„Und als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei vollkommen.“ (Genesis 17:1, KJV; Genesis 17:1, Menge)
Name, Zeichen und Wandel vor Gott
Es gibt Momente im Leben des Glaubens, in denen Gott nicht nur spricht, sondern neu benennt. Genesis 17 ist ein solcher heiliger Augenblick. Abram ist alt geworden, Sara jenseits aller menschlichen Hoffnung. Die Verheißung scheint getragen von Erinnerung, nicht von Erwartung. Und doch erscheint Gott – nicht als einer unter vielen, sondern als El Schaddai, der Allmächtige. Er kommt nicht, um Vergangenes zu erklären, sondern um Identität zu verwandeln.
Der Bund, den Gott hier erneuert, ist kein Vertrag unter Gleichen. Er ist eine göttliche Selbstbindung. Gott offenbart sich zuerst durch seinen Namen, dann verändert er den Namen des Menschen. Abram wird Abraham, der „erhabene Vater“ wird zum „Vater vieler Völker“. Sarai wird Sara, Fürstin nicht nur eines Hauses, sondern Trägerin der Verheißung selbst. Namen sind hier keine Etiketten, sondern Berufungen. Wer im Bund steht, wird neu angesprochen – und dadurch neu ausgerichtet.
Diese Namensänderung geschieht nicht am Anfang von Abrams Weg, sondern spät. Gerade darin liegt eine stille, tröstliche Wahrheit: Gott wartet nicht auf jugendliche Kraft oder makellose Biografien. Er handelt dort, wo menschliche Möglichkeiten enden. Der neue Name ist nicht Belohnung für Vollkommenheit, sondern Zuspruch für den Weg. Abraham wird nicht Vater vieler Völker, weil er es schon ist, sondern damit er es werden kann.
Doch der Bund bleibt nicht unsichtbar. Gott gibt ein Zeichen: die Beschneidung. Sie ist dauerhaft, leiblich, unausweichlich. Kein Schmuck, kein öffentliches Symbol, sondern ein Zeichen, das in die Tiefe geht. Es wird nicht zur Schau gestellt, sondern getragen. Gerade darin liegt seine geistliche Kraft. Das Bundeszeichen ist Erinnerung und Verpflichtung zugleich: Du gehörst mir – ganz.
In der Beschneidung wird deutlich, dass der Bund nicht nur Glaubensüberzeugung, sondern Lebensform ist. Er betrifft den Körper, den Alltag, die Generationen. Er ist kein inneres Gefühl, sondern gelebte Zugehörigkeit. Und doch war auch dieses Zeichen niemals Selbstzweck. Es wies über sich hinaus – auf einen tieferen Einschnitt, auf ein Herz, das Gott gehört.
Darum folgt unmittelbar Gottes Ruf: „Wandle vor mir und sei vollkommen.“ Dieses Wort hat viele erschreckt. Vollkommen – wie soll das möglich sein? Doch das hebräische tamim meint nicht Fehlerlosigkeit, sondern Ganzheit, Ungeteiltheit, Aufrichtigkeit. Gott fordert kein sündloses Leben, sondern ein ungeteiltes Herz. Ein Leben, das nicht zwischen Gott und eigenen Sicherheiten schwankt. Vollkommen ist, wer vor Gott lebt – nicht hinter Masken, nicht in frommer Selbsttäuschung, sondern im offenen Wandel.
Der Wandel vor Gott ist keine Einzelleistung, sondern eine Lebenshaltung. Abraham soll nicht zu Gott kommen, sondern vor ihm gehen. Jeder Schritt geschieht im Bewusstsein der Gegenwart Gottes. Der Bund schafft Nähe, aber auch Verantwortung. Wer Gott kennt als den Allmächtigen, lernt, sich selbst nicht mehr als Maßstab zu nehmen.
Was bedeutet das für uns? Die Schrift selbst gibt die Antwort, indem sie den Bund weiterführt. Die Beschneidung war ein Zeichen für eine Zeit – der Bund aber bleibt. Heute ist unser Bundeszeichen nicht mehr im Fleisch, sondern im Herzen sichtbar. Paulus spricht von der „Beschneidung des Herzens“ (Römer 2:25-29), Christus selbst spricht von Geburt aus Wasser und Geist (Johannes 3:5). Die Taufe ist das sichtbare Zeichen unseres Bundes: nicht zur Schau, sondern zur Hingabe. Sie ist Namensannahme – wir nehmen den Namen Christi auf uns. Sie ist Identitätswechsel – nicht mehr wir leben, sondern Christus in uns.
Doch wie die Beschneidung damals ist auch die Taufe kein Abschluss. Sie ist Anfang. Ergänzt wird sie durch das Abendmahl, durch fortwährende Erneuerung des Bundes, und durch Tempelbündnisse, in denen Gott Identität, Auftrag und Verheißung weiter vertieft. Der Bund bleibt derselbe: Gott bindet sich an den Menschen – und der Mensch lernt, vor Gott zu wandeln.
So wird verständlich, warum der Bund Identität verändert. Wer im Bund steht, trägt Gottes Verheißung sichtbar – nicht zur Selbstdarstellung, sondern zur Heiligung. Der neue Name Abrahams war nicht Auszeichnung, sondern Sendung. Ebenso ist unser christlicher Name kein Ehrenzeichen, sondern Verpflichtung. Wir leben nicht mehr nur für uns, sondern als Zeugen eines treuen Gottes.
Genesis 17 zeigt: Gott erneuert seinen Bund, wenn Menschen an ihre Grenze kommen. Er gibt neue Namen, neue Zeichen und ruft zu einem neuen Wandel. Nicht alles wird sofort erfüllt. Aber alles wird neu ausgerichtet. Der Bund trägt weiter als menschliche Kraft – weil er auf Gottes Treue gründet.
Persönliches geistliches Zeugnis
Wenn ich diesen Abschnitt lese, erkenne ich mich selbst in Abram wieder – wartend, fragend, manchmal müde. Und doch habe ich erfahren: Gott spricht auch dann noch, wenn ich glaube, zu spät zu sein. Er ruft mich nicht zur makellosen Leistung, sondern zu einem Leben vor seinem Angesicht. Mein Bund mit ihm – begonnen in der Taufe, erneuert im Abendmahl – erinnert mich daran, wer ich bin und wem ich gehöre. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Gottes Name trägt, wenn meiner schwach wird. Und sein Bund bleibt, auch wenn mein Glaube wankt. Darum vertraue ich darauf, dass er vollendet, was er verheißen hat – in seiner Zeit, zu seiner Ehre.

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