Samstag, 31. Oktober 2026

Aber daran will ich denken

 

(Bildquelle)

"Dies will ich mir zu Herzen nehmen und darum der Hoffnung leben: 22 Die Gnadenerweisungen des HErrn sind noch nicht erschöpft, sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende; 23 alle Morgen sind sie neu, groß ist deine Treue." (Klagelieder 3,21–23) 

Klagelieder 3 

Es gibt Augenblicke, in denen wir nicht viel tun können, außer uns zu erinnern. 

Der Schmerz ist da. Die Fragen sind da. Vielleicht hat sich eine Situation verändert, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Vielleicht ist etwas zerbrochen, das uns wichtig war. Vielleicht warten wir schon lange auf eine Antwort Gottes und wissen nicht, wie lange wir noch warten müssen. 

Klagelieder 3 spricht genau in eine solche Situation hinein. 

Jerusalem ist im Jahr 586 v. Chr. gefallen. Die Babylonier unter König Nebukadnezar II. eroberten und zerstörten die Stadt; der Tempel lag in Trümmern, Menschen waren getötet worden und andere befanden sich in Gefangenschaft. Jeremia hatte diese Katastrophe angekündigt und über Jahre hinweg zur Umkehr gerufen. Doch nun ist das Gericht Wirklichkeit geworden. Es gibt nichts zu beschönigen. 

Und deshalb beginnt Klagelieder 3 auch nicht mit Hoffnung. Der Verfasser spricht von Bedrängnis, Bitterkeit und Dunkelheit. Er beschreibt das Gefühl, dass Gott sein Gebet nicht hört. Schließlich sagt er: „Dahin ist meine Lebenskraft und meine Hoffnung auf den HERRN!“ (Klagelieder 3:18). 

Das ist vielleicht gerade deshalb so tröstlich, weil die Bibel uns hier nichts vormacht. 

Glaube bedeutet nicht, dass ein gläubiger Mensch niemals verzweifelt. Hoffnung bedeutet nicht, dass wir keine Tränen mehr haben. Und Vertrauen auf Gott bedeutet nicht, dass wir jede seiner Entscheidungen verstehen. 

Aber dann geschieht etwas. 

Der Verfasser sagt: „Dies will ich mir zu Herzen nehmen.“ (Klagelieder 3:21) 

Er verdrängt seine Wirklichkeit nicht. Jerusalem ist noch immer zerstört. Die Trauer ist noch immer da. Aber er entscheidet, woran er denken will. 

Aber daran will ich denken. 

Ich will daran denken, dass Gottes Gnade nicht erschöpft ist. 

Ich will daran denken, dass sein Erbarmen nicht aufgehört hat. 

Ich will daran denken, dass jeder neue Morgen ein stilles Zeugnis seiner Treue sein kann. 

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Entscheidungen, die wir in Zeiten der Trauer treffen können: nicht darüber zu bestimmen, was wir fühlen müssen, sondern darüber, woran wir uns erinnern wollen. 

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür finden wir in einem persönlichen Bericht aus der Ukraine. Anastasia Kocheva war im Februar 2022 gerade Mutter geworden. Ihr Sohn war erst zwei Tage alt, als eine Krankenschwester sie aufforderte, das Baby zu nehmen und sofort den Raum zu verlassen. Kiew wurde angegriffen. Bomben und Flugzeuge bestimmten plötzlich die Wirklichkeit, in der sie ihr neugeborenes Kind schützen musste. 

Sie wusste nicht, wie die nächsten Stunden aussehen würden. 

Sie wusste nicht, ob ihre Familie sicher bleiben würde. 

Sie wusste nicht, wann sie ihren Mann wiedersehen würde. 

Sie konnte den Krieg nicht beenden. Sie konnte die politische Situation nicht verändern. Sie konnte die Gefahr nicht einfach wegbeten. 

Aber sie konnte beten. 

Und sie konnte auf Eingebungen achten. 

Auf ihrer Flucht aus Kiew ergaben sich Möglichkeiten, anderen Menschen zu helfen. Ihr kleines Auto wurde zu einem Mittel, durch das mehrere Menschen aus der gefährlichen Situation herauskommen konnten. Anastasia beschreibt diese Erfahrungen nicht als Beweis dafür, dass von diesem Augenblick an alles gut gewesen sei. Der Krieg ging weiter. Die Sorgen blieben. Aber mitten in dieser Unsicherheit begann sie, Gottes Hand in einzelnen Erfahrungen zu erkennen. „Facing the Conflict in Ukraine: Healing the Conflict in My Heart“ – Anastasia Kocheva 

Das hat mich an die Worte aus Klagelieder erinnert. 

Die Umstände hatten sich noch nicht vollständig verändert. Aber ihre Sicht darauf begann sich zu verändern. 

Sie konnte nicht sagen: „Alles ist gut.“ 

Sie konnte sagen: „Ich habe erlebt, dass Gott mich nicht vergessen hat.“ 

Vielleicht ist das manchmal die Form, in der Hoffnung zu uns kommt. 

Nicht als große Gewissheit über die Zukunft, sondern als kleine Erinnerung an die Treue Gottes in der Gegenwart. 

Richard C. Edgley hat in einer BYU-Andacht über die Kraft der Hoffnung gesprochen (Faith, Hope, and You). Er erzählte unter anderem von einem Mann, der als Kind ein Konzentrationslager überlebt hatte. Als Edgley ihn fragte, was ihn damals am Leben gehalten habe, antwortete dieser nicht mit Liebe oder Stärke, sondern mit einem Wort: Hoffnung. Hoffnung auf Freiheit, Hoffnung auf Überleben, Hoffnung auf eine Zukunft. 

Edgley verband diese Erfahrung mit der Hoffnung, die aus dem Sühnopfer Jesu Christi entsteht. Für ihn ist christliche Hoffnung keine vage Vorstellung, dass irgendwann vielleicht alles besser wird. Sie gründet sich auf Jesus Christus, auf seine Auferstehung und auf die Gewissheit, dass sein Sühnopfer auch für unsere persönlichen Schmerzen und Enttäuschungen von Bedeutung ist. 

Damit führt uns Klagelieder 3 schließlich zu Christus. 

Denn was bedeutet es für uns, dass Gottes Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist? 

Es bedeutet nicht, dass jeder Morgen automatisch leicht sein wird. 

Es bedeutet nicht, dass jede Krankheit geheilt, jede Beziehung wiederhergestellt oder jeder Verlust in diesem Leben rückgängig gemacht wird. 

Es bedeutet vielmehr: Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende. 

Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung. 

Optimismus sagt: „Vielleicht wird morgen alles besser.“ 

Christliche Hoffnung sagt: „Auch wenn morgen anders wird, als ich es mir wünsche, weiß ich, wem ich vertrauen kann.“ 

Und genau deshalb bekommt die Trauer nicht das letzte Wort. 

Der Bogen dieser Reihe führt von der Trauer zur Hoffnung. Wir haben gesehen, dass Gottes Volk tatsächlich leiden musste. Jerusalem wurde tatsächlich zerstört. Jeremia musste tatsächlich erleben, dass seine Warnungen Wirklichkeit wurden. Doch Gott hatte damit nicht aufgehört, sein Volk zu lieben. 

Das wird später in der Verheißung aus Jeremia 31 sichtbar: „Ich habe dich je und je geliebt; darum habe ich dir meine Güte bewahrt.“ (Jeremia 31:3). Die Trauer war real – aber sie war nicht das Ende der Geschichte. 

Vielleicht gilt das auch für manche Kapitel unseres eigenen Lebens. 

Vielleicht gibt es Dinge, die wir nicht mehr ändern können. Menschen, die wir vermissen. Entscheidungen, deren Folgen wir tragen müssen. Gebete, auf deren Erfüllung wir noch warten. 

Dann dürfen wir weinen. 

Aber wir dürfen uns auch erinnern. 

Aber daran will ich denken. 

Ich will daran denken, was Gott bereits getan hat. 

Ich will daran denken, dass er mich schon durch andere schwere Zeiten geführt hat. 

Ich will daran denken, dass seine Barmherzigkeit nicht von meiner momentanen Gefühlslage abhängt. 

Ich will daran denken, dass Jesus Christus meine Schmerzen kennt und dass seine Auferstehung eine Zukunft eröffnet, die weit über das hinausgeht, was ich jetzt sehen kann. 

Und vielleicht dürfen wir diese Hoffnung nicht nur für uns selbst bewahren. 

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist heute eine weltweite Gemeinschaft. Ihre Geschichte besteht deshalb nicht nur aus den bekannten Ereignissen der frühen Wiederherstellung oder der Pionierzeit. Sie wird ebenso von Menschen geschrieben, die in Kriegsgebieten, nach Katastrophen, in Armut oder persönlichen Krisen ihren Glauben an Christus bewahren. Die Geschichte der Kirche zeigt diese Entwicklung über viele Generationen und Kontinente hinweg. 

Wir können dabei selbst zu Menschen werden, durch die Gottes Barmherzigkeit sichtbar wird. 

Vielleicht braucht heute jemand nicht unsere Erklärung für sein Leid, sondern unsere Gegenwart. 

Vielleicht braucht jemand ein Gebet. 

Vielleicht einen Anruf. 

Vielleicht eine helfende Hand. 

Vielleicht einfach jemanden, der sagt: „Ich weiß nicht, warum du das erleben musst. Aber ich weiß, dass du nicht allein bist.“ 

Denn manchmal besteht unsere Aufgabe nicht darin, einem Menschen sofort die Trauer zu nehmen. Manchmal besteht sie darin, ihm zu helfen, mitten in der Trauer wieder etwas zu finden, woran er denken kann. 

Klagelieder 3 endet deshalb nicht mit der Aufforderung, die Vergangenheit zu vergessen. Es lädt uns ein, unseren Blick auf Gottes Charakter zu richten: 

„Groß ist deine Treue.“ (Klagelieder 3:23) 

Das möchte ich mir zu Herzen nehmen. 

Wenn ich nicht verstehe, will ich daran denken. 

Wenn ich traurig bin, will ich daran denken. 

Wenn meine Hoffnung klein geworden ist, will ich daran denken. 

Nicht weil alles gut ist. 

Sondern weil Gott gut ist. 

Nicht weil ich die Zukunft kenne. 

Sondern weil ich den kenne, der die Zukunft kennt. 

Nicht weil die Trauer unwirklich wäre. 

Sondern weil sie nicht das letzte Wort behalten wird. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich weiß, dass er lebt, dass er unsere Sünden und auch unsere tiefsten Schmerzen getragen hat und dass durch seine Auferstehung der Tod nicht das Ende ist. Ich weiß, dass Gottes Barmherzigkeit tatsächlich jeden Morgen neu ist – auch an den Morgen, an denen wir sie noch nicht erkennen können. 

Darum möchte ich mir diese Worte zu Herzen nehmen: 

Aber daran will ich denken. 

Groß ist deine Treue.

Freitag, 30. Oktober 2026

Wenn die Warnung Wirklichkeit wird

 

(Bildquelle)

"Der HErr ist gerecht (oder: im Recht), denn seinen Geboten habe ich widerstrebt! Hört es doch, ihr Völker alle, und seht meinen Schmerz: meine Jungfraun und meine Jünglinge sind in die Gefangenschaft gezogen!" (Klagelieder 1:18) 

Jeremia 39 und Klagelieder 1 

Es gibt einen Augenblick, in dem eine Warnung nicht mehr nur eine Warnung ist. 

Bis dahin kann man hoffen, dass es vielleicht doch anders kommt. Man kann glauben, dass noch Zeit bleibt, dass eine Umkehr möglich ist, dass sich Umstände verändern. Solange eine angekündigte Katastrophe noch nicht eingetroffen ist, lebt man zwischen Furcht und Hoffnung. Doch dann kommt der Tag, an dem man erkennen muss: Es ist geschehen. 

Jeremia hatte diesen Tag angekündigt – neben vielen anderen Propheten, wie zum Beispiel Lehi, der zur gleichen Zeit in Jerusalem wirkte und ebenfalls eindringlich vor der bevorstehenden Zerstörung Jerusalems warnte. Über viele Jahre hatte Jeremia sein Volk gewarnt. Nicht, weil er Freude daran gehabt hätte, Unglück anzukündigen. Im Gegenteil: Sein Wirken war von Schmerz über sein Volk geprägt. Immer wieder hatte er zur Umkehr gerufen. Doch nun berichtet Jeremia 39 nüchtern von dem, was niemand mehr abwenden konnte: Die Babylonier drangen in Jerusalem ein, die Stadtmauer wurde durchbrochen, Zedekia wurde gefangen genommen, Jerusalem wurde verbrannt und ein großer Teil des Volkes wurde weggeführt. 

Es ist eine der Stellen in der Bibel, an denen man am liebsten weiterblättern möchte. 

Aber vielleicht müssen wir gerade hier stehen bleiben. 

Denn unser Leben kennt ebenfalls Augenblicke, in denen wir nicht mehr hoffen können, dass etwas nicht geschehen ist. Eine Beziehung ist zerbrochen. Ein Mensch ist gestorben. Ein Traum ist zerfallen. Eine Entscheidung hat Folgen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Manchmal besteht geistliche Reife nicht darin, sofort eine Erklärung zu finden, sondern zunächst den Mut aufzubringen, die Wirklichkeit anzusehen und zu sagen: Das ist tatsächlich geschehen. 

Die Klagelieder helfen uns dabei. Nach der Zerstörung Jerusalems versucht niemand, die Tragödie schönzureden. Jerusalem wird als einsame Frau dargestellt: „Ach, wie liegt sie doch (jetzt) so einsam da, die (einst) volkreiche Stadt!“ (Klagelieder 1:1) 

Das ist keine schnelle Antwort. 

Das ist Trauer. 

Vielleicht liegt darin ein wichtiger Trost der heiligen Schriften: Gott verlangt von uns nicht, dass wir so tun, als wäre nichts geschehen. Wir dürfen ihm erzählen, was geschehen ist. Wir dürfen unsere Einsamkeit, unsere Enttäuschung und unsere Fragen aussprechen. Der Glaube besteht nicht darin, keine Tränen mehr zu haben. Der Glaube besteht darin, mit unseren Tränen nicht von Gott wegzulaufen. 

Auch Jesus Christus hat den Schmerz nicht übersprungen. 

Er weinte am Grab des Lazarus, obwohl er wusste, dass Lazarus auferstehen würde. In Getsemani bat er darum, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, obwohl er den ewigen Plan des Vaters kannte. Seine Kenntnis der Zukunft machte das gegenwärtige Leiden nicht weniger real. 

Deshalb dürfen auch wir weinen. 

Und doch ist Jeremia 39 nicht nur ein Kapitel über Zerstörung. 

Mitten in diesem dunklen Geschehen wird Ebed-Melech erwähnt, der Jeremia zuvor aus der Zisterne gerettet hatte. Nun spricht der Herr zu ihm: „Ich will dich an jenem Tage erretten … denn du hast auf mich vertraut.“ (Jeremia 39:16-18) 

Beachte: Jerusalem wird tatsächlich zerstört. Ebed-Melech wird trotzdem bewahrt. 

Das ist ein wichtiger Unterschied. Gottes Schutz bedeutet nicht immer, dass wir von jeder Katastrophe verschont bleiben. Manchmal besteht sein Schutz darin, dass wir mitten durch das Geschehen hindurch bewahrt werden. Die Stadt kann fallen, und doch kann ein Mensch seinen Glauben behalten. Eine vertraute Welt kann zerbrechen, und doch kann die Beziehung zu Gott bestehen bleiben. 

Ein modernes Beispiel dafür finden wir bei den Heiligen in der Ukraine. 

Als am 24. Februar 2022 der Krieg begann, wurden für viele ukrainische Mitglieder innerhalb weniger Stunden Dinge zur Wirklichkeit, die bis dahin unvorstellbar gewesen waren. Eine junge Mutter berichtete, wie sie mit ihrem wenige Tage alten Baby in Kiew war, als die Angriffe begannen. Andere Mitglieder mussten ihre Heimat verlassen, während wieder andere blieben und mit ständiger Unsicherheit lebten. Bericht über Mitglieder in der Ukraine 

Bemerkenswert ist nicht, dass diese Menschen behaupteten, alles sei leicht geworden. Sie sprachen von Angst, Verlust und Trauer. Aber sie berichteten ebenso davon, wie ihr Glaube ihnen half, weiterzugehen. 

Und die Hilfe blieb nicht bei Worten. Mitglieder nahmen Flüchtlinge in ihren Häusern auf, halfen bei Transport und Versorgung und öffneten Gemeindehäuser für Menschen auf der Flucht. Bericht über die Hilfe für ukrainische Flüchtlinge in Polen 

Vielleicht erkennen wir darin etwas von Ebed-Melech wieder: Inmitten einer zerstörten Welt gibt es immer noch Menschen, die sich entscheiden, einander nicht im Stich zu lassen. 

Die Kirche selbst blieb ebenfalls bestehen. Missionare wurden aus Sicherheitsgründen aus der Ukraine evakuiert, doch die ukrainischen Mitglieder blieben Teil einer lebendigen Kirche. Später besuchten Generalautoritäten die Heiligen und stärkten sie darin, sich auf Christus, ihre Bündnisse und den Tempel zu konzentrieren. Elder Quentin L. Cook bei den ukrainischen Heiligen 

Das bedeutet nicht, dass die Wunden verschwunden wären. 

Aber es bedeutet, dass Zerstörung nicht dasselbe ist wie das Ende. 

Eine bemerkenswerte Parallele findet sich in den heiligen Schriften selbst. Nach den dunklen Worten der Klagelieder kommt schließlich ein Satz, der wie ein kleines Licht inmitten der Nacht erscheint: „Die Gnadenerweise des HErrn sind nicht zu Ende, sein Erbarmen ist noch nicht erschöpft.“ (Klagelieder 3:22-23) 

Die Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass Jerusalem plötzlich wieder unversehrt wäre. Sie entsteht mitten in den Trümmern. 

Vielleicht müssen wir deshalb manchmal zuerst Klagelieder lesen, bevor wir Jubellieder singen können. 

Vielleicht müssen wir zunächst sagen dürfen: Ich habe verloren. Ich bin verletzt. Ich verstehe es nicht. Es tut weh. 

Und dann – nicht immer sofort, manchmal erst nach langer Zeit – können wir hinzufügen: Aber ich bin noch hier. Gott ist noch hier. Christus hat mich nicht verlassen. 

Auch die Joseph-Smith-Übersetzung lässt uns bei Jeremia erkennen, dass Gottes Handeln nicht mit der sichtbaren Katastrophe endet. Die Inspired Version ist deshalb eine hilfreiche Vergleichsquelle, wenn wir die prophetischen Aussagen und ihren geistlichen Zusammenhang genauer betrachten wollen. Inspired Version – Jeremiah 

Das ist vielleicht eine der schwierigsten geistlichen Aufgaben unseres Lebens: anzuerkennen, was geschehen ist, ohne zu glauben, dass das Geschehene alles ist, was noch geschehen kann. 

Denn Jesus Christus ist nicht nur der Herr über unsere hellen Tage. Er ist der Erretter unserer dunkelsten Stunden. Er verlangt nicht, dass wir unsere Wunden verstecken. Er kennt sie. Er hat selbst gelitten, geweint und Einsamkeit erfahren. Gerade deshalb können wir uns ihm anvertrauen, wenn wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. 

Ich glaube an Jesus Christus, weil er uns nicht auffordert, unsere Trauer zu überspringen. Er geht mit uns hindurch. Und ich glaube, dass seine Verheißung größer ist als das, was wir heute sehen können. 

Die Warnung Jeremias wurde Wirklichkeit. Jerusalem fiel. Die Tränen waren real. Der Verlust war real. 

Aber auch die Verheißung Gottes war real. 

Die Geschichte Gottes mit seinem Volk endet nicht mit den brennenden Mauern Jerusalems. Und deshalb muss auch unsere Geschichte nicht mit dem enden, was heute zerbrochen vor uns liegt. 

Ich bezeuge, dass Trauer ihren Platz haben darf. Aber ich bezeuge ebenso, dass Trauer nicht das letzte Wort behalten wird. Christus wird eines Tages das, was heute nur wie Verlust aussieht, in etwas verwandeln, das wir mit unseren gegenwärtigen Augen noch nicht erkennen können. 

Bis dahin dürfen wir weinen, dürfen wir klagen – und dürfen wir trotzdem weitergehen. 

Vielleicht beginnt Hoffnung manchmal nicht mit einem Lächeln, sondern mit dem mutigen Satz: „Ja, es ist geschehen – aber Gott ist noch da.“

Donnerstag, 29. Oktober 2026

In der Zisterne

 

(Bildquelle)

„Da ließen sie Jeremia festnehmen und ihn in die Zisterne des Königssohnes (= Prinzen) Malkija werfen, die sich im Wachthof befand; in diese ließen sie Jeremia an Stricken hinab. In der Zisterne war aber kein Wasser, sondern nur Schlamm, in welchen Jeremia einsank.“ (Jeremia 38:6) 

Jeremia 37 und 38 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man nicht mehr tiefer sinken möchte. Jeremia kennt einen solchen Augenblick. Er hat nicht deshalb gelitten, weil er sich von Gott entfernt hatte. Im Gegenteil: Er hatte das Wort des Herrn verkündigt, obwohl niemand es hören wollte. Er hatte gesagt, was Gott ihm aufgetragen hatte, obwohl seine Botschaft unbequem war. Und nun wird gerade dieser treue Prophet bestraft. 

Zuerst wird er beschuldigt und eingesperrt. Dann wird er geschlagen. Schließlich lassen ihn seine Gegner in eine Zisterne hinab. Dort gibt es kein Wasser, sondern Schlamm. Jeremia sinkt hinein. 

Es ist ein bedrückendes Bild. Und vielleicht kennen wir solche Zisternen, auch wenn sie heute anders aussehen. Manchmal ist es eine Krankheit, die unser Leben plötzlich verändert. Manchmal der Verlust eines Menschen, eine zerbrochene Beziehung, eine berufliche oder finanzielle Krise. Manchmal ist es auch eine tiefe seelische Erschöpfung, bei der selbst Dinge, die uns früher Freude gemacht haben, ihre Farbe verlieren. 

Das Bemerkenswerte an Jeremias Geschichte ist: Gott verhindert nicht, dass Jeremia in die Zisterne geworfen wird. 

Der Herr hätte seine Feinde aufhalten können. Er hätte den König bewegen können, ihn zu schützen. Er hätte die Zisterne leer machen können. Aber nichts davon geschieht. 

Stattdessen geschieht etwas anderes. 

Ein Mensch namens Ebed-Melech hört, was mit Jeremia geschehen ist. Er geht zum König und setzt sich für den Propheten ein. Dann nimmt er Männer, Seile und alte Kleidungsstücke. Er lässt diese Stoffstücke zu Jeremia hinab, damit die Seile ihn beim Herausziehen nicht verletzen. Schließlich wird Jeremia aus dem Schlamm gezogen. 

Ich finde dieses Detail besonders berührend. Gott rettet Jeremia nicht durch ein spektakuläres Wunder. Er schickt ihm einen Menschen. 

Vielleicht liegt darin eine Wahrheit, die wir leicht übersehen. Gottes Antwort auf unser Leid besteht nicht immer darin, dass er die Zisterne sofort verschwinden lässt. Manchmal besteht seine Antwort darin, dass er uns in der Zisterne nicht allein lässt. 

Doch gerade an dieser Stelle lohnt sich ein Blick über das Buch Jeremia hinaus. Denn während Jeremia in Jerusalem wirkt, lebt dort zur selben Zeit ein anderer Prophet: Lehi. 

Das Buch Mormon gibt uns einen bemerkenswerten zeitlichen Hinweis. Nephi schreibt, dass dies im ersten Jahr der Regierung Zidkijas geschah. In Jerusalem traten damals viele Propheten auf und verkündeten, das Volk müsse umkehren, sonst werde Jerusalem zerstört werden. Auch Lehi betete für sein Volk, empfing eine Vision und begann anschließend, genau diese Warnung zu verkündigen. 

Damit stehen Jeremia und Lehi plötzlich nebeneinander. 

Zwei Propheten. 
Eine Stadt. 
Eine Zeit. 
Eine Warnung. 

Beide sprechen von der kommenden Zerstörung Jerusalems. Beide erleben Ablehnung. Beide stehen einer Gesellschaft gegenüber, die ihre Botschaft nicht hören will. 

Und doch führt Gott sie auf unterschiedliche Wege. 

Jeremia bleibt. 

Lehi geht. 

Das ist für mich eine der eindrucksvollsten Wahrheiten dieser Geschichte. 

Lehi wird vom Herrn angewiesen, Jerusalem mit seiner Familie zu verlassen. Er nimmt seine Familie und zieht in die Wildnis. Der Herr führt ihn aus der Stadt hinaus, bevor das angekündigte Gericht hereinbricht. 

Jeremia dagegen bleibt in Jerusalem. Er wird eingesperrt, geschlagen und schließlich in die Zisterne geworfen. Später erlebt er sogar den Untergang der Stadt, vor dem er so lange gewarnt hatte. 

Warum wird der eine herausgeführt und der andere zurückgelassen? 

Ich glaube, wir sollten hier vorsichtig sein. Die Geschichte sagt nicht, dass Lehi „mehr Glauben“ hatte als Jeremia oder dass Jeremia irgendeinen Fehler gemacht hätte, weil er blieb. Im Gegenteil: Beide gehorchten Gott. 

Und genau darin liegt vielleicht die tiefere Lektion: 

Gehorsam bedeutet nicht immer, dass Gott uns denselben Weg führt wie jemand anderen. 

Manchmal sagt der Herr: Geh. 

Manchmal sagt er: Bleib. 

Manchmal führt er uns aus einer schwierigen Situation heraus. Und manchmal gibt er uns Kraft, mitten in dieser Situation auszuharren. 

Lehi konnte vielleicht auf den Aufbruch zurückblicken und sagen: Der Herr hat uns bewahrt, indem er uns aus Jerusalem herausführte. Jeremia konnte dagegen nicht auf dieselbe Weise gerettet werden. Seine Berufung bestand darin, in Jerusalem Zeugnis zu geben, solange Gott es von ihm verlangte. 

Das bedeutet auch: Wir sollten vorsichtig sein, wenn wir die Wege anderer Menschen beurteilen. Wenn jemand eine schwere Situation verlässt, bedeutet das nicht automatisch, dass er weniger ausharrt. Wenn jemand bleibt, bedeutet es nicht automatisch, dass ihm der Glaube fehlt, weil er nicht „rechtzeitig“ gegangen ist. 

Gott kennt die Berufung jedes Einzelnen. 

Und manchmal ist es genau diese Erkenntnis, die wir brauchen, wenn wir selbst leiden. Wir fragen: Warum nimmt Gott mich nicht hier heraus? Warum muss ich noch bleiben? Warum bekommt jemand anderes eine Lösung, während ich noch in meiner Zisterne sitze? 

Jeremias Geschichte gibt darauf keine einfache Antwort. 

Aber sie gibt uns eine Zusage: Du bist auch dort nicht vergessen. 

Elder Jeffrey R. Holland hat in seiner Ansprache „Wie ein zerbrochenes Gefäß“ über psychische und emotionale Leiden gesprochen. Er erinnert daran, dass solche Leiden zu den Realitäten des irdischen Lebens gehören und dass wir uns ihrer nicht schämen müssen. Gleichzeitig ruft er zu Mitgefühl und Hoffnung auf. 

Diese Gedanken passen erstaunlich gut zu Jeremia. 

Jeremia ist kein schwacher Prophet, weil er leidet. 

Seine Zisterne ist kein Beweis dafür, dass Gott ihn verlassen hat. 

Seine Erschöpfung bedeutet nicht, dass sein Glaube wertlos geworden ist. 

Und ebenso wenig müssen wir unser eigenes Leiden als Beweis dafür betrachten, dass Gott uns vergessen hätte. 

Vielleicht wünschen wir uns manchmal eine Antwort wie bei Lehi: „Verlasse diese Stadt. Geh hinaus. Ich werde dich an einen anderen Ort führen.“ 

Und manchmal schenkt Gott tatsächlich genau diese Antwort. Er öffnet eine Tür. Er führt uns aus einer Situation heraus. Er verändert Umstände. Er schenkt eine neue Aufgabe, einen neuen Ort, einen neuen Anfang. 

Aber manchmal lautet seine Antwort eher: „Ich bin mit dir hier.“ 

Dann ist unsere Geschichte mehr die von Jeremia. 

Und vielleicht ist das schwerer zu verstehen. 

Denn wir möchten gerne, dass Glaube bedeutet, dass die Zisterne gar nicht erst entsteht. Doch manchmal besteht Glaube darin, mitten im Schlamm weiterhin nach oben zu schauen. 

Das Buch Mormon zeigt uns sogar, dass auch Lehis Weg keineswegs ein bequemer Weg war. Jerusalem zu verlassen bedeutete nicht, dass alle Schwierigkeiten vorbei waren. Die Familie ließ Besitz zurück und zog in die Wildnis. Später folgten Hunger, Konflikte, Auflehnung und weitere Bedrängnisse. Lehis Rettung war nicht der Beginn eines problemlosen Lebens. 

Das ist wichtig. 

Aus Jerusalem herausgeführt zu werden bedeutet nicht, von allem Leid befreit zu sein. 

Und in der Zisterne zu bleiben bedeutet nicht, von Gott verlassen zu sein. 

Beide Wege können Wege des Glaubens sein. 

Vielleicht liegt darin auch eine praktische Frage für uns. Wenn wir in einer schweren Situation sind, sollten wir nicht nur darum beten: „Herr, nimm mich hier heraus.“ Wir dürfen auch fragen: „Herr, was möchtest du, dass ich hier tue?“ 

Vielleicht lautet die Antwort: Geh. 

Dann dürfen wir gehen. 

Vielleicht lautet sie: Bleib. 

Dann dürfen wir bleiben. 

Vielleicht lautet sie: Warte. 

Dann dürfen wir warten. 

Und vielleicht schickt Gott uns dabei einen Ebed-Melech – einen Menschen, der uns nicht alle Probleme abnimmt, aber uns hilft, nicht im Schlamm unterzugehen. 

Ebed-Melech wusste nicht, wie Jeremias Geschichte enden würde. Er wusste nur, dass dort unten ein Mensch war, der Hilfe brauchte. Er hielt keine lange Predigt. Er erklärte Jeremia nicht, warum Gott dies zugelassen hatte. Er handelte. 

Auch wir können solche Menschen sein. 

Ein Anruf. Ein Besuch. Eine Mahlzeit. Ein Zuhören. Ein Gebet. Ein gemeinsamer Gang durch eine schwere Zeit. Manchmal ist das Seil, das Gott einem Menschen hinabreicht, unsere eigene Hand. 

Und dann ist da Christus. 

Er ist größer als Jeremia und Lehi. Er kennt sowohl den Weg des Bleibens als auch den Weg des Leidens. Er kennt die Einsamkeit, die Angst und die scheinbare Abwesenheit einer Antwort. Und er hat nicht nur von unserem Leid gehört. Er hat es getragen. 

Deshalb können wir uns ihm anvertrauen, auch wenn wir nicht wissen, warum unsere Zisterne noch da ist. 

Vielleicht wird er uns herausziehen. 

Vielleicht wird er uns einen Menschen schicken, der uns herauszieht. 

Vielleicht wird er uns auffordern, aufzubrechen und einen neuen Weg zu gehen. 

Und vielleicht wird er uns sagen, dass wir noch bleiben sollen. 

Aber eines glaube ich: Wo immer der Herr uns hinführt, dort kann er uns begegnen. 

Lehi musste Jerusalem verlassen, um seine Familie zu bewahren. Jeremia musste Jerusalem nicht verlassen, um dem Herrn treu zu sein. Beide Wege führten durch Unsicherheit. Beide Wege verlangten Glauben. Beide Wege lagen in Gottes Hand. 

Und so können auch unsere Wege sehr verschieden sein. 

Vielleicht frage ich heute nicht mehr zuerst: „Warum ist mein Weg nicht wie der des anderen?“ 

Vielleicht frage ich: „Herr, welchen Weg hast du für mich?“ 

Denn Gottes Liebe zeigt sich nicht darin, dass er alle seine Kinder auf demselben Weg führt. Sie zeigt sich darin, dass kein Weg außerhalb seiner Reichweite liegt. 

Jeremia lag im Schlamm – und Gott hatte ihn nicht vergessen. 

Lehi zog durch die Wildnis – und Gott hatte ihn nicht vergessen. 

Und auch wenn unser Weg heute anders aussieht als der eines anderen Menschen, dürfen wir darauf vertrauen: Der Herr kennt den Weg. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er uns nicht verspricht, dass wir niemals in Zisternen geraten. Aber ich glaube, dass keine Zisterne zu tief und keine Wildnis zu weit für seine Gegenwart ist. Ich glaube, dass er manchmal Türen öffnet und uns hinausführt und manchmal neben uns bleibt, während wir durch etwas hindurchgehen, das wir uns niemals ausgesucht hätten. 

Und ich glaube, dass beides Rettung sein kann. 

Denn letztlich ist nicht entscheidend, ob mein Weg dem Weg Jeremias oder dem Weg Lehis gleicht. 

Entscheidend ist, ob ich dem Herrn auf meinem Weg vertraue.

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Gottes Wort lässt sich nicht verbrennen

 

(Bildquelle)

„Da erging das Wort des HErrn an Jeremia, nachdem der König jene Rolle verbrannt hatte mitsamt den Worten, die Baruch so, wie Jeremia sie ihm vorsagte, aufgeschrieben hatte, folgendermaßen: 28 „Nimm dir noch einmal eine andere Rolle und schreibe auf sie alle die vorigen Worte, welche auf der vorigen Rolle gestanden haben, die Jojakim, der König von Juda, verbrannt hat.“ (Jeremia 36:27–28) 

Jeremia 36 

Es gibt Dinge, die Menschen zerstören können. Ein Haus kann niederbrennen, ein Brief kann zerrissen werden, ein Buch kann im Feuer verschwinden. Aber es gibt etwas, das sich menschlicher Macht entzieht: Gottes Wort. 

Jeremia 36 erzählt von einem König, der genau das Gegenteil glaubt. Jojakim hört die Worte Gottes, die ihm unangenehm sind. Sie sprechen von Umkehr und von den Folgen eines Lebens, das sich von Gott entfernt hat. Doch anstatt sich zu demütigen, nimmt er ein Messer, schneidet die vorgelesenen Abschnitte der Schriftrolle Stück für Stück ab und wirft sie ins Feuer. Schließlich ist die ganze Rolle verbrannt. (Jeremia 36:23) 

Man kann diese Szene kaum betrachten, ohne darin etwas zutiefst Menschliches zu erkennen. Jojakim wollte nicht hören, was Gott sagte. Er konnte Gottes Wort nicht verändern – also versuchte er, es zu vernichten. 

Doch dann geschieht etwas Bemerkenswertes. Gott sagt zu Jeremia: „Nimm dir noch einmal eine andere Rolle.“ Und Jeremia tut es. Baruch schreibt die Worte erneut nieder. Nicht nur die verbrannten Worte werden wieder aufgeschrieben, sondern weitere Worte kommen hinzu. (Jeremia 36:28) 

Das Feuer hatte die erste Rolle vernichtet, aber nicht Gottes Botschaft. 

Darin liegt eine Wahrheit, die weit über die Geschichte eines Königs in Jerusalem hinausreicht: Man kann das Buch verbrennen, aber nicht die Wahrheit. Man kann einen Propheten zum Schweigen bringen, aber nicht die Offenbarung Gottes. Man kann Menschen daran hindern, sich zu versammeln, aber nicht verhindern, dass das Evangelium in ihrem Herzen weiterlebt. 

Vielleicht brauchen wir diese Wahrheit gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, dass Gottes Stimme in unserer Welt leiser wird. 

Wir erleben, dass religiöse Überzeugungen belächelt oder zurückgedrängt werden. Vielleicht betrifft es uns sogar persönlich: Ein Mensch, den wir lieben, will nichts mehr vom Evangelium hören. Ein Kind entfernt sich von der Kirche. Jemand macht sich über unseren Glauben lustig. 

Dann können wir leicht Angst bekommen. 

Jeremia 36 erinnert uns daran, dass Gottes Wahrheit nicht von gesellschaftlicher Zustimmung abhängt. Sie ist nicht deshalb wahr, weil viele Menschen sie annehmen. Und sie wird nicht deshalb unwahr, weil viele Menschen sie ablehnen. 

Aber Gottes Wort ist auch nicht einfach ein Urteil über uns. Der Herr ließ Jeremia schreiben, damit die Menschen „sich von ihrem bösen Wandel“ abkehrten und Vergebung finden konnten (Jeremia 36:3). Hinter der Warnung stand also Barmherzigkeit. 

Das ist entscheidend. Gottes Wort ist nicht in erster Linie ein Hammer, mit dem Gott auf unsere Fehler schlägt. Es ist ein Ruf, der uns nach Hause führen möchte. Wenn Gott uns auf etwas hinweist, das in unserem Leben nicht stimmt, dann geschieht das nicht, weil er uns beschämen möchte. Er möchte uns retten. 

Deshalb ist es so bedeutsam, dass Jeremia die verbrannte Schriftrolle nicht einfach als Verlust hinnimmt. Er schreibt sie neu. Was zerstört werden sollte, wird wiederhergestellt. 

Darin sehe ich auch einen Grundgedanken der Wiederherstellung des Evangeliums. Joseph Smith erhielt die Aufgabe, verlorene und verdunkelte Wahrheiten wieder ans Licht zu bringen. Die Inspired Version kann dabei als ergänzende Vergleichsquelle dienen. Sie zeigt beispielhaft, wie die Joseph-Smith-Übersetzung biblische Aussagen verdeutlicht und zusätzliche geistige Zusammenhänge sichtbar macht. 

Doch eine besonders eindrucksvolle moderne Parallele zu Jeremia 36 finden wir in Westafrika. 

In Nigeria hatten Menschen bereits lange vor dem offiziellen Beginn der Missionsarbeit Zugang zu Literatur der Kirche und zum Buch Mormon. Sie lasen, glaubten, beteten und versammelten sich. Anthony Obinna und andere führten in den 1960er und 1970er Jahren Gemeinden, obwohl die Kirche damals noch keine Missionare nach Nigeria schicken konnte. (Kirchengeschichte Nigeria) 

Als schließlich 1978 die ersten Missionare eintrafen, hatte Obinna mehr als ein Jahrzehnt gewartet. Er hatte das Evangelium nicht deshalb angenommen, weil bereits eine organisierte Kirche vor Ort gewesen wäre. Das Wort hatte ihn erreicht, bevor die äußeren Strukturen vorhanden waren. 

Ähnliches geschah in Ghana. Joseph William Billy Johnson und andere hatten bereits eigene Gemeinden gegründet. Sie studierten das Buch Mormon, beteten und warteten. Als 1978 die Missionare eintrafen, fanden sie Menschen vor, deren Herzen längst vorbereitet waren. (Kirchengeschichte Ghana) 

Die Geschichten Nigerias und Ghanas sind natürlich nicht identisch mit Jeremia 36. Aber das geistliche Muster ist ähnlich: Menschen können versuchen, den Weg des Wortes Gottes zu versperren, aber sie können seine Wirkung nicht kontrollieren. 

Das lässt mich auch über mein eigenes Leben nachdenken. 

Vielleicht gibt es Zeiten, in denen wir Gottes Wort nicht verbrennen, aber doch beiseitelegen. Wir hören etwas, das uns unbequem ist, und blättern weiter. Wir lesen eine Schriftstelle, die eine Veränderung von uns verlangt, und vergessen sie. Wir bekommen einen geistigen Eindruck und hoffen, dass er von selbst wieder verschwindet. 

Jojakim brauchte Feuer. Wir brauchen keines. Manchmal genügt Gleichgültigkeit. 

Darum lautet die Frage dieses Kapitels nicht nur: Was tun andere mit Gottes Wort? Sie lautet auch: Was tue ich mit dem Wort, das Gott mir gegeben hat? 

Vielleicht gibt es eine Schriftstelle, die du schon lange kennst und die dich gerade jetzt neu anspricht. Vielleicht gibt es einen Rat eines lebenden Propheten, den du bisher vor dir hergeschoben hast. Vielleicht fordert dich der Herr zu einer Umkehr auf, die du lieber vermeiden möchtest. 

Dann denke an Jeremia. 

Die erste Rolle wurde verbrannt. Aber Gottes Wort war nicht verbrannt. 

Und vielleicht ist das eine der schönsten Botschaften der Wiederherstellung: Gott gibt nicht einfach auf. Wenn etwas verloren geht, kann er es wiederherstellen. Wenn ein Zeugnis schwach geworden ist, kann er es neu entzünden. Wenn eine Generation das Evangelium vergisst, kann er in der nächsten Generation neue Herzen dafür öffnen. 

Neal A. Maxwell sprach an der Brigham Young University über die Kraft des Wortes Gottes und darüber, dass es Menschen verändern kann. Gottes Wort besitzt keine Macht nur deshalb, weil wir es verteidigen können. Seine Macht liegt darin, dass Gott selbst dahintersteht. (BYU-Rede von Neal A. Maxwell) 

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger Angst davor, dass die Welt das Evangelium zerstören könnte – und mehr Vertrauen darauf, dass wir selbst es in unserem Herzen bewahren können. 

Denn am Ende hatte Jojakim zwar ein Feuer. 

Aber Jeremia hatte ein neues Blatt. 

Und hinter Jeremia stand Gott. 

Ich glaube daran, dass Gottes Wort auch heute nicht zum Schweigen gebracht werden kann. Menschen können es ablehnen, verdrehen oder ignorieren. Aber wenn ein Mensch sein Herz öffnet, kann dasselbe Wort wieder lebendig werden. Ich glaube, dass der Herr seine Wahrheit bewahrt und sie immer wieder dorthin führt, wo bereite Herzen auf sie warten. Ich glaube, dass auch in unserem persönlichen Leben nichts endgültig verloren sein muss, wenn wir uns wieder dem Herrn zuwenden. Was Menschen zerstören, kann Gott wiederherstellen. Was verbrannt scheint, kann er neu schreiben. Dafür bin ich dankbar und dafür gebe ich Zeugnis.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Zukunft, obwohl noch nichts zu sehen ist

 

(Bildquelle)

"Denn so hat der HErr der Heerscharen, der Gott Israels, gesprochen: ‘Man wird künftig wieder Häuser, Äcker und Weinberge in diesem Lande kaufen!’” (Jeremia 32:15) 

Jeremia 32 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen die Zukunft nicht nur ungewiss, sondern geradezu unmöglich erscheint. Wir sehen keinen Weg, der weiterführt. Wir sehen keine Veränderung, auf die wir hoffen könnten. Und manchmal ist genau das der Augenblick, in dem der Herr uns auffordert, etwas zu tun, das aus menschlicher Sicht überhaupt keinen Sinn zu ergeben scheint. 

Jeremia erlebt einen solchen Augenblick. 

Es ist etwa 588 v. Chr. Jerusalem wird von den Babyloniern belagert. Die Lage ist aussichtslos. Die Stadt steht unmittelbar vor ihrer Zerstörung. Jeremia selbst sitzt im Gefängnishof, weil er dem König und dem Volk die Wahrheit verkündet hat. Alles, was er sehen kann, spricht von Untergang. 

Und dann kommt das Wort des Herrn. 

Jeremia soll einen Acker kaufen. 

Nicht irgendwann. Nicht nach dem Ende der Belagerung. Nicht dann, wenn sich die politische Lage beruhigt hat. Jetzt. 

Jeremia lässt sich den Acker in Anathoth anbieten. Er bezahlt den Kaufpreis, lässt den Kaufbrief ausfertigen, nimmt Zeugen dazu und sorgt dafür, dass die Dokumente sicher in einem irdenen Gefäß aufbewahrt werden. Es ist eine ganz gewöhnliche geschäftliche Handlung – und gleichzeitig eine prophetische Handlung von großer Bedeutung. 

Denn Jeremia weiß, dass dieser Acker zunächst überhaupt keinen Wert zu haben scheint. Das Land wird verwüstet werden. Jerusalem wird fallen, Menschen werden weggeführt werden. Und dennoch kauft Jeremia Land. 

Warum? 

Weil Gott ihm eine Zukunft gezeigt hat, die Jeremia selbst noch nicht sehen kann. 

„Denn so spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Man wird wieder Häuser, Äcker und Weinberge in diesem Land kaufen.“ 

Glaube wird hier etwas sehr Konkretes. Jeremia glaubt nicht nur im Inneren. Er handelt. Er unterschreibt. Er bezahlt. Er bewahrt den Kaufbrief auf. Er setzt einen Fuß in eine Zukunft, die für alle anderen noch verborgen ist. 

Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Bedeutungen dieses Kapitels für unser eigenes Leben. 

Glaube bedeutet nicht immer, dass wir bereits sehen, wohin Gott uns führt. Manchmal bedeutet Glaube, zu handeln, obwohl wir es noch nicht sehen können. 

Wir wünschen uns häufig zuerst Gewissheit und danach den Mut zum Handeln. Gott gibt uns dagegen nicht selten genügend Licht für den nächsten Schritt – aber nicht unbedingt für den gesamten Weg. 

Auch Nephi im Buch Mormon kennt diesen Glauben. Er erhält den Auftrag, etwas zu tun, dessen Ausgang er noch nicht kennt. Er sagt nicht, dass er alle Einzelheiten versteht, sondern: „Ich werde hingehen und das tun, was der Herr geboten hat.“ (1. Nephi 3:7). Glaube besteht hier nicht darin, die Zukunft zu kennen. Glaube besteht darin, demjenigen zu vertrauen, der sie kennt. 

Jeremias Acker ist deshalb mehr als ein Stück Land. Er ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gottes Verheißungen nicht davon abhängig sind, ob ihre Erfüllung bereits begonnen hat. 

Vielleicht gibt es auch in unserem Leben einen solchen „Acker“. 

Vielleicht ist es eine Beziehung, in die wir trotz Enttäuschungen weiter Liebe investieren. Vielleicht ist es ein Dienst, dessen Früchte wir noch nicht erkennen. Vielleicht ist es die Entscheidung, wieder zu beten, obwohl wir lange keine Antwort gespürt haben. Vielleicht ist es der Versuch, nach einem schweren Verlust wieder Zukunftspläne zu machen. 

Solche Schritte können klein sein. Aber sie können Ausdruck eines tiefen Glaubens sein. 

Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür ist das Leben von Dieter F. Uchtdorf. Als Kind erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Seine Mutter floh mit ihren Kindern aus dem kriegsgeplagten Gebiet, und die Familie lebte später als Flüchtlinge in einem Deutschland, das von Zerstörung und Unsicherheit geprägt war. Die Zukunft war keineswegs selbstverständlich. (Die unendliche Macht der Hoffnung) 

Und doch lag gerade in dieser scheinbar hoffnungslosen Zeit etwas verborgen, das der Junge damals noch nicht erkennen konnte. 

Die Familie fand das Evangelium Jesu Christi. Eine ältere Frau sprach seine Großmutter in einer Schlange für Lebensmittel an und lud sie zu einer Versammlung ein. Aus diesem scheinbar kleinen Ereignis entwickelte sich ein Weg, der schließlich dazu führte, dass Dieter F. Uchtdorf selbst ein treuer Jünger Christi, Pilot und später Generalautorität und Apostel wurde. Seine Lebensgeschichte zeigt rückblickend, dass eine Zukunft bereits entstehen kann, während wir selbst noch mitten in den Trümmern stehen. 

Das macht seine Geschichte so passend zu Jeremia. Der Prophet sieht die Zerstörung und kauft trotzdem einen Acker. Der kleine Flüchtlingsjunge erlebt Krieg und Unsicherheit, ohne wissen zu können, was sein Leben einmal sein wird. In beiden Fällen ist die Zukunft bereits in Gottes Händen, obwohl sie für den Menschen noch verborgen ist. 

Uchtdorf hat später immer wieder über die Kraft der Hoffnung gesprochen. Auch BYU-Reden greifen den Gedanken auf, dass Glaube uns befähigt, trotz Unsicherheit auf Gottes Verheißungen zu vertrauen. Besonders passend ist die Rede Waiting upon the Lord: The Antidote to Uncertainty, in der das Vertrauen auf den Herrn gerade während des Wartens als Gegenmittel zur Unsicherheit beschrieben wird. (BYU Speeches) 

Das ist genau die Bewegung, die Jeremia uns vorlebt: Warten heißt nicht Stillstand. Hoffnung heißt nicht Passivität. 

Jeremia wartet auf die Erfüllung der Verheißung – und während er wartet, kauft er einen Acker. 

Jeremia 33 führt diesen Gedanken noch weiter. Während Jeremia weiterhin im Gefängnishof sitzt, spricht der Herr von Heilung, Frieden und Wiederherstellung. Und dann erscheint das Bild des „Sprosses der Gerechtigkeit“, der aus dem Haus Davids hervorgehen wird. 

Damit reicht die Verheißung über die Rückkehr aus dem babylonischen Exil hinaus. In Christus erhält sie ihre tiefste Bedeutung. Jesus Christus ist derjenige, in dem Gottes Zukunft endgültig Gestalt annimmt. Er ist der Beweis dafür, dass Gottes Verheißungen auch dann wahr sind, wenn ihre Erfüllung noch nicht sichtbar ist. 

Das Evangelium fordert uns deshalb nicht auf, eine optimistische Zukunft zu erfinden. Es lädt uns ein, einer verheißenen Zukunft zu vertrauen. 

Das ist ein großer Unterschied. 

Christliche Hoffnung sagt nicht: Es wird schon irgendwie gut werden. 

Sie sagt: Gott ist treu. Christus lebt. Deshalb ist meine Geschichte noch nicht zu Ende. 

Vielleicht sieht dein Leben heute eher nach einer belagerten Stadt aus als nach einem blühenden Weinberg. Vielleicht gibt es gerade keinen Grund, optimistisch zu sein. Vielleicht kannst du die Veränderung, für die du betest, noch nicht erkennen. 

Dann erinnere dich an Jeremia. 

Der Acker wurde gekauft, bevor Jerusalem wieder aufgebaut wurde. Der Kaufbrief lag sicher verwahrt, während die Stadt noch vor dem Untergang stand. Die Verheißung Gottes war bereits ausgesprochen, obwohl ihre Erfüllung noch Jahre entfernt lag. 

So dürfen auch wir manchmal handeln: Wir beten weiter. Wir vergeben weiter. Wir dienen weiter. Wir lieben weiter. Wir bauen weiter. Wir halten an unseren Bündnissen fest. Wir beginnen wieder, auch wenn wir noch nicht wissen, wie das Ende aussehen wird. 

Denn vielleicht ist genau dieser kleine Schritt unser persönlicher Kaufbrief – ein stilles Zeugnis dafür, dass wir Gott glauben, bevor wir sehen können, was er vorbereitet. 

Ich glaube, dass Gott seine Kinder nicht ohne Zukunft lässt. Ich glaube, dass er auch in Zeiten, in denen wir nur Zerstörung, Verlust oder Unsicherheit erkennen, bereits Möglichkeiten vorbereitet, die wir noch nicht sehen können. Für mich ist Jeremia 32 deshalb ein tiefes Zeugnis des Glaubens: Der Prophet kauft einen Acker nicht, weil die Umstände Hoffnung geben, sondern weil Gott gesprochen hat. 

Und letztlich führt diese Hoffnung zu Christus, dem „Spross der Gerechtigkeit“, in dem die Verheißungen Gottes ihre sichere Grundlage haben. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass seine Zukunft größer ist als meine gegenwärtige Sicht. Und ich glaube, dass wir manchmal nur den Mut brauchen, heute den nächsten Schritt zu tun – mit der stillen Gewissheit, dass der Herr bereits sieht, was wir noch nicht sehen können.

Montag, 26. Oktober 2026

Die Verheißung

 

(Bildquelle)

„Alsdann wird die Jungfrau sich wieder am Reigentanz erfreuen, Jünglinge und Greise allzumal. „Ja, ich will ihre Trauer in Freude verwandeln und sie trösten und fröhlich machen nach ihrem Leid.“ (Jeremia 31:13) 

Jeremia 31 

Es gibt Worte, die wir erst dann wirklich verstehen, wenn wir selbst durch etwas hindurchgegangen sind. Solange unser Leben unversehrt erscheint, können wir von Hoffnung sprechen, ohne zu wissen, wie viel Hoffnung eigentlich kostet. Wir können davon lesen, dass Gott tröstet, dass er heilt und dass er Trauer in Freude verwandelt. Aber erst wenn etwas zerbricht, bekommen solche Verheißungen ein Gewicht, das sich nicht mehr nur mit Worten beschreiben lässt. 

Jeremia spricht zu einem Volk, das genau das erlebt hat. Jerusalem ist nicht einfach eine Stadt, die ihre politische Bedeutung verliert. Für Israel zerbricht eine ganze Welt. Heimat, Sicherheit, vertraute Ordnungen und die Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft sind erschüttert. Und mitten in diese Wirklichkeit hinein spricht Gott Worte, die fast zu schön klingen: „Ich will ihre Trauer in Freude verwandeln und sie trösten und sie fröhlich machen nach ihrer Trauer.“ 

Bemerkenswert ist, dass Gott nicht sagt: „Ihr habt keinen Grund zu trauern.“ Er sagt auch nicht: „Vergesst, was geschehen ist.“ Die Trauer wird vielmehr ausdrücklich vorausgesetzt. Erst gibt es die Tränen, dann die Verheißung. Erst kommt der Verlust, dann die Hoffnung. 

Das macht Jeremia 31 für mich zu einem besonders kostbaren Kapitel. 

Denn manchmal denken wir, unser Glaube müsse beweisen, dass wir trotz aller Schwierigkeiten glücklich sind. Vielleicht glauben wir, ein guter Jünger dürfe nicht lange traurig sein. Doch die Schriften erzählen eine andere Geschichte. Rachel weint um ihre Kinder. Ephraim beklagt seinen Zustand. Das Volk kommt „mit Weinen und mit Flehen“ zurück. Und Gott weist diese Tränen nicht zurück. Im Gegenteil: Er sieht sie. 

In der Joseph Smith Translation wird dieser Gedanke nicht abgeschwächt. Auch dort heißt es, dass Israel mit Weinen zurückkommen wird und dass der Herr sein Volk wie ein Hirte führen wird. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zwischen Trauer und Gottes Fürsorge: „For I am a father to Israel“ – „denn ich bin ein Vater für Israel.“ Die Verheißung beginnt also nicht mit der Veränderung der äußeren Umstände, sondern mit der Erinnerung daran, wer Gott ist. 

Vielleicht ist das der erste Schritt aus der Trauer: nicht sofort zu wissen, wie alles wieder gut werden soll, sondern zu wissen, wem wir unsere ungeklärte Zukunft anvertrauen können. 

Einige Verse später wird die Verheißung noch tiefer. Gott sagt: „Ich will einen neuen Bund mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda schließen.“ Und dann folgt etwas Erstaunliches: „Ich will mein Gesetz in ihr Inneres legen und es auf ihr Herz schreiben.“ JST Jeremia 31:31; Jeremia 31:33. 

Gott will sein Volk also nicht lediglich wieder an einen bestimmten Ort zurückbringen. Er will etwas im Inneren verändern. 

Das ist ein wichtiger Unterschied. Wiederherstellung bedeutet in der Schrift nicht einfach, dass alles wieder so wird wie früher. Manchmal sehnen wir uns genau danach. Wir wünschen uns, dass eine verlorene Beziehung wieder so wird wie einst, dass eine Krankheit verschwindet, dass ein geliebter Mensch zurückkehrt oder dass vergangene Jahre zurückgegeben werden. Doch Gottes Verheißung ist größer als eine Rückkehr in die Vergangenheit. Er spricht von einem neuen Bund, von einem Gesetz im Herzen und von einer Beziehung, in der sein Volk ihn von innen heraus erkennt. 

Vielleicht ist das auch die tiefere Bedeutung des Titels dieser Reihe: „Ich verwandle ihre Trauer in Jubel.“ Gott verspricht nicht, dass wir niemals trauern werden. Er verspricht, dass Trauer unser endgültiger Zustand sein muss. 

Ein eindrucksvolles modernes Zeugnis dafür findet sich in einem persönlichen Bericht in der Zeitschrift der Kirche. Carma Lee Call Ellingson beschreibt den Tod ihres Mannes nach langer Krankheit. Sie erzählt nicht von einer plötzlichen Auslöschung ihrer Trauer. Sie berichtet vielmehr davon, wie während der letzten Wochen seines Lebens und nach seinem Tod etwas Unerwartetes in ihrem Zuhause entstand: Frieden und Freude konnten neben der Trauer bestehen. Ihre Hoffnung gründete sich unter anderem auf die ewigen Verheißungen der Tempelbündnisse und auf Jesus Christus. Peace and Joy, Not Grief, Dominated My Heart. Why? 

Gerade das gefällt mir an diesem Zeugnis. Es behauptet nicht, dass der Tod plötzlich leicht geworden sei. Die Liebe zu ihrem Mann machte den Verlust nicht kleiner. Aber Christus machte den Verlust nicht hoffnungslos. 

Das ist etwas anderes. 

Wir müssen unsere Trauer nicht verleugnen, um gläubig zu sein. Wir dürfen weinen und trotzdem hoffen. Wir dürfen jemanden vermissen und trotzdem an die Auferstehung glauben. Wir dürfen Fragen haben und trotzdem beten. Wir dürfen manchmal nur einen kleinen Schritt vorwärts schaffen und trotzdem darauf vertrauen, dass Gott den Weg kennt. 

Auch Elder José L. Alonso hat in der Generalkonferenz 2024 über genau jene Erfahrungen gesprochen, in denen Menschen nach einem Halt suchen: beim Verlust geliebter Menschen, in Krankheit, Einsamkeit, familiären Schwierigkeiten oder den Folgen bewaffneter Konflikte. Seine Antwort führt nicht zuerst zu einer Erklärung des Warum, sondern zu Jesus Christus als dem Ort, an dem die Seele Zuflucht finden kann. Jesus Christus im Mittelpunkt unseres Lebens 

Das entspricht erstaunlich genau Jeremias Botschaft. Die Hoffnung Israels beruht nicht darauf, dass Israel selbst stark genug wäre, seine Geschichte zu reparieren. Die Hoffnung beruht darauf, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat. 

Und genau hier wird die Verheißung persönlich. 

Vielleicht gibt es auch in meinem Leben Dinge, bei denen ich noch nicht erkennen kann, wie aus Trauer Freude werden soll. Vielleicht ist ein Verlust noch zu frisch. Vielleicht gibt es eine Enttäuschung, die nach Jahren immer noch schmerzt. Vielleicht bete ich schon lange für eine Veränderung und sehe noch keine Antwort. 

Dann darf ich Jeremia 31 lesen, ohne mich zu zwingen, bereits am Ende der Geschichte angekommen zu sein. 

Ich darf bei der Verheißung stehen. 

„Es gibt Hoffnung für deine Zukunft.“ So lautet eine weitere Zusage in diesem Kapitel. Rachel darf weinen, aber ihre Tränen sind nicht das Ende. Ephraim darf seine Schuld erkennen, aber auch seine Umkehr ist nicht das Ende. Das Volk darf mit Weinen zurückkehren, aber Gott führt es zu Wasserbächen und nennt sich seinen Vater. JST Jeremiah 31:17 

Und vielleicht ist genau das die praktische Anwendung für uns: Wir sollten Gottes Verheißungen nicht erst dann ernst nehmen, wenn wir ihre Erfüllung sehen. 

Wenn ich traurig bin, kann ich trotzdem beten. 

Wenn ich die Zukunft nicht erkenne, kann ich trotzdem einen nächsten Schritt gehen. 

Wenn mein Herz noch nicht voller Freude ist, kann ich trotzdem daran festhalten, dass Gott Freude verheißen hat. 

Wenn ich nicht weiß, wie Heilung aussehen wird, kann ich mich trotzdem Christus zuwenden. 

Eine BYU-Andacht von Alan R. Harker beschreibt Hoffnung als etwas, das durch Glauben, Bedrängnis, Geduld und Erfahrung wachsen kann. Besonders schön ist dabei sein Gedanke, dass die Erfahrungen anderer Menschen unsere eigenen „Anker“ stärken können. Gerade deshalb sind persönliche Zeugnisse so wertvoll: Nicht jeder Mensch kann uns den Schmerz abnehmen, aber jemand kann uns daran erinnern, dass Christus auch mitten im Sturm gegenwärtig ist. Hope As an Anchor of Our Souls 

Vielleicht ist das auch unsere Aufgabe füreinander. Wenn wir selbst ein wenig Licht empfangen haben, können wir es weitergeben. Nicht mit vorschnellen Antworten und nicht mit frommen Floskeln, sondern mit unserer Gegenwart, unserem Zuhören, unserem Gebet und unserem Zeugnis. 

Jeremia blickt weit über den Augenblick hinaus. Er sieht ein Volk, das weint, zurückkehrt, neu gebunden wird und eines Tages wieder singt. Der Weg dazwischen bleibt bestehen. Doch Gott kennt ihn. 

Und deshalb endet dieses Kapitel nicht mit der Trauer. 

Es endet mit der Zusage eines Gottes, der sein Volk wieder aufbauen und neu pflanzen will. Der Gott, der „gepflanzt“ hat, wird auch wieder „pflanzen“. Der Gott, der zerbrochene Dinge gesehen hat, wird sie nicht einfach ihrem Zerbruch überlassen. JST Jeremiah 31:28 

Ich glaube, dass diese Verheißung auch heute gilt. Nicht immer so, wie wir es erwarten. Nicht immer zu dem Zeitpunkt, den wir uns wünschen. Aber immer im größeren Rahmen des Erlösungswerks Jesu Christi. Durch sein Sühnopfer, seine Auferstehung und unsere Bündnisse eröffnet er eine Zukunft, die größer ist als jeder gegenwärtige Verlust. 

Ich glaube, dass Jesus Christus unsere Trauer kennt. Ich glaube, dass er nicht von uns verlangt, unsere Tränen zu verstecken. Und ich glaube, dass seine Verheißungen zuverlässiger sind als unsere gegenwärtigen Gefühle. Es gibt Zeiten, in denen ich die Freude noch nicht sehen kann. Aber ich kann mich an den halten, der sie verheißen hat. 

Deshalb möchte ich Jeremia 31 nicht nur als eine Verheißung an ein altes Volk lesen. Ich möchte es als Einladung verstehen, Gott auch meine ungeheilte Zukunft anzuvertrauen. 

Denn vielleicht beginnt die Verwandlung der Trauer in Freude genau dort: nicht dort, wo wir bereits wieder lachen, sondern dort, wo wir mitten in unseren Tränen noch glauben können, dass Gott uns nicht vergessen hat.

Samstag, 24. Oktober 2026

In meinem Herzen ist es wie brennendes Feuer

 

(Bildquelle: KI-generiert von ChatGPT)

„Doch wenn ich mir vornehme: „Ich will seiner nicht mehr gedenken und in seinem Namen nicht mehr reden”, so ist es mir im Innern, als wäre ein loderndes Feuer in meinen Gebeinen eingeschlossen; und mühe ich mich ab, es auszuhalten, so vermag ich es nicht“ (Jeremia 20:9) 

Jeremia 20 

Manchmal beginnt eine Berufung mit einem Satz, der uns klein erscheinen lässt. Jeremia war noch jung, als der Herr zu ihm sagte, dass er ihn bereits vor seiner Geburt gekannt und für eine besondere Aufgabe bestimmt hatte. Jeremia antwortete mit Unsicherheit: „Ach, Herr, Herr! Siehe, ich kann nicht reden; denn ich bin zu jung.“ (Jeremia 1:6). Der Herr aber sah mehr in ihm, als Jeremia selbst sehen konnte. 

Viele Jahre später finden wir denselben Mann an einem ganz anderen Punkt seines Weges. Jeremia hat gesprochen, gewarnt und geweint. Er hat erlebt, dass Menschen seine Worte ablehnten und ihn verspotteten. In Jeremia 20 wird er geschlagen und in den Block gelegt Jeremia 20:1-2 Nun klingt seine Stimme nicht mehr wie die eines mutigen Propheten, sondern wie die eines erschöpften Menschen. 

„Da dachte ich: Ich will ihn nicht mehr erwähnen und nicht mehr in seinem Namen reden!“ (Jeremia 20:9) 

Man kann diesen Satz nachempfinden. Es gibt Momente, in denen wir müde werden, immer wieder zu hoffen, zu dienen oder Zeugnis zu geben. Vielleicht wurden wir zurückgewiesen oder haben für etwas gebetet, ohne eine sichtbare Antwort zu erhalten. Irgendwann entsteht der Wunsch, einfach still zu sein. 

Doch Jeremia entdeckt etwas Erstaunliches: Er kann nicht einfach aufhören. 

„Aber da war es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen; ich mühte mich, es auszuhalten, aber ich konnte es nicht.“ (Jeremia 20:9) 

Das Feuer bedeutet nicht, dass seine Schwierigkeiten verschwunden sind. Seine Gegner bleiben, ebenso seine Erschöpfung. Aber mitten in allem ist etwas in ihm stärker geworden als sein Wunsch zu schweigen: das Wort Gottes. 

Damit schließt sich ein großer Bogen dieser Reihe. In Jeremia 1 sagte der junge Prophet: „Ich kann nicht reden.“ In Jeremia 20 sagt derselbe Mann gewissermaßen: „Ich kann nicht schweigen.“ Zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein langer Weg: Berufung → Abkehr → Umkehr → Sammlung → Formung → Zeugnis. 

Die Joseph Smith Translation unterstreicht an einer anderen Stelle, was Gottes Wort für Jeremia bedeutet: „Deine Worte wurden gefunden, und ich aß sie; und dein Wort war mir zur Freude und zum Frohlocken meines Herzens.“ (JST Jeremia 15:16). Gottes Wort bleibt nicht nur Information. Wenn wir es aufnehmen, darüber nachdenken und danach handeln, kann es Teil unseres Herzens werden. 

Elder David A. Bednar hat diesen Gedanken in seiner BYU-Ansprache A Reservoir of Living Water ebenfalls eindrucksvoll beschrieben. Geistiges Verständnis entsteht nicht allein dadurch, dass wir etwas mit dem Verstand wissen. Der Heilige Geist macht aus Wissen eine persönliche Gewissheit, die unser Leben verändert. David A. Bednar: „A Reservoir of Living Water“ 

Vielleicht ist genau das mit dem brennenden Feuer gemeint. Das Evangelium bleibt nicht außerhalb von uns. Es dringt nach innen. 

Die Geschichte der Kirche zeigt immer wieder Menschen, die das erfahren haben. Ein Beispiel findet sich in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Viele Missionare mussten das Land verlassen, und Gemeinden waren plötzlich weitgehend auf sich selbst gestellt. Dennoch übernahmen örtliche Mitglieder Verantwortung und hielten das Werk aufrecht. (Geschichte der Kirche in Deutschland) 

Auch in der DDR waren die Möglichkeiten der Kirche stark eingeschränkt. Ausländische Missionare konnten nicht frei arbeiten, kirchliche Materialien waren schwer zugänglich und manche Aktivitäten wurden behindert. Doch die Mitglieder machten weiter. Die äußeren Bedingungen konnten das innere Zeugnis nicht zum Schweigen bringen. Die Geschichte der Kirche erzählt viele solcher Geschichten. 

Das erinnert mich an Jeremia: Das Feuer Gottes braucht nicht immer ideale äußere Bedingungen. 

Vielleicht gibt es auch in unserem Leben etwas, das Gott uns anvertraut hat und das wir am liebsten beiseitelegen würden. Eine Berufung. Eine Aufgabe in der Familie. Der Versuch, einem Menschen weiterhin Liebe zu zeigen. Oder der Wunsch, über Jesus Christus zu sprechen, obwohl wir nicht wissen, wie unsere Worte aufgenommen werden. 

Dann müssen wir nicht künstlich ein Feuer entfachen. Wir dürfen zuerst selbst wieder zum Feuer kommen: durch die heiligen Schriften, durch Gebet, durch das Abendmahl, durch den Tempel und durch das bewusste Hören auf den Heiligen Geist. 

Denn Zeugnis bedeutet nicht, niemals erschöpft zu sein. Zeugnis bedeutet, trotz dieser Erschöpfung nicht aufzuhören, sich Christus zuzuwenden. 

Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass etwas in uns anders geworden ist. Wir sprechen über Christus nicht mehr, weil wir glauben, es tun zu müssen, sondern weil wir ihn kennen und lieben. 

Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür sehe ich bei Elder Patrick Kearon. In seiner Ansprache „Discipleship: Our Way Safely Home“ spricht er davon, dass der Vater im Himmel seine Kinder liebt und sich danach sehnt, dass sie sicher und glücklich zu ihm nach Hause zurückkehren. Gerade weil das Erdenleben von Prüfungen und Fehlern geprägt ist, brauchen wir die Gewissheit, dass wir nicht allein unterwegs sind. Christus hat den Weg zurück zum Vater bereitet. Elder Kearons Zeugnis erinnert daran, dass unsere Schwierigkeiten nicht bedeuten, dass Gott uns verlassen hat. Sie können vielmehr zu Erfahrungen werden, durch die wir seine Liebe tiefer erkennen und lernen, ihm zu vertrauen. 

Das ist vielleicht die eigentliche Bedeutung des brennenden Feuers: Nicht, dass alle Fragen verschwinden, sondern dass Christus mitten in unseren Fragen gegenwärtig bleibt. 

Ich glaube, dass der Herr uns tatsächlich kennt, lange bevor wir selbst wissen, wer wir einmal sein werden. Ich glaube, dass unsere Berufung nicht mit unserer eigenen Stärke beginnt, sondern mit seiner Kenntnis von uns. Und ich glaube, dass er uns durch sein Wort, durch Umkehr, Bündnisse und den Heiligen Geist so verändern kann, dass aus einem zaghaften „Ich kann nicht“ eines Tages ein dankbares „Ich kann nicht schweigen“ wird. 

Mein Zeugnis ist, dass Jesus Christus dieses Feuer in unserem Herzen entzünden und bewahren kann. Er kennt unsere Schwachheit und unsere Erschöpfung, aber er kennt auch das Zeugnis, das in uns wachsen kann. Wenn wir uns ihm immer wieder zuwenden, kann aus unserer Schwachheit Stärke und aus unserer Erfahrung ein persönliches Zeugnis werden. Ich glaube, dass der Herr uns nicht nur beruft, sondern uns Schritt für Schritt zu den Menschen formt, die wir in seinem Reich sein können. Und wenn Christus tief genug in unserem Herzen wohnt, müssen wir nicht mehr versuchen, ihn mit großen Worten zu verkündigen. Unser Leben selbst beginnt von ihm Zeugnis zu geben.