“Kommt her und höret, ihr Gottesfürchtigen alle: ich will erzählen, was er an meiner Seele getan!” (Psalm 66:16)
Es gibt Erlebnisse, die uns zunächst kaum bedeutsam erscheinen. Ein freundliches Wort zur rechten Zeit. Eine unerwartete Hilfe. Ein Gedanke, der plötzlich Klarheit schenkt. Ein Gebet, dessen Antwort wir erst Wochen oder Monate später erkennen. Solche Erfahrungen wirken oft unscheinbar. Und doch sind es gerade diese kleinen Spuren Gottes, die im Rückblick unser Leben prägen.
Psalm 65 und 66 laden uns ein, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Der Psalmist sieht Gottes Größe nicht nur in außergewöhnlichen Wundern. Er erkennt sie ebenso in der Fruchtbarkeit der Erde, im Wechsel der Jahreszeiten, im Regen, der die Felder tränkt, und in den alltäglichen Segnungen des Lebens. Alles wird zum Anlass des Lobes.
Doch mitten in dieser Dankbarkeit verschweigt er auch die schwierigen Zeiten nicht.
„Denn du hast uns geprüft, Gott; du hast uns geläutert, wie Silber geläutert wird.“ (Psalm 66:10)
Gerade diese Verbindung macht den Psalm so bemerkenswert. Dankbarkeit entsteht nicht deshalb, weil das Leben leicht gewesen wäre. Sie wächst, weil Gott selbst durch schwere Zeiten hindurch treu geblieben ist.
Vielleicht kennen wir alle dieses Phänomen. Während einer Prüfung fragen wir uns manchmal, warum Gott schweigt. Erst viel später erkennen wir, wie sehr er uns getragen hat. Im Rückblick entdecken wir Zusammenhänge, die uns damals verborgen geblieben waren. Das Leid verschwindet dadurch nicht, aber es erhält einen anderen Rahmen. Was zunächst wie Zufall aussah, erscheint plötzlich als liebevolle Führung.
Deshalb fordert der Psalmist seine Zuhörer nicht nur zum Staunen auf, sondern auch zum Erzählen:
„Kommt und hört zu … ich will erzählen, was er für mich getan hat.“ (Psalm 66:16)
Glaube bleibt nicht nur im Herzen verborgen. Er möchte ausgesprochen werden.
Präsident Henry B. Eyring berichtete einmal, wie er durch eine geistige Eingebung begann, jeden Abend aufzuschreiben, wie Gott seine Familie an diesem Tag gesegnet hatte. Vor jedem Eintrag stellte er sich bewusst die Frage, ob er Gottes Hand im Leben seiner Familie gesehen habe. Anfangs schien vieles alltäglich zu sein. Doch je konsequenter er den Tag im Gebet Revue passieren ließ, desto häufiger erkannte er Gottes leises Wirken – oft gerade in den unscheinbaren Momenten, die ihm zuvor entgangen waren. Sein Zeugnis wuchs, weil das bewusste Erinnern ihm half, Gottes Führung immer deutlicher wahrzunehmen.
Viele kennen diese eindrucksvolle Erfahrung aus seiner Ansprache „O denkt daran, denkt daran“. Präsident Eyring schilderte, wie ihn diese tägliche Gewohnheit veränderte. Er begann, bewusster zu leben, aufmerksamer zu beobachten und Gottes Eingreifen immer häufiger wahrzunehmen. Aus einzelnen Erlebnissen entstand nach und nach ein persönliches Zeugnis von einem Gott, der seine Kinder kennt und begleitet. Wer beginnt, Gottes Hand aufzuschreiben, entdeckt oft mehr von ihr. Wer davon erzählt, stärkt nicht nur den eigenen Glauben, sondern auch den Glauben anderer. (Ansprache: O denkt daran, denkt daran Oktober-Generalkonferenz 2007)
Vielleicht ist genau das eine der größten Botschaften dieses Psalms: Dankbarkeit verändert nicht zuerst unsere Umstände, sondern unseren Blick.
Auch heute erleben Mitglieder der Kirche weltweit, wie Gott selbst in schwierigen Lebenslagen Hoffnung schenkt.
Ein bewegendes Beispiel sind die Mitglieder in Ghana und anderen Teilen Westafrikas. Viele von ihnen warteten jahrzehntelang auf einen Tempel in ihrer Heimat und mussten für Tempelverordnungen weite Reisen nach Südafrika oder sogar nach Europa unternehmen. Sie fasteten und beteten beharrlich für einen Tempel. Als Präsident Gordon B. Hinckley 1998 in Accra den Bau des ersten Tempels in Westafrika ankündigte, brachen Tausende Mitglieder in Jubel aus; viele weinten vor Freude. Für sie war der Tempel weit mehr als ein Gebäude – er war ein sichtbares Zeugnis dafür, dass Gott seine Verheißungen erfüllt, manchmal nach langer Geduld, aber niemals zu spät. (First Temple in West Africa)
Solche Geschichten erinnern daran, dass Gottes Zeitplan häufig anders aussieht als unser eigener. Doch gerade das Warten kann den Glauben vertiefen.
Ebenso beeindruckend ist die weltweite humanitäre Arbeit der Kirche. Nach Naturkatastrophen, Hungersnöten oder Kriegen leisten Mitglieder gemeinsam mit vielen Partnerorganisationen Hilfe – unabhängig von Religion oder Herkunft. Nach den schweren Erdbeben in der Türkei und Syrien im Jahr 2023 wurden Lebensmittel, Decken, medizinische Versorgung und Notunterkünfte bereitgestellt. Freiwillige arbeiteten gemeinsam mit örtlichen Organisationen daran, Menschen Hoffnung zu geben. Viele Betroffene berichteten später, dass sie nicht nur materielle Unterstützung empfingen, sondern auch Mitgefühl und echte Nächstenliebe erfuhren. Gerade solche Taten erinnern daran, dass Gottes Liebe oft durch die Hände seiner Kinder sichtbar wird. (Siehe: Church News, „Church's relief assistance to Turkey, Syria quake victims passes $11 million“ – https://www.thechurchnews.com/global/2023/3/23/23653594/church-relief-assistance-turkey-syria-quake-victims-food-boxes-mobile-health-clinics/)
Die Psalmen laden uns deshalb immer wieder ein, zurückzuschauen. Erinnerung ist im Evangelium weit mehr als Nostalgie. Sie ist geistliche Disziplin.
Dieses Prinzip begegnet uns an vielen Stellen der Heiligen Schrift.
Nachdem Israel den Jordan durchquert hatte, ließ der Herr zwölf Steine aus dem Flussbett aufrichten. Künftige Generationen sollten fragen: „Was bedeuten diese Steine?“ Dann sollten die Eltern erzählen, wie Gott sein Volk trockenen Fußes durch den Jordan geführt hatte (Josua 4). Erinnerung wurde bewusst sichtbar gemacht.
Ähnlich handelte König Mosia. Immer wieder erinnerte er sein Volk daran, wie oft der Herr sie aus Knechtschaft und Bedrängnis befreit hatte. Gerade diese gemeinsamen Erinnerungen stärkten den Glauben des ganzen Volkes.
Auch nach der Auferstehung Jesu geschah etwas Bemerkenswertes. Die Jünger konnten nicht schweigen. Was sie erlebt hatten, musste weitererzählt werden. Ihr persönliches Zeugnis wurde zur Grundlage des Glaubens unzähliger Menschen.
Dasselbe geschieht bis heute.
Jede Fast- und Zeugnisversammlung lebt von genau diesem Gedanken aus Psalm 66. Niemand berichtet dort von vollkommener Stärke oder einem problemlosen Leben. Vielmehr erzählen Menschen davon, wie Gott sie getragen hat. Manchmal sind es große Wunder. Oft sind es stille Erfahrungen, die nur dem Einzelnen bedeutsam erscheinen. Doch gerade diese persönlichen Zeugnisse berühren häufig am tiefsten.
Vielleicht sollten auch wir uns gelegentlich fragen:
Welche Geschichte meines Lebens erzählt eigentlich von Gottes Güte?
Welche Gebetserhörung habe ich längst vergessen?
Welche Prüfung hat sich im Nachhinein als Segen erwiesen?
Welche Erfahrungen kennen nur wir selbst, obwohl sie anderen Mut machen könnten?
Psalm 66 lädt uns ein, solche Erinnerungen nicht verstauben zu lassen. Denn Dankbarkeit wächst, wenn wir Gottes Hand erkennen. Und Glauben wächst, wenn wir davon erzählen.
Vielleicht beginnt alles mit einer kleinen Gewohnheit. Ein paar Zeilen am Abend. Ein kurzer Eintrag in ein Tagebuch. Ein Gespräch in der Familie. Ein Zeugnis im richtigen Augenblick. Solche scheinbar kleinen Entscheidungen verändern nach und nach unseren Blick auf das Leben. Wir entdecken, dass Gott viel häufiger handelt, als wir zunächst bemerken.
Dann wird Psalm 66 nicht nur zu einem alten Lied Israels.
Er wird zu unserer eigenen Geschichte.
Mein persönliches Zeugnis
Ich glaube, dass Gott in unserem Leben weit mehr wirkt, als wir im Augenblick erkennen können. Immer wieder habe ich erlebt, dass sich sein Handeln oft erst im Rückblick erschließt. Gerade dann werden frühere Zweifel zu Zeugnissen seiner Treue. Ich bin dankbar für die vielen kleinen und großen Erfahrungen, durch die der Herr zeigt, dass er seine Kinder kennt. Wenn wir lernen, seine Hand bewusst wahrzunehmen und davon zu erzählen, wächst nicht nur unser eigener Glaube – wir können auch anderen Hoffnung schenken. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt, dass er uns liebevoll führt und dass keine aufrichtige Erfahrung mit ihm zu klein ist, um weitererzählt zu werden.

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