva
Das hat mich an die Worte aus Klagelieder erinnert.
Die Umstände hatten sich noch nicht vollständig verändert. Aber ihre Sicht darauf begann sich zu verändern.
Sie konnte nicht sagen: „Alles ist gut.“
Sie konnte sagen: „Ich habe erlebt, dass Gott mich nicht vergessen hat.“
Vielleicht ist das manchmal die Form, in der Hoffnung zu uns kommt.
Nicht als große Gewissheit über die Zukunft, sondern als kleine Erinnerung an die Treue Gottes in der Gegenwart.
Richard C. Edgley hat in einer BYU-Andacht über die Kraft der Hoffnung gesprochen (Faith, Hope, and You). Er erzählte unter anderem von einem Mann, der als Kind ein Konzentrationslager überlebt hatte. Als Edgley ihn fragte, was ihn damals am Leben gehalten habe, antwortete dieser nicht mit Liebe oder Stärke, sondern mit einem Wort: Hoffnung. Hoffnung auf Freiheit, Hoffnung auf Überleben, Hoffnung auf eine Zukunft.
Edgley verband diese Erfahrung mit der Hoffnung, die aus dem Sühnopfer Jesu Christi entsteht. Für ihn ist christliche Hoffnung keine vage Vorstellung, dass irgendwann vielleicht alles besser wird. Sie gründet sich auf Jesus Christus, auf seine Auferstehung und auf die Gewissheit, dass sein Sühnopfer auch für unsere persönlichen Schmerzen und Enttäuschungen von Bedeutung ist.
Damit führt uns Klagelieder 3 schließlich zu Christus.
Denn was bedeutet es für uns, dass Gottes Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist?
Es bedeutet nicht, dass jeder Morgen automatisch leicht sein wird.
Es bedeutet nicht, dass jede Krankheit geheilt, jede Beziehung wiederhergestellt oder jeder Verlust in diesem Leben rückgängig gemacht wird.
Es bedeutet vielmehr: Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung.
Optimismus sagt: „Vielleicht wird morgen alles besser.“
Christliche Hoffnung sagt: „Auch wenn morgen anders wird, als ich es mir wünsche, weiß ich, wem ich vertrauen kann.“
Und genau deshalb bekommt die Trauer nicht das letzte Wort.
Der Bogen dieser Reihe führt von der Trauer zur Hoffnung. Wir haben gesehen, dass Gottes Volk tatsächlich leiden musste. Jerusalem wurde tatsächlich zerstört. Jeremia musste tatsächlich erleben, dass seine Warnungen Wirklichkeit wurden. Doch Gott hatte damit nicht aufgehört, sein Volk zu lieben.
Das wird später in der Verheißung aus Jeremia 31 sichtbar: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dir meine Güte bewahrt.“ (Jeremia 31:3). Die Trauer war real – aber sie war nicht das Ende der Geschichte.
Vielleicht gilt das auch für manche Kapitel unseres eigenen Lebens.
Vielleicht gibt es Dinge, die wir nicht mehr ändern können. Menschen, die wir vermissen. Entscheidungen, deren Folgen wir tragen müssen. Gebete, auf deren Erfüllung wir noch warten.
Dann dürfen wir weinen.
Aber wir dürfen uns auch erinnern.
Aber daran will ich denken.
Ich will daran denken, was Gott bereits getan hat.
Ich will daran denken, dass er mich schon durch andere schwere Zeiten geführt hat.
Ich will daran denken, dass seine Barmherzigkeit nicht von meiner momentanen Gefühlslage abhängt.
Ich will daran denken, dass Jesus Christus meine Schmerzen kennt und dass seine Auferstehung eine Zukunft eröffnet, die weit über das hinausgeht, was ich jetzt sehen kann.
Und vielleicht dürfen wir diese Hoffnung nicht nur für uns selbst bewahren.
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist heute eine weltweite Gemeinschaft. Ihre Geschichte besteht deshalb nicht nur aus den bekannten Ereignissen der frühen Wiederherstellung oder der Pionierzeit. Sie wird ebenso von Menschen geschrieben, die in Kriegsgebieten, nach Katastrophen, in Armut oder persönlichen Krisen ihren Glauben an Christus bewahren. Die Geschichte der Kirche zeigt diese Entwicklung über viele Generationen und Kontinente hinweg.
Wir können dabei selbst zu Menschen werden, durch die Gottes Barmherzigkeit sichtbar wird.
Vielleicht braucht heute jemand nicht unsere Erklärung für sein Leid, sondern unsere Gegenwart.
Vielleicht braucht jemand ein Gebet.
Vielleicht einen Anruf.
Vielleicht eine helfende Hand.
Vielleicht einfach jemanden, der sagt: „Ich weiß nicht, warum du das erleben musst. Aber ich weiß, dass du nicht allein bist.“
Denn manchmal besteht unsere Aufgabe nicht darin, einem Menschen sofort die Trauer zu nehmen. Manchmal besteht sie darin, ihm zu helfen, mitten in der Trauer wieder etwas zu finden, woran er denken kann.
Klagelieder 3 endet deshalb nicht mit der Aufforderung, die Vergangenheit zu vergessen. Es lädt uns ein, unseren Blick auf Gottes Charakter zu richten:
„Groß ist deine Treue.“ (Klagelieder 3:23)
Das möchte ich mir zu Herzen nehmen.
Wenn ich nicht verstehe, will ich daran denken.
Wenn ich traurig bin, will ich daran denken.
Wenn meine Hoffnung klein geworden ist, will ich daran denken.
Nicht weil alles gut ist.
Sondern weil Gott gut ist.
Nicht weil ich die Zukunft kenne.
Sondern weil ich den kenne, der die Zukunft kennt.
Nicht weil die Trauer unwirklich wäre.
Sondern weil sie nicht das letzte Wort behalten wird.
Ich glaube an Jesus Christus. Ich weiß, dass er lebt, dass er unsere Sünden und auch unsere tiefsten Schmerzen getragen hat und dass durch seine Auferstehung der Tod nicht das Ende ist. Ich weiß, dass Gottes Barmherzigkeit tatsächlich jeden Morgen neu ist – auch an den Morgen, an denen wir sie noch nicht erkennen können.
Darum möchte ich mir diese Worte zu Herzen nehmen:
Aber daran will ich denken.
Groß ist deine Treue.





