„Wer also unter euch allen zu seinem Volke gehört, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue dort das Haus (= den Tempel) des HErrn, des Gottes Israels; das ist der Gott, der in Jerusalem wohnt.“ (Esra 3:3)
Als die ersten Heimkehrer aus Babylon endlich wieder den Boden Jerusalems betraten, hätte niemand es ihnen verdenken können, wenn sie zunächst an ihre eigenen Bedürfnisse gedacht hätten. Sie hatten eine lange und beschwerliche Reise hinter sich. Viele fanden ihre Heimat verwüstet vor. Häuser mussten gebaut, Felder bestellt und Familien versorgt werden. Alles sprach dafür, zuerst Sicherheit und ein normales Leben wiederherzustellen.
Doch genau das geschah nicht.
Esra berichtet in bemerkenswerter Kürze: „Und sie errichteten den Altar an seiner Stätte.“ (Esra 3:3)
Noch bevor die Mauern Jerusalems wieder standen. Noch bevor der Tempel neu errichtet wurde. Noch bevor ihre eigenen Häuser gebaut waren.
Der Altar kam zuerst.
Diese Reihenfolge ist kein zufälliges Detail der Geschichte. Sie offenbart ein geistliches Prinzip, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Heilige Schrift zieht: Wahre Wiederherstellung beginnt nicht mit äußeren Umständen, sondern mit unserer Beziehung zu Gott.
Der Altar war im Alten Testament der Ort des Opfers. Dort bekannte Israel seine Abhängigkeit vom Herrn. Dort wurde Dank ausgesprochen, dort wurden Bündnisse erneuert und Vergebung gesucht. Der Altar erinnerte das Volk daran, dass Gott der Mittelpunkt ihres Lebens sein sollte.
Für uns sieht ein Altar heute anders aus. Wir bringen keine Tieropfer mehr dar. Seit dem Sühnopfer Jesu Christi besteht das Opfer, das Gott von uns erwartet, in einem „reuigen Herzen und einem zerknirschten Geist“ (3 Nephi 9:20). Unser Altar entsteht überall dort, wo wir bewusst Zeit mit dem Herrn verbringen: im persönlichen Gebet, im Schriftstudium, beim Abendmahl, im Tempel oder überall dort, wo wir unser Herz auf ihn ausrichten.
Gerade deshalb berührt die Entscheidung der Heimkehrer so sehr. Sie warteten nicht, bis ihre Lebensumstände einfacher geworden waren. Sie sagten nicht: „Wenn erst wieder alles aufgebaut ist, werden wir uns um Gott kümmern.“
Sie machten Gott zum Anfang.
Wie oft neigen wir dazu, genau umgekehrt zu handeln?
Wir möchten erst die Ausbildung abschließen. Erst den Beruf ordnen. Erst die Familie organisieren. Erst das Haus renovieren. Erst die Sorgen bewältigen. Und irgendwann – wenn mehr Ruhe eingekehrt ist – soll auch wieder mehr Zeit für den Herrn sein.
Doch das Evangelium lehrt eine andere Reihenfolge.
Der Herr sagt nicht: „Ordne zuerst dein Leben, dann komm zu mir.“
Er lädt uns ein: „Komm zuerst zu mir – und ich werde dir helfen, dein Leben zu ordnen.“
Genau dieses Muster erkennen wir immer wieder in den heiligen Schriften.
Als Lehi mit seiner Familie Jerusalem verlassen musste, befanden sie sich ebenfalls auf einer Reise voller Unsicherheit. Dennoch berichtet Nephi immer wieder, dass sie dem Herrn Opfer darbrachten und ihn um Führung baten. Nachdem sie das Rote Meer erreicht hatten, „brachten wir dem Herrn Brandopfer dar und opferten ihm Opfer“ (1 Nephi 2:7). Bevor sie wussten, wie ihre Zukunft aussehen würde, stellten sie ihre Beziehung zu Gott an die erste Stelle.
Auch Josua erinnerte Israel nach dem Einzug in das verheißene Land daran, zuerst den Bund mit Gott zu erneuern. Bevor das Volk dauerhaft sesshaft wurde, richtete es seinen Blick erneut auf den Herrn. Geistliche Erneuerung ging dem äußeren Aufbau voraus.
Dieses Prinzip gilt ebenso heute.
Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt gelehrt, dass wir gerade in bewegten Zeiten unsere geistlichen Gewohnheiten vertiefen sollen. Während der weltweiten COVID-Pandemie forderte er die Mitglieder nicht zuerst auf, politische oder gesellschaftliche Antworten zu suchen. Stattdessen lud er sie ein, ihre Fähigkeit zu stärken, persönliche Offenbarung zu empfangen und den Herrn täglich zu suchen. Viele Mitglieder berichteten später, dass gerade regelmäßiges Gebet, Schriftstudium und Tempelvorbereitung ihnen durch eine Zeit voller Unsicherheit Frieden schenkten. Die äußeren Schwierigkeiten verschwanden nicht sofort – doch ihre innere Ausrichtung veränderte sich. Genau darin liegt die Kraft des Altars. (Siehe beispielsweise Präsident Nelsons Ansprache „Offenbarung für die Kirche, Offenbarung für unser Leben“ sowie seine Einladungen zur persönlichen Offenbarung während der Pandemie:
Interessant ist auch, warum Esra ausdrücklich erwähnt, dass die Heimkehrer den Altar trotz ihrer Angst errichteten.
„Denn Furcht war über ihnen wegen der Völker der Länder.“ (Esra 3:3)
Die Gefahr war real. Feindliche Nachbarn lebten ringsum. Politische Spannungen waren allgegenwärtig. Menschlich betrachtet hätte man zunächst Verteidigungsanlagen errichten müssen.
Doch sie bauten keinen Wachturm.
Sie bauten einen Altar.
Damit bekannten sie öffentlich, wem sie letztlich vertrauten.
Auch wir erleben Zeiten, in denen Sorgen unser Denken bestimmen wollen. Nachrichten, wirtschaftliche Unsicherheit, Krankheiten oder persönliche Herausforderungen können unsere Aufmerksamkeit vollständig beanspruchen. Dann erscheint es manchmal vernünftiger, zunächst alle Probleme lösen zu wollen, bevor wir zur Ruhe kommen und den Herrn suchen.
Doch gerade dann lädt Gott uns ein, zuerst den Altar zu errichten.
Nicht weil Gebet jedes Problem sofort beseitigt.
Sondern weil Gottes Gegenwart unsere Sicht auf jedes Problem verändert.
Jesus selbst lebte dieses Prinzip vollkommen vor. Immer wieder zog er sich zum Gebet zurück, bevor große Entscheidungen oder schwere Aufgaben vor ihm lagen. Vor der Berufung der Zwölf verbrachte er die Nacht im Gebet. Vor seinem Leiden im Garten Getsemani suchte er zuerst die Gemeinschaft mit seinem Vater. Der Sohn Gottes stellte die Verbindung zum Himmel niemals hinter die Anforderungen des Alltags zurück.
Vielleicht besteht unser persönlicher Altar heute aus wenigen Minuten stillen Schriftstudiums am frühen Morgen. Vielleicht aus einem bewussteren Abendgebet mit unserer Familie. Vielleicht aus dem Entschluss, den Tempel regelmäßiger zu besuchen oder das Abendmahl mit größerer Aufmerksamkeit zu nehmen.
Es müssen keine spektakulären Veränderungen sein.
Der Altar in Jerusalem war zunächst ebenfalls nur der Anfang.
Der Tempel folgte später.
Oft wünschen wir uns, dass Gott zuerst den Tempel unseres Lebens vollendet. Doch häufig beginnt er mit einem kleinen Altar – mit einer täglichen Entscheidung, ihn an die erste Stelle zu setzen.
Darin liegt eine große Hoffnung.
Niemand muss warten, bis sein Leben vollkommen geordnet ist, um Gott näherzukommen. Niemand muss erst alle Zweifel überwinden oder jede Schwierigkeit lösen. Der Herr erwartet keine fertigen Menschen. Er lädt willige Herzen ein.
Genau deshalb beginnt die Geschichte des Wiederaufbaus nicht mit Mauern, Fundamenten oder Bauplänen.
Sie beginnt mit Anbetung.
Mit einem Altar.
Mit Menschen, die sich bewusst dafür entscheiden, Gott den ersten Platz einzuräumen.
Ich glaube, dass dieses Prinzip heute genauso wahr ist wie damals. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Herr Ordnung in unser Leben bringt, wenn wir ihn zuerst suchen. Nicht jede Schwierigkeit verschwindet sofort. Aber Frieden zieht ein. Entscheidungen werden klarer. Hoffnung wächst. Und oft erkennen wir erst im Rückblick, dass Gott längst begonnen hatte, an unserem persönlichen Tempel zu bauen, als wir einfach nur den ersten kleinen Altar errichteten. Dafür bin ich von Herzen dankbar.


