„Habe ich nicht das Recht, wie dieser Töpfer da mit euch zu verfahren, ihr vom Hause Israel?” — so lautet der Ausspruch des HErrn. „Wisset wohl: wie der Ton in der Hand des Töpfers, ebenso seid ihr in meiner Hand, ihr vom Hause Israel." (Jeremia 18:6)
Manchmal schauen wir auf unser Leben und sehen nicht das Gefäß, das Gott darin erkennen kann. Wir sehen die Risse. Wir sehen Entscheidungen, die wir gern rückgängig machen würden. Wir denken an Möglichkeiten, die wir nicht genutzt haben, an Beziehungen, die zerbrochen sind, an Jahre, die anders verlaufen sind, als wir gehofft hatten. Vielleicht gibt es auch Dinge in uns, die wir schon lange verändern möchten und bei denen wir immer wieder an dieselbe Grenze stoßen.
Jeremia bekommt in einer solchen Situation ein ungewöhnliches Bild. Der Herr schickt ihn nicht in den Tempel und auch nicht in den Palast. Er schickt ihn in die Werkstatt eines Töpfers: „Mache dich auf und gehe in das Haus des Töpfers hinab, denn dort will ich dir meine Weisungen kundtun!” (Jeremia 18:2).
Jeremia beobachtet den Töpfer bei seiner Arbeit. Der Ton liegt auf der Scheibe. Die Hände des Meisters formen ihn. Doch dann geschieht etwas Entscheidendes: Das Gefäß misslingt. Es wird „verderbt“ in der Hand des Töpfers. Und nun könnte man meinen, die Arbeit sei beendet. Der Ton sei unbrauchbar geworden. Aber genau das geschieht nicht. Der Töpfer beginnt von Neuem: „So machte er es wieder zu einem anderen Gefäß, wie es dem Töpfer gefiel, es zu machen.“ (Jeremia 18:4).
Das ist vielleicht einer der tröstlichsten Gedanken in diesem Kapitel: Der Töpfer wirft den misslungenen Ton nicht weg.
Er arbeitet weiter.
Das bedeutet nicht, dass unsere Entscheidungen keine Folgen hätten. Jeremia spricht sehr deutlich über Umkehr und Verantwortung. Die Inspired Version bestätigt diesen Gedanken und macht zugleich eine kleine, interessante sprachliche Abweichung sichtbar: Wo die King-James-Version in Vers 8 vom „repent“ (bereuen) des Herrn spricht, steht in der Inspired Version „withhold“ (JST: zurückhalten). Das Bild macht damit deutlich: Gottes angekündigtes Gericht ist nicht einfach ein unabänderliches Schicksal. Wenn Menschen umkehren, kann sich auch der Weg verändern.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Herr sagt nicht: „Du hast dein Leben verdorben, also bist du für mich unbrauchbar.“ Er sagt vielmehr: Kehre um. Lass dich wieder in meine Hand nehmen.
Vielleicht ist genau das der Kern echter Umkehr. Wir wollen oft, dass Gott unsere Vergangenheit auslöscht. Er möchte aber mehr. Er möchte unsere Zukunft gestalten.
Auch Alma der Jüngere ist ein starkes Beispiel dafür. Er hatte nicht lediglich eine kleine Kurskorrektur nötig. Er hatte Menschen vom Evangelium weggeführt und versucht, die Kirche seines Vaters zu zerstören (Mosia 27:8–10). Dann kam seine Begegnung mit dem Engel, der ihn zur Umkehr rief (Mosia 27:11–18). Alma erlebte eine radikale Umkehr und wurde „aus Gott geboren“ (Mosia 27:24–29). Doch sein Leben wurde nicht einfach auf den ursprünglichen Zustand zurückgesetzt. Es wurde neu geformt. Nach seiner Umkehr zog er hinaus, um das wiedergutzumachen, was er angerichtet hatte, und wurde zu einem Werkzeug in den Händen Gottes (Mosia 27:32–37)
So arbeitet der Töpfer.
Diesen Gedanken finde ich auch in einer neueren Geschichte bemerkenswert. Präsident Dieter F. Uchtdorf erzählte von einem Mann, den er „David“ nannte. David hatte sich zur Kirche bekehrt, eine Mission erfüllt und später eine Familie gegründet. Doch dann geriet sein Glaube durch Informationen über die Kirche zunehmend ins Wanken. Schließlich ließ er seinen Namen aus den Kirchenunterlagen entfernen und begann sogar, mit Mitgliedern über ihren Glauben zu diskutieren. Einer dieser Menschen, den Uchtdorf „Jacob“ nennt, begegnete ihm dennoch über Jahre hinweg freundlich und respektvoll. Was David nicht wusste: Jacob betete mehr als ein Jahrzehnt lang für ihn. Irgendwann begann sich etwas zu verändern.
David öffnete sich wieder für den Glauben. Sein Weg zurück geschah nicht plötzlich und nicht durch einen einzigen überzeugenden Satz. Gott hatte ihn nicht aufgegeben. Über Jahre hatte er Menschen, Begegnungen, Erinnerungen und stille Gebete in Davids Leben wirken lassen. Der Ton war nicht verworfen worden. Der Töpfer hatte weitergearbeitet. "Was wir von Alma und Amulek lernen"
Genau darin liegt für mich eine der schönsten Botschaften von Jeremia 18. Wir wissen oft nicht, was Gott im Leben eines anderen Menschen gerade formt. Vielleicht sehen wir nur Distanz, Zweifel oder Widerstand. Gott aber sieht den Ton in seiner Hand. Deshalb dürfen wir einen Menschen nicht vorschnell als „fertig“ beurteilen. Manchmal besteht unser Teil darin, wie Jacob treu zu bleiben, zu lieben, zu beten und darauf zu vertrauen, dass der Töpfer selbst weiß, wann und wie er den nächsten Schritt tun wird.
Auch eine junge Geschichte aus der Ukraine zeigt, wie diese Formung geschehen kann. Eine junge Frau aus Kyjiw berichtete, dass sie zunächst vor allem an einer Schule lernen wollte und wenig Interesse am Glauben hatte. Doch sie beobachtete Menschen, die Christus ernst nahmen. Nach und nach begann in ihr ein Wunsch zu wachsen, selbst herauszufinden, was es mit diesem Glauben auf sich hatte. Sie begann zu beten, studierte das Buch Mormon, nahm Missionarslektionen und ließ sich schließlich taufen. Ihr Weg erinnert mich an Almas Bild vom Samenkorn: Glaube beginnt manchmal nicht mit Gewissheit, sondern mit dem kleinen Wunsch, glauben zu können (Alma 32:27–28). Dann wird dieser Glaube genährt und wächst durch eigenes Erleben (Alma 32:37–43). Die junge Frau wusste, dass sie noch vieles lernen musste und keineswegs vollkommen war. Aber sie wollte Schritt für Schritt mehr wie Christus werden. Genau darin liegt geistliche Formung: Wir müssen nicht schon das vollkommene Gefäß sein, bevor der Töpfer mit uns arbeiten kann. Wir dürfen uns formen lassen.
Das ist vielleicht die realistischere Form der Umkehr für die meisten von uns. Nicht die dramatische Verwandlung in einer einzigen Nacht, sondern ein geduldiges Formen. Eine Entscheidung heute. Ein Gebet morgen. Ein ehrlich ausgesprochenes „Es tut mir leid“. Eine schlechte Gewohnheit, die wir nicht mehr rechtfertigen, sondern ablegen. Eine Beziehung, die wir wieder in Ordnung bringen. Ein Sonntag, an dem wir erneut vom Abendmahl nehmen und unsere Bündnisse erneuern.
Auch Camille Fronk hat dieses Bild in einer BYU-Ansprache eindrucksvoll entfaltet. Sie erinnert daran, dass ein misslungenes Gefäß nicht das Ende der Arbeit des Töpfers bedeutet. Der Ton kann erneut bearbeitet und wieder auf die Scheibe gebracht werden. Fronk verbindet diesen Vorgang ausdrücklich mit der Umkehr: Auch wenn wir uns dem Willen des Herrn widersetzen oder unser Leben eine falsche Richtung genommen hat, kann durch aufrichtige Umkehr ein neuer Anfang entstehen. Der Töpfer gibt den Ton nicht auf. Er nimmt ihn wieder in seine Hände. "Lessons from the Potter and the Clay"
Genau darin liegt für mich die Hoffnung des Evangeliums Jesu Christi.
Wir sind keine fertigen Gefäße.
Wir sind Ton.
Und Ton muss sich nicht selbst formen.
Vielleicht ist das manchmal unser größtes Problem: Wir beurteilen uns selbst so, als wären wir bereits fertig. Wir sehen unsere gegenwärtige Gestalt und schließen daraus auf unseren endgültigen Wert. Gott tut das nicht. Er sieht nicht nur, was wir jetzt sind. Er sieht, was wir durch Christus werden können.
Auch das Abendmahl erinnert mich an diesen fortlaufenden Formungsprozess. Jede Woche dürfen wir unsere Bündnisse mit dem Herrn erneuern und uns erneut an Jesus Christus ausrichten. Wir kommen nicht deshalb zum Abendmahl, weil wir bereits fertige Gefäße wären, sondern weil wir seine Hilfe brauchen, um immer mehr zu dem Menschen zu werden, den er aus uns machen möchte. Paulus nennt diesen Vorgang eine neue Schöpfung: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Korinther 5:17). Der Töpfer formt uns nicht in einem einzigen Augenblick fertig. Er arbeitet an uns – Woche für Woche, Entscheidung für Entscheidung, Schritt für Schritt.
Und vielleicht muss ich deshalb auf meine eigenen „misslungenen“ Stellen anders schauen.
Nicht alles, was schiefgegangen ist, kann ungeschehen gemacht werden. Manche Folgen bleiben. Manche Wunden brauchen lange Heilung. Manche Entscheidungen werden uns noch Jahre begleiten. Aber keine dieser Wahrheiten bedeutet, dass der Herr mit uns fertig ist.
Der Ton liegt noch auf der Scheibe.
Die Hände des Töpfers sind noch da.
Und solange ich mich ihm anvertraue, ist meine Geschichte noch nicht abgeschlossen.
Ich glaube an Jesus Christus, weil er nicht nur unsere Sünden vergibt, sondern uns verändert. Er sieht den Menschen hinter dem Versagen, die Möglichkeit hinter dem Scheitern und das zukünftige Gefäß hinter dem unfertigen Ton. Ich glaube, dass Umkehr deshalb kein Zeichen dafür ist, dass Gott uns aufgegeben hat, sondern gerade das Gegenteil: Umkehr ist der Beweis, dass er noch mit uns arbeitet. Wenn ich mich wieder in seine Hände begebe, kann er aus dem, was ich selbst nicht mehr für brauchbar halte, etwas Neues machen. Ich weiß, dass seine Hände nicht Hände der Verwerfung sind, sondern Hände des Erlösers. Und ich bin dankbar, dass der Töpfer nicht aufhört zu arbeiten, nur weil der Ton in meinen Händen misslungen ist.




