„Wer ist der, der von Edom kommt, von Bozra in hochroten Kleidern?“ (Jesaja 63:1) – verbunden mit Jesaja 65:17: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Es ist ein ungewöhnliches Bild, mit dem Jesaja den letzten Abschnitt seines Buches eröffnet. Einer kommt aus Edom, seine Kleider sind rot, sein Auftreten ist gewaltig. Er ist nicht der stille Tröster, den wir aus den Evangelien kennen. Er kommt als der, der „mächtig ist zu retten“ (Jesaja 63:1). Wenige Kapitel später hören wir dieselbe Stimme sagen: „Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jesaja 65:17). Zwischen diesen beiden Bildern liegt die ganze Spannung der Wiederkunft Christi: Der Erlöser kommt nicht nur, um zu trösten. Er kommt, um das Böse zu richten, sein Volk zu erlösen und schließlich alles neu zu machen.
Damit schließt sich der große Kreis des Buches Jesaja.
Jesaja hatte mit einem Volk begonnen, das sich von Gott entfernt hatte. Schuld, Stolz und geistliche Blindheit prägten seine Geschichte. Doch mitten in dieses Versagen stellte der Prophet die Verheißung eines kommenden Messias. Ein Licht sollte aufgehen. Ein Knecht sollte leiden. Ein Erlöser sollte kommen. Zion sollte wiederhergestellt werden.
Nun stehen wir am Ende – und der Erlöser kommt tatsächlich.
Jesaja 63 zeigt dabei eine Seite Christi, die wir vielleicht lieber ausblenden würden. Der Messias ist nicht nur der sanfte Tröster. Er ist auch der Richter. Das rote Gewand erinnert an die Kelter und an das Gericht über das Böse. Aber gerade hier liegt eine wichtige Wahrheit: Der Richter und der Erlöser sind nicht zwei verschiedene Personen. Derjenige, der das Böse endgültig besiegt, ist derselbe, der unsere Schmerzen getragen hat.
Jesaja 63 zeigt zunächst den gewaltigen Erlöser, der kommt, um sein Volk zu retten. Doch mitten in diesen großen Bildern des kommenden Herrn erinnert Jesaja an „die Taten der Huld des HERRN“: „In all ihrer Bedrängnis war auch er bedrängt … in seiner Liebe und seinem Erbarmen hat er selbst sie erlöst.“ (Jesaja 63:7,9). Genau auf diese Verse lenkt auch der Leitfaden „Komm und folge mir nach!“ den Blick. Er nennt Jesaja 63:7–9 ausdrücklich als Zeugnis für Jesus Christus als unseren Erretter und Erlöser. Der kommende Christus ist derselbe Christus, der sein Volk schon immer getragen hat. Derjenige, der am Ende in Macht kommt, ist derselbe Erlöser, der in Liebe und Erbarmen handelt.
Dann wird aus der Prophezeiung ein Gebet. Jesaja 64:1 ruft: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Das ist die Sehnsucht eines Menschen, der nicht mehr nur über Gott reden möchte. Er möchte, dass Gott kommt.
Vielleicht kennen wir dieses Gebet.
Es gibt Zeiten, in denen wir keine Erklärung mehr suchen, sondern seine Gegenwart. Zeiten, in denen wir nicht mehr fragen: „Warum geschieht das?“, sondern: „Herr, wann kommst du?“ Jesaja gibt dieser Sehnsucht Worte.
Und doch bleibt seine Antwort nicht beim Warten stehen. In Jesaja 65 spricht Gott selbst: „Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jesaja 65:17)
Das ist mehr als eine Reparatur der alten Welt.
Es ist Wiederherstellung.
Die Lehre und Bündnisse helfen uns, diese Verheißung zu verstehen. Die Erde wird nicht einfach bedeutungslos werden. Sie soll geheiligt und für celestiale Herrlichkeit vorbereitet werden. Lehre und Bündnisse 63:49 verbindet das Kommen des Herrn mit der Zeit, in der „das Alte vergeht und alles neu wird“.
Die Zukunft, die Jesaja beschreibt, ist deshalb keine Flucht aus Gottes Schöpfung, sondern ihre Vollendung.
Und genau hier wird Jesajas Vision plötzlich sehr gegenwärtig. Denn während wir auf die endgültige Wiederkunft warten, erleben wir bereits die Sammlung Israels. Jesaja 66:18 beschreibt Menschen aus „allen Nationen und Zungen“, die kommen und die Herrlichkeit des Herrn sehen.
Das ist heute keine rein zukünftige Vorstellung mehr.
Die Kirche Jesu Christi ist zu einer weltweiten Gemeinschaft geworden. Menschen aus immer mehr Nationen schließen Bündnisse mit Christus, Gemeinden entstehen in unterschiedlichen Kulturen, und Tempel werden auf mehreren Kontinenten gebaut. Die Sammlung Israels bedeutet dabei nicht einfach, dass alle Menschen an einen einzigen geografischen Ort ziehen. Zion wird überall dort aufgebaut, wo Menschen Christus nachfolgen und seine Bündnisse eingehen.
Präsident Russell M. Nelson hat deshalb dazu eingeladen, die Welt auf das Zweite Kommen Christi vorzubereiten. Er verbindet diese Vorbereitung nicht mit Angst vor der Zukunft, sondern mit einer bewussteren Nachfolge: „Jetzt ist die Zeit“, unser Leben Christus neu zu weihen, Israel zu sammeln und uns auf seine Wiederkunft vorzubereiten. "Der Herr Jesus Christus wird wiederkommen".
Gerade die weltweite Kirche macht diesen Gedanken sichtbar. Ein junger Mensch in Afrika, eine Familie in Südamerika, ein Mitglied in Asien oder eine Gemeinde in Europa müssen nicht darauf warten, irgendwann an einen entfernten Ort zu gelangen, um Teil Zions zu sein. Zion beginnt dort, wo Menschen ihr Herz dem Erlöser zuwenden.
Damit bekommt Jesajas Vision eine ganz praktische Bedeutung.
Wenn Christus kommt, möchte ich nicht erst anfangen, ihm zu folgen. Ich möchte heute schon lernen, so zu leben, wie ich dann leben möchte. Ich kann Frieden stiften, wo Streit herrscht. Ich kann vergeben, wo Verletzungen geblieben sind. Ich kann dienen, wo jemand Hilfe braucht. Ich kann meine Bündnisse ernst nehmen. Ich kann meine Familie und meine Gemeinde stärken. Und ich kann daran mitwirken, dass Menschen in meiner Umgebung etwas von der Liebe Christi erfahren.
Ich kann die neue Welt nicht selbst erschaffen.
Aber ich kann heute schon ein kleines Stück Zion sichtbar machen.
Jesaja 66 führt diese Hoffnung schließlich über Israel hinaus. Menschen aus den Nationen kommen und sehen die Herrlichkeit Gottes. Der Prophet blickt damit auf eine Zeit, in der Gottes Gegenwart nicht mehr nur von wenigen gesucht wird, sondern seine Herrlichkeit die Welt erfüllt. Die offizielle Zusammenfassung des Kapitels verbindet diese Vision ausdrücklich mit dem Zweiten Kommen, der Sammlung Israels und der Verkündigung des Evangeliums unter den Nationen.
Und dann steht am Ende noch einmal diese gewaltige Verheißung:
„Denn gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, die ich schaffen werde, vor mir bestehen werden … so soll auch euer Same und euer Name bestehen.“ (Jesaja 66:22)
Gottes Werk ist größer als meine Lebenszeit.
Das bedeutet: Ich muss nicht alles vollendet sehen, um treu zu sein. Ich darf an etwas bauen, dessen endgültige Vollendung ich vielleicht nicht mehr in meinem irdischen Zustand erleben werde. Ich darf glauben, dienen, Zeugnis geben und Bündnisse halten, weil ich weiß, dass der Herr die Geschichte zu ihrem Ziel führen wird.
Damit schließt sich der Kreis dieser ganzen Reihe.
Jesaja begann mit einer verletzten Welt. Er führte uns durch Gericht und Hoffnung, Dunkelheit und Licht, menschliches Versagen und göttliche Barmherzigkeit. Er zeigte uns den leidenden Knecht, den kommenden Erlöser, die Sammlung Israels und die Wiederherstellung Zions.
Nun endet er mit einer neuen Schöpfung.
Das ist für mich die eigentliche Botschaft: Der Herr kommt.
Nicht nur als Erinnerung an Bethlehem. Nicht nur als der Christus von Golgatha. Nicht nur als der auferstandene Herr, von dem wir in den Evangelien lesen. Er kommt wieder – in Macht und Herrlichkeit. Und derselbe Christus, der einst sagte: „Kommt her zu mir“, wird eines Tages kommen, um sein Volk zu sammeln, das Böse zu überwinden und seine Schöpfung zu erneuern.
Darum muss ich vor der Zukunft keine Angst haben.
Ich muss mich auf sie vorbereiten.
Wenn Jesaja fragt: „Wer ist der, der von Edom kommt?“, kenne ich die Antwort. Er selbst gibt sie: „Ich bin es, der mit Gerechtigkeit redet, der reiche Mittel hat zu retten.“ (Jesaja 63:1). Es ist mein Erlöser.
Der, dessen Gewand mich an das Gericht über das Böse und zugleich an sein vergossenes Blut erinnert. Der, der sein Volk getragen hat. Der, der die Tränen seiner Kinder gesehen hat. Der, der Zion sammelt. Und der schließlich sagen wird:
„Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er lebt und wiederkommen wird. Und ich glaube, dass wir schon heute kleine Zeichen dieser kommenden Wirklichkeit erleben dürfen: in der Sammlung Israels, in Tempeln, in Dienst, Barmherzigkeit und Glauben auf der ganzen Welt.
Für Zion kommt der Erlöser.
Und wenn er kommt, wird er nicht nur etwas Altes reparieren.
Er wird alles neu machen.

