Donnerstag, 17. September 2026

Gott ist mit uns

 

(Bildquelle)

„Das Volk, das in Finsternis wandelt, wird ein großes Licht erblicken, über denen, die in umnachtetem Lande wohnen, wird Licht aufstrahlen.“ (Jesaja 9:1

Jesaja 7, 8 und 9 

Die Kapitel 7 bis 9 des Buches Jesaja gehören zu den bekanntesten Prophezeiungen des Alten Testaments. Selbst Menschen, die nur selten in der Bibel lesen, kennen die Worte: „Siehe, die Jungfrau wird guter Hoffnung werden“ oder „Ein Kind ist uns geboren.“ Gerade in der Weihnachtszeit werden sie oft zitiert. Doch Jesaja wollte weit mehr vermitteln als eine zukünftige Geburtsankündigung. Er zeigte, wie Gott seinem Bundesvolk in einer Zeit größter Unsicherheit Hoffnung schenkt – und warum diese Hoffnung letztlich nur in Jesus Christus zu finden ist. 

Die Ereignisse spielen sich in einer politischen Krise ab. Juda wird von mächtigen Nachbarvölkern bedroht. König Ahas steht unter gewaltigem Druck. Menschlich betrachtet scheint seine Entscheidung vernünftig: Er sucht Hilfe beim assyrischen Großreich. Militärische Bündnisse, diplomatische Beziehungen und politische Stärke erscheinen ihm sicherer als das Wort Gottes. 

Der Herr sendet Jesaja zu ihm. Der Prophet fordert den König auf, sich nicht zu fürchten und Gott zu vertrauen. Ja, Gott bietet ihm sogar an, ein Zeichen zu erbitten. Doch Ahas lehnt scheinbar fromm ab: „Ich will nicht fordern und den HERRN nicht versuchen.“ (Jesaja 7:12). Tatsächlich war dies keine Demut, sondern Unglaube. Sein Herz hatte sich bereits entschieden. Er wollte seine Sicherheit lieber bei Menschen suchen als beim Herrn. 

Wie aktuell diese Begebenheit ist. 

Auch wir stehen immer wieder vor Entscheidungen, in denen wir uns fragen: Worauf baue ich mein Vertrauen? Auf Geld? Auf Versicherungen? Auf politische Entwicklungen? Auf meine Fähigkeiten? Oder auf den lebendigen Gott? Natürlich fordert das Evangelium keine Gedankenlosigkeit. Kluge Planung gehört zu einem verantwortungsvollen Leben. Doch Jesaja macht deutlich, dass jede menschliche Absicherung zerbrechlich wird, wenn sie an die Stelle unseres Vertrauens auf Gott tritt. 

Gerade hierin liegt eine wichtige Botschaft des wiederhergestellten Evangeliums. Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt gelehrt, dass die geistige Stärke der Letzten Tage nicht aus äußeren Umständen erwächst, sondern aus Offenbarung durch den Heiligen Geist. Wer lernt, die Stimme des Herrn zu hören, besitzt einen Anker, den keine weltliche Krise erschüttern kann. 

Mitten in diese politische Krise hinein spricht Jesaja die erstaunlichen Worte: 

„Darum wird der Allherr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird guter Hoffnung werden und einen Sohn gebären und ihm den Namen Immanuel geben.“ (Jesaja 7:14

Im unmittelbaren historischen Zusammenhang war dieses Zeichen zunächst eine Zusicherung dafür, dass Gott sein Bundesvolk nicht verlassen hatte. Doch durch weitere Offenbarung erkennen wir die tiefere Erfüllung dieser Worte in Jesus Christus. Matthäus zitiert diese Prophezeiung ausdrücklich und erklärt, dass sie sich in der Geburt des Erlösers erfüllt hat (Matthäus 1:22–23). 

Immanuel bedeutet: „Gott mit uns.“ 

Gerade dieser Name beschreibt das Wesen des Evangeliums. Gott blieb nicht fern. Er sandte seinen eingeborenen Sohn in eine gefallene Welt. Jesus Christus kennt Krankheit, Einsamkeit, Versuchung, Trauer und Schmerz. Durch das Sühnopfer im Garten Getsemani und am Kreuz ist er buchstäblich mit uns in unseren dunkelsten Stunden. 

Das Buch Mormon bestätigt diese Wahrheit eindrucksvoll. Alma bezeugte: 

„Und er wird Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art auf sich nehmen ... damit sein Inneres von Barmherzigkeit erfüllt werde.“ (Alma 7:11–12

Wie Scripture Central hervorhebt, verstand Nephi die Prophezeiungen Jesajas nicht nur als Botschaft für das damalige Juda, sondern auch als Zeugnis von Jesus Christus und als Offenbarung für spätere Generationen. Deshalb forderte er seine Leser auf, Jesajas Worte auf sich selbst anzuwenden. Viele Prophezeiungen besitzen daher eine unmittelbare historische Bedeutung und zugleich eine weiterreichende Erfüllung im Messias und in den Letzten Tagen.  

Vertiefende Quellen: 

Jesaja beschreibt anschließend den Unterschied zwischen Glauben und Unglauben auf eindrucksvolle Weise. Während viele Menschen Zauberer, Wahrsager oder politische Macht suchen, fordert er: 

„Soll nicht ein Volk seinen Gott befragen?“ (Jesaja 8:19

Auch diese Frage trifft unsere Zeit. 

Heute vertrauen viele Menschen lieber auf soziale Medien, Meinungsführer, künstliche Intelligenz oder ständig wechselnde gesellschaftliche Strömungen. Informationen sind überall verfügbar. Weisheit dagegen bleibt selten. Offenbarung ersetzt keine Suchmaschine. 

Elder David A. Bednar hat in seiner Generalkonferenzansprache Der Geist der Offenbarung eindrucksvoll erklärt, dass der Heilige Geist häufig leise und beständig wirkt und uns Schritt für Schritt führt, wenn wir bereit sind, auf den Herrn zu hören. Gerade Jesaja zeigt, dass Gottes Führung selten spektakulär beginnt, aber immer zuverlässig ist. 

Dann öffnet sich der Blick weit über die damalige Zeit hinaus. 

„Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns geschenkt; die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und sein Name lautet: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst.“ (Jesaja 9:5

Kaum eine Prophezeiung beschreibt Jesus Christus umfassender. 

Er ist der Wunderbare Ratgeber, weil seine Weisheit unsere begrenzte Sicht übersteigt. 

Er ist der starke Gott, weil keine Macht stärker ist als seine Erlösung. 

Er ist der Ewig-Vater im Sinne der Schrift, weil er als Schöpfer und Bundesmittler ewiges Leben ermöglicht. 

Und er ist der Friedefürst, weil wahrer Friede niemals zuerst von äußeren Umständen abhängt, sondern von einer versöhnten Beziehung zu Gott. 

Die Wiederherstellung hilft uns, diese Titel noch besser zu verstehen. Moderne Offenbarung erklärt die unterschiedlichen Rollen des Vaters und des Sohnes und zeigt zugleich, weshalb Christus in bestimmten Zusammenhängen als „Vater“ bezeichnet wird – nämlich als Schöpfer der Erde und Vater der geistigen Wiedergeburt derjenigen, die seinen Bund annehmen (vgl. Mosia 15). 

Besonders bewegend ist Jesajas Bild vom Licht. 

Licht vertreibt die Finsternis nicht durch Kampf, sondern einfach dadurch, dass es erscheint. 

So wirkt Christus. 

Oft verändert er nicht sofort unsere äußeren Umstände. Aber er verändert unser Herz. Hoffnung kehrt zurück. Angst verliert ihre Macht. Orientierung wird möglich. 

Ein berührendes Beispiel aus der neueren Geschichte der Kirche stammt von Präsident Thomas S. Monson. Immer wieder erzählte er, wie wichtig es sei, in schwierigen Zeiten dem Herrn zu vertrauen und seinen Eingebungen unverzüglich zu folgen. Besonders in seinen Besuchen bei den Heiligen in der ehemaligen DDR zeigte sich dieses Vertrauen. Jahrzehntelang schienen politische Grenzen unüberwindbar. Dennoch hielt Präsident Monson unbeirrt an Gottes Verheißungen fest. Schließlich öffnete der Herr Wege, die zuvor unmöglich erschienen – bis hin zum Bau des Freiberg-Tempels. Viele Mitglieder berichteten später, dass sie gerade in Zeiten äußerer Einschränkungen den tiefsten inneren Frieden erfahren hatten. Gottes Licht war stärker als politische Dunkelheit. (Lies hierzu sehr gerne: “Geistliches Wirken und Wunder in der DDR”) 

Diese Erfahrung erinnert unmittelbar an Jesajas Botschaft. Das Licht Gottes verschwindet nicht, weil die Welt dunkel wird. Gerade dann leuchtet es am hellsten. 

Auch heute erleben Mitglieder der Kirche weltweit ähnliche Erfahrungen – sei es in Kriegsgebieten, nach Naturkatastrophen oder unter persönlichem Leid. Immer wieder zeigt sich dieselbe Wahrheit: Christus nimmt nicht jede Prüfung weg, aber er geht mit uns hindurch. 

Vielleicht besteht unsere größte Herausforderung darin, Gott nicht erst dann zu vertrauen, wenn wir seine Lösungen bereits erkennen können. Ahas wollte zuerst Sicherheit und dann Glauben. Das Evangelium lehrt den umgekehrten Weg: zuerst Glauben, dann offenbart der Herr seinen Weg. 

Jesaja lädt uns deshalb ein, den Blick von unseren Ängsten auf den Erlöser zu richten. 

Denn Immanuel ist nicht nur ein Name aus alter Zeit. 

Er ist eine Verheißung für jeden von uns. 

Gott ist mit uns. 

Auch heute. 

Gerade heute. 

Davon lege ich gerne Zeugnis ab. Je länger ich den Erlöser kennenlerne, desto mehr erkenne ich, dass seine Gegenwart oft still wirkt. Nicht jede Frage wird sofort beantwortet, nicht jede Sorge verschwindet augenblicklich. Aber immer wieder durfte ich erleben, dass der Herr Licht schenkt, wenn der nächste Schritt getan werden muss. Sein Friede übersteigt menschliches Verstehen. Deshalb vertraue ich darauf, dass Jesus Christus tatsächlich der verheißene Immanuel ist – der Friedefürst, dessen Licht keine Finsternis überwinden kann. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

Mittwoch, 16. September 2026

Hier bin ich, sende mich

 

(Bildquelle)

„Darauf hörte ich die Stimme des Allherrn sagen: „Wen soll ich senden, und wer wird unser Bote sein?” Ich antwortete: „Hier bin ich, sende mich!”” (Jesaja 6:8

Jesaja 6 

Es gibt Augenblicke im Leben, die alles verändern. Manchmal dauern sie nur wenige Sekunden. Ein Gedanke. Ein Gebet. Eine Begegnung. Ein Eindruck des Heiligen Geistes. Hinterher ist nichts mehr wie zuvor. 

Jesaja beschreibt einen solchen Augenblick. Mitten in einer Zeit politischer Unsicherheit und persönlicher Erschütterung – „im Todesjahr des Königs Usija“ – öffnet sich plötzlich der Himmel. Der Prophet sieht den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen. Der Saum seines Gewandes erfüllt den Tempel. Seraphim stehen vor ihm und rufen unaufhörlich: 

„Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen; die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!“ (Jesaja 6:3). 

Diese wenigen Worte gehören zu den gewaltigsten Bildern der gesamten Heiligen Schrift. Sie beschreiben nicht nur Gottes Macht, sondern vor allem seine vollkommene Heiligkeit. Im Hebräischen wird eine Wiederholung zur Verstärkung benutzt. Wenn etwas zweimal gesagt wird, ist es wichtig. Dreimal ausgesprochen bedeutet höchste Steigerung. Gott ist nicht einfach heilig. Er ist heilig, heilig, heilig. Vollkommen rein. Ohne Schatten. Ohne Sünde. Ohne jede Unvollkommenheit. 

Wer Gottes Heiligkeit wirklich erkennt, beginnt fast automatisch, die eigene Unvollkommenheit zu sehen. 

Genau das geschieht Jesaja. 

Statt sich geehrt zu fühlen, bricht er innerlich zusammen. 

„Wehe mir! Ich bin verloren! Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen; und dennoch haben meine Augen den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen.“ (Jesaja 6:5). 

Diese Reaktion begegnet uns immer wieder in den heiligen Schriften. Als Petrus die Macht Jesu erkennt, ruft er aus: „Herr, gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lukas 5:8). Alma fällt nach seiner Bekehrung in tiefe Reue (Alma 36). Auch Henoch fragt den Herrn: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen? Denn ich bin nur ein Knabe.“ (Mose 6:31). 

Je näher Menschen Gott kommen, desto weniger beeindrucken sie sich selbst. 

Das ist keine zerstörerische Selbstverachtung. Es ist Demut. Der Stolze vergleicht sich mit anderen Menschen. Der Demütige vergleicht sich mit Christus. 

Doch bemerkenswert ist, dass Gott Jesaja nicht in diesem Zustand lässt. 

Ein Seraph fliegt mit einer glühenden Kohle vom Altar herbei und berührt seine Lippen. 

„Siehe, diese hat deine Lippen berührt; damit ist deine Schuld gewichen und deine Sünde gesühnt.“ (Jesaja 6:7). 

Die glühende Kohle ist ein kraftvolles Sinnbild für das Sühnopfer Jesu Christi. Jesaja reinigt sich nicht selbst. Er spricht sich nicht selbst frei. Die Reinigung kommt von Gott. 

Wie oft glauben wir, zuerst besser werden zu müssen, bevor Gott uns gebrauchen kann. Doch Jesaja zeigt das Gegenteil. 

Der Herr beruft keine vollkommenen Menschen. 

Er macht berufene Menschen vollkommen – Schritt für Schritt. 

Vielleicht besteht gerade darin eine der größten Lektionen dieses Kapitels. Gottes Werk wird nicht von fehlerlosen Menschen getragen, sondern von Menschen, die bereit sind, sich reinigen zu lassen. 

Erst nach dieser Reinigung ertönt die Frage: 

„Wen soll ich senden?“ 

Interessanterweise wird Jesaja gar nicht direkt angesprochen. Gott zwingt niemanden. Er lädt ein. 

Und Jesaja antwortet sofort: 

„Hier bin ich, sende mich!“ 

Kein Zögern. 

Keine Bedingungen. 

Keine Verhandlungen. 

Nur Bereitschaft. 

Diese Worte erinnern unmittelbar an Henoch. Auch er fühlte sich ungeeignet. Er konnte nach eigener Aussage nicht gut reden und war jung und unerfahren. Doch der Herr antwortete: 

„Öffne deinen Mund, und er wird erfüllt werden.“ (Mose 6:32). 

Henoch wurde nicht berufen, weil er bereits alles konnte. 

Er wurde befähigt, weil er bereit war. 

Ganz ähnlich beginnt auch das Buch Mormon. Lehi erhält eine Vision Gottes (1 Nephi 1). Zunächst erschrickt er über die Heiligkeit Gottes und die kommende Zerstörung Jerusalems. Dennoch nimmt er den Auftrag an und beginnt zu predigen – obwohl er weiß, dass viele ihn ablehnen werden. 

Auch Joseph Smith erlebte zunächst Gottes Heiligkeit, bevor seine eigentliche Berufung begann. Die Erste Vision war nicht in erster Linie eine Antwort auf eine theologische Frage. Sie war eine Begegnung mit der Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes. Aus dieser Begegnung erwuchs ein ganzes Leben im Dienst Gottes. 

Immer wieder beginnt göttliche Berufung mit einer Begegnung mit Gott selbst. 

Doch dann folgt in Jesaja etwas Überraschendes. 

Man würde erwarten, dass Gott nun verheißt: „Alle werden auf dich hören.“ 

Stattdessen sagt der Herr praktisch das Gegenteil. 

Jesaja soll predigen. 

Aber viele werden nicht hören. 

Viele werden ihre Herzen verschließen. 

Auf den ersten Blick wirkt das hart. 

Hat Gott selbst die Verstockung bewirkt? 

Die hebräische Ausdrucksweise macht deutlich, dass Jesajas Predigt die bereits vorhandene Herzenshaltung des Volkes offenlegt. Dasselbe Sonnenlicht, das Wachs weich macht, härtet Lehm. Gottes Wort wirkt nicht willkürlich verstockend; vielmehr bringt es ans Licht, was bereits im Herzen vorhanden ist. 

Auch Jesus zitierte diese Verse später mehrfach (Matthäus 13). Viele hörten seine Worte, aber nicht alle waren bereit, sie anzunehmen. 

Jesajas Auftrag bestand deshalb nicht darin, Menschen erfolgreich zu verändern. 

Seine Aufgabe war Treue. 

Das Ergebnis lag bei Gott. 

Das ist eine wichtige Lektion für jeden Jünger Christi. 

Wir erleben manchmal, dass Familienmitglieder unseren Glauben nicht verstehen. Freunde interessieren sich nicht für das Evangelium. Ein Unterricht scheint niemanden zu erreichen. Ein Gespräch endet enttäuschend. 

Doch Gott misst unseren Dienst nicht allein am sichtbaren Erfolg. 

Er fragt nach unserer Treue. 

In der Kirche Jesu Christi erhalten wir viele verschiedene Berufungen. Manche sind öffentlich sichtbar, andere geschehen fast unbemerkt. Ein Primarlehrer bereitet sich sorgfältig vor. Eine Besuchsschwester hört geduldig zu. Ein Pfahlpräsident trifft schwierige Entscheidungen. Eltern lehren ihre Kinder Tag für Tag das Evangelium. 

Nicht jede Saat geht sofort auf. 

Aber keine treue Aussaat bleibt Gott verborgen. 

Ein bewegendes Beispiel dafür gab Präsident Henry B. Eyring. Mehrfach hat er erzählt, dass er sich zu Beginn neuer Berufungen seiner eigenen Unzulänglichkeit sehr bewusst war. Er schilderte, wie er lernte, nicht auf die eigene Fähigkeit zu vertrauen, sondern auf die Hilfe des Herrn. Gerade in Momenten, in denen er sich unzureichend fühlte, erlebte er, wie der Heilige Geist Worte eingab, Menschen vorbereitete und seine Schwächen ergänzte. Seine Erfahrungen zeigen eindrucksvoll, dass Berufungen letztlich nicht auf menschlicher Begabung beruhen, sondern auf göttlicher Gnade und Bereitschaft zum Dienen. Seine Ansprachen über Berufung, Offenbarung und den Beistand des Herrn greifen dieses Thema immer wieder auf und machen Mut, Gottes Ruf trotz eigener Unsicherheit anzunehmen. 

Jesaja endet erstaunlicherweise nicht mit Gericht. 

Mitten im Gericht erscheint Hoffnung. 

Es bleibt ein heiliger Same. 

Ein Überrest. 

Ein neuer Anfang. 

Das zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch Jesaja. Gottes Gerichte dienen niemals der Vernichtung um ihrer selbst willen. Sie reinigen. Sie bereiten vor. Sie öffnen den Weg für Erlösung durch den Messias. 

Auch unser persönliches Leben kennt solche Zeiten. Manchmal erschüttert Gott nicht, um zu zerstören, sondern um Platz für etwas Neues zu schaffen. Alte Sicherheiten verschwinden. Eigene Vorstellungen zerbrechen. Doch gerade dann entsteht Raum für seine Berufung. 

Vielleicht hören wir seine Stimme heute nicht in einer Tempelvision wie Jesaja. 

Vielleicht geschieht sie still während eines Gebets. 

Beim Lesen der heiligen Schriften. 

Während des Abendmahls. 

Oder durch einen leisen Eindruck des Heiligen Geistes. 

Die eigentliche Frage bleibt dieselbe. 

„Wen soll ich senden?“ 

Und vielleicht wartet der Herr noch immer auf dieselbe Antwort. 

„Hier bin ich.“ 

Ich bin überzeugt, dass Gott auch heute Menschen beruft, die sich selbst für ungenügend halten. Er sucht keine Perfektion, sondern ein williges Herz. Das Sühnopfer Jesu Christi macht uns rein, seine Gnade macht uns stark, und sein Geist befähigt uns, Aufgaben zu erfüllen, die unsere eigenen Kräfte übersteigen. Ich weiß, dass der Herr auch heute spricht. Wer bereit ist zuzuhören und zu antworten, wird erleben, dass aus einem einfachen „Hier bin ich“ ein Leben im Dienst des Herrn werden kann.

Dienstag, 15. September 2026

Vertraue nicht auf Menschen

 

(Bildquelle)

„Laßt mich doch einmal von meinem Herzensfreunde singen, nämlich das Lied meines Freundes von seinem Weinberg! Einen Weinberg hatte mein Herzensfreund an einer fruchtbaren Anhöhe. 2 Er grub ihn um, säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben; er baute einen Turm mitten in ihm, hieb auch gleich eine Kelterkufe in ihm aus und wartete dann darauf, daß er Trauben hervorbringe; doch er brachte nur Herlinge (= Herblinge) hervor.“ (Jesaja 5:1–2

Jesaja 3, 4 und 5 

Manchmal liegt die größte Tragik nicht darin, dass etwas zerstört wird, sondern darin, dass etwas Großartiges sein Ziel verfehlt. Ein sorgfältig gepflegter Garten, der keine Früchte trägt. Ein Instrument, das nie gespielt wird. Ein Leben voller Möglichkeiten, das sich schließlich nur um sich selbst dreht. 

Jesaja beschreibt genau diese Tragik. Seine Worte beginnen nicht mit einer Gerichtsrede, sondern mit einem Liebeslied. Es ist die Geschichte eines Weinbergs, in den alles investiert wurde: Zeit, Mühe, Schutz und Hoffnung. Gott schildert sich selbst als liebevollen Besitzer, der nichts unversucht gelassen hat. Der Boden wurde vorbereitet, Steine entfernt, die besten Reben gepflanzt und ein Turm gebaut. Alles war vorhanden, damit der Weinberg gute Früchte hervorbringen konnte. 

Doch am Ende wachsen nur wilde Trauben. 

Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch Jesaja 3 bis 5. Hinter den politischen Ereignissen, den sozialen Missständen und den Ankündigungen des Gerichts steht immer dieselbe Frage: Was geschieht mit einem Volk, das alle Segnungen Gottes empfängt, aber ihm sein Herz nicht mehr schenkt? 

Jesaja beginnt mit einer schonungslosen Analyse Jerusalems. Die Führer verlassen sich auf ihre eigene Klugheit. Reiche häufen Besitz an. Einflussreiche Menschen beugen das Recht. Stolz ersetzt Demut. Äußerer Wohlstand verdeckt innere Armut. 

Besonders eindrucksvoll ist, dass Gott nicht zuerst die Feinde Israels anklagt. Er richtet seinen Blick auf sein eigenes Bundesvolk. 

Das ist ein Muster, das sich durch die gesamte Heilige Schrift zieht. 

Petrus formulierte später denselben Grundsatz: 

"Denn die Zeit ist da, dass das Gericht anfange beim Hause Gottes." (1 Petrus 4:17

Gottes Gericht beginnt nicht deshalb bei seinem Volk, weil er es weniger liebt, sondern gerade weil er es liebt. Wer einen Bund mit ihm geschlossen hat, wird nicht sich selbst überlassen. Seine Zurechtweisung ist immer Ausdruck seiner Geduld und seines Wunsches zur Umkehr. 

Jesaja macht deutlich, dass die eigentliche Ursache des Niedergangs nicht politische Schwäche ist. Es ist geistlicher Stolz. 

Der Mensch beginnt, auf Menschen zu vertrauen. 

Nicht auf Gott. 

Kapitel 3 beschreibt eindringlich, wie alle menschlichen Sicherheiten zusammenbrechen können. Führer versagen. Richter fehlen. Weise Menschen verschwinden. Was eben noch Stabilität versprach, löst sich auf. 

Wie aktuell diese Worte doch sind. 

Unsere Zeit bietet unzählige Möglichkeiten, Sicherheit außerhalb Gottes zu suchen. Wir vertrauen auf wirtschaftlichen Erfolg, medizinischen Fortschritt, politische Systeme, Bildung, soziale Netzwerke oder unsere eigenen Fähigkeiten. Keines dieser Dinge ist schlecht. Doch sie werden gefährlich, wenn sie den Platz einnehmen, der allein Gott gehört. 

Jesaja fordert uns deshalb heraus, eine unbequeme Frage zu stellen: 

Worauf stütze ich letztlich mein Leben? 

Der Stolz, den Jesaja beschreibt, wirkt dabei erstaunlich modern. Stolz ist nicht nur Überheblichkeit. Oft zeigt er sich viel subtiler. Er flüstert: „Ich komme allein zurecht.“ Oder: „Ich brauche keine Korrektur.“ Oder: „Ich weiß selbst am besten, was richtig ist.“ 

Gerade deshalb steht mitten in diesen ernsten Kapiteln immer wieder Gottes ausgestreckte Hand. Sein Ziel ist niemals bloß Strafe. Sein Ziel ist Veränderung. 

Das Lied vom Weinberg gehört zu den bewegendsten Bildern der Bibel. 

Der Besitzer fragt: 

"Was hätte man noch mehr für meinen Weinberg tun können, das ich nicht für ihn getan hätte?" (Jesaja 5:4.) 

Diese Frage richtet sich nicht nur an Israel. 

Sie richtet sich auch an mich. 

Wie oft hat Gott meinen Weg vorbereitet? Wie oft hat er Türen geöffnet, Menschen geschickt, Gebete beantwortet oder mich vor Fehlentscheidungen bewahrt? Wie oft hat der Heilige Geist leise versucht, mein Herz zu verändern? 

Und welche Früchte wachsen daraus? 

Die wilden Trauben, von denen Jesaja spricht, entstehen nicht über Nacht. Niemand wacht eines Morgens auf und entscheidet sich bewusst gegen Gott. Viel häufiger wachsen sie langsam. Ein wenig Gleichgültigkeit. Ein kleiner Kompromiss. Ein verletzter Stolz. Eine unterlassene Umkehr. Nach außen bleibt der Weinberg grün. Doch die Frucht verändert sich. 

Deshalb lädt Jesaja weniger zur Selbstverurteilung als vielmehr zu ehrlicher Selbstprüfung ein. 

Vielleicht besteht eine der wichtigsten geistlichen Übungen darin, Gott regelmäßig dieselbe Frage zu stellen: 

„Herr, welche Früchte wachsen gerade in meinem Leben?“ 

Der Herr antwortet auf solche Fragen selten mit Verurteilung. Viel häufiger lädt er uns ein, den Boden unseres Herzens neu zu bearbeiten. 

Dieses Bild begegnet uns später erneut im Neuen Testament. 

Jesus nennt sich den wahren Weinstock und seine Jünger die Reben (Johannes 15). Wieder geht es um Frucht. Wieder geht es nicht um äußere Leistungen, sondern um die Verbindung mit ihm. 

Frucht wächst niemals durch Anstrengung allein. 

Sie wächst durch Bleiben. 

Auch im Buch Mormon finden wir denselben Gedanken im Gleichnis vom Ölbaum (Jakob 5). Der Herr des Weinbergs gibt seinen Bäumen niemals vorschnell auf. Immer wieder gräbt er um, beschneidet, pflegt und wartet geduldig. Selbst wenn vieles verloren scheint, arbeitet er weiter an seinem Weinberg. 

Das ist dieselbe Geduld, die Jesaja beschreibt. 

Ein besonders passendes Beispiel aus der neueren Kirche findet sich in der Ansprache Werden – unsere Herausforderung des damaligen Apostels Dallin H. Oaks. Er erklärt darin, dass das Evangelium weit mehr ist als eine Anleitung für richtiges Verhalten. Gottes Ziel besteht darin, unseren Charakter zu verändern und uns Christus ähnlicher zu machen. Genau diese Wahrheit spiegelt Jesajas Lied vom Weinberg wider. Der Herr beklagt nicht lediglich einzelne falsche Entscheidungen seines Volkes; er zeigt, dass die Frucht des ganzen Weinbergs nicht mehr seinem Wesen entspricht. Äußerer Wohlstand, religiöse Gewohnheiten oder gesellschaftliches Ansehen können fehlende innere Umkehr nicht ersetzen. Gott sucht Menschen, deren Leben die Frucht des Glaubens, der Demut und der Gerechtigkeit hervorbringt. Seine Geduld ist deshalb immer ein Ruf zur Veränderung des Herzens – nicht nur unseres Handelns. 

Vielleicht liegt genau darin auch die Hoffnung dieser Kapitel. 

Gott schreibt seinen Weinberg nicht ab. 

Selbst nachdem Jesaja Gericht angekündigt hat, spricht er immer wieder von einem zukünftigen Überrest, von einem neuen Anfang und von einem kommenden Messias. Gottes Geduld ist größer als unsere Fehler. Seine Liebe reicht weiter als unser Versagen. Sein Wunsch zur Umkehr endet nicht nach dem ersten oder zehnten Rückschlag. 

Solange der Herr den Weinberg noch besucht, besteht Hoffnung. 

Vielleicht sehen wir heute selbst Bereiche unseres Lebens, in denen eher wilde Trauben als gute Früchte wachsen. Vielleicht entdecken wir Stolz, Nachlässigkeit oder falsche Sicherheiten. Jesaja lädt uns nicht dazu ein, zu verzweifeln. Er lädt uns ein, den Gärtner wieder an die Arbeit zu lassen. 

Denn derselbe Herr, der den Weinberg gepflanzt hat, versteht es auch, ihn zu erneuern. 

Ich bin dankbar, dass Gottes Geduld größer ist als meine Unvollkommenheit. Immer wieder habe ich erlebt, dass der Herr nicht zuerst meine Schwächen betrachtet, sondern das, was aus meinem Leben noch werden kann. Er gibt nicht vorschnell auf. Er lädt ein, korrigiert, vergibt und schenkt neue Kraft. Ich glaube von ganzem Herzen, dass Jesus Christus auch heute der Herr des Weinbergs ist. Wer ihm sein Herz öffnet, dessen Leben kann Frucht bringen – manchmal langsam, oft unscheinbar, aber immer durch seine Gnade. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

Montag, 14. September 2026

Wen soll ich senden?

 

(Bildquelle)

„So kommt denn her, wir wollen miteinander rechten (oder: uns auseinandersetzen)!” spricht der HErr. „Wenn eure Sünden auch rot wie Scharlach sind, sollen sie doch weiß werden wie Schnee; und sind sie auch rot wie Purpur, sollen sie doch weiß wie Wolle werden.” (Jesaja 1:18

Warum Gott Propheten beruft 

Wer nach den Geschichtsbüchern Israels, den Psalmen und den Weisheitsbüchern das Buch Jesaja aufschlägt, betritt eine neue Landschaft der Heiligen Schrift. Bisher haben wir erlebt, wie Gott mit einzelnen Menschen und mit seinem Bundesvolk gehandelt hat. Wir haben Könige kommen und gehen sehen, Siege und Niederlagen, Glauben und Abfall. In den Psalmen haben wir das Herz der Gläubigen kennengelernt, in den Sprichwörtern Gottes Weisheit für den Alltag und im Buch Kohelet die ernsten Fragen nach dem Sinn des Lebens. 

Nun aber erhebt sich eine andere Stimme. Es ist die Stimme der Propheten. 

Die Propheten sind keine Wahrsager. Sie lesen keine Zukunft aus Sternen oder Zeichen. Sie sind Männer und Frauen, die Gott beruft, damit sie seinen Willen verkünden. Manchmal sprechen sie über zukünftige Ereignisse. Viel häufiger aber sprechen sie über die Gegenwart. Sie decken auf, was Menschen nicht mehr sehen wollen, sie erinnern an den Bund mit Gott und zeigen den Weg zurück. Prophetie ist deshalb weit mehr als Vorhersage. Sie ist Offenbarung. Ein Prophet sieht die Welt aus Gottes Perspektive. 

Das hebräische Wort für Prophet, nabi, beschreibt einen Menschen, der von Gott berufen wurde, für ihn zu sprechen. Nicht seine eigene Meinung steht im Mittelpunkt, sondern Gottes Botschaft. Deshalb beginnen viele prophetische Worte mit den einfachen, aber gewichtigen Worten: „So spricht der HERR.“ 

Auch heute ist dieses Prinzip unverändert. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glaubt nicht, dass Gott irgendwann aufgehört hätte zu sprechen. Weil er seine Kinder liebt, beruft er weiterhin Propheten und Apostel, die die Kirche in unserer Zeit führen. Gerade deshalb sind die Bücher der alten Propheten keine historischen Dokumente, sondern lebendige Zeugnisse dafür, wie Gott immer handelt: Er offenbart, bevor er eingreift. Er warnt, bevor er richtet. Er lädt ein, bevor er verurteilt. 

Das Buch Jesaja ist dabei einzigartig. Es umfasst 66 Kapitel und gehört zu den bedeutendsten prophetischen Schriften überhaupt. Viele Bibelwissenschaftler unterscheiden zwischen einem sogenannten Proto-, Deutero- und Tritojesaja. Damit beschreiben sie unterschiedliche sprachliche und geschichtliche Abschnitte des Buches. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage legt ihren Schwerpunkt jedoch nicht auf diese literarkritische Einteilung, sondern liest Jesaja als ein inspiriertes Schriftwerk, das Gott seinem Volk gegeben hat. Der Erlöser selbst zitierte Jesaja häufig. Auch Nephi erklärte: „Meine Seele freut sich an den Worten Jesajas.“ (2 Nephi 11:2) Abinadi stützte seine Lehre vom Messias auf Jesaja 53. Paulus griff immer wieder auf Jesajas Worte zurück, um das Evangelium Jesu Christi zu erklären. Dass so viele Propheten verschiedener Zeitalter auf Jesaja verweisen, zeigt, welch außergewöhnliche geistige Tiefe dieses Buch besitzt. 

Viele Leser empfinden Jesaja zunächst als schwierig. Tatsächlich benutzt er poetische Bilder, historische Anspielungen und prophetische Symbolik. Doch hinter all diesen Bildern steht immer dieselbe Botschaft: Gott hat sein Volk nicht aufgegeben. Selbst Gericht dient letztlich der Umkehr. Selbst Warnungen entspringen seiner Liebe. 

Genau mit dieser Einladung beginnt das Buch. 

Jesaja schildert ein Volk, das religiöse Rituale pflegt, dessen Herz sich aber von Gott entfernt hat. Opfer werden dargebracht, Feste gefeiert, Gebete gesprochen – und dennoch sagt der Herr, dass er an all dem keinen Gefallen mehr findet. Nicht weil Opfer grundsätzlich falsch wären, sondern weil sie ohne Umkehr bedeutungslos geworden sind. 

Wie aktuell diese Worte sind. Auch wir können Gewohnheiten entwickeln, die äußerlich richtig erscheinen, innerlich aber ihre Kraft verloren haben. Wir besuchen Gottesdienste, sprechen Gebete oder erfüllen Berufungen – und merken vielleicht erst spät, dass unser Herz irgendwo auf dem Weg zurückgeblieben ist. 

Gerade deshalb gehört Jesaja 1:18 zu den hoffnungsvollsten Versen der gesamten Bibel. 

„Wären eure Sünden auch wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee.“ 

Gott beginnt nicht mit einer Drohung. Er beginnt mit einer Einladung. Er fordert sein Volk nicht auf, sich selbst zu reinigen. Er bietet an, es selbst zu tun. Hinter allen prophetischen Warnungen steht immer derselbe Wunsch: Versöhnung. 

Schon hier wird sichtbar, wohin das ganze Buch Jesaja führt – zu Jesus Christus. Viele nennen Jesaja deshalb das „fünfte Evangelium“. Kaum ein anderes Buch des Alten Testaments beschreibt den kommenden Messias so eindrucksvoll. 

Direkt danach richtet Jesaja den Blick weit über seine eigene Zeit hinaus. Kapitel 2 beschreibt den zukünftigen Berg des Herrn, zu dem Menschen aus allen Nationen kommen werden. 

„Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN.“ (Jesaja 2:3

Für Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage besitzen diese Worte eine besondere Bedeutung. Die Tempel des Herrn können als heutige geistige „Berge des Herrn“ verstanden werden. Menschen unterschiedlichster Sprachen und Kulturen kommen dorthin, um Bündnisse mit Gott zu schließen. Eine Vision, die Jesaja fast drei Jahrtausende zuvor beschrieben hat, erfüllt sich Schritt für Schritt vor unseren Augen. 

Das diesjährige Komm und folge mir nach-Material führt deshalb mit gutem Grund in das Thema „Propheten und Prophezeiungen“ ein. Propheten zeigen nicht nur zukünftige Ereignisse. Sie helfen uns, Gottes Handeln in der Gegenwart zu erkennen. Sie erinnern uns daran, dass Offenbarung nicht mit den Seiten der Bibel endete. Gott spricht weiter. 

Wenn wir in den kommenden Wochen Jesaja lesen, werden wir auf Gerichtsworte stoßen, auf schwer verständliche Bilder, auf Visionen ferner Zukunft und auf großartige Verheißungen über den Messias. Es lohnt sich, dabei stets dieselbe Frage mitzunehmen: Was möchte Gott seinem Volk sagen? Und was möchte er heute mir sagen? 

Vielleicht ist das die wichtigste Vorbereitung auf das Studium dieses Buches. Jesaja schrieb nicht nur für Juda. Er schrieb für alle, die bereit sind, Gottes Stimme zu hören. 

Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass Gott auch heute durch Propheten führt, geben die Worte von Elder Jeffrey R. Holland. In seiner Ansprache Es sind wiederum Propheten im Land(Generalkonferenz Oktober 2006) erinnerte er daran, dass der Herr seine Kinder auch in unserer Zeit nicht ohne Führung lässt, sondern weiterhin Propheten beruft, die auf Jesus Christus hinweisen. Damit steht die heutige prophetische Führung in derselben Linie wie Jesajas Auftrag. Jesaja verkündete nicht seine eigene Weisheit, sondern sprach das Wort des Herrn in eine Zeit hinein, in der das Volk Orientierung und Umkehr brauchte. 

Auch Elder David A. Bednar erklärte in seiner Ansprache Der Geist der Offenbarung, dass göttliche Führung häufig nicht plötzlich und überwältigend kommt, sondern wie ein Sonnenaufgang: Schritt für Schritt wird es heller, bis wir den Weg erkennen können. Genau so wirkte auch Jesajas Dienst. Viele seiner Prophezeiungen erfüllten sich nicht unmittelbar vor seinen Augen, doch der Herr gab ihm genügend Licht, um seine Aufgabe treu zu erfüllen und sein Volk auf den kommenden Messias vorzubereiten. 

Diese beiden Zeugnisse helfen uns, Jesajas Berufung besser zu verstehen. Jesaja wird deshalb manchmal als „fünftes Evangelium“ bezeichnet, weil er so deutlich auf Jesus Christus und sein Erlösungswerk hinweist. Denn die Berufung eines Propheten beginnt immer mit derselben Erfahrung: Gott spricht, und ein Mensch hört zu. Ein Prophet ist nicht jemand, der bereits alle Antworten kennt. Ein Prophet ist jemand, der bereit ist zuzuhören, zu sprechen und dem Herrn zu vertrauen.  

Erst einige Kapitel später wird Jesaja seine eigene Berufung schildern. Dort hört er den Herrn fragen: 

„Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“ (Jesaja 6:8

Bevor Jesaja antwortet, hat Gott bereits den ersten Schritt getan. Er hat gesprochen. Er hat eingeladen. Er hat vergeben. 

Das tut er bis heute. 

Ich bin dankbar, dass Gott sein Volk niemals ohne Propheten gelassen hat. Wenn ich die Worte Jesajas neben den Lehren der heutigen Propheten lese, erkenne ich dieselbe liebevolle Stimme. Sie ruft zur Umkehr, schenkt Hoffnung und weist unablässig auf Jesus Christus hin. Ich weiß, dass der Herr auch heute spricht. Er kennt unsere Zeit ebenso gut wie die Tage Jesajas. Deshalb bin ich dankbar für die Heilige Schrift und für lebende Propheten, die uns helfen, den Weg zurück zu unserem himmlischen Vater zu finden. Davon gebe ich von Herzen Zeugnis.

Samstag, 12. September 2026

Den Weg treu bis ans Ende gehen

 

(Bildquelle)

„Laßt uns das Endergebnis des Ganzen hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote! denn das kommt jedem Menschen zu.“ (Kohelet 12:13

Kohelet 11 und 12 

Am Ende eines langen Weges werden viele Dinge plötzlich erstaunlich klar. Was unterwegs so wichtig erschien, verliert an Bedeutung. Erfolge verblassen. Enttäuschungen schmerzen nicht mehr so sehr. Was bleibt, sind die Beziehungen, die wir gepflegt haben, die Entscheidungen, die wir im Glauben getroffen haben, und die Spuren, die Gottes Hand in unserem Leben hinterlassen hat. 

Kohelet endet genau an diesem Punkt. Nachdem der Prediger das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen betrachtet hat, nachdem er Reichtum, Arbeit, Vergnügen, Macht und Weisheit geprüft hat, kommt er zu einer überraschend einfachen Schlussfolgerung: „Fürchte Gott und halte seine Gebote.“ Alles andere ist vergänglich. 

Diese Erkenntnis wirkt zunächst unspektakulär. Vielleicht hätten wir nach zwölf Kapiteln philosophischer Überlegungen eine tiefgründigere Antwort erwartet. Doch gerade darin liegt ihre Kraft. Wahre Weisheit besteht nicht darin, immer kompliziertere Antworten zu finden, sondern darin, die einfachen Wahrheiten Gottes immer tiefer zu verstehen. 

Kohelet 11 beginnt mit einer Aufforderung, die auf den ersten Blick rätselhaft klingt: „Wirf dein Brot auf das Wasser.“ Dahinter steckt das Bild eines Menschen, der großzügig gibt, obwohl er den Ausgang nicht kontrollieren kann. Er sät, obwohl er nicht weiß, wann oder wie die Ernte kommen wird. 

Das ist Glauben. 

Wir würden lieber erst alle Risiken kennen. Wir möchten wissen, ob sich unsere Mühe lohnt, ob unsere Gebete erhört werden, ob unsere Opfer Früchte tragen werden. Doch der Herr lädt uns immer wieder ein, zuerst zu vertrauen und dann zu sehen. 

Dieses Muster begegnet uns in den heiligen Schriften immer wieder. Noah baute jahrelang eine Arche, bevor ein Tropfen Regen fiel. Abraham zog aus, ohne sein Ziel zu kennen. Alma pflanzte den Samen des Glaubens, obwohl er dessen Wachstum noch nicht sehen konnte. Der Herr fordert seine Kinder häufig auf, im Glauben zu handeln, bevor sie alle Antworten besitzen. 

Deshalb ergänzt Kohelet unmittelbar danach: „Am Morgen säe deinen Samen, und am Abend lass deine Hand nicht ruhen; denn du weißt nicht, welches gedeihen wird.“ (Kohelet 11:6

Wie tröstlich ist dieser Gedanke. Gott erwartet nicht, dass wir alle Ergebnisse kontrollieren. Er bittet uns lediglich, treu weiterzusäen. 

Gerade darin liegt eine wichtige Botschaft für unsere Zeit. Viele Menschen erleben Entmutigung, weil sie den Erfolg ihres Einsatzes sofort messen möchten. Eltern fragen sich, ob ihre Kinder den Glauben behalten werden. Missionare fragen sich, warum sich so wenige taufen lassen. Lehrer, Bischöfe oder Freunde fragen sich manchmal, ob ihre Bemühungen überhaupt etwas bewirken. 

Kohelet würde vermutlich antworten: Säe weiter. 

Du kennst den Zeitpunkt Gottes nicht. 

Ein weiterer großer Abschnitt richtet den Blick auf die Jugend: „Denk an deinen Schöpfer in deinen jungen Jahren.“ (Kohelet 12:1

Damit sagt der Prediger nicht, dass Gott nur für junge Menschen wichtig wäre. Vielmehr erinnert er daran, dass unser ganzes Leben von Anfang an auf Christus ausgerichtet sein sollte. 

Wer früh lernt, Gottes Stimme zu hören, besitzt einen Anker für alle späteren Lebensphasen. 

Doch zugleich spricht Kohelet erstaunlich offen über das Älterwerden. Mit poetischen Bildern beschreibt er nachlassende Kraft, schwächer werdende Augen, zitternde Hände und schließlich den Tod. Diese Verse gehören zu den eindrucksvollsten Beschreibungen des menschlichen Alterns in der Bibel. 

Bemerkenswert ist jedoch, dass darin keine Verzweiflung liegt. 

Das Alter erscheint nicht als Niederlage, sondern als natürlicher Abschnitt auf dem Heimweg zum Vater. 

Gerade das Evangelium Jesu Christi schenkt dieser Wahrheit eine Hoffnung, die Kohelet selbst nur ahnen konnte. Durch die Wiederherstellung wissen wir, dass der Tod kein Ende ist. Familien können ewig verbunden bleiben. Der auferstandene Christus hat den Tod überwunden. Das Alter verliert dadurch seinen Schrecken, weil es nicht das letzte Kapitel unserer Geschichte ist. 

Diese Hoffnung bringt Elder Patrick Kearon in seiner bewegenden Generalkonferenzansprache Gottes Absicht ist es, Sie nach Hause zu bringen zum Ausdruck. Er erinnert daran, dass der Plan des himmlischen Vaters von Anfang an darauf ausgerichtet ist, seine Kinder nach Hause zurückzuführen. Unser Erdenleben ist keine ziellose Wanderung, sondern eine Reise mit einem göttlichen Ziel. Durch Jesus Christus ist der Weg bereitet, und jeder Schritt des Glaubens führt uns näher zu unserer ewigen Heimat. Diese Perspektive verleiht auch den letzten Kapiteln des Lebens Hoffnung. Das Alter, der Abschied und selbst der Tod verlieren ihren endgültigen Charakter, weil sie für den treuen Jünger Christi nicht das Ende der Reise bedeuten, sondern die Heimkehr zum Vater. So erhält Kohelets abschließende Aufforderung, Gott zu fürchten und seine Gebote zu halten, im Licht des wiederhergestellten Evangeliums eine noch tiefere Bedeutung: Wer den Herrn treu liebt und ihm folgt, geht nicht einer ungewissen Zukunft entgegen, sondern einer liebevollen Heimkehr. 

Solche Erfahrungen erinnern daran, dass Gottes Führung oft erst im Rückblick vollständig sichtbar wird. 

Auch die Geschichte der Wiederherstellung bestätigt dieses Muster immer wieder. Die ersten Mitglieder der Kirche in Deutschland sahen oft nur kleine Anfänge. Niemand konnte damals ahnen, dass Jahrzehnte später Gemeinden, Tempel und Tausende treue Mitglieder entstehen würden. Gott schreibt Geschichte meist nicht in großen Sprüngen, sondern in vielen kleinen Schritten treuer Menschen. 

Vielleicht gilt genau das auch für unser eigenes Leben. 

Wir sehen heute nur den nächsten Schritt. 

Gott sieht bereits den ganzen Weg. 

Deshalb fordert Kohelet dazu auf, sich über das Leben zu freuen. Diese Freude ist kein oberflächlicher Optimismus. Sie entsteht aus dem Vertrauen, dass Gott unser Leben in seinen Händen hält. 

Wer Gottes Gebote hält, lebt nicht deshalb glücklich, weil ihm Schwierigkeiten erspart bleiben. Er lebt glücklich, weil er weiß, dass keine Schwierigkeit außerhalb von Gottes Reichweite liegt. 

Am Ende fasst Kohelet alles in einem einzigen Satz zusammen: 

„Fürchte Gott und halte seine Gebote.“ (Kohelet 12:13

Das ist kein Aufruf zur Angst, sondern zur Ehrfurcht. Wer Gott ehrt, richtet sein Leben auf das aus, was ewig Bestand hat. 

Damit schließt sich der Kreis der gesamten Reihe über Sprichwörter und Kohelet. 

Wir begannen mit der Erkenntnis, dass Weisheit ihren Ursprung in der Gottesfurcht hat. 

Wir lernten, dass Weisheit unsere Worte, Entscheidungen, Beziehungen und Prioritäten verändert. 

Wir sahen, dass selbst die Rätsel des Lebens den Glauben nicht entwerten. 

Und nun endet alles dort, wo echtes geistliches Leben immer endet: 

Bei Jesus Christus. 

Er ist die vollkommene Weisheit Gottes. Er kennt den Anfang und das Ende. Er ist der Weg, auf dem unsere Pfade wirklich geebnet werden. 

Vielleicht verstehen wir heute vieles noch nicht. 

Vielleicht bleiben Gebete scheinbar unbeantwortet. 

Vielleicht führt unser Weg durch Täler, die wir uns nie ausgesucht hätten. 

Doch wenn wir Christus folgen, wird jeder Schritt Bedeutung erhalten. 

Nicht, weil der Weg immer leicht wäre. 

Sondern weil derjenige, der den Weg bereitet hat, bereits am Ziel auf uns wartet. 

Ich empfinde große Dankbarkeit dafür, dass das Evangelium nicht nur Antworten für die Jugend oder für Zeiten voller Kraft bereithält, sondern auch für die späteren Lebensjahre. Gerade dann, wenn manches langsamer wird und der Blick häufiger zurückgeht als nach vorne, schenkt Christus einen Frieden, der nicht von äußeren Umständen abhängt. Ich habe erlebt, dass Gottes Führung oft erst im Rückblick deutlich wird. Entscheidungen, die damals unsicher erschienen, wurden im Licht der Zeit zu Zeugnissen seiner Fürsorge. Deshalb wächst in mir das Vertrauen, dass kein Schritt, der im Glauben gegangen wird, vergeblich ist. Ich weiß, dass Jesus Christus lebt. Er begleitet uns nicht nur bis ans Ende unseres irdischen Weges, sondern führt uns darüber hinaus in das ewige Leben beim Vater. Darum lohnt es sich, ihm Tag für Tag treu nachzufolgen.

Freitag, 11. September 2026

Wenn alles vergänglich erscheint

 

(Bildquelle)

„Jegliches Ding hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.“ (Kohelet 3:1

Kohelet 1, 2 und 3 

Mit dem Buch Kohelet betreten wir einen der ungewöhnlichsten Räume der Heiligen Schrift. Nach den Sprichwörtern, die oft klare Antworten geben, begegnen wir hier einem Weisen, der unbequeme Fragen stellt. Der Verfasser blickt auf das Leben mit erstaunlicher Ehrlichkeit. Er verschweigt weder Enttäuschungen noch Zweifel. Er beobachtet den Kreislauf der Natur, den Wechsel der Generationen, den Aufstieg und Fall menschlicher Werke und fragt immer wieder: Was bleibt? 

Die jüdische und christliche Überlieferung bringt das Buch seit Jahrhunderten mit König Salomo in Verbindung. Mehrere Hinweise sprechen dafür: Der Verfasser bezeichnet sich als „Sohn Davids“ und „König in Jerusalem“ (Kohelet 1:1), beschreibt außergewöhnliche Weisheit, Reichtum und große Bauwerke (vgl. Kohelet 1:16; 2:4–10), und einzelne Verse – etwa Kohelet 3:1, 3:12 oder 3:16 – passen gut zu dem Bild des weisen Königs. Gleichzeitig weist die heutige Bibelwissenschaft darauf hin, dass Sprache und Stil eher auf eine spätere Entstehungszeit hindeuten. Unabhängig von der genauen Verfasserschaft bleibt die geistliche Botschaft dieselbe: Ein außergewöhnlich weiser Mann führt uns an die Grenzen menschlicher Erkenntnis, damit wir lernen, unser Vertrauen nicht auf das Vergängliche, sondern auf Gott zu setzen. 

Das Buch muss deshalb anders gelesen werden als die Sprichwörter. Kohelet ist kein Lehrbuch mit einfachen Antworten. Es ist vielmehr ein geistliches Gespräch. Der Prediger beschreibt zunächst die Welt so, wie sie „unter der Sonne“ erscheint – also aus rein menschlicher Perspektive. Erst nach und nach öffnet sich der Blick nach oben. Gerade diese Spannung macht das Buch so wertvoll. Es zeigt, wohin der Mensch gelangt, wenn er das Leben ausschließlich mit den Augen dieser Welt betrachtet, und wie sich alles verändert, sobald Gott in den Blick kommt. 

Schon die ersten Worte treffen den Leser mit voller Wucht: 

„Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“ (Kohelet 1:2

Das hebräische Wort hebel bedeutet wörtlich „Hauch“, „Dunst“ oder „Atem“. Es beschreibt nicht in erster Linie Sinnlosigkeit, sondern Vergänglichkeit, Flüchtigkeit und etwas, das sich nicht festhalten lässt. Ein Atemzug an einem kalten Wintermorgen ist einen Augenblick sichtbar und verschwindet sofort wieder. Genau so beschreibt Kohelet vieles, worauf Menschen ihr Leben bauen. 

Wie aktuell seine Beobachtungen doch sind. Unsere Zeit ist geprägt von immer schnelleren Entwicklungen. Karrieren entstehen und zerbrechen. Technische Errungenschaften gelten nach wenigen Jahren als veraltet. Menschen sammeln Besitz, bauen Unternehmen auf oder arbeiten jahrzehntelang auf ein Ziel hin – und irgendwann bleibt doch alles zurück. Selbst Wissen wächst in einem Tempo, dass kaum jemand Schritt halten kann. 

Kohelet fragt deshalb nicht, ob Arbeit, Bildung oder Wohlstand schlecht seien. Er fragt vielmehr, ob sie das Fundament unseres Lebens sein können. 

Diese Frage begegnet uns durch die ganze Heilige Schrift. Jesus selbst griff sie auf: 

„Sammelt euch aber Schätze im Himmel ... Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6:20–21

Auch das Buch Mormon warnt immer wieder davor, Herz und Hoffnung an vergängliche Dinge zu hängen. Jakob erinnert sein Volk daran, zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten und Reichtum nur dann zu suchen, wenn dadurch Gutes getan werden kann (vgl. Jakob 2:18–19). 

Kohelet beschreibt eindrucksvoll seine eigenen Versuche. Er sucht Erfüllung in Weisheit, Arbeit, Genuss, Reichtum und großen Bauprojekten. Am Ende erkennt er: Keines dieser Dinge vermag die tiefste Sehnsucht des Menschen zu stillen. 

Warum? 

Weil der Mensch für die Ewigkeit geschaffen wurde. 

Mitten in seinen nachdenklichen Beobachtungen steht einer der schönsten Verse des ganzen Buches: 

„Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Überdies hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt.“ (Kohelet 3:11

Vielleicht erklärt gerade dieser Satz, warum uns nichts Irdisches dauerhaft zufriedenstellen kann. Gott hat etwas Ewiges in unser Herz gelegt. Deshalb bleibt jede ausschließlich irdische Antwort zu klein. Augustinus formulierte viele Jahrhunderte später denselben Gedanken mit den bekannten Worten: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ 

Diese Wahrheit wird im wiederhergestellten Evangelium noch deutlicher. Wir sind nicht zufällig auf der Erde. Wir sind buchstäblich Kinder eines himmlischen Vaters. Unser Leben begann nicht mit der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Der Erlösungsplan gibt jeder Erfahrung einen größeren Zusammenhang. 

Gerade deshalb erhält auch Kohelet 3 seine besondere Tiefe. 

„Alles hat seine Stunde.“ 

Nicht alles geschieht nach unserem Zeitplan. Es gibt Zeiten des Aufbaus und Zeiten des Verlustes, Zeiten der Freude und Zeiten der Tränen. Oft verstehen wir Gottes Wege erst im Rückblick. Der Herr betrachtet unser Leben jedoch nicht Abschnitt für Abschnitt, sondern als Ganzes. 

Präsident Dallin H. Oaks hat nach dem Tod seiner ersten Frau June wiederholt davon gesprochen, dass Gottes Plan auch dann trägt, wenn wir viele Antworten noch nicht kennen. Prüfungen verlieren ihren Schmerz nicht, aber sie erhalten eine ewige Perspektive. Gerade weil Christus lebt, ist keine Trennung endgültig und keine treue Lebensgeschichte vergeblich. 

Kohelet überrascht deshalb mit einer Aussage, die zunächst beinahe schlicht klingt: 

„Ich erkannte, dass es nichts Besseres gibt, als sich zu freuen und sich im Leben Gutes zu gönnen. Aber auch, dass jeder Mensch isst und trinkt und bei all seiner Mühe das Gute genießt – das ist eine Gabe Gottes.“ (Kohelet 3:12–13

Freude ist für Kohelet kein Ersatz für Gott. 

Freude ist ein Geschenk Gottes. 

Das verändert unseren Blick auf den Alltag. Ein gemeinsames Essen mit der Familie, ein Sonnenaufgang, ein Gespräch mit einem Freund, eine Gebetserhörung oder das Abendmahl am Sonntag – all diese kleinen Momente erhalten ihren Wert gerade deshalb, weil sie Gaben unseres himmlischen Vaters sind. 

Ein schönes Beispiel dafür finden wir in den internationalen Mitgliederberichten der Kirche. Immer wieder erzählen Mitglieder aus Ghana, Brasilien oder den Philippinen, wie sie trotz materieller Einfachheit tiefe Freude im Evangelium gefunden haben. 

Immer wieder erzählen Mitglieder aus Ghana, Brasilien, den Philippinen und vielen anderen Ländern in der Zeitschrift Liahona von ihrem Glauben und ihrer Bekehrung. Besonders die Rubrik „Stimmen von Heiligen der Letzten Tage“ versammelt persönliche Erfahrungen aus aller Welt. Die Berichte zeigen eindrucksvoll, dass nicht äußerer Wohlstand, sondern die Erkenntnis Jesu Christi dem Leben bleibenden Sinn verleiht. Die Zeitschrift „Liahona“ 

Ein Abschnitt in Kohelet wirft allerdings häufig Fragen auf: 

„Da dachte ich bei mir selbst: Um der Menschenkinder willen ist das so gefügt, damit Gott sie prüft und damit sie einsehen, dass sie an und für sich den Tieren gleichstehen.“ (Kohelet 3:18

Steht das nicht im Widerspruch zu anderen Schriftstellen? 

Schließlich lesen wir bereits im Schöpfungsbericht, dass der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen wurde (Genesis 1:26–27). Psalm 8 nennt ihn nahezu die Krone der Schöpfung: 

„Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“ 

Auch im Buch Mose erfahren wir den überwältigenden Wert jeder einzelnen Seele: 

„Dies ist mein Werk und meine Herrlichkeit: die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen.“ (Mose 1:39

Kohelet widerspricht diesen Aussagen nicht. 

Er beschreibt vielmehr die menschliche Perspektive unter der Sonne. Äußerlich betrachtet sterben Mensch und Tier beide. Beide sind sterblich. Beide kehren zum Staub zurück. Gott lässt diese Erfahrung zu, damit der Mensch erkennt, dass er aus eigener Kraft nicht über Leben und Tod herrscht. Es ist eine Lektion in Demut, keine Aussage über den ewigen Wert des Menschen. 

Schon wenige Verse später deutet Kohelet selbst den entscheidenden Unterschied an: 

„Wer weiß, ob der Lebensgeist des Menschen nach oben steigt und der Lebensgeist des Tieres hinab zur Erde fährt?“ (Kohelet 3:21

Im Licht späterer Offenbarung kennen wir die Antwort. Durch Jesus Christus lebt der Geist des Menschen weiter. Die Auferstehung offenbart den Unterschied, den Kohelet nur ahnend erkennen konnte. 

Gerade darin erfüllt Christus die Sehnsucht des Predigers. 

Wo Kohelet fragt, antwortet Christus. 

Wo Kohelet Vergänglichkeit sieht, offenbart Christus Ewigkeit. 

Wo Kohelet den Tod betrachtet, verkündet Christus die Auferstehung. 

Der Prediger zeigt uns die Grenzen menschlicher Weisheit. Der Erlöser öffnet uns den Blick für Gottes ewigen Plan. 

Vielleicht erleben auch wir Zeiten, in denen vieles wie ein flüchtiger Windhauch erscheint. Pläne scheitern. Gesundheit verändert sich. Beziehungen enden. Lebensabschnitte gehen vorüber. 

Dann erinnert uns Kohelet daran, dass unsere Hoffnung nicht in den wechselnden Umständen liegt. 

Und Christus fügt hinzu: 

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Johannes 10:10

Dieses Leben beginnt nicht erst nach der Auferstehung. 

Es beginnt dort, wo wir lernen, Gottes Gaben dankbar anzunehmen, seiner Zeit zu vertrauen und unsere Hoffnung auf den Erlöser zu setzen. Dann verlieren selbst die vergänglichen Dinge ihren bitteren Beigeschmack, weil sie zu Hinweisen auf das werden, was ewig bleibt. 

Ich empfinde Kohelet heute nicht mehr als ein pessimistisches Buch. Im Gegenteil: Es gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Büchern der Weisheitsliteratur. Gerade weil es jede falsche Sicherheit nimmt, führt es mich zu der einzigen Sicherheit, die wirklich trägt: zu Jesus Christus. Immer wieder entdecke ich, wie schnell ich mich von Erfolgen oder Sorgen bestimmen lasse. Dann helfen mir die Worte des Predigers, den Blick neu auszurichten. Alles Irdische vergeht. Aber Gottes Liebe, seine Bündnisse und die Verheißungen des Erlösers bleiben. Diese Gewissheit schenkt meinem Leben Sinn – nicht nur für die Ewigkeit, sondern schon heute.

Donnerstag, 10. September 2026

Ein Leben, das Bestand hat

 

(Bildquelle)

„Erziehe dein Kind angemessen für seinen Lebensweg; dann wird es auch im Alter nicht davon abweichen.“ (Sprichwörter 22:6

Sprichwörter 22 und 31 

Wer durch einen alten Wald geht, entdeckt manchmal mächtige Bäume, deren Wurzeln tief in den Boden reichen. Viele Stürme haben ihre Kronen gepeitscht. Dürrezeiten haben ihre Blätter welken lassen. Mancher Blitz hat Äste zerschlagen. Und doch stehen sie noch. Nicht, weil sie niemals Belastungen erlebt hätten, sondern weil etwas Unsichtbares sie trägt: ein tiefes Wurzelsystem. 

Genau darum geht es in Sprichwörter 22 und 31. Beide Kapitel fragen nicht zuerst, wie erfolgreich ein Mensch ist, sondern worauf sein Leben gegründet ist. Sie sprechen über Erziehung, Charakter, Fleiß, Integrität und über das Vermächtnis, das ein Mensch hinterlässt. Am Ende bleibt nicht unser Besitz, sondern der Mensch, zu dem wir geworden sind. 

Schon Sprichwörter 22 beginnt mit einer überraschenden Aussage: „Ein guter Ruf ist wertvoller als großer Reichtum. (Sprichwörter 22:1) In einer Welt, die Erfolg häufig in Zahlen misst, setzt Gottes Weisheit andere Maßstäbe. Geld kann verloren gehen. Gesundheit kann schwinden. Berühmtheit vergeht. Ein von Gott geformter Charakter dagegen bleibt. 

Darum folgt wenig später der bekannte Rat über die Erziehung der Kinder. Dieser Vers wurde allerdings nicht als starres Versprechen formuliert, nach dem jedes Kind zwangsläufig den Weg seiner Eltern weitergehen müsse. Die Sprüche sind Weisheitsliteratur. Sie beschreiben grundsätzlich, wie Gottes Ordnung im Leben wirkt. Liebevolle Erziehung schafft gewöhnlich ein tragfähiges Fundament, auch wenn jeder Mensch später seine eigenen Entscheidungen trifft. Eltern tragen Verantwortung für das Säen – die Ernte liegt letztlich auch in der Freiheit des Kindes und in Gottes Händen. 

Interessant ist außerdem die Formulierung „seinem Weg entsprechend“. Gute Erziehung bedeutet nicht, jedes Kind in dieselbe Form zu pressen. Gott erschafft keine Kopien. Jeder Mensch besitzt eigene Begabungen, ein eigenes Temperament und eine eigene Berufung. Weise Eltern helfen ihren Kindern deshalb nicht nur, Regeln zu lernen, sondern ihre göttliche Identität zu entdecken. 

In der Mitte des Kapitels finden wir eine Reihe kurzer Beobachtungen über das Leben. Besonders auffällig sind die Verse 6 und 7 des Kapitels 31, die manchmal missverstanden werden. 

„Gebt starkes Getränk dem, der zugrunde geht, und Wein denen, die verbittert sind. Er trinke und vergesse seine Armut…“ (Sprichwörter 31:6–7

Man könnte meinen, die Bibel empfehle hier Alkohol als Lösung gegen Leid. Doch genau das Gegenteil ist gemeint. Der Zusammenhang beginnt bereits in den vorherigen Versen. König Lemuels Mutter warnt ihren Sohn eindringlich davor, sich durch Wein den klaren Blick rauben zu lassen, damit er nicht das Recht der Bedürftigen verdreht (Verse 4–5). Die Verse 6–7 bilden dazu eine bewusst überzeichnete Gegenüberstellung. 

Es handelt sich um ein pädagogisches Stilmittel der Weisheitsliteratur. Sinngemäß heißt es: Wenn jemand seinen Schmerz nur vergessen will, mag er zum Rausch greifen – aber ein gerechter König darf das gerade nicht tun. Er soll nicht fliehen, sondern Verantwortung übernehmen. Die Verse beschreiben eine traurige gesellschaftliche Beobachtung und warnen durch den Kontrast. Sie sind keine Empfehlung, Kummer im Alkohol zu ertränken, sondern machen deutlich, wie grundverschieden Gottes Weg und menschliche Fluchtversuche sind. 

Diese Art der Überzeichnung begegnet uns in den Sprüchen häufiger. Weisheit arbeitet oft mit starken Gegensätzen, um eine Wahrheit einzuprägen. Gott lädt nicht zur Betäubung ein, sondern zur Barmherzigkeit. Der Gerechte soll den Leidenden nicht den Becher reichen, sondern seine Stimme erheben, für Gerechtigkeit sorgen und den Schwachen beistehen. 

Der zweite große Teil unseres Schriftabschnitts beschreibt die berühmte „tüchtige Frau“ in Sprichwörter 31. Mancher liest dieses Kapitel wie eine unerreichbare Checkliste. Doch eigentlich ist es ein poetisches Lob auf ein gottgeweihtes Leben. Die beschriebene Frau verkörpert Tugenden, die für jeden Jünger Christi gelten: Treue, Fleiß, Weisheit, Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Gottesfurcht. 

Besonders eindrucksvoll ist Vers 21

„Sie fürchtet für ihr Haus den Schnee nicht; denn ihr ganzes Haus ist mit doppelten Gewändern bekleidet.“ 

Für Leser aus dem Nahen Osten wirkt dieser Vers zunächst überraschend. Schnee im Orient? 

Tatsächlich kennt die Bibel durchaus Schnee. Auf den Höhen des Hermon, im Libanongebirge oder anderen Gebirgszügen lag regelmäßig Schnee. Er wurde sogar gesammelt und als Bild für Reinheit oder Erfrischung verwendet (vgl. Jeremia 18:14). Das Bild in Sprichwörter 31 beschreibt also keine Fantasie, sondern eine reale Erfahrung der Menschen jener Zeit. 

Die Aussage ist geistlich tief. Diese Frau kann den Winter gelassen erwarten, weil sie Vorsorge getroffen hat. Sie lebt nicht sorglos, sondern weise. Sie verschiebt Verantwortung nicht auf morgen. 

Dasselbe gilt auch geistlich. Niemand weiß, wann schwierige Zeiten kommen. Krankheit. Enttäuschung. Verlust. Zweifel. Wer aber sein Vertrauen über Jahre hinweg genährt hat, besitzt Reserven, wenn der Winter einzieht. Geistliche Vorbereitung beginnt lange bevor wir sie brauchen. 

In diesem Zusammenhang denke ich an die Geschichte der Kirche in Ghana. Jahrzehntelang warteten viele Menschen dort auf die Möglichkeit, sich der Kirche offiziell anzuschließen. Dennoch hielten zahlreiche Familien an ihrem Glauben fest, studierten die Schriften und versammelten sich, obwohl es noch keine organisierte Kirche vor Ort gab. Als sich 1978 schließlich die Türen öffneten, waren viele geistlich vorbereitet. Sie hatten den Winter des Wartens genutzt, um Wurzeln wachsen zu lassen. Heute gehört Westafrika zu den Regionen mit dem stärksten Wachstum der Kirche. Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, dass geistliche Vorbereitung oft lange vor sichtbaren Segnungen beginnt. 

Die Geschichte der Kirche in Ghana wird auf der offiziellen Seite der Kirche ausführlich dargestellt: “The Church in Ghana” 

Auch Präsident Russell M. Nelson hat wiederholt gelehrt, dass geistliche Stärke nicht in einem Augenblick entsteht. Sie wächst durch viele kleine tägliche Entscheidungen: Schriftstudium, Gebet, Bündnisse und Dienst. Gerade diese unscheinbaren Gewohnheiten bilden die Wurzeln, die ein Leben tragfähig machen. 

Der Abschluss des Kapitels fasst alles zusammen: 

„Anmut ist Trug und Schönheit ist Nichtigkeit; eine Frau aber, die den HERRN fürchtet, sie wird gerühmt werden.“ (Sprichwörter 31:30

Nicht äußere Erscheinung verleiht einem Menschen bleibenden Wert. Es ist die Gottesfurcht – im biblischen Sinn Ehrfurcht, Vertrauen und Treue gegenüber dem Herrn. Daraus erwachsen alle anderen Tugenden. 

Vielleicht ist genau das die wichtigste Frage dieses Schriftabschnitts: Welche Spuren hinterlasse ich? 

Kinder erinnern sich selten an perfekte Eltern. Sie erinnern sich an Eltern, die um Vergebung baten. Kollegen erinnern sich nicht nur an erfolgreiche Menschen, sondern an integre Menschen. Gemeinden wachsen nicht allein durch Organisation, sondern durch Menschen, deren Leben Christus widerspiegelt. 

Am Ende unseres Lebens werden vermutlich nicht unsere größten Leistungen genannt werden. Vielleicht erinnern sich Menschen daran, dass wir zugehört haben. Dass wir Hoffnung geschenkt haben. Dass wir Glauben vorgelebt haben. Dass wir auch in schwierigen Zeiten freundlich geblieben sind. 

Das ist das Vermächtnis, von dem die Sprüche sprechen. 

Ich bin dankbar, dass Gott nicht zuerst nach unseren Erfolgen fragt, sondern nach unserem Herzen. Er lädt uns ein, Tag für Tag an unserem Charakter zu arbeiten. Kleine Entscheidungen der Treue werden über Jahre zu einem Fundament, das auch Stürmen standhält. Ich glaube, dass Christus selbst das vollkommene Vorbild dieses Lebens ist. Er lebte in vollkommener Integrität, diente unermüdlich, sorgte für andere und hinterließ Spuren, die bis heute unzählige Menschen zum Vater führen. Ihm nachzufolgen ist das größte Vermächtnis, das wir unseren Kindern, unseren Freunden und allen Menschen hinterlassen können.