„Ist nicht vielmehr das ein Fasten, wie ich es liebe: daß man ungerechte Fesseln löst, daß man die Bande des Knechtschaftjoches sprengt (oder: losmacht), Vergewaltigte in Freiheit setzt und jegliches Joch zerbricht?“ (Jesaja 58:6)
Was geschieht eigentlich mit meinem Glauben, wenn niemand ihn sieht? Wenn kein Gottesdienst stattfindet, keine Aufgabe auf mich wartet, niemand weiß, dass ich bete oder faste? Vielleicht liegt gerade dort die Frage, die Jesaja 58 an uns richtet: Wird unser Glaube für andere Menschen spürbar?
Das Volk Israel fastet. Es betet. Es sucht Gott. Es fragt nach seinen Wegen. Äußerlich scheint alles zu stimmen. Und doch klingt aus den Worten des Volkes eine Enttäuschung: „Warum fasten wir, und du siehst es nicht?“ Sie haben etwas getan und erwarten nun, dass Gott darauf reagiert. Aber Gott stellt ihre Frage auf den Kopf. Nicht: „Wie ernsthaft habt ihr gefastet?“ Sondern: „Was ist durch euer Fasten im Leben anderer Menschen geschehen?“
Das ist eine ernste Frage. Denn religiöse Formen können uns tatsächlich das Gefühl geben, Gott nahe zu sein, während unser Herz gegenüber dem Menschen neben uns unberührt bleibt. Wir können beten und trotzdem hart sein. Wir können fasten und trotzdem streiten. Wir können den Gottesdienst besuchen und trotzdem jemanden übersehen, der unsere Hilfe braucht.
Jesaja beschreibt deshalb ein Fasten, das weit über den Verzicht auf Nahrung hinausgeht. Es geht darum, Fesseln zu lösen, Lasten leichter zu machen, Unterdrückte freizulassen, Hungrige zu speisen, Obdachlosen Raum zu geben und Nackte zu bekleiden. In der Inspired Version wird dieser Gedanke praktisch ebenso deutlich: Das von Gott erwählte Fasten besteht darin, „die schweren Lasten“ aufzuheben, die Unterdrückten freizulassen und das eigene Brot mit den Hungrigen zu teilen. Jesaja 58 in der Inspired Version
Damit verändert sich die Bedeutung des Fastens. Fasten bedeutet nicht nur, dass ich etwas nicht tue. Es bedeutet, dass ich dadurch freier werde, etwas zu tun.
Vielleicht verzichte ich auf Nahrung, damit ich mich stärker auf Gott ausrichte. Aber das Ziel kann nicht sein, am Ende nur hungriger zu sein. Das Ziel ist, hungriger zu werden nach dem, was Gott liebt. Vielleicht verzichte ich auf etwas, damit mein Herz empfindsamer wird für den Menschen, der weniger hat als ich. Vielleicht wird aus meinem Fasten ein Opfer, aus meinem Opfer Hilfe und aus meiner Hilfe eine Begegnung, in der ein anderer Mensch etwas von der Liebe Christi spürt.
Genau hier berührt Jesaja 58 das Evangelium Jesu Christi. Der Herr fragt nicht nur nach unserer religiösen Aktivität, sondern nach der Richtung unseres Herzens.
Im Buch Mormon formuliert König Benjamin dieselbe Wahrheit mit anderen Worten: Wenn wir unseren Mitmenschen dienen, dienen wir in Wirklichkeit Gott. Der Dienst am Nächsten ist deshalb keine Nebensache des Evangeliums. Er ist eine seiner sichtbarsten Ausdrucksformen. Auch Elder Alexander B. Morrison hat in einer BYU-Andacht betont, dass die Fürsorge für Arme und Bedürftige im Zentrum des christlichen Evangeliums steht und dass unser Zeugnis nicht nur durch Worte, sondern durch ein dem Dienst gewidmetes Leben sichtbar wird. Alexander B. Morrison, „Service: The Essence of True Religion“
Interessant ist dabei, dass Jesaja nicht bei der Aufforderung stehen bleibt. Er verheißt eine Veränderung, die von außen kaum zu erzwingen wäre: „Dann wird dein Licht wie die Morgenröte hervorbrechen“ und der Herr wird sein Volk führen (Jesaja 58:8).
Das ist bemerkenswert. Wir denken häufig: Erst muss ich geistlich stark werden, dann kann ich anderen helfen. Jesaja scheint die Bewegung teilweise umzukehren. Wenn ich mein Herz für andere öffne, wenn ich mein Brot teile, wenn ich eine Last mittrage, wenn ich aufhöre, mit dem Finger auf andere zu zeigen, dann beginnt Gottes Licht auch in mir heller zu werden.
Es ist, als würde Gott sagen: Du wirst nicht ärmer, wenn du dich verschenkst. Du wirst weiter.
Das lässt sich heute eindrucksvoll in der weltweiten Kirche beobachten. Im Jahr 2025 wurden durch die humanitären und wohlfahrtsbezogenen Bemühungen der Kirche Menschen in 196 Ländern und Gebieten erreicht. Es wurden 3.514 humanitäre Projekte durchgeführt und 7,4 Millionen Stunden ehrenamtlicher Dienst erfasst. Die Hilfe reicht von Nahrung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung bis zu Katastrophenhilfe, Mobilität und Programmen zur Förderung von Eigenständigkeit. Humanitäre Dienste der Kirche
Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten „Projekte“. Hinter jedem Punkt auf der Weltkarte stehen Menschen: ein Kind, das sauberes Wasser bekommt; eine Familie, die nach einer Katastrophe wieder Hoffnung schöpft; ein Mensch, der medizinische Hilfe erhält; eine Gemeinschaft, die durch Unterstützung wieder selbstständig werden kann.
Bei einer Veranstaltung in Genf wurde dieser Gedanke 2026 besonders anschaulich. Vertreter humanitärer Organisationen sahen eine Weltkarte, auf der die humanitären Projekte der Kirche des vergangenen Jahres sichtbar wurden. Ein Vertreter des Welternährungsprogramms stellte dabei eine Verbindung zwischen der Speisung der Fünftausend durch Jesus Christus und der humanitären Arbeit unserer Zeit her.
Vielleicht ist genau das Jesaja 58: Das Brot, das wir teilen, wird zu einem Zeugnis. Das Wasser, das wir ermöglichen, wird zu einem Zeugnis. Die Hand, die einen Menschen nach einer Katastrophe aufrichtet, wird zu einem Zeugnis. Nicht weil dabei ständig von Religion gesprochen werden muss, sondern weil christliche Liebe eine Sprache besitzt, die jeder Mensch versteht.
Dabei muss unser persönliches „Fasten“ gar nicht groß sein. Vielleicht gibt es in meinem Leben jemanden, dessen Last ich leichter machen kann. Vielleicht wartet ein einsamer Mensch auf einen Anruf. Vielleicht braucht jemand keine Lösung, sondern einen Zuhörer. Vielleicht kann ich etwas von meiner Zeit, meinem Besitz oder meiner Aufmerksamkeit abgeben.
Und vielleicht besteht das eigentliche Fasten manchmal darin, mit etwas anderem aufzuhören: mit dem vorschnellen Urteil, mit der Kritik, mit dem Bedürfnis, Recht zu behalten, mit dem ständigen Blick auf mich selbst.
Jesaja nennt am Ende eine wunderbare Verheißung: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht trügt.“ (Jesaja 58:11)
Ein bewässerter Garten ist nicht für sich selbst da. Sein Leben wird sichtbar, weil andere davon profitieren können. Genau das ist vielleicht das Bild, das Gott uns für unser geistliches Leben geben möchte. Er will uns nicht lediglich zu Menschen machen, die religiöse Übungen beherrschen. Er möchte unser Herz so verändern, dass durch uns etwas von seiner Güte zu anderen gelangt.
Das passt auch zu einer bemerkenswerten BYU-Andacht von Richard J. Maynes. Er erinnerte daran, dass unser „Nächster“ nicht nur der Mensch ist, der uns ähnlich ist, sondern jeder, der Hilfe braucht. Deshalb wurde JustServe als Möglichkeit geschaffen, Menschen ganz praktisch mit Gelegenheiten zum freiwilligen Dienst zu verbinden. Richard J. Maynes, „Shape Your Life Through Service to Others“
Vielleicht sollten wir Jesaja 58 deshalb nicht nur lesen, sondern einmal persönlich beten: „Herr, zeige mir, wie mein Fasten heute für einen anderen Menschen zum Segen werden kann.“
Dann wird aus einem religiösen Gebot eine Begegnung mit Christus.
Denn Christus selbst hat uns gezeigt, wie dieses Fasten aussieht. Er sah die Hungrigen. Er berührte die Aussätzigen. Er blieb bei den Ausgestoßenen stehen. Er nahm sich Zeit für Menschen, die andere übersehen hatten. Und schließlich gab er nicht nur etwas von seinem Besitz oder seiner Zeit. Er gab sich selbst.
In ihm erkennen wir das vollkommene Fasten: ein Leben, das nichts für sich zurückhält, was einem anderen zum Heil dienen kann.
Wenn ich Jesaja 58 lese, frage ich mich deshalb nicht zuerst, ob ich genug faste. Ich frage mich, ob mein Glaube bei anderen Menschen ankommt. Ob jemand durch meine Nähe weniger allein ist. Ob jemand durch meine Hilfe eine Last weniger trägt. Ob jemand durch meine Worte Hoffnung gewinnt. Ob jemand durch meine Bereitschaft zu vergeben etwas von der Barmherzigkeit Christi erfährt.
Ich glaube, dass der Herr genau darin sein Volk vorbereitet. Für Zion kommt der Erlöser. Und vielleicht beginnt die Vorbereitung auf Zion nicht damit, dass wir größer, sichtbarer oder beeindruckender werden. Vielleicht beginnt sie damit, dass unser Herz weicher wird.
Dass wir sehen.
Dass wir geben.
Dass wir Lasten tragen.
Dass wir aufhören, uns hinter religiösen Formen zu verstecken.
Und dass unser Fasten schließlich nicht mehr nur darin besteht, etwas von uns wegzunehmen, sondern darin, etwas von Christus weiterzugeben.
Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er nicht nur unser äußerliches Verhalten verändern möchte, sondern unser Herz. Ich glaube, dass wahre Anbetung immer auch Barmherzigkeit hervorbringt. Wenn wir uns ihm nähern, werden unsere Hände frei, um anderen zu helfen. Und ich glaube, dass wir gerade dann sein Licht erfahren, wenn wir dieses Licht nicht für uns behalten, sondern es an einen anderen Menschen weitergeben. Dafür bin ich dankbar und bezeuge es im Namen Jesu Christi. Amen.
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