„Denn zwiefaches Unrecht hat mein Volk begangen: mich, den Born lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich gegrabene Brunnen (d. h. Zisternen) anzulegen, löcherige Brunnen, die das Wasser nicht halten!” (Jeremia 2:13)
Es gibt einen Unterschied zwischen Durst und der Frage, wo wir unseren Durst stillen. Durst ist zunächst etwas ganz Natürliches. Jeder Mensch braucht Wasser. Aber wenn wir durstig sind, macht es einen entscheidenden Unterschied, ob wir zu einer frischen Quelle gehen oder aus einem Gefäß trinken, dessen Wasser längst abgestanden ist.
Jeremia verwendet genau dieses Bild, um die geistliche Situation Israels zu beschreiben. Das Volk hatte den Herrn verlassen und suchte Leben an anderen Stellen. „Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen zu graben, rissige Zisternen, die kein Wasser halten.“
Das Bild ist deshalb so stark, weil eine Zisterne zunächst durchaus sinnvoll erscheint. Sie sammelt Wasser und kann einen Menschen durch trockene Zeiten bringen. Aber sie produziert kein Wasser. Und wenn sie Risse bekommt, verliert sie sogar das, was sie einmal empfangen hat.
Vielleicht beschreibt das überraschend genau manches in unserem eigenen Leben.
Wir suchen Sicherheit in unserem Besitz, Bedeutung in unserer Leistung, Anerkennung in den Augen anderer oder Ablenkung in der Fülle unserer Möglichkeiten. Nichts davon muss an sich schlecht sein. Aber nichts davon kann die Aufgabe erfüllen, die nur Christus erfüllen kann. Wir können viele Dinge besitzen und innerlich trotzdem durstig bleiben.
Jeremias Botschaft ist deshalb mehr als eine Anklage. Sie ist eine Einladung, die Quelle wiederzufinden.
In Jeremia 3 ruft der Herr: „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!“ Der Ruf zur Umkehr ist unmittelbar mit einer Verheißung verbunden. Gott möchte sein Volk nicht einfach für seinen Irrweg bestrafen. Er möchte es zurückhaben. Umkehr bedeutet deshalb nicht nur, etwas Falsches aufzugeben. Sie bedeutet, nach Hause zurückzukehren.
Das wird besonders deutlich, wenn wir Jeremia mit einer Begebenheit aus dem Leben Jesu verbinden. Jahrhunderte später steht eine Samariterin am Jakobsbrunnen. Sie kommt, um Wasser zu schöpfen. Jesus aber spricht zu ihr von einem Wasser, das tiefer reicht als das Wasser des Brunnens: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ (Johannes 4:14).
Plötzlich bekommt Jeremias Bild ein Gesicht.
Die Quelle lebendigen Wassers ist Jesus Christus.
Elder David A. Bednar hat in seiner BYU-Rede „A Reservoir of Living Water“ genau diesen Zusammenhang aufgegriffen. Er erklärt, dass Christus und sein Evangelium für unser geistliches Leben ebenso notwendig sind wie Wasser für unseren Körper. Besonders eindrücklich finde ich seinen Gedanken, dass wir das lebendige Wasser nicht nur gelegentlich brauchen. Wir brauchen es beständig. Die heiligen Schriften werden dabei zu einem Reservoir, aus dem wir immer wieder schöpfen können. David A. Bednar: „A Reservoir of Living Water“
Das verändert auch unseren Umgang mit den heiligen Schriften. Wir lesen sie dann nicht nur, um Informationen über vergangene Menschen zu erhalten. Wir suchen darin die Stimme dessen, der auch heute zu uns spricht. Wir suchen Christus.
Alma erlebte etwas Ähnliches. Als er sich an die Worte seines Vaters über Jesus Christus erinnerte, veränderte sich sein Innerstes. Aus Schuld wurde Vergebung, aus Verzweiflung Hoffnung und aus geistlichem Durst Freude. Alma hatte versucht, sein Leben selbst zu gestalten. Erst als er sich Christus zuwandte, fand er die Quelle, die er selbst nicht hervorbringen konnte.
Vielleicht kennen wir diese Erfahrung in kleinerem Maßstab. Manchmal haben wir lange versucht, ein Problem allein zu lösen. Wir haben geplant, kontrolliert, gearbeitet und uns Sorgen gemacht. Und irgendwann merken wir: Ich brauche nicht noch mehr von mir selbst. Ich brauche Christus.
Dann kann ein Gebet wieder anders werden. Eine Schriftstelle bekommt plötzlich eine persönliche Bedeutung. Das Abendmahl wird zu mehr als einem vertrauten Teil des Gottesdienstes. Wir beginnen wieder zu trinken.
Auch die neuere Geschichte der Kirche zeigt, dass lebendiges Wasser nicht von günstigen Umständen abhängig ist. In der Ukraine begann die Kirche Anfang der 1990er Jahre mit einer kleinen Gemeinschaft in Kiew. Die Mitglieder lebten das Evangelium zunächst in kleinen und einfachen Formen. Schon 1992 organisierten ukrainische Mitglieder Tempelfahrten nach Freiberg. Die Reise war lang, teuer und mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden – und trotzdem machten sie sich auf den Weg.
Auch die neuere Geschichte der Kirche zeigt, dass lebendiges Wasser nicht von günstigen Umständen abhängig ist. 1992 machten sich ukrainische Mitglieder erstmals gemeinsam auf den langen und kostspieligen Weg zum Freiberg-Tempel. Fast zwei Jahrzehnte lang reisten Mitglieder aus der Ukraine nach Deutschland, um dort geistliche Kraft zu finden. Eine von ihnen war Larysa Shyshkanova, die trotz ihres Alters und der körperlichen Belastung 2004 diese Reise unternahm. Schließlich wurde am 29. August 2010 der Kiew-Tempel geweiht. Die Geschichte zeigt mir: Geistliches Leben wächst nicht zuerst durch äußere Größe. Es beginnt damit, dass Menschen sich immer wieder der Quelle zuwenden. “The Morning Breaks”; "Temple Pilgrimages"
Das ist auch für uns eine wichtige Frage. Woraus versuche ich meinen inneren Durst zu stillen?
Vielleicht ist es nicht immer etwas Offensichtliches. Manchmal bauen wir unsere Zisternen aus sehr guten Dingen. Arbeit. Familie. Dienst. Wissen. Gemeindeaktivitäten. Selbst unser religiöses Engagement kann zu einer Zisterne werden, wenn wir irgendwann mehr auf unsere Aktivität als auf Christus vertrauen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Tue ich genug?“
Sondern: „Trinke ich noch?“
Trinke ich täglich aus dem Wort Gottes? Suche ich den Heiligen Geist? Spreche ich mit dem Herrn nicht nur über meine Aufgaben, sondern auch über mein Herz? Kehre ich zu Christus zurück, wenn ich merke, dass meine Seele trocken wird?
Jeremia erinnert uns daran, dass Gott uns nicht aus der Ferne zur Umkehr auffordert. Er ruft seine Kinder nach Hause. „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!“ Das ist die Stimme eines Vaters, der nicht möchte, dass wir auf unseren rissigen Zisternen sitzen bleiben.
Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zu unserer eigenen Berufung, die über dieser Reihe steht: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen.“ Der Gott, der uns kennt, bevor wir geboren wurden, kennt auch unsere Umwege. Er kennt unseren Durst. Er kennt die Stellen, an denen wir versucht haben, ohne ihn auszukommen. Und dennoch bleibt seine Einladung bestehen.
Komm zurück.
Trink.
Bleib bei der Quelle.
Ich glaube, dass Jesus Christus tatsächlich die Quelle lebendigen Wassers ist. Ich habe erfahren, dass er einen inneren Frieden schenken kann, den äußere Umstände nicht hervorbringen können. Nicht jedes Problem verschwindet dadurch, und nicht jede Frage wird sofort beantwortet. Aber wenn ich mich wieder Christus zuwende, verändert sich etwas in mir. Ich bekomme neue Kraft, Hoffnung und Orientierung. Deshalb möchte ich nicht immer größere Zisternen bauen, um meinen Durst selbst zu kontrollieren. Ich möchte lernen, immer wieder zu der Quelle zu gehen, die niemals versiegt.



