„Dann fuhr er fort: „Geht hin, eßt fette Speisen und trinkt süße Getränke und laßt auch denen, für die nichts zubereitet (oder: vorrätig) ist, Anteile (oder: Portionen) zukommen, denn der Tag ist unserm Herrn heilig! Darum seid nicht niedergeschlagen, denn die Freude am HErrn ist eure Stärke”*). (Nehemia 8:10)
Einleitung: Der eigentliche Zweck des Wiederaufbaus
Mit Nehemia 8 erreichen wir einen geistlichen Höhepunkt des Buches. Die Kapitel zuvor berichteten vom Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter großen Schwierigkeiten. Feinde bedrohten die Arbeiter, Intrigen wurden geschmiedet, wirtschaftliche Spannungen belasteten das Volk, und dennoch führte Gott sein Werk zum Erfolg. In Kapitel 7 wird nach der Fertigstellung der Mauer eine Bestandsaufnahme des Volkes vorgenommen. Die Tore stehen, die Mauern sind errichtet, die Stadt ist gesichert.
Doch damit ist Gottes Werk noch nicht vollendet.
Denn Gottes Ziel war niemals nur der Wiederaufbau einer Stadt. Mauern können Schutz bieten, aber sie können keine Herzen verändern. Deshalb folgt nun etwas noch Wichtigeres als alle bisherigen Bauarbeiten: Das Volk versammelt sich, um Gottes Wort zu hören.
Die Kapitel 9 bis 13 zeigen anschließend die Folgen dieser geistlichen Erneuerung. Das Volk bekennt seine Sünden, erneuert seinen Bund mit Gott, weiht die Mauer Jerusalems dem Herrn und bemüht sich um geistliche Treue. Gleichzeitig wird sichtbar, wie schnell Menschen wieder nachlässig werden können und wie notwendig fortlaufende Umkehr bleibt. Damit bildet Nehemia eine Brücke zu den späteren Ereignissen des Buches Ester, das zeitlich in dieselbe persische Epoche gehört und zeigt, wie Gott auch außerhalb Jerusalems über sein Bundesvolk wacht.
Ein Volk mit Hunger nach Gottes Wort
Die Szene in Nehemia 8 ist bemerkenswert. Niemand muss das Volk zum Kommen zwingen. Niemand organisiert eine Werbekampagne oder setzt Druckmittel ein.
„Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann“ (Nehemia 8:1).
Nach Monaten harter Arbeit sehnen sich die Menschen nicht nach Unterhaltung, sondern nach Gottes Wort. Sie bitten Esra selbst darum, das Gesetzbuch des Mose zu bringen.
Hier zeigt sich ein wichtiges geistliches Prinzip: Wahre Erweckung beginnt oft mit einem neu erwachten Hunger nach den heiligen Schriften.
Viele geistliche Aufbrüche in der Geschichte begannen genau so. Menschen entdeckten Gottes Wort neu und waren bereit, sich davon verändern zu lassen.
Esra steht auf einer eigens errichteten hölzernen Plattform. Neben ihm stehen dreizehn Männer – sechs zu seiner Rechten und sieben zu seiner Linken (Nehemia 8:4). Über ihre genaue Aufgabe erfahren wir wenig. Wahrscheinlich dienten sie als angesehene Zeugen dieser öffentlichen Schriftlesung und unterstrichen die Bedeutung des Ereignisses. Die Aufmerksamkeit richtet sich jedoch nicht auf diese Männer, sondern auf das Wort Gottes selbst.
Als Esra das Buch öffnet, erhebt sich das ganze Volk. Ehrfurcht erfüllt die Versammlung. Die Menschen erkennen: Hier spricht nicht einfach ein Gelehrter. Hier begegnen sie dem Willen Gottes.
Verstehen, was Gott sagt
Bemerkenswert ist nicht nur, dass die Schrift vorgelesen wird. Die Leviten helfen dem Volk auch, den Sinn zu verstehen.
„Sie lasen aus dem Buch, aus dem Gesetz Gottes, deutlich vor und erklärten den Sinn“ (Nehemia 8:8).
Offenbar übersetzten oder erläuterten sie den Text so, dass alle ihn verstehen konnten.
Das erinnert daran, dass Gottes Wort nicht verborgen oder geheimnisvoll bleiben soll. Der Herr möchte verstanden werden.
Auch heute genügt es nicht, die heiligen Schriften lediglich zu besitzen oder gelegentlich zu lesen. Geistliches Wachstum entsteht dort, wo wir uns bemühen, ihren Sinn zu erfassen und ihre Botschaft auf unser Leben anzuwenden.
Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt dazu eingeladen, täglich in den heiligen Schriften zu studieren und persönliche Offenbarung zu suchen. Wer Gottes Stimme hören möchte, findet sie häufig auf den Seiten der Schriften.
Tränen der Umkehr
Während die Menschen zuhören, geschieht etwas Unerwartetes.
Sie beginnen zu weinen.
Je mehr sie Gottes Maßstab erkennen, desto deutlicher sehen sie ihre eigenen Versäumnisse. Das Wort Gottes wirkt wie ein Spiegel. Es zeigt nicht nur, wer Gott ist, sondern auch, wer wir selbst geworden sind.
Diese Reaktion begegnet uns immer wieder in den Schriften. Als König Josia das Gesetzbuch wiederentdecken ließ, erschrak auch er über den geistlichen Zustand seines Volkes. Als Alma der Jüngere Christus erkannte, wurde ihm seine eigene Vergangenheit bewusst. Als Enos betete, begann alles mit dem tiefen Eindruck, den Gottes Wort auf sein Herz gemacht hatte.
Wahre Umkehr beginnt selten mit Schuldgefühlen allein. Sie beginnt mit einer Begegnung mit Gottes Wahrheit.
Die überraschende Botschaft der Freude
Doch dann spricht Nehemia Worte, die zunächst erstaunlich klingen:
„Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke“ (Nehemia 8:10).
Die Menschen sollen nicht in ihrer Traurigkeit verharren.
Warum?
Weil Gottes Ziel nicht bloß darin besteht, Schuld aufzudecken. Sein Ziel ist Erlösung.
Das Volk hat Gottes Wort gehört. Es hat erkannt, wo es steht. Nun dürfen die Menschen die Freude der Versöhnung erleben.
Oft denken wir bei Umkehr zuerst an Verzicht, Schmerz oder Verlust. Die Schrift beschreibt jedoch etwas anderes. Umkehr führt letztlich zu Freude.
Präsident Russell M. Nelson bezeichnete Umkehr einmal als ein Vorrecht und eine Quelle tiefer Freude. Wer sich dem Herrn zuwendet, verliert nicht sein Glück – er findet es.
Teilen statt nur feiern
Interessant ist auch die praktische Anweisung Nehemias:
„Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet Teile denen, für die nichts zubereitet ist“ (Nehemia 8:10).
Geistliche Erneuerung bleibt nicht auf persönliche Gefühle beschränkt. Sie zeigt sich im Umgang miteinander.
Die Freude des Evangeliums soll geteilt werden.
Auch heute erleben viele Gemeinden etwas Ähnliches. Nach den Sonntagsversammlungen kommen Mitglieder mancher Gemeinden regelmäßig zu gemeinsamen Mahlzeiten zusammen – mancherorts monatlich, andernorts ein- oder zweimal im Jahr. Solche Zusammenkünfte erinnern daran, dass Glauben immer auch Gemeinschaft bedeutet. Freude wird größer, wenn sie geteilt wird.
Ähnliche Beispiele in den Schriften und der Kirchengeschichte
Ein ähnliches Ereignis finden wir im Buch Mormon, als König Benjamin sein Volk versammelt. Die Menschen hören Gottes Wort, erkennen ihre geistliche Lage, schließen einen Bund mit Gott und werden als Gemeinschaft erneuert.
Auch die Wiederherstellung des Evangeliums begann mit einer Rückkehr zum Wort Gottes. Der junge Joseph Smith wurde durch das Lesen von Jakobus 1:5 bewegt, Gott um Weisheit zu bitten. Ein einzelner Schriftvers veränderte den Lauf seines Lebens und schließlich die Geschichte von Millionen Menschen.
Wer die Geschichte dieser ersten Vision nachlesen möchte, findet sie bei den Joseph Smith Papers: Joseph Smith Papers – First Vision Accounts
Ein weiteres Beispiel ist die Kirtland-Erweckung der frühen Heiligen. Intensives Schriftstudium, Gebet und das gemeinsame Streben nach Gottes Willen führten zu einer Zeit außergewöhnlichen geistlichen Wachstums: Church History Topics – Kirtland Temple Dedication
Praktische Anwendung
Viele Menschen wünschen sich geistliche Erneuerung. Wir wünschen uns mehr Frieden, mehr Glauben, mehr Nähe zu Gott.
Nehemia 8 zeigt uns, wo solche Erneuerung beginnt.
Sie beginnt nicht mit besseren Programmen, mehr Aktivität oder größeren Anstrengungen.
Sie beginnt damit, Gottes Wort zu hören.
Vielleicht brauchen wir heute weniger neue Ideen und mehr Zeit in den heiligen Schriften. Vielleicht wartet der Herr bereits darauf, zu uns zu sprechen, während wir noch nach anderen Antworten suchen.
Wenn wir sein Wort mit offenem Herzen aufnehmen, wird es uns manchmal korrigieren, manchmal trösten, manchmal aufrütteln und manchmal neue Hoffnung schenken.
Doch immer führt es uns näher zu Christus.
Persönliches Zeugnis
Mich berührt an Nehemia 8 besonders, dass die größte Feier des Buches nicht nach dem Bau der Mauer stattfindet, sondern nach dem Hören von Gottes Wort. Das erinnert mich daran, was im Reich Gottes wirklich zählt.
Ich glaube, dass Gottes Wort auch heute lebendig ist. Ich habe immer wieder erlebt, wie Schriftstellen genau im richtigen Moment Trost, Orientierung und neue Kraft geschenkt haben. Oft änderten sich meine Umstände nicht sofort, aber mein Herz veränderte sich.
Ich weiß, dass der Herr durch die heiligen Schriften zu uns spricht. Ich weiß, dass wahre Freude nicht aus äußeren Erfolgen entsteht, sondern aus der Nähe zu Gott. Und ich weiß, dass die Freude am Herrn tatsächlich unsere Stärke ist – damals wie heute. Davon gebe ich Zeugnis im Namen Jesu Christi. Amen.



