Dienstag, 13. Oktober 2026

Wenn Gott fern zu sein scheint

 

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„Wisset wohl: der Arm des HErrn ist nicht zu kurz, daß er nicht helfen könnte, und sein Ohr ist nicht so taub, daß er nicht hörte;“ (Jesaja 59:1) 

Jesaja 59 

Es gibt Zeiten, in denen Gott fern zu sein scheint. Wir beten, aber die Antwort bleibt aus. Wir bitten um Führung, doch der Weg bleibt dunkel. Wir warten auf Veränderung und fragen uns irgendwann: Ist Gottes Hand vielleicht doch zu kurz, um mir zu helfen? 

Jesaja antwortet unmissverständlich: Nein. „Siehe, die Hand des HERRN ist nicht zu kurz, dass sie nicht helfen könnte, und sein Ohr nicht schwerhörig, dass er nicht hören könnte.“ Wenn Gott fern scheint, liegt es nicht an seiner mangelnden Fähigkeit oder daran, dass er uns nicht hört. Jesaja benennt allerdings auch schonungslos die andere Seite: „Eure Verschuldungen sind es, die eine Scheidung zwischen euch und eurem Gott herbeigeführt haben.“ (Jesaja 59:2) 

Das ist eine unbequeme, aber zugleich hoffnungsvolle Wahrheit. Denn Jesaja beschreibt nicht einen Gott, der seine Kinder verlassen hat, sondern Menschen, die sich von ihm entfernt haben. Und er führt uns noch tiefer: „Wir warten auf Licht, aber siehe, Finsternis; auf Helligkeit, aber wir wandeln im Dunkeln.“ (Jesaja 59:9) 

Vielleicht kennen wir diese Erfahrung. Nicht jede geistliche Dunkelheit ist die Folge einer bewussten Übertretung. Manchmal ist sie einfach Teil unseres Weges. Wir können treu beten und trotzdem keine unmittelbare Antwort erhalten. Wir können die Gebote halten und trotzdem nicht wissen, wie es weitergeht. 

Doch Gottes Verborgenheit ist nicht dasselbe wie Gottes Abwesenheit. 

Jesaja bringt uns schließlich an den Punkt, an dem menschliche Kraft nicht mehr genügt: „Er sah, dass niemand da war, und verwunderte sich, dass kein Fürsprecher vorhanden war; da half ihm sein eigener Arm.“ Wo kein Mensch retten kann, greift Gott selbst ein. (Jesaja 59:16) 

Hier liegt die geistliche Mitte dieses Kapitels: Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen – deshalb kommt der Erlöser. 

Die Joseph Smith Translation bewahrt diese Bewegung und macht sie noch deutlicher: Auf die Beschreibung von Ungerechtigkeit und ihren Folgen folgt die Hoffnung auf den Erlöser. Die Inspired Version stellt damit nicht allein das Versagen des Menschen heraus, sondern die göttliche Antwort darauf. Joseph Smith Translation – Inspired Version 

Dasselbe Muster begegnet uns in den heiligen Schriften immer wieder. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus gingen mit dem auferstandenen Christus, „aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten“. Christus war bereits bei ihnen, während sie noch darüber sprachen, dass er nicht mehr bei ihnen sei. Erst später verstanden sie: „Brannte nicht unser Herz in uns?“ (Lukas 24:32) 

Manchmal erkennen wir Gottes Gegenwart erst im Rückblick. 

Präsident Henry B. Eyring hat diese Erfahrung auf bemerkenswerte Weise beschrieben. Als seine Kinder noch klein waren, begann er, täglich einige Zeilen über den vergangenen Tag aufzuschreiben. Vor dem Schreiben stellte er sich die Frage, ob er die Hand Gottes in seinem Leben und im Leben seiner Familie gesehen hatte. Mit der Zeit bemerkte er beim Rückblick Dinge, die Gott getan hatte und die ihm im geschäftigen Augenblick gar nicht aufgefallen waren. Schließlich sagte er: „Ich erkannte, dass der Versuch, mich zu erinnern, Gott ermöglicht hatte, mir zu zeigen, was er getan hatte. “O denkt daran, denkt daran” 

Das ist mehr als eine Anregung zum Tagebuchschreiben. Es ist eine geistliche Schule des Sehens. 

Wir erwarten Gottes Hilfe häufig als etwas Großes und Offensichtliches. Doch seine Hand wirkt oft durch scheinbar gewöhnliche Ereignisse: einen Menschen, der zur richtigen Zeit anruft; einen Gedanken, der uns nicht mehr loslässt; eine Tür, die sich öffnet – oder eine andere, die sich unerwartet schließt. Manchmal gibt Gott nicht die Lösung, um die wir gebeten haben, sondern Kraft für den nächsten Schritt. 

Auch die Geschichte der Kirche zeigt diese Wahrheit. Nach den schweren Jahren des Zweiten Weltkriegs war die Situation für viele Heilige in Deutschland von Hunger, Zerstörung und Unsicherheit geprägt. Und doch blieb die Kirche bestehen. Die Mitglieder unterstützten einander, hielten Versammlungen ab und bauten ihre Gemeinden wieder auf. Jahrzehnte später entstanden Tempel in Freiberg und Frankfurt – Entwicklungen, die in den dunklen Nachkriegsjahren kaum vorstellbar gewesen wären. 

Besonders berührt mich die Geschichte von Ilse und Herbert Kaden. Als die staatlichen Repressionen in der DDR zunahmen, weigerte sich Herbert 1952, eine Erklärung zu unterschreiben, mit der er seine Zugehörigkeit zur Kirche verleugnet hätte. Daraufhin verlor er seine Arbeitsstelle. Die Familie zog nach Dresden, und Ilse und Herbert dienten dort weiter in verschiedenen Berufungen. Obwohl sie Möglichkeiten gehabt hätten, in den Westen zu gehen, entschieden sie sich, im Osten zu bleiben. Ihr treues Leben und der gute Ruf vieler Mitglieder trugen dazu bei, dass schließlich 1985 der Freiberg-Tempel gebaut werden konnte. Nach seiner Eröffnung wurden Ilse und Herbert als Tempelarbeiter berufen und dienten dort bis 1994. (Religious Liberty in Historical and Global Perspective) 

Was für sie im Augenblick vielleicht wie eine endlose Folge von Schwierigkeiten aussah, wurde rückblickend Teil einer größeren Geschichte. 

So wirkt Gott häufig. Nicht immer nimmt er die Dunkelheit sofort weg. Manchmal führt er uns hindurch. 

Deshalb könnte eine gute Frage für unser eigenes Leben nicht nur lauten: „Warum hilft Gott mir nicht?“ Sondern: „Wo könnte seine Hand bereits wirken, ohne dass ich sie erkenne?“ 

Und vielleicht müssen wir noch eine zweite Frage stellen: „Gibt es etwas in meinem Leben, das mich tatsächlich von Gott trennt?“ Jesaja scheut diese Frage nicht. Wo Sünde zwischen uns und Gott steht, brauchen wir nicht mehr Selbstoptimierung, sondern Umkehr. Wir brauchen den Erlöser. 

Darum endet Jesaja 59 mit einer Verheißung: „Und der Erlöser wird nach Zion kommen und zu denen, die in Jakob von der Übertretung umkehren.“ (Jesaja 59:20) 

Das Kapitel beginnt mit der Frage, ob Gottes Hand zu kurz sei. Es endet damit, dass der Erlöser kommt. 

Wenn meine Hände nicht ausreichen, reicht seine Hand. Wenn meine Augen das Licht nicht sehen, hört er trotzdem mein Rufen. Wenn ich keinen Weg finde, ist er selbst der Weg. Und wenn ich mich nicht selbst erlösen kann, kommt der Erlöser. 

Ich glaube, dass Jesus Christus auch dann gegenwärtig ist, wenn ich seine Gegenwart nicht unmittelbar empfinde. Ich glaube, dass seine Hand nicht zu kurz ist und dass er unsere Gebete hört – auch wenn seine Antworten anders kommen, als wir erwartet haben. Und ich glaube, dass wir manche seiner größten Segnungen erst im Rückblick erkennen werden. 

Vielleicht ist Gott heute nicht so fern, wie es sich anfühlt. 

Vielleicht ist er längst näher, als wir denken.

Montag, 12. Oktober 2026

Vom äußeren Fasten zum inneren Herzen

 

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„Ist nicht vielmehr das ein Fasten, wie ich es liebe: daß man ungerechte Fesseln löst, daß man die Bande des Knechtschaftjoches sprengt (oder: losmacht), Vergewaltigte in Freiheit setzt und jegliches Joch zerbricht?“ (Jesaja 58:6) 

Jesaja 58 

Was geschieht eigentlich mit meinem Glauben, wenn niemand ihn sieht? Wenn kein Gottesdienst stattfindet, keine Aufgabe auf mich wartet, niemand weiß, dass ich bete oder faste? Vielleicht liegt gerade dort die Frage, die Jesaja 58 an uns richtet: Wird unser Glaube für andere Menschen spürbar? 

Das Volk Israel fastet. Es betet. Es sucht Gott. Es fragt nach seinen Wegen. Äußerlich scheint alles zu stimmen. Und doch klingt aus den Worten des Volkes eine Enttäuschung: „Warum fasten wir, und du siehst es nicht?“ Sie haben etwas getan und erwarten nun, dass Gott darauf reagiert. Aber Gott stellt ihre Frage auf den Kopf. Nicht: „Wie ernsthaft habt ihr gefastet?“ Sondern: „Was ist durch euer Fasten im Leben anderer Menschen geschehen?“ 

Das ist eine ernste Frage. Denn religiöse Formen können uns tatsächlich das Gefühl geben, Gott nahe zu sein, während unser Herz gegenüber dem Menschen neben uns unberührt bleibt. Wir können beten und trotzdem hart sein. Wir können fasten und trotzdem streiten. Wir können den Gottesdienst besuchen und trotzdem jemanden übersehen, der unsere Hilfe braucht. 

Jesaja beschreibt deshalb ein Fasten, das weit über den Verzicht auf Nahrung hinausgeht. Es geht darum, Fesseln zu lösen, Lasten leichter zu machen, Unterdrückte freizulassen, Hungrige zu speisen, Obdachlosen Raum zu geben und Nackte zu bekleiden. In der Inspired Version wird dieser Gedanke praktisch ebenso deutlich: Das von Gott erwählte Fasten besteht darin, „die schweren Lasten“ aufzuheben, die Unterdrückten freizulassen und das eigene Brot mit den Hungrigen zu teilen. Jesaja 58 in der Inspired Version 

Damit verändert sich die Bedeutung des Fastens. Fasten bedeutet nicht nur, dass ich etwas nicht tue. Es bedeutet, dass ich dadurch freier werde, etwas zu tun. 

Vielleicht verzichte ich auf Nahrung, damit ich mich stärker auf Gott ausrichte. Aber das Ziel kann nicht sein, am Ende nur hungriger zu sein. Das Ziel ist, hungriger zu werden nach dem, was Gott liebt. Vielleicht verzichte ich auf etwas, damit mein Herz empfindsamer wird für den Menschen, der weniger hat als ich. Vielleicht wird aus meinem Fasten ein Opfer, aus meinem Opfer Hilfe und aus meiner Hilfe eine Begegnung, in der ein anderer Mensch etwas von der Liebe Christi spürt. 

Genau hier berührt Jesaja 58 das Evangelium Jesu Christi. Der Herr fragt nicht nur nach unserer religiösen Aktivität, sondern nach der Richtung unseres Herzens. 

Im Buch Mormon formuliert König Benjamin dieselbe Wahrheit mit anderen Worten: Wenn wir unseren Mitmenschen dienen, dienen wir in Wirklichkeit Gott. Der Dienst am Nächsten ist deshalb keine Nebensache des Evangeliums. Er ist eine seiner sichtbarsten Ausdrucksformen. Auch Elder Alexander B. Morrison hat in einer BYU-Andacht betont, dass die Fürsorge für Arme und Bedürftige im Zentrum des christlichen Evangeliums steht und dass unser Zeugnis nicht nur durch Worte, sondern durch ein dem Dienst gewidmetes Leben sichtbar wird. Alexander B. Morrison, „Service: The Essence of True Religion“ 

Interessant ist dabei, dass Jesaja nicht bei der Aufforderung stehen bleibt. Er verheißt eine Veränderung, die von außen kaum zu erzwingen wäre: „Dann wird dein Licht wie die Morgenröte hervorbrechen“ und der Herr wird sein Volk führen (Jesaja 58:8). 

Das ist bemerkenswert. Wir denken häufig: Erst muss ich geistlich stark werden, dann kann ich anderen helfen. Jesaja scheint die Bewegung teilweise umzukehren. Wenn ich mein Herz für andere öffne, wenn ich mein Brot teile, wenn ich eine Last mittrage, wenn ich aufhöre, mit dem Finger auf andere zu zeigen, dann beginnt Gottes Licht auch in mir heller zu werden. 

Es ist, als würde Gott sagen: Du wirst nicht ärmer, wenn du dich verschenkst. Du wirst weiter. 

Das lässt sich heute eindrucksvoll in der weltweiten Kirche beobachten. Im Jahr 2025 wurden durch die humanitären und wohlfahrtsbezogenen Bemühungen der Kirche Menschen in 196 Ländern und Gebieten erreicht. Es wurden 3.514 humanitäre Projekte durchgeführt und 7,4 Millionen Stunden ehrenamtlicher Dienst erfasst. Die Hilfe reicht von Nahrung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung bis zu Katastrophenhilfe, Mobilität und Programmen zur Förderung von Eigenständigkeit. Humanitäre Dienste der Kirche 

Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten „Projekte“. Hinter jedem Punkt auf der Weltkarte stehen Menschen: ein Kind, das sauberes Wasser bekommt; eine Familie, die nach einer Katastrophe wieder Hoffnung schöpft; ein Mensch, der medizinische Hilfe erhält; eine Gemeinschaft, die durch Unterstützung wieder selbstständig werden kann. 

Bei einer Veranstaltung in Genf wurde dieser Gedanke 2026 besonders anschaulich. Vertreter humanitärer Organisationen sahen eine Weltkarte, auf der die humanitären Projekte der Kirche des vergangenen Jahres sichtbar wurden. Ein Vertreter des Welternährungsprogramms stellte dabei eine Verbindung zwischen der Speisung der Fünftausend durch Jesus Christus und der humanitären Arbeit unserer Zeit her. 

Vielleicht ist genau das Jesaja 58: Das Brot, das wir teilen, wird zu einem Zeugnis. Das Wasser, das wir ermöglichen, wird zu einem Zeugnis. Die Hand, die einen Menschen nach einer Katastrophe aufrichtet, wird zu einem Zeugnis. Nicht weil dabei ständig von Religion gesprochen werden muss, sondern weil christliche Liebe eine Sprache besitzt, die jeder Mensch versteht. 

Dabei muss unser persönliches „Fasten“ gar nicht groß sein. Vielleicht gibt es in meinem Leben jemanden, dessen Last ich leichter machen kann. Vielleicht wartet ein einsamer Mensch auf einen Anruf. Vielleicht braucht jemand keine Lösung, sondern einen Zuhörer. Vielleicht kann ich etwas von meiner Zeit, meinem Besitz oder meiner Aufmerksamkeit abgeben. 

Und vielleicht besteht das eigentliche Fasten manchmal darin, mit etwas anderem aufzuhören: mit dem vorschnellen Urteil, mit der Kritik, mit dem Bedürfnis, Recht zu behalten, mit dem ständigen Blick auf mich selbst. 

Jesaja nennt am Ende eine wunderbare Verheißung: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht trügt.“ (Jesaja 58:11) 

Ein bewässerter Garten ist nicht für sich selbst da. Sein Leben wird sichtbar, weil andere davon profitieren können. Genau das ist vielleicht das Bild, das Gott uns für unser geistliches Leben geben möchte. Er will uns nicht lediglich zu Menschen machen, die religiöse Übungen beherrschen. Er möchte unser Herz so verändern, dass durch uns etwas von seiner Güte zu anderen gelangt. 

Das passt auch zu einer bemerkenswerten BYU-Andacht von Richard J. Maynes. Er erinnerte daran, dass unser „Nächster“ nicht nur der Mensch ist, der uns ähnlich ist, sondern jeder, der Hilfe braucht. Deshalb wurde JustServe als Möglichkeit geschaffen, Menschen ganz praktisch mit Gelegenheiten zum freiwilligen Dienst zu verbinden. Richard J. Maynes, „Shape Your Life Through Service to Others“ 

Vielleicht sollten wir Jesaja 58 deshalb nicht nur lesen, sondern einmal persönlich beten: „Herr, zeige mir, wie mein Fasten heute für einen anderen Menschen zum Segen werden kann.“ 

Dann wird aus einem religiösen Gebot eine Begegnung mit Christus. 

Denn Christus selbst hat uns gezeigt, wie dieses Fasten aussieht. Er sah die Hungrigen. Er berührte die Aussätzigen. Er blieb bei den Ausgestoßenen stehen. Er nahm sich Zeit für Menschen, die andere übersehen hatten. Und schließlich gab er nicht nur etwas von seinem Besitz oder seiner Zeit. Er gab sich selbst. 

In ihm erkennen wir das vollkommene Fasten: ein Leben, das nichts für sich zurückhält, was einem anderen zum Heil dienen kann. 

Wenn ich Jesaja 58 lese, frage ich mich deshalb nicht zuerst, ob ich genug faste. Ich frage mich, ob mein Glaube bei anderen Menschen ankommt. Ob jemand durch meine Nähe weniger allein ist. Ob jemand durch meine Hilfe eine Last weniger trägt. Ob jemand durch meine Worte Hoffnung gewinnt. Ob jemand durch meine Bereitschaft zu vergeben etwas von der Barmherzigkeit Christi erfährt. 

Ich glaube, dass der Herr genau darin sein Volk vorbereitet. Für Zion kommt der Erlöser. Und vielleicht beginnt die Vorbereitung auf Zion nicht damit, dass wir größer, sichtbarer oder beeindruckender werden. Vielleicht beginnt sie damit, dass unser Herz weicher wird. 

Dass wir sehen. 

Dass wir geben. 

Dass wir Lasten tragen. 

Dass wir aufhören, uns hinter religiösen Formen zu verstecken. 

Und dass unser Fasten schließlich nicht mehr nur darin besteht, etwas von uns wegzunehmen, sondern darin, etwas von Christus weiterzugeben. 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er nicht nur unser äußerliches Verhalten verändern möchte, sondern unser Herz. Ich glaube, dass wahre Anbetung immer auch Barmherzigkeit hervorbringt. Wenn wir uns ihm nähern, werden unsere Hände frei, um anderen zu helfen. Und ich glaube, dass wir gerade dann sein Licht erfahren, wenn wir dieses Licht nicht für uns behalten, sondern es an einen anderen Menschen weitergeben. Dafür bin ich dankbar und bezeuge es im Namen Jesu Christi. Amen.

Samstag, 10. Oktober 2026

Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen

 

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“indem ich als die Frucht der Lippen Frieden schaffe, nämlich Frieden den Fernen und den Nahen!” spricht der HErr, — „und ich will es heilen!” (Jesaja 57:19) 

Jesaja 57 

Es gibt eine besondere Stille, die erst nach einem langen Weg des Leidens entstehen kann. Sie ist nicht die Stille eines Lebens, in dem niemals etwas Schweres geschehen ist. Sie ist auch nicht die Stille, die entsteht, wenn alle Fragen beantwortet und alle Wunden verschwunden sind. Es ist eine tiefere Stille: die Gewissheit, dass man trotz allem nicht allein ist. Jesaja 57 führt uns genau an diesen Ort. Nach den eindringlichen Worten über Abkehr, falsche Sicherheiten und die Folgen menschlicher Wege richtet sich der Blick plötzlich auf einen Gott, der nicht bei den Starken stehen bleibt. Er kommt zu den Zerschlagenen. 

Das ist vielleicht die schönste Wendung am Ende dieser Reihe. Jesaja hat uns durch Leid, Verlassenheit, Hoffnung und die Verheißung des leidenden Knechtes geführt. In Jesaja 53 haben wir gelesen, dass der Knecht unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich nimmt und dass „durch seine Wunden wir geheilt sind“. Nun, in Jesaja 57, hören wir gewissermaßen die Antwort Gottes darauf: „Ich habe seine Wege gesehen und will ihn heilen; ich will ihn führen und ihm wieder Trost geben.“ (Jesaja 57:18) 

Heilung ist hier also nicht einfach die Rückkehr zu dem Zustand, in dem wir vor dem Leiden waren. Gott verspricht nicht: Du wirst wieder derselbe Mensch sein wie vorher. Er sagt vielmehr: Ich werde dich führen. Ich werde dich trösten. Ich werde dich heilen. Das bedeutet Wiederherstellung – nicht bloß Reparatur. 

Bemerkenswert ist dabei, wo Gott wohnt: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, um den Geist der Demütigen zu beleben und das Herz der Zerschlagenen aufzurichten.“ (Jesaja 57:15). Der Hohe und Erhabene ist nicht nur „oben“. Er ist zugleich bei dem Menschen, dessen Herz gebrochen ist. 

Vielleicht ist genau das eine der tiefsten Aussagen des Evangeliums Jesu Christi: Gottes Größe zeigt sich nicht darin, dass er sich von unserem Schmerz fernhält, sondern darin, dass seine Heiligkeit ihn nicht davon abhält, zu uns in unseren Schmerz zu kommen. 

Die Inspired Version, Joseph Smiths „New Translation“, bestätigt diese Linie sehr eindrücklich. In Jesaja 57 finden sich gegenüber dem King-James-Text keine grundlegenden Veränderungen, aber die Fassung macht besonders deutlich, wie eng revive, heal, comfort und peace miteinander verbunden sind: Gott will den Geist beleben, das Herz heilen, Trost wiederherstellen und Frieden schenken. Die Inspired Version kann deshalb beim Studium dieses Kapitels eine wertvolle Vergleichshilfe sein. 

Und dann kommt diese wunderbare Verheißung: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen.“ (Jesaja 57:19). Das ist ein weiter Frieden. Er gilt dem Nahen – dem Menschen, der sich Gott verbunden fühlt, der vielleicht in einer sicheren Umgebung lebt und dessen Leben äußerlich geordnet ist. Aber er gilt auch dem Fernen: dem Menschen, der sich verloren hat, der geflohen ist, der zweifelt, der sich schuldig fühlt oder der den Eindruck hat, Gott sei weit weg. 

Vielleicht ist „fern“ manchmal gar keine geografische Entfernung. Vielleicht kann ein Mensch mitten in einer Gemeinde innerlich sehr weit entfernt sein. Vielleicht kann jemand jeden Sonntag am Abendmahl teilnehmen und sich doch im Herzen fragen: Weiß Gott wirklich, was mit mir geschieht? Jesaja antwortet: Ja. „Ich habe seine Wege gesehen.“ (Jesaja 57:18). Gott sieht den Weg. Auch den Weg, den sonst niemand kennt. 

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür finden wir in der heutigen weltweiten Kirche. Als 2022 der Krieg in der Ukraine begann, wurden viele Mitglieder selbst zu Flüchtlingen. Sergei und Poulina Gorski mussten ihre Heimat verlassen, nachdem eine Rakete ihr Wohngebäude getroffen hatte. Sie kamen schließlich nach Deutschland und wurden von Mitgliedern aufgenommen. Gemeindemitglieder halfen ihnen mit Möbeln und Haushaltsgegenständen. Als Elder Jeffrey R. Holland sie in Hannover traf, sprach Poulina davon, dass sie verstanden hätten, dass sie nicht allein gelassen worden waren. 

Das ist Jesaja 57 in menschlicher Gestalt: „Friede dem Fernen und dem Nahen.“ (Jesaja 57:19). Nicht, weil plötzlich alle politischen Probleme gelöst waren. Nicht, weil die Vergangenheit ungeschehen gemacht wurde. Sondern weil Menschen erfuhren: Wir sind nicht vergessen. 

Noch eindrucksvoller ist, was aus dieser Hilfe entstehen kann. Die Kirche berichtet von zahlreichen Mitgliedern in Polen, die ukrainischen Flüchtlingen Nahrung, Wasser, Medikamente und Unterkunft bereitstellten. Andriy Didushok, ein Führer der Kirche in der Ukraine, fuhr mit Flüchtlingen in Richtung Westen und nach Polen; Gemeindehäuser wurden zu Orten, an denen Menschen auf ihrer Flucht Erholung und Hilfe fanden. Eine polnische Schwester sagte schlicht: Wenn man Menschen sieht, die Hilfe brauchen, hilft man ihnen – denn der himmlische Vater liebt alle Menschen. 

Frieden ist im Evangelium deshalb niemals nur ein Gefühl. Er wird zu einer Haltung. Und schließlich zu einer Handlung. 

Das passt zu einer weiteren Aussage aus Jesaja: „Bereitet den Weg, nehmt die Anstoßsteine aus dem Weg meines Volkes.“ (Jesaja 57:14). Wer den Frieden Christi empfängt, beginnt selbst, Wege für andere freizumachen. Vielleicht kann ich einem Menschen zuhören. Vielleicht kann ich vergeben. Vielleicht kann ich einen Einsamen anrufen. Vielleicht kann ich einen Flüchtling willkommen heißen. Vielleicht kann ich in meiner Familie aufhören, einen alten Streit immer wieder neu zu führen. 

So wird die Heilung, die Christus schenkt, durch uns weitergetragen. 

Auch in der neueren Kirche wird diese Wahrheit immer wieder sichtbar. Elder Gerrit W. Gong sprach 2025 bei seinem Dienst in Mitteleuropa davon, dass das Evangelium Jesu Christi allen Zugehörigkeit, Hoffnung und Zuflucht geben kann und dass niemand seinen Lebensweg allein gehen sollte. In Wiesbaden lehrte er vor mehr als 3.000 Mitgliedern und Freunden, das wiederhergestellte Evangelium sei ein Zuhause für alle und niemand solle allein im Gottesdienst oder im Leben sitzen. Wenige Tage später rief er bei einer Konferenz in München dazu auf, zu den „gastfreundlichsten Menschen“ zu werden – nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters, der dafür sorgte, dass niemand allein blieb. Das ist mehr als ein freundlicher Gemeindesatz. Es ist eine konkrete Antwort auf Jesaja 57: Gottes Friede erreicht den Fernen und den Nahen auch durch Menschen, die andere aufnehmen, ihnen Zugehörigkeit schenken und sie nicht allein lassen. Elder Gong Inspires Saints and Civic and Religious Leaders in Central Europe 

Auch BYU-Reden greifen diesen Gedanken auf. Richard B. Miller beschreibt, wie Menschen mit zerbrochenen Herzen durch das Sühnopfer Christi Frieden finden können und wie dieser Frieden sogar zerbrochene Beziehungen zu heilen vermag. Und Donald N. Wright erinnert daran, dass der Friede Christi gerade mitten in Verwirrung und Prüfung möglich ist – nicht weil die Welt plötzlich ruhig geworden wäre, sondern weil Christus in uns eine tiefere Wirklichkeit schaffen kann. 

Vielleicht liegt darin die praktische Einladung dieses Kapitels: Suche nicht nur nach einer Welt ohne Sturm. Suche nach Christus im Sturm. 

Wenn heute etwas in deinem Leben zerschlagen ist, musst du nicht warten, bis du wieder stark genug bist, um zu Gott zu kommen. Jesaja sagt gerade das Gegenteil. Der Hohe und Erhabene wohnt „bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind“ (Jesaja 57:15). Deine Zerbrochenheit ist kein Ort, den Gott meiden muss. Sie kann zu einem Ort seiner Gegenwart werden. 

Darum dürfen wir unsere Wunden nicht mit unserer Identität verwechseln. Wir sind nicht das, was uns geschehen ist. Wir sind auch nicht unsere Fehler, unsere Verluste oder unsere Enttäuschungen. Wir sind Kinder Gottes, die durch einen Erretter geführt werden, der unsere Schmerzen kennt. Und weil er sie kennt, kann er uns einen Frieden schenken, den die Welt nicht hervorbringen kann. 

Damit schließt sich der Bogen dieser Reihe. Jesaja 53:5 sagte: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Jesaja 57:19 sagt: „Ich will ihn heilen.“ Zwischen diesen beiden Aussagen steht Jesus Christus. Er ist der leidende Knecht. Er ist der Heiler. Er ist derjenige, der den Schmerz nicht nur erklärt, sondern trägt. Und er ist derjenige, der am Ende sagt: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen.“ 

Ich glaube, dass dieser Friede real ist. Nicht immer als sofortige Erleichterung und nicht immer als Antwort auf jede Frage. Aber als eine stille, tragende Gegenwart, die uns wissen lässt: Gott hat mich nicht vergessen. Christus kennt meinen Weg. Und selbst wenn ich noch nicht sehe, wohin dieser Weg führt, darf ich darauf vertrauen, dass er mich führt. 

Ich bezeuge, dass Jesus Christus der Heiler unserer Seele ist. Er kann aus Wunden keine bloßen Erinnerungen machen, sondern Quellen von Mitgefühl, Glauben und Hoffnung. Er kann einen Menschen nicht einfach in den Zustand vor dem Leid zurückführen, sondern ihn durch das Leid hindurch zu einem tieferen Frieden führen. Und ich glaube, dass seine Verheißung auch uns gilt: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen … ich will ihn heilen.“ Im Namen Jesu Christi. Amen.

Freitag, 9. Oktober 2026

Kommt, kauft ohne Geld

 

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“Ach ihr Durstigen alle, kommt her zum Wasser, und ihr alle, die ihr kein Geld habt, kommt herbei, kauft (Brot) und eßt! Ja kommt, kauft ohne Zahlung und unentgeltlich Wein und Milch!” (Jesaja 55:1) 

Jesaja 55 und 56 

Nach dem Leid des Gottesknechts in Jesaja 53 und der Zusage der Wiederherstellung in Jesaja 54 verändert sich der Ton. Es ist, als würde sich nach einer langen, schweren Reise eine Tür öffnen und jemand sagen: Kommt herein. Das Wasser ist da. Das Brot ist da. Ihr müsst nichts mitbringen. 

„Wohlan, ihr Durstigen alle, kommt her zum Wasser!“ 

Was für eine Einladung! Nicht: Kommt, wenn ihr würdig seid. Nicht: Kommt, wenn ihr eure Schuld bezahlt habt. Sondern: Kommt, weil ihr Durst habt. 

Gottes Gnade beginnt nicht dort, wo wir unsere Bedürftigkeit überwunden haben, sondern dort, wo wir sie erkennen. 

Jesaja fragt: „Warum wäget ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren Arbeitslohn für das, was nicht sättigt?“ (Jesaja 55:2) Wie viel Kraft investieren wir in Dinge, die unsere Seele letztlich nicht erfüllen – Anerkennung, Besitz, Sicherheit, Leistung oder Kontrolle? Wir geben dafür Zeit und Energie und stellen irgendwann fest, dass wir trotzdem hungrig geblieben sind. 

Vielleicht kennen wir diesen inneren Hunger besonders dann, wenn äußerlich eigentlich alles in Ordnung scheint. Man kann beschäftigt sein und trotzdem leer. Man kann von Menschen umgeben sein und sich trotzdem einsam fühlen. Man kann vieles erreicht haben und dennoch spüren, dass etwas Wesentliches fehlt. Jesaja stellt deshalb keine oberflächliche Frage. Er fragt, wovon unsere Seele eigentlich lebt. 

Dann kommt Gottes überraschende Antwort: Es gibt etwas, das wir nicht kaufen können. 

Erlösung ist kein Lohn. Sie ist Geschenk. 

Das bedeutet nicht, dass wir nichts tun müssen. Jesaja sagt: „Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist!“ (Jesaja 55:6) Wir müssen kommen, hören, umkehren und die Hand ausstrecken. Aber wir bezahlen nicht den Preis der Erlösung selbst. 

Damit führt Jesaja 55 die Botschaft von Jesaja 53 weiter. Dort sehen wir den Gottesknecht, der unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich lädt. Hier sehen wir die Menschen, die von seinem Opfer leben dürfen. 

Christus trägt unsere Last – und deshalb dürfen wir trinken. Christus gibt sein Leben – und deshalb dürfen wir leben. 

Und genau deshalb folgt auf die Einladung die Veränderung: „Der Gottlose lasse von seinem Wege … und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich sein erbarmen.“ (Jesaja 55:7) Gottes Gnade ist kein Freibrief, auf unseren alten Wegen zu bleiben. Sie ist die Kraft, einen neuen Weg einzuschlagen. 

Vielleicht gehört gerade das zum Glauben: anzuerkennen, dass Gottes Weg größer ist als unsere Vorstellung davon, wie Erlösung aussehen müsste. Jesaja sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.“ (Jesaja 55:8) 

Wir hätten vielleicht erwartet, dass Gott uns das gibt, was wir verdient haben. Stattdessen gibt er uns, was wir niemals verdienen könnten. 

Und dann wird aus dem Empfangenden ein Gebender. 

Das ist der große Übergang zu Jesaja 56. Gottes Haus soll ein „Bethaus für alle Völker“ sein (Jesaja 56:7). Der Fremde soll nicht mehr sagen: „Der Herr wird mich scheiden von seinem Volk.“ Der Ausgeschlossene bekommt einen Platz. Jesaja sagt sogar: „Ich will noch mehr sammeln zu der Schar derer, die versammelt sind.“ (Jesaja 56:8) 

Gott sammelt. 

Er sammelt Menschen aus unterschiedlichen Völkern, Lebensgeschichten und Lebenssituationen. Die Einladung wird größer, nicht kleiner. 

Das ist auch für die Wiederherstellung des Evangeliums von großer Bedeutung. Die Kirche Christi ist nicht dazu bestimmt, ein geschlossener Kreis zu sein, in dem nur diejenigen einen Platz finden, die bereits alles verstehen oder alles richtig machen. Sie soll ein Ort sein, an dem Menschen Christus kennenlernen, Heilung erfahren und Schritt für Schritt zu ihm finden können. 

Gerade deshalb ist die weltweite Kirche ein so eindrucksvolles Bild für Jesaja 56. Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Lebensgeschichten versammeln sich in Gemeinden, Tempeln und Versammlungshäusern. Was mit wenigen Menschen in der frühen Wiederherstellung begann, ist zu einer weltweiten Gemeinschaft geworden. Die Einladung des Evangeliums kennt keine nationale Grenze. 

Hier wird Jesajas Bild auch in der heutigen humanitären Arbeit der Kirche erstaunlich konkret. Nach den Erdbeben in Venezuela im Juni 2026 stellte die Kirche rund 5.000 Hilfspakete bereit, die voraussichtlich mehr als 23.500 Menschen erreichen sollten. Die Hilfe richtete sich an Menschen in Not, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Kirche Jesu Christi – Hilfe nach den Erdbeben in Venezuela 

Das ist Jesaja 55 in einer praktischen, heutigen Sprache: 

Der Durstige muss nicht zuerst erklären, wer er ist. Der Hungrige muss nicht beweisen, dass er Hilfe verdient. Wer Not leidet, darf kommen. 

Auch die weltweite humanitäre Arbeit der Kirche folgt diesem Prinzip. 2025 unterstützte die Kirche 3.514 humanitäre Projekte in 196 Ländern und Gebieten; Mitglieder und Missionare leisteten 7,4 Millionen Stunden freiwilligen Dienstes. Humanitäre Hilfe der Kirche – Bericht 2025 

Dabei geht es nicht darum, Gottes Gnade durch gute Werke zu bezahlen. Im Gegenteil: Weil Christus uns ohne Preis beschenkt, lernen wir selbst, weiterzugeben. 

Wir sind nicht die Quelle. Wir sind Menschen, die selbst getrunken haben und deshalb anderen den Weg zur Quelle zeigen können. 

Vielleicht gibt es in deiner Nähe jemanden, der gerade „Durst“ hat. Vielleicht braucht dieser Mensch kein großes theologisches Gespräch, sondern zunächst jemanden, der zuhört, eine Mahlzeit bringt, einen Anruf macht oder einfach sagt: „Ich bin für dich da.“ 

Manchmal beginnt eine Einladung zum Evangelium nicht mit Worten über das Evangelium. Sie beginnt damit, dass ein Mensch erfährt: Hier ist jemand, der mich sieht. Hier ist jemand, der mich nicht nach meiner Leistung beurteilt. Hier ist jemand, bei dem ich willkommen bin. 

So kann unser eigenes Leben zu einer kleinen Antwort auf Jesaja 56 werden. Nicht indem wir selbst die Quelle wären, sondern indem wir auf die Quelle hinweisen. 

Jesaja 56 fragt uns deshalb auch: Wen würde Jesus heute an unseren Tisch bitten? 

Vielleicht ist es jemand, an den wir bisher kaum gedacht haben. Jemand, dessen Lebensgeschichte uns fremd ist. Jemand, der sich selbst nicht für würdig hält. Oder vielleicht jemand, der mitten unter uns sitzt und trotzdem das Gefühl hat, nicht wirklich dazuzugehören. 

Wer selbst aus Gnade lebt, kann schwerlich anderen die Tür verschließen. 

Die Bewegung dieser beiden Kapitel ist wunderschön: 

Christus trägt unsere Last → Christus schenkt uns Leben → Christus sammelt uns → und wir werden selbst zu Menschen, die andere einladen. 

Ich glaube, dass Jesus Christus genau so wirkt. Er verlangt von mir nicht, dass ich den Preis meiner Erlösung selbst bezahle. Er hat ihn getragen. Ich darf mit leeren Händen kommen. Ich darf trinken, wenn ich durstig bin. Ich darf essen, wenn meine Seele hungrig ist. Und gerade weil ich selbst aus seiner Gnade lebe, möchte ich auch anderen sagen können: Komm. Du musst nichts mitbringen. Das Wasser ist da. 

Vielleicht ist das die Einladung, die Jesaja 55 heute auch an uns richtet: nicht länger nach dem zu suchen, was unsere Seele nicht sättigen kann, sondern uns Christus zuzuwenden – und dann selbst zu einem Menschen zu werden, durch den andere etwas von seiner Liebe erfahren.

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Weite dein Zelt

 

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“Erweitere den Raum deines Zeltes, und man spanne die Decken (oder: Behänge) deiner Wohnräume weit auseinander, ohne zu sparen! mache deine Zeltseile lang und schlage deine Zeltpflöcke fest ein!” (Jesaja 54:2) 

Jesaja 54 

Nach Jesaja 53 könnte man meinen, die Geschichte ende mit dem leidenden Knecht. Er wurde verwundet, verachtet und um unserer Übertretungen willen zerschlagen. Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Doch Jesaja lässt uns nicht bei den Wunden des Knechtes stehen. Hinter seinem Leiden öffnet sich ein neuer Horizont: Wiederherstellung. 

Das ist die große Bewegung von Jesaja 54. Der Erlöser heilt nicht nur den einzelnen Menschen – seine Erlösung schafft Raum für ein neues Leben und für eine neue Gemeinschaft. 

Deshalb beginnt dieses Kapitel mit einem Bild, das zunächst kaum zu der vorherigen Botschaft passen will: „Juble, du Kinderlose …“ Die angesprochene Frau hat eigentlich keinen Grund zum Jubeln. Sie ist einsam, ohne Nachkommen, verlassen. Und doch soll sie anfangen zu singen. Nicht weil ihre Situation bereits verändert wäre, sondern weil Gott ihr eine Zukunft verheißt. 

Paulus greift dieses Bild in Galater 4:22-31 auf und deutet Sara und Hagar im übertragenen Sinn. Dabei zitiert er ausdrücklich Jesaja 54:1. Sara steht für die Kinder der Verheißung. Das Entscheidende ist: Gott erfüllt seine Verheißungen auch dann, wenn alles dagegen spricht. Sara war zunächst kinderlos. Israel war im Exil. Zion schien verlassen. Doch Gottes Zukunft hängt nicht von den sichtbaren Möglichkeiten der Gegenwart ab.  

Vielleicht ist das manchmal auch unsere Geschichte. 

Wir schauen auf unser Leben und sehen etwas, das nicht mehr zu reparieren scheint. Eine Beziehung ist zerbrochen. Eine Krankheit hat Pläne verändert. Ein Verlust hat eine Leerstelle hinterlassen. Eine Enttäuschung hat Vertrauen zerstört. Vielleicht haben wir so lange gewartet, dass wir inzwischen gelernt haben, unsere Erwartungen klein zu halten. 

Und dann sagt Gott nicht zuerst: „Ich werde dir alles erklären.“ 

Er sagt: „Weite dein Zelt.“ 

Ein Zelt ist ein bemerkenswertes Bild. Es ist kein Palast. Es ist beweglich und erweiterbar. Wenn eine Familie wächst, werden die Zeltdecken weiter gespannt, die Seile verlängert und neue Pflöcke eingeschlagen. Das Zelt kann größer werden, ohne seine Stabilität zu verlieren. 

Geistlich bedeutet das: Gottes Heil führt nicht einfach zurück in die Vergangenheit. Es führt in einen größeren Raum. 

Manchmal wünschen wir uns nach einer schweren Zeit nur, wieder der Mensch zu sein, der wir vorher waren. Gott aber hat vielleicht etwas Größeres vor. Er möchte nicht lediglich das alte Zelt reparieren. Er möchte unser Herz so weit machen, dass darin neue Erfahrungen, neue Menschen und neue Aufgaben Platz finden. 

Jesaja beschreibt anschließend die Wiederherstellung mit Edelsteinen: „O du Bedrängte, vom Sturm Ergriffene, Ungetröstete! Siehe, ich will deine Steine in prächtige Farben legen …“ (Jesaja 54:11). 

Auch dieses Bild ist bemerkenswert. Der Sturm wird nicht geleugnet. Die Frau war tatsächlich „vom Sturm ergriffen“. Gott sagt nicht: „Es gab keinen Sturm.“ Er sagt vielmehr: Aus dem Ort, an dem du verwundet wurdest, kann etwas Kostbares entstehen. 

Das erinnert unmittelbar an Christus. Seine Auferstehung hat die Wunden seines Leidens nicht ausgelöscht. Die Zeichen der Nägel blieben. Heilung bedeutet deshalb nicht immer, dass die Vergangenheit ungeschehen wird. Manchmal bedeutet sie, dass das, was uns verletzt hat, nicht länger bestimmen darf, was aus unserem Leben wird. 

Dann verwendet Jesaja das Bild einer verlassenen Ehefrau. Israel wird als eine Frau beschrieben, die sich verlassen und beschämt fühlt. Doch der Herr sagt: „Denn dein Schöpfer ist dein Eheherr … und dein Erlöser ist der Heilige Israels.“ (Jesaja 54:5). 

Das Bild beschreibt die Bundesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk. Die Vergangenheit soll nicht das letzte Wort behalten. „Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“ Gottes Güte ist stärker als die Zeit der Verlassenheit. 

Und dann spricht Jesaja vom Sturm noch einmal: Berge mögen weichen und Hügel fallen – aber Gottes Güte wird nicht von seinem Volk weichen und sein Bund nicht aufgehoben werden. 

Diese Verheißung reicht über das damalige Israel hinaus. 3 Nephi 22 zitiert Jesaja 54 vollständig. Der auferstandene Christus selbst lässt dieses Kapitel den Nephiten verkünden. Damit wird deutlich: Die Verheißung gehört auch zur Sammlung Israels in den letzten Tagen. Zion wird aufgerichtet, Gottes Volk wird gesammelt und das Zelt wird weit. 

Damit wird aus dem persönlichen Trost eine weltweite Verheißung. 

Das „weite Zelt“ ist nicht nur mein Zelt und nicht nur dein Zelt. Es ist Gottes Zelt. Menschen aus allen Nationen und Sprachen sollen darin Raum finden. 

Gerade die weltweite Kirche macht dieses Bild anschaulich. In Afrika etwa begann die Wiederherstellung vielerorts mit kleinen Gruppen von Menschen, die trotz großer Hindernisse am Glauben festhielten. In Ghana warteten Gläubige über Jahre auf die Möglichkeit, offiziell Teil der wiederhergestellten Kirche zu werden. Joseph William Billy Johnson hielt gemeinsam mit anderen Gläubigen trotz Widerständen und jahrelangen Wartens an seiner Hoffnung fest. Was einst mit kleinen Gruppen begann, ist heute eine große und wachsende Gemeinschaft. Das Zelt wurde weiter. "Die Geschichte von Billy Johnson – Ghana" 

Heute sieht das Bild ganz anders aus. Die Kirche ist in Ghana tief verwurzelt und wächst in vielen Teilen Afrikas weiter. Was einst klein und beinahe unsichtbar erschien, ist zu einer großen Gemeinschaft geworden. 

Das ist Jesaja 54 in Bewegung: Das Zelt wird weiter. 

Und dieses Wachstum ist nicht nur eine Frage von Zahlen. Es geht um Menschen, die einander aufnehmen, tragen und stärken. Einer spannt sein Seil weiter, damit ein anderer Platz findet. Einer hält einen Pflock fest, wenn der Sturm kommt. Einer öffnet eine Tür für jemanden, der bisher draußen stand. 

Auch das Bild des Schmieds und der Waffen in Vers 16 und 17 gehört dazu. Gott sagt: „Keine Waffe, die gegen dich geschmiedet wird, soll Erfolg haben.“ 

Das bedeutet nicht, dass Gottes Volk niemals angegriffen wird. Jesaja weiß, dass Waffen geschmiedet werden. Der Unterschied liegt darin, dass die Waffe nicht das letzte Wort bekommt. 

Vielleicht ist das eine wichtige Lektion für unser eigenes Leben. Wir können nicht verhindern, dass Menschen uns enttäuschen. Wir können nicht jeden Verlust, jede Krankheit oder jeden Sturm vermeiden. Wir können nicht kontrollieren, welche Waffen gegen uns geschmiedet werden. 

Aber durch Christus müssen wir ihnen nicht erlauben, unsere Zukunft zu bestimmen. 

Darum lautet die praktische Frage dieses Kapitels vielleicht nicht: „Wie werde ich wieder der Mensch, der ich einmal war?“ Sondern: 

„Welchen Raum möchte der Herr jetzt in meinem Leben schaffen?“ 

Kann ich mein Zelt für einen Menschen weiter machen, den ich bisher nur schwer verstanden habe? Kann ich nach einer Enttäuschung wieder Vertrauen wagen? Kann ich jemanden aufnehmen, der sich einsam fühlt? Kann ich meine Familie oder meine Gemeinde zu einem Ort machen, an dem Menschen Schutz und Zugehörigkeit finden? 

Vielleicht bedeutet „Weite dein Zelt“ manchmal auch ganz einfach: Glaube wieder daran, dass dein Leben Zukunft hat. 

Die Joseph-Smith-Übersetzung bestätigt beim Vergleich die grundlegende Botschaft von Jesaja 54. Besonders die Verheißung in Vers 10 bleibt eindrucksvoll: Selbst wenn Berge und Hügel weichen, wird Gottes Güte nicht von seinem Volk weichen und sein Bund nicht aufgehoben werden. 

Und genau hier führt Jesaja wieder zu Christus zurück. 

Der leidende Knecht aus Kapitel 53 ist nicht im Leiden geblieben. Seine Wunden wurden zum Weg unserer Heilung. Seine Erniedrigung führte zur Erhöhung. Und seine Erlösung schafft nun einen Raum, der immer größer wird. 

Weite dein Zelt. 

Vielleicht bedeutet das heute nicht, dass du sofort eine große Veränderung vornehmen musst. Vielleicht spannst du deine Seile im Moment noch vorsichtig. Vielleicht sitzt du nach einem Sturm erst einmal still da und weißt nicht, wie du weiterleben sollst. 

Dann erinnere dich daran: Der Herr sieht nicht nur das Zelt, das heute vor dir steht. Er sieht den Raum, den es einmal haben kann. 

Er sagt nicht: „Vergiss deinen Sturm.“ 

Er sagt: „Ich werde dich sammeln.“ 

Er sagt nicht: „Deine Wunden haben keine Bedeutung.“ 

Er sagt: „Ich kann daraus etwas Kostbares entstehen lassen.“ 

Und er sagt nicht: „Deine Geschichte ist vorbei.“ 

Er sagt: „Weite dein Zelt.“ 

Denn der Erlöser, der unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen hat, möchte nicht nur unsere Wunden heilen. Er möchte uns wieder Zukunft zutrauen. Er möchte aus verlassenen Orten Räume der Gemeinschaft machen, aus Stürmen Orte der Reifung und aus kleinen Zelten eine wachsende Zion-Gemeinschaft. 

Ich glaube an diesen Christus. Ich glaube, dass seine Erlösung größer ist als unsere Vergangenheit und seine Bundestreue stärker als die Stürme, die über unser Leben hinweggehen. Ich glaube, dass er Menschen nach schweren Zeiten nicht einfach an den Ausgangspunkt zurückführt, sondern ihnen einen neuen Raum eröffnet. 

Vielleicht beginnt diese Erweiterung heute mit einem einzigen Menschen, dem wir Raum geben. Vielleicht mit einem neuen Schritt des Vertrauens. Vielleicht einfach mit dem Mut, wieder zu hoffen. 

Denn was Christus wiederherstellt, soll nicht klein bleiben.

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Er hat unsere Krankheit getragen

 

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„Und doch war er verwundet (oder: durchbohrt) um unserer Übertretungen (oder: Missetaten) willen und zerschlagen infolge unserer Verschuldungen (oder: Sünden): die Strafe war auf ihn gelegt zu unserm Frieden (= uns zum Heil), und durch seine Striemen ist uns Heilung zuteil geworden“ (Jesaja 53.5) 

Jesaja 53 

Es gibt Worte in den heiligen Schriften, die wir kennen, lange bevor wir verstehen, wie tief sie reichen. Jesaja 53 gehört für mich zu diesen Worten. Wir lesen von einem Mann, der verachtet und verworfen wird, von einem „Mann der Schmerzen“, von Wunden, Leiden und Tod. Wir erkennen darin den Erlöser. Wir sehen das Kreuz. Wir denken an Gethsemane. 

Aber vielleicht reicht das noch nicht weit genug. 

Denn Jesaja sagt nicht nur: Er hat unsere Sünden getragen. Er sagt: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ (Jesaja 53:4). Der Messias trägt nicht nur das, was wir falsch gemacht haben. Er trägt auch das, was uns widerfährt. Er trägt unsere Verwundungen, unsere Schwachheit, unsere Einsamkeit, unsere Angst, unsere Trauer und unsere Schmerzen. 

Das Buch Mormon macht diese Wahrheit noch deutlicher. Alma bezeugt, dass Jesus Christus „Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art“ auf sich nehmen werde. Er werde „die Schmerzen und die Krankheiten seines Volkes“ tragen und unsere Schwächen auf sich nehmen, damit er wisse, wie er uns „gemäß unseren Schwächen beistehen“ könne. (Alma 7:11-13) 

Das ist für mich einer der tröstlichsten Gedanken des Evangeliums. 

Christus hilft uns nicht nur, weil er allmächtig ist. Er hilft uns auch, weil er weiß. 

Er weiß, wie sich Schmerz anfühlt. 

Er weiß, was Einsamkeit bedeutet. 

Er weiß, wie es ist, missverstanden, zurückgewiesen und verspottet zu werden. 

Er weiß, was es bedeutet, Angst vor dem Kommenden zu haben. 

Er weiß, wie sich körperliche Erschöpfung anfühlt. 

Er weiß, wie es ist, wenn Menschen, die man liebt, leiden. 

Und deshalb ist sein Mitgefühl nicht theoretisch. Es ist nicht das distanzierte Mitgefühl eines Menschen, der von außen auf unser Leben schaut. Christus hat das menschliche Leiden selbst betreten. 

Alma gebraucht dafür eine bemerkenswerte Formulierung: Christus werde wissen, wie er uns „gemäß dem Fleische“ beistehen könne. 

Er weiß nicht nur über unseren Schmerz Bescheid. Er kennt ihn. 

Das verändert die Art, wie wir Jesaja 53 lesen. 

Vielleicht gibt es in deinem Leben eine Wunde, die niemand sonst vollständig versteht. Vielleicht ist es etwas, worüber du kaum sprichst. Eine Enttäuschung. Eine Trauer. Eine zerbrochene Beziehung. Ein Versagen. Eine Krankheit. Eine lange Zeit der Einsamkeit. Vielleicht eine Schuld, die du bereut hast, deren Folgen aber trotzdem noch in deinem Leben spürbar sind. 

Dann sagt Jesaja nicht: Du musst dich zuerst selbst heilen, damit Christus zu dir kommen kann. 

Er sagt: Er ist bereits dort gewesen. 

„Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ 

Heilung bedeutet dabei nicht immer, dass die Erinnerung verschwindet oder dass jede Krankheit sofort endet. Manchmal besteht Heilung darin, dass eine Wunde nicht länger unser Verhältnis zu Gott bestimmt. Manchmal bedeutet sie, dass wir trotz einer bleibenden Einschränkung wieder Hoffnung finden. Manchmal verändert Christus nicht sofort unsere Umstände, sondern zuerst unsere Fähigkeit, sie mit ihm zu tragen. 

Gerade deshalb gefällt mir die Verbindung zu Jesaja 42:3, wo vom Messias gesagt wird: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Auch die Inspired Version bewahrt diese eindrucksvolle Beschreibung des Erlösers. 

Jesus Christus geht mit Zerbrochenem anders um als die Welt. 

Die Welt fragt häufig: Was ist noch brauchbar? 

Christus fragt: Was kann ich heilen? 

Die Welt sieht Schwäche. 

Christus sieht einen Menschen. 

Die Welt sieht das zerbrochene Gefäß. 

Christus sieht, was daraus durch seine Gnade noch werden kann. 

Elder Jeffrey R. Holland hat dieses Bild in seiner Ansprache „Wie ein zerbrochenes Gefäß“ auf eine besonders eindringliche Weise auf unser Leben angewandt. Er sprach offen über seelische und emotionale Leiden und erinnerte daran, dass solche Erfahrungen keine Schande sind. Auch Menschen, die glauben, beten und sich bemühen, können zutiefst verwundet sein. 

Das ist eine wichtige Wahrheit, denn manchmal machen wir unser Leiden noch schwerer, indem wir glauben, wir müssten als gläubige Menschen immer stark sein. 

Aber Jesaja 53 zeigt uns einen anderen Weg. 

Der Erlöser selbst wird als „Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“ beschrieben (Jesaja 53:3). 

Unser Glaube besteht deshalb nicht darin, so zu tun, als hätten wir keine Schmerzen. Unser Glaube besteht darin, mit unseren Schmerzen zu Christus zu gehen. 

Vielleicht ist das eine der praktischsten Formen des Glaubens: nicht nur unsere Sünden vor den Herrn zu bringen, sondern auch unsere Wunden. 

Im Gebet dürfen wir ihm sagen, was uns weh tut. 

Wir dürfen ihm unsere Enttäuschungen erzählen. 

Wir dürfen unsere Angst vor ihm aussprechen. 

Wir dürfen ihm auch das übergeben, was wir selbst nicht erklären können. 

Und vielleicht müssen wir dabei gar nicht immer um die sofortige Entfernung des Schmerzes bitten. Vielleicht können wir manchmal beten: „Herr, wenn ich das schon tragen muss, dann hilf mir, es nicht allein zu tragen.“ 

Das ist keine Resignation. 

Es ist Vertrauen. 

Elder Patrick Kearon hat in seiner Ansprache „Gottes Absicht ist es, Sie nach Hause zu bringen“ eine ähnliche Wahrheit aus einer anderen Perspektive bezeugt. Er erinnerte daran, dass Christus Menschen nicht zurückweist, die mit zerbrochenem Herzen zu ihm kommen. Seine gesamte Mission sei darauf ausgerichtet, zu heilen, Frieden zu geben und uns nach Hause zu bringen. 

Wie tröstlich ist dieses Bild: Gottes Absicht ist nicht, uns von ihm fernzuhalten, sondern uns zu ihm zurückzubringen. 

Das Sühnopfer Christi ist deshalb viel größer als die Vergebung einzelner Übertretungen. Es ist Gottes Antwort auf die ganze Tragödie der Sterblichkeit. 

Christus nimmt das Zerbrochene nicht einfach zur Kenntnis. 

Er tritt hinein. 

Er trägt. 

Er tröstet. 

Er stärkt. 

Er heilt. 

Und eines Tages wird er vollkommen wiederherstellen. 

Vielleicht verstehen wir deshalb auch besser, warum Jesaja am Ende seines Liedes nicht bei den Wunden stehen bleibt. Der leidende Knecht wird nicht besiegt bleiben. Sein Leiden führt zu Rechtfertigung, Leben und Sieg. Die Inspired Version benennt das Kapitel ausdrücklich als Beschreibung von Christi Dienst, Leiden und Tod. 

Das Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte. 

Das Grab ist nicht das Ende der Geschichte. 

Und auch unsere Wunde ist nicht das Ende unserer Geschichte. 

Für den Jünger Jesu Christi gibt es immer noch ein Danach. 

Das bedeutet nicht, dass wir heute schon jede Antwort erhalten. Manche Gebete bleiben lange offen. Manche Krankheiten bleiben. Manche Verluste lassen sich nicht rückgängig machen. Manche Narben verschwinden nicht. 

Aber Christus selbst bleibt. 

Und vielleicht ist das die tiefste Bedeutung des Wortes Heilung: Nicht dass alles so wird, als wäre niemals etwas geschehen, sondern dass Christus selbst in unser Geschehen tritt und es durch seine Gegenwart verwandelt. 

Ich denke dabei an Menschen, die ich kennengelernt habe, deren Leben nicht leicht war und die dennoch eine stille, beinahe unbegreifliche Hoffnung ausstrahlten. Ihre Wunden waren nicht immer verschwunden. Aber ihre Wunden hatten aufgehört, das letzte Wort zu haben. 

Das ist für mich ein Zeugnis für Jesaja 53. 

Ich glaube, dass Jesus Christus tatsächlich unsere Schmerzen getragen hat. Ich glaube, dass er nicht nur weiß, was ich falsch gemacht habe, sondern auch weiß, was mir wehgetan hat. Ich glaube, dass ich ihm nichts erklären muss, damit er mich versteht. Und ich glaube, dass seine Heilung manchmal plötzlich kommt, manchmal langsam wächst und manchmal erst in ihrer ganzen Fülle jenseits dieses Lebens sichtbar werden wird. 

Wenn ich an meine eigenen Schwächen und Verwundungen denke, tröstet mich deshalb nicht allein der Gedanke, dass Christus stark ist. 

Mich tröstet der Gedanke, dass er mich kennt. 

Er kennt meine Krankheit. 

Er kennt meinen Schmerz. 

Er kennt meine Angst. 

Und er kennt den Weg durch alles hindurch. 

Darum kann ich meine Wunden in seine Hände legen. 

Denn die Hände, in die ich sie lege, sind selbst von Nägeln gezeichnet.

Dienstag, 6. Oktober 2026

Fürchte dich nicht, denn dein Erlöser lebt

 

(Bildquelle)

„Ich, ich bin es, der euch tröstet: wer bist du gewesen, daß du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterblich sind, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen?“ (Jesaja 51:12) 

Jesaja 51 und 52 

Es gibt Zeiten, in denen die Angst größer wird als unsere Erinnerung. Wir sehen, was vor uns liegt, und vergessen, was hinter uns liegt. Wir sehen die Bedrohung und vergessen den, der uns bisher getragen hat. Wir sehen die Unsicherheit und verlieren aus dem Blick, dass Gott schon unzählige Male Wege durch scheinbar unüberwindbare Hindernisse geschaffen hat. 

Genau in eine solche Situation hinein spricht Jesaja. 

Die Menschen, zu denen er spricht, kennen Leid. Sie kennen Verlust, Unsicherheit und das Gefühl, dass Gott weit entfernt sein könnte. Und doch beginnt Jesaja 51 nicht mit einer neuen Warnung, sondern mit einer Aufforderung zur Erinnerung: „Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht! Blickt hin auf den Felsen, aus dem ihr gehauen seid, und auf die Grube, aus der ihr herausgegraben wurdet.“ (Jesaja 51:1) 

Das ist bemerkenswert. Wenn wir Angst haben, sagt der Herr nicht zuerst: Schau auf die Gefahr. Er sagt: Schau zurück. Erinnere dich. 

Erinnere dich daran, woher du kommst. Erinnere dich daran, was Gott bereits getan hat. Erinnere dich an Abraham und Sara. Aus einem einzelnen Menschen und einer scheinbar unmöglichen Verheißung machte Gott ein Volk. Aus einem Anfang, der menschlich betrachtet viel zu klein erschien, entstand etwas Großes. 

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten geistlichen Übungen des Glaubens: Wir müssen lernen, unsere gegenwärtige Situation im Licht der vergangenen Treue Gottes zu betrachten. 

Jesaja führt diesen Gedanken weiter. Zion liegt wie eine Wüste vor ihm, doch Gott sagt: „Der HERR wird Zion trösten, wird alle ihre Trümmerstätten trösten; er macht ihre Wüste wie Eden und ihre Steppe wie den Garten des HERRN.“ (Jesaja 51:3) 

Gott verspricht nicht, dass es niemals Wüsten geben wird. Er verspricht, dass die Wüste nicht das letzte Wort behalten wird. 

Das wird besonders deutlich, wenn Jesaja wenig später sagt: „Fürchtet euch nicht vor der Schmähung der Menschen und erschreckt nicht vor ihren Lästerungen.“ (Jesaja 51:7) Und dann folgt die wunderbare Zusage: „Ich, ich bin es, der euch tröstet.“ (Jesaja 51:12) 

Angst richtet unseren Blick häufig auf Menschen, Umstände und Möglichkeiten. Vertrauen richtet unseren Blick auf den Herrn. 

Das bedeutet nicht, dass gläubige Menschen keine Angst kennen. Die Heiligen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kannten sie sehr wohl. Viele hatten Angehörige verloren, waren aus ihrer Heimat geflohen, lebten unter Hunger und Entbehrung und wussten nicht, was der nächste Tag bringen würde. Dennoch blieb der Glaube bestehen. 

Eine besonders eindrucksvolle Geschichte erzählt von Ilse und Herbert Kaden in Ostdeutschland. 1945 versuchte Ilse durch Tauschgeschäfte Lebensmittel für ihre Familie zu beschaffen. Sie besserte Socken aus, um dafür Butter, Quark, Eier und Milch zu bekommen, und strickte Jacken gegen Mehl. Später verlor ihr Mann seine Arbeitsstelle, weil er sich weigerte, seine Zugehörigkeit zur Kirche zu verleugnen. Trotzdem blieben beide ihrem Glauben treu und stärkten andere Mitglieder. Jahrzehnte später wurden sie Tempelarbeiter im Freiberg-Tempel. 

Was mich daran berührt, ist nicht nur das spätere Wunder des Tempels. Es ist die Treue dazwischen. 

Als Ilse und Herbert Kaden noch nichts von Freiberg wussten, lebten sie trotzdem ihren Glauben. 

Das ist Hoffnung. 

Hoffnung bedeutet nicht, dass ich bereits weiß, wie Gott eine Situation lösen wird. Hoffnung bedeutet, dass ich weiß, wer Gott ist, auch wenn ich noch nicht weiß, was er tun wird. 

Die Geschichte der Kirche in Ostdeutschland ist dafür ein eindrucksvolles Zeugnis. Jahrzehntelang waren die Möglichkeiten der Mitglieder eingeschränkt. Missionare durften nicht frei wirken, kirchliche Materialien waren teilweise verboten und die Verbindung zur Kirchenleitung war schwierig. Dennoch versammelten sich die Heiligen, sangen gemeinsam und stärkten einander. 

Und dann geschah etwas, das aus menschlicher Sicht kaum vorhersehbar gewesen wäre. 

1985 wurde in Freiberg der erste Tempel in einem kommunistischen Land geweiht. Nur wenige Jahre später fiel die Berliner Mauer und Deutschland wurde wiedervereinigt. 

Jesaja hätte dafür ein Bild gefunden: „Erwache! Erwache! Bekleide dich mit deiner Kraft, Zion!“ (Jesaja 52:1). 

In Lehre und Bündnisse 113 erhält diese Aufforderung durch Joseph Smith eine bemerkenswerte zusätzliche Bedeutung. Dort wird Jesaja 52:1 auf diejenigen bezogen, die in den letzten Tagen berufen werden, Zion wiederherzustellen. „Seine Stärke anziehen“ wird mit der Vollmacht des Priestertums verbunden; die Fesseln des Halses werden als Aufforderung an die zerstreuten Überreste verstanden, zum Herrn zurückzukehren. Und wenn sie zurückkehren, verheißt der Herr, dass er zu ihnen sprechen und Offenbarung geben wird. 

Damit bekommt Jesaja 52 eine sehr persönliche Dimension. 

Aufstehen beginnt mit Umkehr. 

Der Herr sagt nicht einfach: „Sei stärker.“ Er sagt sinngemäß: Komm zurück zu mir. Löse dich aus den Fesseln. Empfange wieder meine Stimme. Zieh die Stärke an, die von mir kommt. 

Das passt wunderbar zu dem Weg, den Jesaja 51 und 52 beschreiben: 

Leid → Angst → Erinnerung → Vertrauen → Aufstehen. 

Und dann geschieht etwas Entscheidendes: Der Blick richtet sich nicht mehr nur auf Zion, sondern auf den kommenden Erlöser. 

Jesaja 52 endet mit dem Bild des Knechtes, dessen Aussehen entstellt sein wird und der dennoch viele Nationen sammeln wird. Damit öffnet sich unmittelbar die Tür zu Jesaja 53 – zu dem Knecht, der unsere Krankheit trägt und unsere Schmerzen auf sich lädt. 

Die Hoffnung Israels ist deshalb keine abstrakte Hoffnung. Sie hat ein Gesicht. 

Jesus Christus. 

Der Apostel Neil L. Andersen hat einmal daran erinnert, dass unser Glaube in Krisenzeiten nicht dadurch stärker wird, dass wir alle Antworten bekommen, sondern indem wir unseren Blick bewusst auf Jesus Christus richten. Hoffnung in Christus gibt uns die Kraft, durch Unsicherheit hindurchzugehen. Auch David A. Bednar hat diesen Gedanken eindringlich formuliert: Wenn wir auf den Erlöser schauen und ihm vertrauen, können wir Hoffnung und geistige Festigkeit empfangen, selbst wenn um uns herum Verwirrung herrscht. 

John H. Groberg hat bei einer BYU-Ansprache sogar davon gesprochen, dass Glaube und Hoffnung miteinander verbunden sind: Der Glaube erinnert sich an Gottes Wirken in der Vergangenheit und hofft auf seine Verheißungen für die Zukunft. Gerade deshalb kann Hoffnung uns durch eine Gegenwart tragen, deren Ausgang wir noch nicht kennen. 

Vielleicht brauchen wir genau diese Erinnerung heute. 

Vielleicht ist deine persönliche „Wüste“ noch nicht vorbei. Vielleicht gibt es eine Frage, auf die du noch keine Antwort bekommen hast. Vielleicht erwartest du seit langer Zeit eine Veränderung und fragst dich manchmal, ob Gott deine Gebete überhaupt hört. 

Dann spricht Jesaja auch zu dir: 

„Ich, ich bin es, der euch tröstet.“ 

Nicht: Du musst alles verstehen. 

Nicht: Du musst wissen, wie es weitergeht. 

Sondern: Fürchte dich nicht. Erinnere dich, wem du gehörst. Schau auf den Felsen, aus dem du gehauen wurdest. Schau auf Christus. Und dann steh auf. 

Denn der Erlöser, auf den Jesaja hinweist, lebt. 

Und wenn Christus lebt, dann ist keine Wüste endgültig, kein Verlust das letzte Kapitel und keine Nacht ohne Morgen. 

Ich glaube, dass Gott uns nicht immer sofort aus unseren schwierigen Umständen herausführt. Aber ich glaube ebenso, dass er uns darin nicht allein lässt. Manchmal besteht das Wunder zunächst nur darin, dass wir am nächsten Morgen wieder aufstehen, wieder beten, wieder glauben und wieder einen kleinen Schritt gehen können. 

Vielleicht ist genau das „Stärke anziehen“. 

Ich bin dankbar für einen Erlöser, der nicht nur unsere Sünden, sondern auch unsere Schmerzen, Ängste und Lasten kennt. Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass Jesus Christus lebt und dass seine Verheißungen größer sind als die Umstände, die uns heute bedrängen. Und ich glaube, dass wir Hoffnung bewahren können, wenn wir uns erinnern: Gott war treu – und er wird treu bleiben.