„Ein Psalm von David. Der HErr ist mein Hirt: mir mangelt nichts.“ (Psalm 23:1)
Es gibt Fragen, die Menschen seit Anbeginn begleiten. Keine gehört wohl so tief zu unserer sterblichen Erfahrung wie diese: Warum? Warum trifft Leid gerade mich? Warum scheint Gott manchmal fern zu sein? Warum schweigt der Himmel gerade dann, wenn wir seine Stimme am dringendsten brauchen?
Wer jemals schwere Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen, Enttäuschung oder tiefe Einsamkeit erlebt hat, kennt diese Fragen. Erstaunlicherweise verschweigt die Heilige Schrift solche Empfindungen nicht. Im Gegenteil: Sie gibt ihnen Raum. Besonders eindrucksvoll geschieht dies in den Psalmen 22 bis 24. Diese drei Psalmen bilden eine geistliche Bewegung, die von der tiefsten Verlassenheit bis zur höchsten Herrlichkeit führt. Sie zeigen uns den leidenden Hirten, den führenden Hirten und schließlich den verherrlichten König.
Psalm 22 beginnt mit Worten, die zu den erschütterndsten der gesamten Schrift gehören: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22:2). Jahrhunderte bevor Jesus Christus geboren wurde, ließ David diese Worte niederschreiben. Der Psalm beschreibt Erfahrungen, die in bemerkenswerter Weise auf das Sühnopfer und die Kreuzigung des Erretters hinweisen. Die Hände und Füße werden durchbohrt, die Kleider verteilt, Spott und Verachtung treffen den Leidenden von allen Seiten.
Als Jesus am Kreuz hing, griff er genau diese Worte auf. Inmitten unerträglicher körperlicher und geistiger Qual rief er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27:46). Dieser Ausruf war weit mehr als ein Ausdruck menschlichen Leidens. Er offenbarte die Tiefe des Sühnopfers. Kein anderer Mensch hat jemals eine solche Last getragen. Christus stieg tiefer hinab, als irgendjemand hinabsteigen könnte, damit niemand jemals völlig allein leiden muss.
Viele Menschen fragen sich, ob Gott sie in Zeiten schwerer Prüfungen vergessen hat. Psalm 22 erinnert uns daran, dass selbst der Sohn Gottes einen Augenblick äußerster Verlassenheit erlebte. Gerade deshalb kann er uns vollkommen verstehen. Weil er „unter alles hinabgestiegen“ ist, kennt er nicht nur unsere Schmerzen – er weiß auch, wie er uns daraus emporheben kann (Alma 7:11–12).
Doch Psalm 22 endet nicht in Verzweiflung. Schrittweise wandelt sich die Klage in Vertrauen und schließlich in Lobpreis. Der Psalm blickt bereits über das Kreuz hinaus auf den Sieg des Messias. Leid ist nicht das letzte Wort. Gott handelt oft auf Wegen und zu Zeiten, die wir zunächst nicht verstehen, doch seine Erlösung bleibt gewiss.
Diese Gewissheit führt unmittelbar zu Psalm 23, einem der bekanntesten und geliebtesten Texte der Heiligen Schrift: „Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.“
Nachdem Psalm 22 den leidenden Hirten gezeigt hat, begegnen wir nun dem lebendigen und fürsorglichen Hirten. Jesus Christus hat den Tod überwunden. Er begleitet seine Jünger weiterhin Tag für Tag.
Das Bild des Hirten war den Menschen des Alten Testaments vertraut. Schafe sind auf Führung angewiesen. Allein finden sie weder Nahrung noch Sicherheit. Ebenso sind wir auf den Herrn angewiesen. Oft meinen wir, unseren Weg selbst bestimmen zu können, bis Schwierigkeiten, Unsicherheiten oder Versuchungen uns erkennen lassen, wie sehr wir seine Führung benötigen.
Bemerkenswert ist, dass der Psalm nicht verspricht, dass es keine dunklen Täler geben wird. Vielmehr heißt es: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“ (Psalm 23:4). Der Herr führt uns nicht immer um jedes Leid herum. Häufig führt er uns hindurch. Seine Gegenwart verändert jedoch die Erfahrung des Leidens grundlegend.
Viele Mitglieder der Kirche erlebten dies besonders während der weltweiten Pandemie. Gewohnte Strukturen brachen plötzlich weg. Versammlungen konnten zeitweise nicht stattfinden, persönliche Kontakte wurden eingeschränkt, Unsicherheit und Sorge prägten den Alltag vieler Menschen. Gerade in dieser Zeit lud Präsident Russell M. Nelson die Mitglieder wiederholt ein, ihre Fähigkeit zu stärken, persönliche Offenbarung zu empfangen. Unzählige Heilige berichteten später, wie sie in einer Zeit äußerer Unsicherheit die Führung des Guten Hirten persönlicher und unmittelbarer erfuhren als zuvor. Die Krise wurde für viele zu einer Gelegenheit, ihre Beziehung zu Christus zu vertiefen. (lies z. B. “Der Tempel und Ihr geistiges Fundament”)
Auch andere Schriftstellen bezeugen diese Wahrheit. Als Alma und sein Volk von den Priestern Noas unterdrückt wurden, nahm der Herr ihre Lasten nicht sofort hinweg. Stattdessen stärkte er sie, damit sie ihre Lasten tragen konnten. Ebenso erlebte Nephi auf seiner langen Reise durch die Wildnis immer wieder die leitende Hand des Herrn. Der Hirte führte seine Schafe Schritt für Schritt.
Schließlich öffnet Psalm 24 den Blick noch weiter. Hier erscheint Christus nicht mehr als Leidender und auch nicht nur als Führer seiner Herde, sondern als „König der Herrlichkeit“. Die eindrucksvolle Frage erklingt: „Wer ist derselbe König der Ehren?“ Die Antwort lautet: „Es ist der Herr, stark und mächtig.“ (Psalm 24:8)
Dieser Psalm richtet unseren Blick auf die endgültige Vollendung des göttlichen Plans. Jesus Christus ist nicht nur der Gekreuzigte. Er ist der auferstandene Herr, der Sieger über Sünde, Tod und Hölle. Eines Tages wird jedes Knie sich vor ihm beugen und jede Zunge bekennen, dass er der Christus ist.
Für die ersten Jünger war die Kreuzigung zunächst wie eine Niederlage erschienen. Doch die Auferstehung offenbarte, dass Gott bereits einen größeren Sieg vorbereitet hatte. Auch wir sehen inmitten unserer Prüfungen oft nur einen kleinen Ausschnitt. Der Herr jedoch kennt das Ende von Anfang an (Abraham 2:8). Wo wir Niederlage sehen, bereitet er manchmal bereits Herrlichkeit vor.
Die Bewegung dieser drei Psalmen spiegelt deshalb auch den Weg jedes Jüngers wider: Zeiten des Schmerzes, Erfahrungen der täglichen Führung und schließlich die Hoffnung auf ewige Herrlichkeit in Christus.
Vielleicht befindest du dich gerade in einem „Psalm-22-Moment“ und fragst: „Warum?“ Vielleicht wanderst du durch ein dunkles Tal aus Psalm 23. Oder vielleicht darfst du bereits etwas von der Freude und dem Frieden aus Psalm 24 erfahren. Wo immer du dich befindest: Der Herr kennt deinen Weg. Der leidende Hirte wurde zum führenden Hirten und schließlich zum König der Herrlichkeit. Weil er lebt, gibt es Hoffnung – selbst in den dunkelsten Stunden.
Ich bezeuge, dass Jesus Christus jede Form menschlichen Leidens vollkommen versteht. Ich weiß, dass er uns nicht verlässt, auch wenn seine Gegenwart manchmal zunächst verborgen scheint. Er führt seine Schafe mit vollkommener Liebe. Und ich weiß, dass er der König der Herrlichkeit ist, der eines Tages alle Tränen abwischen wird. In ihm finden wir Halt, Hoffnung und Frieden. Im Namen Jesu Christi. Amen.




