„Denn so hat Gott der HErr gesprochen: „Wisset wohl, ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich ihrer annehmen.“ (Ezechiel 34:11)
Was geschieht, wenn Menschen versagen, auf die wir vertraut haben? Wenn jemand, von dem wir erwartet hätten, dass er uns schützt, uns übersieht? Wenn ein geistlicher Führer mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit den Menschen, für die er Verantwortung trägt? Wenn wir enttäuscht werden, verletzt zurückbleiben oder uns schließlich sogar von der Gemeinschaft entfernen?
Ezechiel 34 gibt darauf eine Antwort, die zunächst wie ein Gerichtswort klingt und doch zu einer der tröstlichsten Verheißungen des Alten Testaments wird.
Gott spricht gegen die Hirten Israels. Sie haben ihre Aufgabe vergessen. Sie haben sich selbst geweidet, aber nicht die Herde. Sie haben die Milch getrunken, sich mit der Wolle bekleidet und die besten Tiere geschlachtet, aber die Schwachen nicht gestärkt, die Kranken nicht geheilt, die Verwundeten nicht verbunden und die Verlorenen nicht gesucht. Deshalb zerstreute sich die Herde.
Es ist bemerkenswert, dass Gott das Versagen der Hirten nicht kleinredet. Er sagt nicht: „Das war eben menschlich.“ Er sagt nicht: „Du musst darüber hinwegsehen.“ Gott nimmt ernst, wenn Menschen verletzt werden, weil diejenigen, die ihnen hätten dienen sollen, es nicht getan haben.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches.
Gott sagt nicht: Dann ist es eben vorbei.
Er sagt: „Ich selbst will meine Schafe suchen.“
Das ist der Wendepunkt.
Wenn menschliche Hirten versagen, gibt Gott seine Schafe nicht auf.
Die Kirche Jesu Christi lehrt uns nicht, dass Menschen unfehlbar sind. Im Gegenteil: Jeder, der eine Berufung trägt, bleibt ein Mensch mit Schwächen, blinden Flecken und eigenen Herausforderungen. Aber hinter allen menschlichen Berufungen steht ein Hirte, der vollkommen ist. Die Kirche ist nicht deshalb sicher, weil jeder Mensch, der dient, vollkommen wäre. Sie ist sicher, weil Jesus Christus der eigentliche Hirte ist.
Die heiligen Schriften verbinden Ezechiel 34 deshalb unmittelbar mit Christus. Der Herr verheißt: „Ich werde über sie einen einzigen Hirten einsetzen … meinen Knecht David.“ (Ezechiel 34:23). Damit ist nicht der längst verstorbene König David gemeint, sondern der verheißene Nachkomme Davids: Jesus Christus.
Psalm 23 hatte diesen Gedanken bereits ausgesprochen: „Der Herr ist mein Hirte.“ Jesaja sah ihn voraus: „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und an seinem Busen tragen.“ Und Jesus selbst sagt später: „Ich bin der gute Hirt.“
Ezechiel beschreibt dann ganz konkret, was dieser gute Hirte tut: Er sucht, er kümmert sich, er sammelt, er führt auf gute Weide, er bringt das Vertriebene zurück, er verbindet das Verletzte und stärkt das Kranke.
Das ist mehr als ein schönes Bild. Es beschreibt Gottes Umgang mit Menschen.
Vielleicht bist du nicht verloren, weil du rebelliert hast. Vielleicht bist du verloren gegangen, weil du verletzt wurdest.
Vielleicht hast du dich nicht von Gott entfernt, weil du ihn nicht mehr liebst. Vielleicht hast du dich zurückgezogen, weil jemand, der in seinem Namen handeln sollte, dich enttäuscht hat.
Ezechiel sagt: Auch dann bist du nicht vergessen.
Gott macht einen Unterschied zwischen dem verlorenen und dem vertriebenen Schaf. Das eine ist vielleicht selbst davongelaufen; das andere wurde zerstreut. Für den guten Hirten sind beide wichtig. Er fragt nicht zuerst: „Wer ist schuld?“ Er sucht.
Diese Wahrheit begegnet uns auch im Buch Mormon. Alma beschreibt Menschen, die „wie Schafe ohne Hirten“ vom Weg abgekommen sind. Und dann sagt er: „Der gute Hirte ruft euch; ja, und in seinem eigenen Namen ruft er euch, nämlich im Namen Christi.“ (Alma 5:37-38)
Christus ruft persönlich.
Das ist vielleicht einer der schönsten Gedanken dieses Kapitels. Der Hirte kennt nicht nur die Herde. Er kennt die einzelnen Schafe.
In einer Ansprache über Ezechiel 34 wurde die Geschichte eines alten Hirten erzählt, der ein verletztes Schaf aufnahm und immer wieder über dessen Kopf strich. Als der Übersetzer erklärte, was er zu dem Tier sagte, lautete die Antwort: Er nannte es beim Namen. Denn ein guter Hirte kenne jedes seiner Schafe beim Namen. “Lost and Found” Mark Alden Callister.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer Organisation und dem Evangelium Jesu Christi: Für Gott bist du keine Nummer in einer Herde. Du bist ein Mensch, den er kennt.
Das wird besonders deutlich, wenn wir in die neuere Kirchengeschichte schauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Heiligen in Deutschland in einer geradezu erschütternden Situation. Mehr als 600 deutsche Mitglieder waren getötet worden, 2.500 wurden vermisst, viele waren obdachlos, und fast jedes Kirchengebäude war zerstört.
Und doch war die Herde nicht vergessen.
Ein beeindruckendes Beispiel sind Ilse und Herbert Kaden in Ostdeutschland. Herbert kehrte 1945 aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager zurück. Die Familie musste ihre Wohnung verlassen; politische Unsicherheit und wirtschaftliche Not bestimmten ihr Leben. Dennoch blieben die Kadens in Ostdeutschland. Herbert sagte später rückblickend: Wenn alle Mitglieder in den Westen gegangen wären, hätte es dort keine Kirche und keinen Tempel gegeben. Schließlich dienten beide im Freiberg-Tempel und später als Tempelmissionare. BYU Studies – Ilse und Herbert Kaden, „Behind the Iron Curtain“
Man könnte sagen: In einer Zeit, in der vieles auseinanderfiel, wurden manche Menschen selbst zu Hirten füreinander.
Das ist die zweite Seite von Ezechiel 34. Nachdem Gott sagt, „Ich selbst will meine Schafe suchen“, beschreibt er zugleich, was seine Hirten tun sollen. Wer Christus nachfolgt, wird nicht zum Besitzer der Herde, sondern zu einem Unterhirten. Wir gehören Christus nicht, weil wir andere kontrollieren, sondern weil wir ihnen helfen, seine Stimme wiederzuerkennen.
Elder Mark Alden Callister hat in einer BYU-Andacht genau dieses Bild aufgegriffen. Er beschreibt Menschen, die durch liebevollen Dienst zu „Unterhirten“ werden: Sie suchen die Verirrten, helfen ihnen aus der Wüste und führen sie wieder zu den lebendigen Wassern.
Und vielleicht liegt hier die praktische Anwendung für uns.
Wir können heute jemanden suchen.
Nicht jemanden beurteilen – suchen.
Wir können einen Anruf machen, den wir schon lange vor uns herschieben. Wir können jemanden nach langer Abwesenheit wieder einladen. Wir können zuhören, ohne sofort Antworten geben zu müssen. Wir können einem Verletzten nicht erklären, warum er sich nicht verletzt fühlen sollte, sondern zunächst einfach bei ihm bleiben.
Vielleicht braucht jemand heute keine Predigt.
Vielleicht braucht er einen Hirten.
Einen Menschen, durch den er wieder spürt, dass der große Hirte ihn nicht vergessen hat.
Deshalb führt die Suche des Hirten letztlich immer zu Christus. Menschliche Hirten können uns enttäuschen. Christus nicht. Menschen können uns übersehen. Christus kennt uns. Menschen können uns nicht finden. Christus weiß, wo wir sind.
Und manchmal findet er uns gerade dort, wo wir selbst nicht mehr wissen, wie wir zurückkommen sollen.
Das ist auch die Botschaft der Joseph-Smith-Übersetzung zu Jesu Gleichnis vom verlorenen Schaf. Dort wird die Suche noch eindringlicher beschrieben: Der Hirte geht dem Verlorenen „in die Wildnis nach, bis er es findet“ (JST Luke 15:4). Die Inspired Version enthält tatsächlich auch das Buch Ezechiel; die vergleichende Ausgabe weist allerdings nur bei bestimmten Versen textliche Abweichungen aus, während Ezechiel 34 nicht zu den dort hervorgehobenen Änderungen gehört. Gerade deshalb liegt die besondere Ergänzung hier weniger in einer veränderten Formulierung von Ezechiel 34 als in der Joseph-Smith-Übersetzung des Gleichnisses: Christus sucht nicht ungefähr. Er sucht bis er findet.
Vielleicht ist das heute Gottes Wort an jemanden, der sich selbst bereits abgeschrieben hat:
Du bist nicht vergessen.
Du bist nicht zu weit entfernt.
Du bist nicht nur eines von vielen Schafen.
Der Hirte kennt deinen Namen.
Und er sucht dich.
Ich weiß, dass Jesus Christus wirklich der gute Hirte ist. Ich weiß, dass er auch dann nach uns sucht, wenn wir uns selbst nicht mehr zurechtfinden. Ich habe erlebt, dass seine Führung oft durch Menschen kommt, die zur richtigen Zeit anrufen, zuhören, helfen, trösten oder einfach bleiben. In solchen Augenblicken erkenne ich etwas von dem, was Ezechiel beschreibt: Gott lässt seine Schafe nicht los. Er sucht sie. Er sammelt sie. Er heilt ihre Wunden. Und er führt sie schließlich zu einer Weide, auf der ihre Seele wieder Frieden findet.


