Dienstag, 8. Juli 2025

Das Ausmaß seiner Werke vermag niemand zu ergründen

 

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“Groß ist seine Weisheit, wunderbar sind seine Wege, und das Ausmaß seiner Werke vermag niemand zu ergründen.” (Lehre und Bündnisse 76:2; vergleiche hier

Die Krone der Unvergänglichkeit in Reim und Rhythmus: Zwei Gedichte zu LuB 76 

Die Offenbarung, die heute als Abschnitt 76 im Buch Lehre und Bündnisse bekannt ist, wurde am 16. Februar 1832 in Hiram, Ohio, durch Joseph Smith und Sidney Rigdon empfangen. Sie enthüllt eine beeindruckende Vision über das Jenseits, die Herrlichkeitsgrade des Himmels, das Schicksal der Gerechten und der Gottlosen sowie die barmherzige und zugleich gerechte Ordnung Gottes. Diese Vision war für viele damalige Christen revolutionär, denn sie stellte traditionelle Vorstellungen über Himmel und Hölle grundlegend in Frage. Während sie für einige Gläubige eine Quelle tiefer geistiger Einsicht wurde, sorgte sie bei anderen für Irritation und Unverständnis. 

Die Wirkung dieser Offenbarung löste nicht nur theologische Diskussionen aus, sondern inspirierte auch eine poetische Auseinandersetzung mit ihrem Inhalt. Besonders hervorzuheben sind zwei Gedichte: „Vade Mecum“ (lateinisch für „Geh mit mir“) und die poetische Antwort darauf mit dem Titel „A Vision“. Beide Texte bieten nicht nur einen einzigartigen literarischen Zugang zu einer der tiefsten Offenbarungen der Wiederherstellung, sondern zeigen auch, wie sehr sich frühe Kirchenmitglieder bemühten, diese geistigen Wahrheiten zu erfassen, zu verarbeiten und weiterzugeben. 

Der Ursprung dieser poetischen Auseinandersetzung liegt bei William W. Phelps, einem gebildeten Journalisten, begabten Dichter und gläubigen Kirchenmitglied, der sich der Kirche im Jahr 1831 anschloss. Tief beeindruckt von der Vision in Abschnitt 76, verfasste er 1835 ein langes Gedicht mit dem Titel „Vade Mecum“. In diesem Gedicht wandte sich Phelps auf poetische Weise direkt an Joseph Smith und bat ihn, mehr über die Vision zu erklären. Die Fragen waren ehrlich, geistlich suchend und von großer Neugier geprägt: Wie sieht es im Jenseits aus? Was erwartet Gerechte und Ungerechte? Wie sieht der Plan Gottes konkret aus? 

Vade Mecum“ war also gewissermaßen ein dichterisches Gebet – ein Ruf nach weiterer Offenbarung und Verständnis. Die bildreiche Sprache und die rhythmische Struktur machten es leicht zugänglich, auch für Leser, die mit theologischen Abhandlungen wenig anfangen konnten. Es ist bemerkenswert, dass dieses Gedicht nie offiziell publiziert wurde, jedoch unter den Mitgliedern zirkulierte und offenbar große Resonanz auslöste. 

Die Antwort auf „Vade Mecum“ folgte bald darauf in Form eines weiteren Gedichts mit dem schlichten Titel „A Vision“. Es erschien 1836 in der Kirchenzeitschrift "Messenger and Advocate" in Kirtland, Ohio. Der Text wurde unter dem Namen Joseph Smiths veröffentlicht, jedoch ist die Urheberschaft nicht eindeutig. Viele Historiker und Literaturwissenschaftler nehmen heute an, dass auch dieses Gedicht in großen Teilen von Phelps selbst stammt, möglicherweise in enger Absprache mit Joseph Smith oder in dessen Auftrag. 

Das Gedicht „A Vision“ ist eine poetische Nacherzählung der Offenbarung von Abschnitt 76. Es behandelt Themen wie die Vor-Ewigkeit Christi, den Fall Luzifers, das Leben und Wirken Jesu, die Auferstehung, die himmlischen Grade der Herrlichkeit sowie das Los der "Söhne des Verderbens". Die Sprache ist bildhaft, erhaben und zugleich eindringlich. Durch den dichterischen Stil wird der theologische Gehalt nicht verwässert, sondern im Gegenteil: Die Verse laden zur Kontemplation und inneren Vertiefung ein. 

Obwohl Joseph Smith selbst keine explizite Stellungnahme zur Autorschaft oder zum Inhalt des Gedichts „A Vision“ hinterlassen hat, gibt es mehrere Indizien, die auf seine Zustimmung hinweisen. Die Veröffentlichung unter seinem Namen in einem offiziellen Kirchenorgan legt nahe, dass er mit Inhalt und Absicht des Gedichts einverstanden war. Zudem war Phelps einer seiner engsten literarischen Mitarbeiter, der in der Redaktion kirchlicher Publikationen sowie bei der Arbeit an Liedtexten und Lehrschriften eine entscheidende Rolle spielte. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass Joseph Smith zumindest beratend oder zustimmend involviert war. 

Die Wirkung dieser beiden Gedichte war nachhaltig. „A Vision“ wurde in verschiedenen Zusammenstellungen früher Kirchenliteratur abgedruckt, unter anderem im "Times and Seasons" sowie in Phelps' späteren Gedichtsammlungen. Viele Gläubige lasen dieses Gedicht in Andachten oder zur persönlichen Meditation. In einer Zeit, in der gedruckte Ausgaben von Lehre und Bündnisse noch nicht weit verbreitet waren, trug das Gedicht dazu bei, den Inhalt von Abschnitt 76 auf eingängige Weise zu verbreiten und zu verinnerlichen. 

Auch für uns heute bieten diese beiden Gedichte einen bemerkenswerten Mehrwert. Erstens veranschaulichen sie, wie frühe Heilige mit Offenbarung umgingen: nicht distanziert oder akademisch, sondern künstlerisch, betend, meditierend. Sie suchten das Gespräch mit Gott nicht nur durch Studium, sondern auch durch Poesie. Zweitens laden die Verse von „A Vision“ dazu ein, die Inhalte von Abschnitt 76 auf eine neue Weise zu erfassen. Die dichterische Sprache betont die große Hoffnung der himmlischen Ordnung, die Liebe Christi und die Ernsthaftigkeit moralischer Entscheidungen. 

Darüber hinaus regen die Gedichte an, sich selbst ebenfalls kreativ mit geistlichen Inhalten auseinanderzusetzen. Sie zeigen, dass Offenbarung nicht nur in Form von Prosa und Doktrin gedacht werden muss, sondern auch in Lied, Gedicht und symbolischer Sprache weiterlebt. Diese Texte können daher gerade in einer Zeit, in der viele nach geistlicher Tiefe suchen, ein Werkzeug zur geistigen Vertiefung sein. Auch wer sich vielleicht schwer tut, rein lehrhafte Texte sofort zu verstehen, kann über die poetische Form einen emotionalen und geistigen Zugang finden. 

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die beiden Gedichte „Vade Mecum“ und „A Vision“ sind Ausdruck des lebendigen Glaubenslebens der frühen Heiligen. Sie entstanden aus der tiefen Sehnsucht, Gottes Plan zu verstehen, und sind zugleich Zeugnisse einer gelebten, künstlerisch gestalteten Offenbarungsverarbeitung. Ihre Sprache und Bildkraft machen sie auch für heutige Leser zu einer wertvollen geistigen Ressource. Sie helfen, die gewaltige Vision von Abschnitt 76 nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit Herz und Seele zu erfassen. 

findechristus.org

Montag, 7. Juli 2025

Ich, der Herr, bin barmherzig und gnädig

 

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“Denn so spricht der Herr: Ich, der Herr, bin barmherzig und gnädig zu denen, die mich fürchten, und es freut mich, die zu ehren, die mir in Rechtschaffenheit und in Wahrheit bis ans Ende dienen.” (Lehre und Bündnisse 76:5). 

Entstehung und Kontext von Lehre und Bündnisse 76 

Im Februar 1832 arbeitete Joseph Smith intensiv an seiner Übersetzung des Neuen Testaments, im Haus von John und Elsa Johnson in Hiram, Ohio – ein wichtiger Ort für Offenbarungen dieser Zeit. Lies gerne: “Die Vision (LuB 76)”.  Während er und Sidney Rigdon am 16. Februar das Evangelium nach Johannes – insbesondere Johannes 5:29 – übersetzten, kamen sie auf den Unterschied zwischen der Auferstehung der Gerechten und der Verdammnis der Übeltäter (Johannes 5:29). Dieser Prozess führte zu einem tiefen spirituellen Erlebnis, bei dem der Herr sie berührte und ihre Augen für himmlische Wahrheiten öffnete. Sie empfangen eine umfassende Vision über das Schicksal aller Menschen nach dem Tod. So beschreibt der Kontext deutlich, dass diese Offenbarung direkt aus dem Studium der Heiligen Schrift entstand. 

Bei dieser Beschäftigung mit dem Thema Auferstehung erkannten sie, dass das biblische Dogma – Himmel oder Hölle – zu einfach war. Joseph bemerkte: 

„…dass wenn Gott jeden nach den Werken im Körper belohnen würde, der Begriff ‚Himmel‘ … mehrere Königreiche umfassen müsse.“ (L&B 76). 

Die Vision selbst: sieben Segmente 

L&B 76 bietet eine beeindruckende Reihe miteinander verknüpfter Visionen, die folgende Bereiche abdecken : 

  1. Vision der Majestät Christi (Verse 1–24): Darstellung Jesu Christi, sitzend zur Rechten Gottes, als ewiger Schöpfer und Erlöser – verbunden mit dem Zeugnis von Joseph und Sidney: „Er lebt“ (Verse 22–24).  
  1. Der Fall Satans (Verse 25–29): Der Engel Luzifer rebelliert gegen Gott, versucht, die Herrschaft an sich zu reißen, und wird schließlich verstoßen . 
  1. Söhne der Verdammnis (Verse 30–49): Menschen, die trotz Kenntnis des Evangeliums bewusst dem Teufel folgen und den Heiligen Geist verleugnen, werden verbannt und ewig in der Hölle verbleiben . 
  1. Celestiale Herrlichkeit (Verse 50–70): Diejenigen, die an Christus glauben, getauft werden, die Bündnisse halten und vom Heiligen Geist gesiegelt sind, werden auferstehen und eine göttliche, unvergängliche Herrlichkeit empfangen – werden zu „Göttern“ und regieren mit Christus. 
  1. Terrestriale Herrlichkeit (Verse 71–80): Menschen, die Christus im Erdenleben nicht annahmen, aber im Jenseits reumütig geistige Annahme fanden, werden diese Herrlichkeit empfangen – weniger als göttliche, aber dennoch heilige Belohnung. 
  1. Telestiale Herrlichkeit (Verse 81–89): Menschen, die das Evangelium ablehnen, jedoch nicht Satan folgen, erhalten am Ende der Zeit eine geringere, aber reale Herrlichkeit, nicht ewig verdammt . 
  1. Einladung zur Erkenntnis (Verse 114–119): Für jene, die fleißig bleiben und weiteren geistigen Einblick wünschen, schließt die Offenbarung mit der Einladung, ihren individuellen „Teil der Herrlichkeit“ zu empfangen . 

Zeit, Ort und Zeugen der Offenbarung 

Die Vision wurde im Oberzimmer der Familie Johnson empfangen, einem Ort tiefen geistigen Arbeitens. Mindestens zwölf Männer waren anwesend, beobachteten das Geschehen und erfuhren geistige Macht und Herrlichkeit, wie Philo Dibble und andere schildern (siehe “Joseph Smith and "The Vision,” (1832”)).  

Dibble berichtet: “…Joseph fragte zwischendurch: ‘Was sehe ich?’ … und Sidney antwortete: ‘Ich sehe dasselbe.’ Keiner sprach oder rührte sich sonst … mehr als eine Stunde lang.”  

Zum Ende der Vision trug Joseph eine offenbare glänzende Aura – in Worten: „Joseph erschien gehüllt in ein herrliches Weiß, sein Gesicht leuchtete transparent.“ (siehe “D&C 76 Quotes and Notes”). 

Bedeutung für die Wiederherstellung und Kirchentheologie 

Diese Offenbarung ist in vielerlei Hinsicht epochal: 

  • Biblisch inspirierte Offenbarungsreihenfolge: Die Vision entstand direkt durch das Bibelstudium – eine Demonstration göttlicher Führung im Übersetzungsprozess (teachingwithpower.wixsite.com)
  • Drei Königreiche der Herrlichkeit: Das Bild von drei Himmel-Kategorien stellt eine grundlegende Lehre dar, die christliche Traditionen revolutionierte. Fast alle Menschen – außer den „Söhnen der Verdammnis“ – werden gerettet, jedoch mit differenzierten Graden von Ordnung und Nähe zu Gott . 
  • Zentrales Christuszeugnis: Die Vision beginnt und endet emphatisch mit dem Zeugnis: „Er lebt“. Joseph und Sidney sahen und hörten Christus persönlich – ein entscheidender Beweis für seine Gottheit (doctrineandcovenantscentral.org)
  • Moderne Theologie von Erhöhung: Joseph beschrieb, dass jene, die Celestiale Herrlichkeit empfangen, zu „Göttern“ erhoben und befähigt werden, wie Gott zu sein (speeches.byuh.edu+1josephsmithpapers.org+1)
  • Prophetische Glaubwürdigkeitsstärkung: Persönliche Zeugnisse – von Wilford Woodruff etwa – betonen die transformative Wirkung dieser Offenbarung. Woodruff bekannte, dass er erst durch D&C 76 verstand, was Himmel und Hölle wirklich bedeuten, und erkannte dadurch Josephs prophetisches Amt (churchofjesuschrist.org)

Weiterführende theologische Entwicklung 

  • Poem “The Answer” von W. W. Phelps, im Auftrag Josephs, fasst Vision 1832 poetisch zusammen und vertieft das Verständnis der Königreiche (doctrineandcovenantscentral.org)
  • Spätere Lehren – z. B. in Abschnitt 88, 130, 131, 138 – bauen auf dieser Vision auf und entfalten weiterführende Perspektiven zu Ehe, Priestertum, Erlösung und Auferstehung . 

Fazit: Die Vision von Lehre und Bündnisse 76 

L&B 76 ist eine Wahrheitsperspektive erster Ordnung in der wiederhergestellten Kirche: 

  • Es ist ein Zeugnis von Christus, von Joseph und Sidney, dass sie sehen und hören durften, was Gott offenbart hat. 
  • Es bietet ein differenziertes Modell der postmortalen Belohnung, das religiöse Dogmen überwunden hat. 
  • Es stellt zentrale Lehren zur Göttlichkeit, Erhöhung und dem Zweck des Lebens bereit. 
  • Es stärkt den Glauben an Joseph Smiths Prophetentum – durch Vision, Zeugnis und Offenbarung. 

Heute bleibt D&C 76 ein Leitbild für moderne Mitglieder – als Quelle geistiger Hoffnung und Orientierung. Die Vision lehrt, dass göttliche Gnade in unterschiedlichem Maß allen zuteilwird, die reumütig und gehorsam sind. Sie ruft auf zu persönlicher Umkehr, zur Taufbündnis-Erneuerung und zur beständigen Ausrichtung auf Christus – jenen, dessen Wiederherstellung durch Joseph Smith in dieser und anderen Offenbarungen sichtbar wurde. 

findechristus.org

Samstag, 5. Juli 2025

Eure Stimme erhebt wie mit dem Ton einer Posaune

 

(Bild: Quelle)

“und eure Stimme erhebt wie mit dem Ton einer Posaune und die Wahrheit gemäß den Offenbarungen und Geboten verkündigt, die ich euch gegeben habe.” (Lehre und Bündnisse 75:4). 

Lehren und Prinzipien aus Lehre und Bündnisse 75:1-36 

Die Offenbarung in L&B 75 wurde am 25. Januar 1832 während einer wichtigen Generalkonferenz in Amherst, Ohio, gegeben – etwa 80 Kilometer westlich von Kirtland, dem damaligen Hauptsitz der Kirche. Diese Offenbarung richtet sich vorrangig an die vielen Ältesten, die sich freiwillig gemeldet hatten, um als Missionare zu dienen, sowie an die Mitglieder der Kirche, die deren Familien unterstützen sollten. Sie enthält zentrale Lehren über Missionsarbeit, persönliches Wachstum, Verantwortung gegenüber der Familie und das Wirken des Heiligen Geistes. 

1. Der Herr spricht mit göttlicher Autorität (Verse 1–5) 

Die Offenbarung beginnt mit einer kraftvollen Selbstvorstellung Jesu Christi als Alpha und Omega – der Anfang und das Ende. Diese Selbstdarstellung unterstreicht die göttliche Autorität, mit der die nachfolgenden Anweisungen gegeben werden. Der Herr ruft all jene, die sich für die Missionsarbeit gemeldet haben, auf, nicht zu zögern, sondern mit aller Kraft das Evangelium zu verkünden (Vers 3). 

Ein zentrales Prinzip hier ist das aktive Zeugnisgeben vom wiederhergestellten Evangelium. Vers 4 betont, dass das Evangelium „gemäß den Offenbarungen und Geboten“ verkündet werden soll, die dem Propheten Joseph Smith gegeben wurden. In einer Zeit, in der religiöser Pluralismus wuchs, forderte der Herr seine Diener auf, das Einzigartige der Wiederherstellung mutig und offen zu bezeugen. Wie das Beispiel von Joseph Smith in Philadelphia zeigt (siehe Kommentar), bewirkt das mutige Zeugnis des wiederhergestellten Evangeliums geistige Kraft und nachhaltige Wirkung. 

Lehre: Wer eifrig und treu das Evangelium verkündet, wird mit „vielen Garben“ belohnt – ein Symbol für Seelen, die gesammelt werden – sowie mit Ehre, Unsterblichkeit und ewigem Leben (Vers 5). Dies ist ein Hinweis auf den ewigen Lohn treuer Missionsarbeit. 

2. Korrektur und Barmherzigkeit: Der Fall von William E. McLellin (Verse 6–12) 

Ein zentrales Beispiel für das persönliche Wirken des Herrn ist die Korrektur William E. McLellins. Er hatte seine frühere Missionsreise aufgrund von Krankheit und innerem Widerstand abgebrochen. Der Herr widerruft seine ursprüngliche Berufung (Vers 6), weist aber gleichzeitig eine neue Aufgabe zu (Vers 8). Dies zeigt, dass Gnade und neue Chancen trotz früherer Schwächen möglich sind, wenn Umkehr erfolgt. 

Obwohl McLellin für sein Murren getadelt wird, versichert ihm der Herr, dass er ihm vergibt. Zudem wird ihm ein neuer Begleiter zugewiesen – Luke Johnson – und der Herr verspricht ihnen seine Gegenwart „bis ans Ende“ (Vers 11). 

Prinzip: Selbst nach Versagen oder Ungehorsam kann der Herr uns neue Möglichkeiten schenken. Treue und Umkehr öffnen den Weg für zukünftigen Dienst. 

3. Die Missionsberufungen der Ältesten (Verse 13–22) 

Die Offenbarung nennt viele Älteste und weist sie spezifischen Missionsgebieten zu – Osten, Westen, Süden. Dabei gibt der Herr ein wiederkehrendes Versprechen: „Ich bin mit ihnen … bis ans Ende“ (Verse 13, 14). 

Ein zentrales Prinzip hier ist, dass Treue und Gehorsam geistige Begleitung und Kraft bringen. Der Herr erklärt, dass treue Diener „alles überwinden“ und „am letzten Tag erhöht“ werden (Vers 16, 22). Auch die Art der Missionsarbeit wird beschrieben: von Haus zu Haus, Stadt zu Stadt, stets bereit, zu segnen oder das Zeugnis gegen Ablehnung zu geben (Verse 18–20). 

Eine Lehre mit tiefem Einblick ist die doppelte Verantwortung der Missionare: zu lehren und zu segnen, aber auch zu richten. In Vers 21 heißt es, dass sie in der Zeit des Gerichts über jene richten werden, die ihr Zeugnis abgelehnt haben – ein Hinweis auf die ewige Bedeutung der Missionsarbeit. 

Beispiel: Die Erfahrung des jungen William Cahoon, der Joseph und Emma Smith als Lehrer besuchte, veranschaulicht, wie selbst junge Mitglieder geistige Autorität ausüben können, wenn sie dem Herrn dienen. Josephs Reaktion zeigt Demut und Achtung vor der Rolle geistlicher Führungsverantwortung. 

4. Verantwortung gegenüber der Familie (Verse 23–28) 

Ein besonders praktisches Prinzip folgt: Die Kirche ist dazu aufgerufen, die Familien der Missionare zu unterstützen (Vers 24). Gleichzeitig wird betont, dass diejenigen, die ihre Familien selbst versorgen können, dies tun sollen. Der Herr erkennt die Pflicht jedes Mannes an, für seine Familie zu sorgen – dies sei keine Vernachlässigung geistiger Verpflichtungen, sondern „essentieller Teil“ des Glaubens (Vers 28). 

Diese Ausgewogenheit zwischen geistigem Dienst und familiärer Verantwortung ist ein Ausdruck der Lehre, dass Arbeit und Familie einander nicht ausschließen, sondern sich ergänzen. Der Herr hebt hervor, dass auch wer aus familiären Gründen nicht in den Vollzeitdienst gehen kann, nicht seinen Lohn verliert, wenn er dennoch im Werk des Herrn mitarbeitet (Vers 28). 

Moderne Anwendung: Elder D. Todd Christofferson beschrieb das Brotverdienen als „geweihte Tätigkeit“ – ein notwendiger, heiliger Dienst innerhalb der Familie. Diese Sichtweise stärkt das Verständnis, dass auch weltliche Pflichten Teil des geistigen Lebens sind, wenn sie im Glauben erfüllt werden. 

5. Fleiß und Rechenschaft im Dienst (Verse 29–36) 

Die abschließenden Verse mahnen zur Diligence – zum Fleiß in allen Dingen. Der Herr spricht direkt: „Der Müßiggänger soll keinen Platz in der Kirche haben, es sei denn, er bereut“ (Vers 29). Diese klare Aussage unterstreicht, dass der Aufbau des Reiches Gottes ein aktives, engagiertes Mitwirken erfordert – sei es als Missionar, Lehrer, Versorger oder Unterstützer. 

Danach werden weitere Missionarsduos aufgezählt. Diese Systematik zeigt, dass Gemeinschaft, Partnerschaft und gegenseitige Unterstützung wesentliche Prinzipien erfolgreicher Missionsarbeit sind. 

Fazit: Geistige und praktische Prinzipien für unsere Zeit 

Abschnitt 75 von Lehre und Bündnisse ist eine tiefgreifende Offenbarung, die sowohl geistige Lehren als auch konkrete Anweisungen für das Leben der Mitglieder enthält. Sie erinnert uns daran: 

  • Christus ist der Herr des Werkes – seine Stimme und sein Wille stehen über allem. 
  • Treue im Dienst führt zu geistiger Kraft und ewiger Belohnung. 
  • Auch nach Fehltritten bietet der Herr Vergebung und neue Chancen. 
  • Die Familie hat Vorrang – geistiger und zeitlicher Dienst ergänzen sich. 
  • Jeder wird zum Fleiß und zur Mitarbeit im Werk des Herrn aufgerufen. 

Diese Lehren sind auch heute relevant – für Missionare, Eltern, Führungspersonen und alle, die versuchen, Christus nachzufolgen. Abschnitt 75 lädt uns ein, mit Demut, Fleiß und Vertrauen an der Errichtung des Reiches Gottes mitzuwirken – in jeder Lebenssituation. 

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Freitag, 4. Juli 2025

Dass ihr hingeht, nicht zaudert, auch nicht müßig seid

Franz Kafka: “Müßiggang ist aller Laster Anfang, aller Tugenden Krönung”
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“Siehe, ich sage euch: Es ist mein Wille, dass ihr hingeht und nicht zaudert, auch nicht müßig seid, sondern mit all eurer Macht arbeitet” (Lehre und Bündnisse 75:3). 

Historischer Hintergrund zu Lehre und Bündnisse 75 

1. Die Konferenz in Amherst, Ohio (25. Januar 1832) 

Am 25. Januar 1832 fand eine bedeutende Generalkonferenz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Amherst, Ohio, statt – rund 80 Kilometer westlich des damaligen Kirchenhauptsitzes in Kirtland (Reisezeit im Winter 1832 etwa: zu Fuß 2-3 Tage; zu Pferd etwa 2 Tage; :. Die Konferenz wurde von etwa 70 bis 80 Priestertumsträgern aus verschiedenen Regionen besucht. Die Versammlung war von „viel Harmonie“ geprägt, wie Joseph Smith in seiner Geschichte berichtete. Man widmete sich wichtigen organisatorischen Fragen der Kirche, einschließlich der weiteren Verbreitung des Evangeliums. 

Ein zentrales Ereignis dieser Konferenz war die Ordination Joseph Smiths als Präsident des Hohen Priestertums – ein Wendepunkt in der Entwicklung der Kirchenführung. Zwar wird dieses Ereignis nicht direkt in D&C 75 erwähnt, aber es geht aus späteren Dokumenten hervor. Bereits im November 1831 hatte eine Offenbarung (später in L&B107 aufgenommen) festgelegt, dass ein Präsident über das Hohe Priestertum der Kirche bestimmt werden sollte. Diese Rolle wurde nun Joseph Smith übertragen – ein entscheidender Schritt zur späteren Bildung der Ersten Präsidentschaft im Jahr 1835. 

Ebenfalls auf dieser Konferenz wurde Orson Pratt zum Präsidenten der Ältesten berufen. 

2. Entstehung der Offenbarung – D&C 75 

Aus dem Wunsch der Ältesten heraus, Gottes Willen für ihre weiteren Aufgaben zu erfahren, wandte sich Joseph Smith im Auftrag der Versammlung im Gebet an den Herrn. Die daraus resultierende Antwort des Herrn wurde durch den Propheten in zwei Offenbarungen empfangen, die beide am selben Tag diktiert und von Sidney Rigdon niedergeschrieben wurden. Eine dieser Offenbarungen (Verse 1–22) wurde in Anwesenheit der gesamten Versammlung empfangen, wie Orson Pratt und andere Teilnehmer bezeugten. 

Obwohl es ursprünglich zwei getrennte Offenbarungen waren – was durch mehrere handschriftliche Kopien aus der Frühzeit der Kirche bestätigt wird –, wurden sie in der Ausgabe von Lehre und Bündnisse 1835 zu einer einzigen Sektion zusammengeführt und seither als Abschnitt 75 veröffentlicht. 

3. Inhaltliche Ausrichtung der Offenbarung 

D&C 75 besteht hauptsächlich aus missionsbezogenen Instruktionen und Berufungen. Zahlreiche Älteste werden darin namentlich zu Missionsreisen aufgerufen – meist zu zweit, in Übereinstimmung mit biblischem Vorbild (Lukas 10:1). Die Offenbarung spricht sowohl Warnungen als auch Verheißungen aus: Wer treu und fleißig dient, dem wird der Beistand des Herrn zugesichert; wer jedoch träge und gleichgültig ist, den erwartet ein Verlust dieses Segens. 

Ein zweiter Teil der Offenbarung richtet sich an diejenigen, die nicht unmittelbar auf Mission gehen, sondern andere Aufgaben in der Kirche oder im Familienleben erfüllen. Auch ihnen werden klare Instruktionen gegeben, vor allem, dass sie „mit ihren Händen arbeiten“ und ihre Familien versorgen sollen, während sie gleichzeitig Zeugnis geben – gemäß dem Prinzip von „Arbeit und Predigt“. 

4. Gehorsam und Umsetzung – Zeugnisse aus Missionsberichten 

Ein besonderer Wert von D&C 75 liegt in der Fülle an dokumentierten Reaktionen und Umsetzungen der Instruktionen. Viele der berufenen Missionare hielten Tagebücher oder schrieben Briefe an Kirchenzeitungen, wodurch heute gut nachvollzogen werden kann, wer dem Ruf folgte und wie erfolgreich die Einsätze verliefen

  • William McLellin und Luke Johnson sollten in den Süden reisen. William jedoch konnte sich zu keiner vertrauensvollen Gebetsbeziehung zum Herrn aufraffen, verließ seine Mission vorzeitig, heiratete bald und entschuldigte sein Verhalten mit Krankheit. Luke Johnson kehrte allein zurück, wurde aber bald darauf von Seymour Brunson als Begleiter ersetzt – diese erfüllten ihre Mission erfolgreich in Kentucky und Virginia. 
  • Orson Hyde und Samuel Smith führten eine äußerst beschwerliche, elfmonatige Mission bis nach Maine durch – zu Fuß. Sie befolgten wörtlich die Anweisung, von Haus zu Haus zu gehen, und „den Staub von ihren Füßen zu schütteln“, wenn sie abgewiesen wurden. 
  • Lyman Johnson und Orson Pratt zogen nach Neuengland, wo sie über 100 Menschen tauften, darunter eine Frau, die durch Priestertumssegen nach sieben Jahren Krankheit geheilt wurde. Ihre Erfolge bestätigten die in der Offenbarung gemachte Verheißung, dass der Herr mit ihnen sein würde. 
  • Hyrum Smith und Reynolds Cahoon dienten treu gemeinsam und kehrten danach zurück, um weiteren Anweisungen Folge zu leisten. Hyrum vermerkte ausdrücklich, dass er nach seiner Rückkehr für den Unterhalt seiner Familie arbeitete – ein direktes Echo auf den zweiten Teil von D&C 75

Einige Älteste wie Ruggles Eames oder Stephen Burnett hinterließen keine bekannten Aufzeichnungen, und es ist unklar, ob sie den Missionsaufruf tatsächlich erfüllten. 

5. Bedeutung im kirchengeschichtlichen Kontext 

L&B 75 markiert eine organisatorische Reifephase der jungen Kirche: 

  • Erstens wird hier deutlich, wie der Prophet Joseph Smith zunehmend zentrale Führungsfunktionen übernahm – mit der Ordination zum Präsidenten des Hohen Priestertums als Vorläufer der Ersten Präsidentschaft. 
  • Zweitens zeigt sich in der Offenbarung, wie das Missionsprogramm der Kirche systematisiert und individuell gelenkt wurde. Die Apostelgeschichte dient als Vorbild, aber der Herr spricht konkret und situationsangepasst – mit Namen, Orten, Bedingungen und Verheißungen. 
  • Drittens belegt der historisch gut dokumentierte Gehorsam vieler Ältester den Glauben an die prophetische Offenbarung und den Segen des Herrn, wenn dieser Wille erfüllt wurde. 

Fazit 

L&B 75 ist eine zentrale Offenbarung aus einer Schlüsselphase der frühen Kirche, in der sich sowohl die kirchliche Struktur, das Verständnis von Priestertum und Führung, als auch das evangelistische Selbstverständnis der Mitglieder weiterentwickelten. Die Offenbarung steht beispielhaft für eine Theologie des aktiven, gehorsamen Handelns – im Wissen, dass der Herr seine Verheißungen erfüllt, wenn seine Diener ihre Aufgaben mit Glauben und Hingabe erfüllen. 

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Donnerstag, 3. Juli 2025

Kleine Kinder sind heilig

 

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“aber kleine Kinder sind heilig, heilig gemacht durch das Sühnopfer Jesu Christi; und dies ist es, was die Schriften besagen.” (Lehre und Bündnisse 74:7). 

Lehre und Bündnisse 74:1-7 

L&B 74 ist eine erklärende Offenbarung, die sich auf eine schwierige Passage des Neuen Testaments bezieht: 1 Korinther 7:14. Diese Bibelstelle wurde in der damaligen Zeit oft zur Rechtfertigung der Kindertaufe herangezogen – eine Praxis, die in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage entschieden abgelehnt wird. Die Offenbarung wurde laut Angaben des Kirchengeschichtlers John Whitmer bereits im Jahr 1830 empfangen – also vor der offiziellen Organisation der Kirche – und wurde von ihm unter dem Titel „Erklärung einer Schriftstelle“ in das Offenbarungsbuch aufgenommen. 

Historischer Hintergrund 

Bereits vor der Gründung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage beschäftigte sich Joseph Smith mit Fragen rund um die richtige Art und das Alter für die Taufe. Viele frühere christliche Konfessionen praktizierten die Kindertaufe, was zu Diskussionen und Unsicherheiten führte – insbesondere unter neuen Bekehrten. Die in 1 Korinther 7:14 enthaltene Aussage, dass „der ungläubige Mann durch die Frau geheiligt ist und umgekehrt, sonst wären eure Kinder unrein; nun aber sind sie heilig“, wurde von einigen als biblischer Beleg dafür gesehen, dass Kinder durch die Ehe ihrer Eltern in irgendeiner Form geheiligt und deshalb auch durch Taufe von Sünde gereinigt werden müssten. Diese Auslegung widersprach jedoch dem, was Joseph Smith durch Offenbarung über die geistige Natur der Kinder erfuhr: Kleine Kinder sind durch das Sühnopfer Christi bereits heilig und bedürfen keiner Taufe. 

Die Situation zur Zeit des Paulus 

Die Offenbarung in L&B 74 gibt tiefergehenden historischen Kontext zu 1 Korinther 7:14 und macht deutlich, dass Paulus hier nicht über Kindertaufe spricht, sondern über die Auswirkungen von Mischehen zwischen Gläubigen und Ungläubigen in der Frühkirche. Im Judentum des ersten Jahrhunderts war das Gesetz der Beschneidung für alle verbindlich, die nicht an Jesus Christus glaubten. Wenn also ein jüdischer Vater, der Christus nicht als Messias anerkannte, Kinder hatte, wollte er diese gemäß den mosaischen Vorschriften beschneiden lassen. Die gläubige Mutter hingegen wollte ihre Kinder im Evangelium Christi erziehen. Dies führte zu Spannungen, denn die Erziehung unter dem mosaischen Gesetz machte die Kinder empfänglich für die Überlieferungen und verhinderte unter Umständen die Annahme des Evangeliums. 

Daher, so erklärt D&C 74, habe Paulus empfohlen, dass Gläubige möglichst keine Ehe mit Ungläubigen eingehen sollten – nicht, weil die Ehe an sich sündhaft wäre, sondern um zu verhindern, dass die Kinder unter gegensätzlichen religiösen Einflüssen stehen. Wichtig ist dabei, dass Paulus selbst schreibt, dieses Gebot sei nicht vom Herrn direkt, sondern sein eigener Rat (D&C 74:5; 1 Korinther 7:12). Damit wird deutlich, dass der Apostel hier praktische Weisheit aus der damaligen Situation heraus formulierte, ohne den Anspruch göttlicher Offenbarung zu erheben. 

Theologische Klärung und Ablehnung der Kindertaufe 

Die Verse 6–7 in D&C 74 machen schließlich deutlich, dass die jüdische Vorstellung, kleine Kinder seien „unheilig“, durch das Sühnopfer Jesu Christi hinfällig geworden ist. „Aber kleine Kinder sind heilig, heilig gemacht durch das Sühnopfer Jesu Christi“ (Vers 7). Damit stellt der Herr klar, dass alle Kinder durch Christus geheiligt sind und keiner weiteren rituellen Handlung zur Reinigung bedürfen. Diese Lehre harmoniert vollständig mit dem Buch Mormon, wo der Prophet Mormon in Moroni 8 mit aller Deutlichkeit erklärt, dass Kindertaufe eine „gräuliche Verkehrtheit“ sei und dass „kleine Kinder leben in Christus von Grundlegung der Welt an“ (Moroni 8:8, 12). 

Die Offenbarung in D&C 74 steht somit auch im Zusammenhang mit Lehren aus D&C 20:70–71, wonach Kinder in der Kirche zwar gesegnet, aber erst mit dem Erreichen des „Rechenschaftsalters“ getauft werden sollen. In D&C 68:27 wird dieses Alter mit acht Jahren bestimmt. Dies ist nicht nur eine organisatorische Regel, sondern Ausdruck tiefer theologischer Überzeugung: Die Taufe ist eine Bündnishandlung für Menschen, die fähig sind, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, Reue zu empfinden und sich bewusst für Christus zu entscheiden. 

Lehren für unsere Zeit 

L&B 74 ist auch für unsere Zeit hochaktuell, sowohl in theologischer als auch in praktischer Hinsicht: 

1. Bedeutung der Familie und des Glaubensumfelds für Kinder: 
Die Offenbarung verdeutlicht, wie wichtig ein einheitliches Glaubensumfeld für die religiöse Entwicklung von Kindern ist. In einer Zeit, in der interreligiöse oder konfessionsübergreifende Ehen häufig sind, ist dies besonders relevant. Zwar ist es möglich, in solchen Ehen harmonisch zu leben, doch bedarf es klarer Absprachen und liebevoller Kommunikation, insbesondere im Hinblick auf die religiöse Erziehung von Kindern. Die Offenbarung erinnert daran, dass ein gläubiges Elternteil großen Einfluss auf die Heiligkeit und das Glaubensleben seiner Kinder haben kann. Lies auch gerne “Die Familie – eine Proklamation an die Welt”. 

2. Wahrer Charakter Gottes in Bezug auf Kinder: 
Ein zentrales theologisches Thema der Offenbarung ist die Barmherzigkeit Gottes gegenüber den Unschuldigen. Der Gedanke, dass ein Kind verdammt würde, weil es nicht getauft wurde, widerspricht zutiefst dem Wesen eines gerechten und liebevollen Gottes. Die Offenbarung bekräftigt die Lehre, dass alle Kinder durch das Sühnopfer Christi gerettet sind. Dies kann Eltern, die ein Kind verloren haben, Trost spenden und bestätigt die Gerechtigkeit und Liebe Gottes auf tiefster Ebene. 

3. Warnung vor religiöser Tradition ohne Offenbarung: 
Die frühe Kirche kämpfte mit der Herausforderung, das Evangelium Christi von den überlieferten Gesetzen des Mose zu unterscheiden. Auch heute besteht die Gefahr, dass sich religiöse Praktiken durch Traditionen und kulturelle Muster entwickeln, ohne dass sie durch Offenbarung oder Evangeliumswahrheiten gedeckt sind. Die Offenbarung ermahnt dazu, immer die Lehren Jesu Christi – insbesondere sein Sühnopfer – ins Zentrum zu stellen und rituelle Handlungen auf ihre geistige Bedeutung und göttliche Legitimation hin zu prüfen. 

4. Wert der prophetischen Offenbarung zur Schriftauslegung: 
L&B 74 zeigt auch die Rolle des Propheten als Schriftausleger. Joseph Smith hat in einer Zeit großer theologischer Verwirrung durch Offenbarung den wahren Sinn von Bibelstellen klargemacht, die missverstanden oder falsch angewendet wurden. Dies ist ein Hinweis darauf, dass wir weiterhin auf lebende Propheten und apostolische Lehre vertrauen sollen, wenn es um die Interpretation schwieriger Schriftstellen geht. 

Fazit 

L&B 74 ist eine vergleichsweise kurze, aber theologisch tiefgründige Offenbarung. Sie klärt nicht nur eine schwierige Passage des Neuen Testaments, sondern weist deutlich auf zentrale Glaubenswahrheiten hin: die Reinheit und Heiligkeit der Kinder, die Wichtigkeit eines konsistenten Glaubensumfeldes in der Familie, den Vorrang des Evangeliums Christi gegenüber alttestamentlichen Traditionen und die Notwendigkeit inspirierter Schriftauslegung durch Propheten. In einer Welt voller religiöser Meinungsvielfalt und moralischer Unsicherheit erinnert uns diese Offenbarung daran, dass Gott ein Gott der Ordnung, Gerechtigkeit und vor allem der Barmherzigkeit ist – besonders gegenüber den Kleinsten unter uns. 

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Mittwoch, 2. Juli 2025

Gürtet euch die Lenden und seid ernsthaft

 

(Bild: Quelle)

“Nun gebe ich euch zu dieser Zeit nichts mehr. Gürtet euch die Lenden und seid ernsthaft. So ist es. Amen.” (Lehre und Bündnisse 73:6). 

Lehre und Bündnisse 73:1-6 

L&B 73 ist eine kurze, aber bedeutende Offenbarung, die am 10. Januar 1832 in Hiram, Ohio, an Joseph Smith und Sidney Rigdon gegeben wurde. Sie bildet eine Art Übergang zwischen einer intensiven Missionszeit und der Wiederaufnahme eines der wichtigsten theologischen Projekte der frühen Kirche: der inspirierten Bibelübersetzung durch Joseph Smith. Obwohl der Text nur sechs Verse umfasst, spiegelt er zentrale Themen wider, die für die Heiligen der Letzten Tage heute genauso relevant sind wie damals – darunter der Umgang mit Opposition, die Bedeutung kontinuierlicher Offenbarung und die zentrale Rolle der Schriftstudien. 

Historischer Hintergrund 

Die Vorgeschichte zu Abschnitt 73 beginnt einige Monate zuvor im Herbst 1831. Zu dieser Zeit war eine Welle der Kritik gegen die noch junge Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage entstanden. Zwei ehemalige Mitglieder – Ezra Booth, ein begabter früher Konvertit und Prediger, sowie Symonds Rider – hatten sich enttäuscht von der Kirche abgewandt und begannen, öffentlich gegen Joseph Smith zu schreiben und zu predigen. Besonders Booth verfasste eine Reihe von Briefen, die in der Zeitung Ohio Star veröffentlicht wurden und breite Aufmerksamkeit in der Region fanden. 

Diese Briefe warfen Joseph Smith Betrug, Machtmissbrauch und übertriebene Ansprüche auf göttliche Offenbarung vor. Damit wurde ein Klima des Misstrauens geschürt, das die Glaubensfreiheit und das öffentliche Ansehen der Kirche ernsthaft gefährdete. Der Herr reagierte darauf mit einer Offenbarung im Dezember 1831 (LuB 71), in der Joseph Smith und Sidney Rigdon beauftragt wurden, ihre laufende Arbeit an der Bibelübersetzung zu unterbrechen und stattdessen öffentlich das Evangelium zu verkünden und falsche Anschuldigungen zu entkräften. 

Diese Phase öffentlicher Verteidigung dauerte etwa sechs Wochen. Joseph und Sidney reisten durch die umliegenden Gemeinden – unter anderem nach Shalersville und Ravenna – und predigten mit Macht und Klarheit. Laut Josephs eigener Darstellung in seiner späteren Geschichte waren sie sehr erfolgreich darin, „die aufgeregten Gefühle zu beruhigen“, die durch die Verleumdungen entfacht worden waren. Ihre Predigten betonten die Wiederherstellung des Evangeliums, das Kommen des Gerichts Gottes und die Wahrheit ihrer Berufung. 

Inhalt und Lehren von Lehre und Bündnisse 73 

Nach dieser intensiven Zeit kam mit Abschnitt 73 eine neue Phase. In dieser Offenbarung sagte der Herr, dass Joseph und Sidney wieder zu ihrer früheren Aufgabe zurückkehren sollten: der inspirierten Übersetzung der Bibel. Gleichzeitig sollten sie – soweit praktikabel – weiterhin lokal predigen, bis zur nächsten Kirchenkonferenz, bei der weitere Anweisungen gegeben würden. 

Vers 1–2: Predigtarbeit bis zur Konferenz 

Zunächst betont der Herr, dass die Ältesten weiterhin das Evangelium predigen und die umliegenden Gemeinden ermahnen sollen. Der Fokus liegt auf der geistigen Stärkung und Festigung der Mitglieder. Die bevorstehende Konferenz wird dann als Ort bezeichnet, an dem neue Aufträge vergeben werden – ein Hinweis auf das Prinzip der kollektiven Offenbarung durch Rat und Einheit unter den Priestertumsführern. 

Vers 3–4: Wiederaufnahme der Übersetzungsarbeit 

Joseph Smith und Sidney Rigdon erhalten dann den spezifischen Auftrag, ihre Übersetzungsarbeit wieder aufzunehmen – ein Werk, das später tiefgreifende Offenbarungen (wie LuB 76 über die drei Grade der Herrlichkeit) hervorbringen wird. Dies geschieht parallel zur lokalen Missionsarbeit, soweit es möglich ist. 

Vers 5: Ein Muster für alle Ältesten 

Der Herr stellt das Vorgehen von Joseph und Sidney als „Muster“ für alle Ältesten auf – ein wichtiges Prinzip. Es geht darum, sowohl zu predigen als auch die Schriften zu studieren, Offenbarung zu empfangen und das Volk zu führen. Die Führung der Kirche ist also kein statischer Zustand, sondern erfordert Anpassungsfähigkeit, Reaktion auf aktuelle Herausforderungen und geistige Tiefe. 

Vers 6: Aufruf zur Entschlossenheit 

Der letzte Vers enthält eine motivierende Ermahnung: „Gürtet euch die Lenden und seid ernsthaft.“ Dies ist ein biblischer Ausdruck, der Vorbereitung, Entschlossenheit und geistige Wachsamkeit ausdrückt. Die Arbeit ist ernst, die Zeit knapp, und der Herr erwartet vollen Einsatz. 

Lehren und Anwendungen für unsere Zeit 

Obwohl L&B 73 in einem spezifischen historischen Kontext steht, enthält die Offenbarung Prinzipien, die heute besonders aktuell und lehrreich sind: 

1. Weiser Umgang mit Kritik und Opposition 

Der Herr forderte Joseph und Sidney auf, sich nicht dauerhaft auf ihre Kritiker zu konzentrieren, sondern nach getaner Klarstellung zur eigentlichen geistigen Aufgabe zurückzukehren. Auch wir begegnen heute Kritik, Missverständnissen oder sogar Feindseligkeit gegenüber unserem Glauben. Die Offenbarung lehrt, dass wir solchen Angriffen mit Klarheit und Würde entgegentreten sollen, uns aber nicht in Streitigkeiten verlieren dürfen. Der Fokus soll auf dem Aufbau des Reiches Gottes liegen – nicht auf endlosen Debatten. 

2. Balance zwischen öffentlicher Arbeit und innerem geistigen Wachstum 

Die Offenbarung zeigt die Notwendigkeit einer ausgewogenen Lebensführung. Joseph und Sidney sollen sowohl predigen als auch tief in die Schriften eintauchen. Diese Kombination – aktiver Dienst und kontemplatives Studium – ist ein Modell für heutige Mitglieder und Führer: Dienst am Nächsten und persönliche Offenbarung durch das Studium der Schriften gehen Hand in Hand. 

3. Die Bibel als Quelle lebendiger Offenbarung 

Die Rückkehr zur Bibelübersetzung war nicht nur eine administrative Aufgabe – sie öffnete die Tür zu Offenbarungen, die das theologische Fundament der Kirche bis heute prägen (z. B. Lehre von der Errettung, Erkenntnisse über das Wesen Gottes, die Auferstehung usw.). Für heutige Heilige ist dies eine Einladung, die Heiligen Schriften nicht nur historisch, sondern als lebendige Quelle göttlicher Führung zu betrachten. Wie Joseph Smith es sagte: „Derjenige, der sie am häufigsten liest, wird sie am meisten lieben.“ 

4. Göttliche Führung Schritt für Schritt 

Der Herr sagt am Ende: „Nun gebe ich euch zu dieser Zeit nichts mehr.“ Das zeigt: Offenbarung kommt oft in kleinen Portionen – genug für den nächsten Schritt. Auch in unserem Leben ist es selten so, dass Gott uns den vollständigen Plan auf einmal offenbart. Wir lernen, im Vertrauen voranzugehen, Schritt für Schritt. 

5. Die Bedeutung von Konferenzen und kollektiver Führung 

Die Offenbarung weist darauf hin, dass bei der nächsten Konferenz neue Missionszuweisungen durch die „Stimme der Konferenz“ gegeben werden. Dies unterstreicht ein zentrales Prinzip der Kirche Jesu Christi: dass göttliche Führung oft durch vereinte Beratung, Bestätigung des Heiligen Geistes und das Wirken von Priestertumsführern in Konferenzen gegeben wird – ein Muster, das bis heute in General- Pfahl- und Gemeindekonferenzen weiterlebt. 

Schlussgedanken 

L& 73 ist ein Beispiel für geistige Umsicht und Prioritäten in einer Zeit des äußeren Drucks. Es zeigt, wie der Herr seine Werkzeuge lenkt: nicht nur im Kampf gegen Kritik, sondern vor allem im Aufbau seines Reiches durch Studium, Lehre und Offenbarung. Für uns heute ist es eine Einladung, entschlossen, klug und geistlich ausgerichtet zu leben – „die Lenden gegürtet“ und mit dem Blick auf das, was wirklich zählt. 

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Dienstag, 1. Juli 2025

Rechenschaft über seine Treuhandschaft ablegen

 

(Bild: Quelle)

“Und wahrlich, darin habt ihr weise gehandelt, denn der Herr verlangt von der Hand jedes Treuhänders, dass er Rechenschaft über seine Treuhandschaft ablege, sowohl in der Zeit als auch in der Ewigkeit.” (Lehre und Bündnisse 72:3). 

Lehre und Bündnisse 72:1-26 

Am 4. Dezember 1831 versammelten sich mehrere Älteste und Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Kirtland, Ohio. Sie wollten ihre Pflichten besser verstehen und sich geistlich erbauen lassen. Zu diesem Anlass empfing der Prophet Joseph Smith mehrere Offenbarungen, die heute als Abschnitt 72 zusammengefasst sind. Diese Offenbarungen kamen in einer Zeit des raschen Wachstums der Kirche, was neue organisatorische Herausforderungen mit sich brachte – insbesondere im Hinblick auf die Verwaltung materieller Güter, die Umsetzung des Gesetzes der Weihung und die Versorgung Bedürftiger. Abschnitt 72 ist daher in vielerlei Hinsicht ein praktisches Dokument, das aber zugleich tiefgreifende geistige Prinzipien offenbart, die bis heute für die Kirche und ihre Mitglieder gelten. 

Historischer Hintergrund 

Zu Beginn der Offenbarung gab es nur einen Bischof in der Kirche: Edward Partridge. Er war im Februar 1831 zum ersten Bischof ordiniert worden und lebte nun in Missouri, dem „Land Zion“, wohin viele Heilige bereits gezogen waren. Doch in Kirtland, Ohio, blieb eine große Gruppe zurück, die nun ohne örtlichen Bischof war. Da die Kirche organisatorisch noch in den Anfängen steckte, stellte sich die Frage, ob ein zweiter Bischof notwendig sei – und falls ja, wer diese Berufung erhalten solle. Die Antwort kam durch göttliche Offenbarung. 

Die ersten acht Verse legen fest, dass es ratsam sei, einen weiteren Bischof einzusetzen, und Newel K. Whitney wird als der von Gott berufene Mann genannt. Whitney war ein wohlhabender Kaufmann und bereits zuvor als Agent der Kirche tätig gewesen. Er hatte in Kirtland einen Laden geführt, der später zum ersten Bischofsvorratshaus wurde. Als Joseph ihm die Offenbarung mitteilte, sagte Whitney bescheiden: „Ich kann in mir selbst keinen Bischof erkennen.“ Joseph erwiderte, er solle den Vater selbst fragen. Whitney betete, erhielt eine persönliche Bestätigung vom Herrn („Deine Stärke ist in mir“) und nahm die Berufung an. 

Nach der Berufung werden in den Versen 9 bis 23 die Pflichten des neuen Bischofs dargelegt. Dazu gehörten die Verwaltung der finanziellen Mittel, die Aufsicht über das Vorratshaus, die Verantwortung für Bedürftige sowie die Entgegennahme von Rechenschaftsberichten der Ältesten über ihre Treuhandschaften. Schließlich regeln die Verse 24 bis 26 die Notwendigkeit, dass jeder, der nach Zion ziehen will, zuvor eine Empfehlung vom Bischof einholen muss – eine Maßnahme, die helfen sollte, die geordnete Besiedlung Missouris sicherzustellen. 

Lehren aus Abschnitt 72 

1. Das Prinzip der Treuhandschaft und Rechenschaftspflicht (Verse 3–5) 

Ein zentrales Thema des Abschnitts ist das Prinzip, dass jeder Mensch vor Gott ein Treuhänder ist. Der Herr verlangt von jedem „Treuhänder, dass er Rechenschaft über seine Treuhandschaft ablege, sowohl in der Zeit als auch in der Ewigkeit“ (V. 3). Das bedeutet: Alles, was wir haben – Besitz, Talente, Zeit, Einfluss – ist uns von Gott anvertraut. Wir sind nicht Eigentümer im eigentlichen Sinn, sondern Verwalter. Und eines Tages werden wir dem Herrn gegenüber Rechenschaft darüber ablegen müssen, wie wir mit dem umgegangen sind, was er uns anvertraut hat. 

Dieses Prinzip betrifft nicht nur Bischöfe oder Kirchenführer, sondern jeden einzelnen. Es lädt uns ein, unser Leben bewusst zu führen, unsere Prioritäten zu überdenken und unsere Entscheidungen im Licht der Ewigkeit zu treffen. Es erinnert uns auch daran, dass geistiger Fortschritt und zeitlicher Wohlstand nicht getrennt voneinander stehen, sondern Teil eines größeren göttlichen Plans sind. 

2. Die Berufung zum Bischof und geistige Bestätigung (Verse 8, Kontext) 

Die Berufung Newel K. Whitneys zeigt, wie geistige Führerschaft in der Kirche funktioniert. Obwohl Joseph Smith die Offenbarung empfangen hatte, wurde Whitney eingeladen, selbst um Bestätigung zu bitten. Dies zeigt das Prinzip der persönlichen Offenbarung. In der Kirche wird niemand zur Führung gezwungen – Berufungen beruhen auf Inspiration, aber auch auf freiem Willen und eigener geistiger Überzeugung. Dieses Zusammenspiel von Offenbarung, Bescheidenheit und persönlicher Bestätigung ist ein Muster, das bis heute Gültigkeit hat. 

3. Verantwortung des Bischofs für zeitliche Belange (Verse 9–15) 

Der Bischof wurde damit beauftragt, das Vorratshaus zu verwalten, finanzielle Mittel zu organisieren und sich um die Bedürftigen zu kümmern. Damals, zu einer Zeit, in der die Kirche stark auf das Prinzip der Weihung setzte, war diese Rolle entscheidend für das tägliche Überleben vieler Mitglieder. Whitney war als Geschäftsmann bestens für diese Aufgaben vorbereitet, aber auch geistig demütig genug, um sie im Sinne des Herrn zu erfüllen. 

Heute liegt in dieser Beschreibung das Vorbild für das kirchliche Wohlfahrtsprinzip. Noch immer sind Bischöfe u. a. dafür verantwortlich, die Armen zu versorgen, allerdings in enger Zusammenarbeit mit Gemeinderäten, der Frauenhilfsvereinigung und weiteren Diensten. Der Grundsatz, dass die Kirche ihre Mitglieder im Bedürfnis unterstützt, aber auch Selbsthilfe betont, wurde hier erstmals in einem organisatorischen Rahmen offengelegt. 

4. Das Gleichgewicht zwischen Geben und Empfangen (Verse 11–13) 

Diese Verse stellen sicher, dass der Empfang von Unterstützung mit Rechenschaft, Eigenleistung und Transparenz verbunden ist. Wer etwas empfängt, soll dafür – wenn möglich – bezahlen oder einen Ausgleich leisten. Wer dazu nicht in der Lage ist, dessen Bedürfnis wird weitergeleitet, und der Bischof in Zion soll helfen. Damit wird ein Gleichgewicht zwischen Gnade und Gerechtigkeit geschaffen. Der Hilfeempfänger wird weder beschämt noch seiner Würde beraubt, aber gleichzeitig zur Mitarbeit eingeladen. Dieses Prinzip ist bis heute in der kirchlichen Wohlfahrtsarbeit sichtbar. 

5. Geordnete Sammlung nach Zion (Verse 24–26) 

Die Offenbarung beendet mit einer Klarstellung zur Sammlung der Heiligen nach Zion. Sie sollen nur nach Missouri ziehen, wenn sie eine Empfehlung vom Bischof erhalten haben. Dies war notwendig, weil zu viele Mitglieder auf eigene Faust nach Missouri kamen und damit die vorhandenen Ressourcen überforderten. Die Maßnahme hatte das Ziel, sowohl Ordnung als auch geistige Vorbereitung sicherzustellen. 

Auch heute gilt: Der Herr liebt geordnete Prozesse. Selbst geistige Bestrebungen wie Mission, Tempelarbeit oder Ortswechsel in der Kirche sollten im Einklang mit göttlich inspirierten Richtlinien und unter geistiger Führung erfolgen. Die Botschaft lautet: Eifer ist gut, aber er muss durch Weisheit ergänzt werden. 

Bedeutung für uns heute 

Abschnitt 72 zeigt eindrücklich, wie das Reich Gottes sowohl geistlich als auch organisatorisch geführt wird. Es offenbart Grundprinzipien, die in einer modernen Welt voller Individualismus, materieller Orientierung und Unverbindlichkeit besonders wichtig sind: 

  • Jeder hat eine Treuhandschaft, für die er persönlich vor Gott verantwortlich ist. 
  • Geistige Berufungen beruhen auf Offenbarung, aber auch auf freiem Willen und eigener Bestätigung. 
  • Führung bedeutet nicht Herrschaft, sondern Dienst – sowohl geistlich als auch materiell. 
  • Hilfeleistung soll dem Bedürftigen dienen, aber auch seine Selbstständigkeit fördern. 
  • Das Werk Gottes erfordert nicht nur Glauben, sondern auch Ordnung und Organisation

In einer Welt, die zunehmend unübersichtlich und egozentriert ist, laden uns diese Lehren ein, ein Leben in Verantwortung, Gemeinschaft, Barmherzigkeit und göttlicher Ordnung zu führen. 

Abschnitt 72 ist damit nicht nur ein historisches Verwaltungsdokument, sondern ein lebendiger Leitfaden für modernes Jüngertum. 

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