Freitag, 28. August 2026

Warum schweigst du, Herr?

 

(Bildquelle)

„Ich will gedenken der Taten des HErrn, will gedenken deiner Wunder von der Vorzeit her,“ (Psalm 77:12

Psalm 69 und 77 

Hoffnung inmitten von Leid und Dunkelheit 

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen der Himmel verschlossen scheint. 

Man betet – und die Antwort bleibt aus. Man bittet um Trost – doch die Trauer bleibt. Man fleht um Hilfe – und die Umstände ändern sich nicht. Gerade Menschen mit tiefem Glauben kennen solche Zeiten. Vielleicht sogar besonders sie. Denn wer Gott liebt, empfindet seine scheinbare Ferne umso schmerzlicher. 

Die Psalmen verschweigen diese Erfahrungen nicht. Sie gehören zu den ehrlichsten Texten der Heiligen Schrift. Psalm 69 und Psalm 77 geben einer Not Ausdruck, die viele Gläubige aller Zeiten empfunden haben. 

David ruft: 

„Hilf mir, Gott! Denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“ (Psalm 69:2

Er beschreibt Menschen, die ihn verfolgen, Ungerechtigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung. Er fühlt sich verlassen, missverstanden und erschöpft. Es sind Worte, die erstaunlich modern klingen. Jeder Mensch, der schon einmal durch Krankheit, Trauer, Depression oder große Enttäuschung gegangen ist, erkennt sich darin wieder. 

Doch Psalm 69 weist zugleich weit über David hinaus. 

Viele Aussagen dieses Psalms erfüllen sich später im Leben Jesu Christi. Als Christus am Kreuz Essig gereicht wird (Johannes 19:28–29), erinnert dies unmittelbar an Psalm 69. Der leidende König Israels wird zu einem prophetischen Bild des leidenden Messias. 

Kein Mensch kennt die Erfahrung göttlicher Stille besser als Jesus Christus. 

In Gethsemane trug er die Last aller Sünden, allen Leids und aller Schmerzen der Menschheit. Auf Golgota erklang schließlich jener erschütternde Ruf: 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15:34

Der Sohn Gottes kannte das Gefühl völliger Einsamkeit. 

Gerade deshalb versteht er jede unserer Nächte. 

Vielleicht liegt hierin einer der größten Tröstungen des Evangeliums: Wir beten nicht zu einem fernen Gott, der unser Leid nur theoretisch kennt. Unser Erlöser ist den Weg selbst gegangen. Er weiß, wie sich Schweigen anfühlt. Er weiß, wie Hoffnung gegen Verzweiflung verteidigt werden muss. Deshalb vermag er „seinem Volk gemäß seinen Schwächen beizustehen“ (Alma 7:11–12). 

Psalm 77 beschreibt eine ähnliche innere Krise. 

Der Psalmdichter ringt mit Fragen, die wohl jeder Gläubige irgendwann stellt: 

„Hat Gott seine Gnade vergessen?“ 

„Ist seine Barmherzigkeit zu Ende?“ 

„Hat er aufgehört, mich zu hören?“ 

Diese Fragen entstehen nicht aus Unglauben. 

Sie entstehen aus Schmerz. 

Gerade Menschen, die Gott lieben, leiden darunter, wenn sie seine Nähe nicht mehr spüren. 

Doch mitten im Psalm geschieht etwas Entscheidendes. 

Die Umstände ändern sich zunächst überhaupt nicht. 

Aber der Blick des Psalmisten verändert sich. 

Statt immer wieder auf seine gegenwärtige Dunkelheit zu schauen, beginnt er sich zu erinnern. 

„Ich will gedenken der Taten des Herrn.“ (Psalm 77:12

Er denkt an den Auszug Israels aus Ägypten. 

An Gottes Wunder. 

An frühere Gebetserhörungen. 

An frühere Erfahrungen seiner Nähe. 

Erinnerung wird zur Brücke zwischen vergangener Gnade und gegenwärtigem Glauben. 

Das ist ein bemerkenswertes geistliches Prinzip. 

Gott lädt sein Volk immer wieder ein, sich zu erinnern. 

Israel erinnert sich an das Passah. 

Die Jünger erinnern sich beim Abendmahl an Christus. 

Wir erneuern jeden Sonntag beim Abendmahl unsere Bündnisse und erinnern uns bewusst an den Erlöser. 

Erinnerung ist weit mehr als Nostalgie. 

Sie ist geistliche Kraft. 

Wenn wir vergessen, was Gott bereits getan hat, erscheinen gegenwärtige Schwierigkeiten oft größer als sie wirklich sind. 

Wenn wir uns erinnern, wächst Vertrauen. 

Elder Jeffrey R. Holland sprach in seiner bewegenden Generalkonferenzansprache Wie ein zerbrochenes Gefäß über Menschen, die unter Depression, Hoffnungslosigkeit oder seelischer Erschöpfung leiden. Er machte deutlich, dass solche Erfahrungen kein Zeichen mangelnden Glaubens sind. Vielmehr brauchen Betroffene Mitgefühl, Geduld und das Vertrauen darauf, dass Christus sie kennt und trägt. Gerade wenn das Licht kaum noch sichtbar ist, bleibt Gottes Liebe bestehen. Seine Botschaft schenkt vielen Menschen Hoffnung, die sich in ihrer Dunkelheit allein fühlen. Sie erinnert daran, dass der Herr oft auch dann wirkt, wenn wir seine Gegenwart im Augenblick kaum wahrnehmen. 

Auch Präsident Dallin H. Oaks hat wiederholt darüber gesprochen, wie Prüfungen den Glauben vertiefen können. Nach dem Tod seiner ersten Frau June berichtete er, dass Trauer und Vertrauen nebeneinander bestehen können. Er erklärte, dass Gottes Plan nicht jedes Leid verhindert, sondern uns die Kraft schenkt, hindurchzugehen und auf seine Verheißungen zu bauen. Seine Erfahrungen verleihen seinen Worten besonderes Gewicht: Hoffnung bedeutet nicht, dass Schmerz verschwindet, sondern dass Christus größer ist als unser Schmerz. (lies gerne Präsident Oaks Ansprache “Timing”). 

Präsident Dieter F. Uchtdorf erinnerte sich an die Flucht seiner Familie während der Kriegszeit, als sie ihre Heimat verlassen mussten und von großer Unsicherheit geprägt waren. In einer besonders eindrücklichen Episode berichtete er, wie seine Mutter während einer Zugfahrt an einem Halt ausstieg, um Nahrung zu suchen, und der Zug währenddessen weiterfuhr – mit den Kindern an Bord. Für einen Moment war alles verloren, und die Angst der Trennung wurde zur existenziellen Erfahrung von Ohnmacht. Später jedoch wurden Mutter und Kinder wieder miteinander vereint. Rückblickend beschrieb Präsident Uchtdorf diese Erfahrung als Teil eines Weges, der ihn lehrte, Vertrauen in Gottes Führung zu entwickeln – auch dann, wenn der eigene Blick auf den Weg versperrt ist und die Gegenwart Gottes nicht unmittelbar spürbar erscheint. (“Die unendliche Macht der Hoffnung” Oktober 2008). 

Auch Hiob kennt diese Erfahrung. 

Er verliert nahezu alles. 

Freunde verstehen ihn nicht. 

Seine Fragen bleiben lange unbeantwortet. 

Doch schließlich begegnet er Gott auf eine Weise, die sein ganzes Verständnis verändert. 

Nicht jede Frage wird beantwortet. 

Aber die Gegenwart Gottes wird größer als alle offenen Fragen. 

Dasselbe erleben die Jünger nach der Kreuzigung. 

Der Freitag endet scheinbar hoffnungslos. 

Der Samstag bleibt still. 

Erst am Ostermorgen erkennen sie, dass Gott während der ganzen Zeit gehandelt hat. 

Manchmal lebt unser Glaube genau zwischen Karfreitag und Ostersonntag. 

Wir sehen den Ausgang noch nicht. 

Aber Gott sieht ihn bereits. 

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Psalmen. 

Der Himmel schweigt nicht unbedingt. 

Manchmal spricht Gott leiser, als wir erwarten. 

Manchmal wirkt er verborgen. 

Manchmal bereitet er Antworten vor, die wir erst später erkennen. 

Bis dahin lädt er uns ein, uns zu erinnern. 

An frühere Segnungen. 

An vergangene Gebetserhörungen. 

An seine Verheißungen. 

Vor allem aber an Jesus Christus. 

Denn wenn wir den Erlöser betrachten, erkennen wir: Gottes Liebe verschwindet nicht in unseren dunkelsten Stunden. 

Sie begleitet uns gerade dort. 

Persönliches Zeugnis 

Ich bin dankbar für diese ehrlichen Psalmen. Sie zeigen mir, dass Zweifel, Trauer und das Empfinden göttlicher Ferne kein Zeichen fehlenden Glaubens sein müssen. Der Herr weist Menschen nicht zurück, die mit gebrochenem Herzen zu ihm kommen. Immer wieder habe ich erlebt, dass Antworten manchmal später kommen, als ich gehofft hatte – aber niemals außerhalb seiner vollkommenen Weisheit. Wenn ich zurückblicke und mich an Gottes bisheriges Handeln erinnere, wächst neues Vertrauen für den nächsten Schritt. Ich weiß, dass Jesus Christus unsere tiefsten Schmerzen kennt. Weil Er den einsamsten Weg gegangen ist, kann er uns auch durch unsere dunkelsten Nächte führen. Davon bin ich von Herzen überzeugt.

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