"So hat der HErr der Heerscharen, der Gott Israels, gesprochen: Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen!" (Jeremia 7:3)
Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine solche Predigt. Jeremia steht nicht irgendwo am Rand der Stadt, sondern am Eingang des Tempels. Menschen kommen, um Gott anzubeten. Sie kennen die richtigen Worte, bringen ihre Opfer und gehören zum Bundesvolk. Und doch stellt Gott durch seinen Propheten eine Frage, die bis in unser eigenes Herz reicht: Was geschieht zwischen unserem Gottesdienst und unserem Alltag?
Jeremia soll den Menschen zurufen: „Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun!“ Und unmittelbar danach nennt er den Satz, auf den sie offenbar besonders stolz sind: „Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies!“ (Jeremia 7:4). Sie wiederholen den Namen des Tempels, als könnte die Nähe zu einem heiligen Ort selbst zu einem Schutzschild werden. Sie sind doch das Volk Gottes. Sie haben den Tempel. Was sollte ihnen schon geschehen?
Doch der Herr schaut tiefer.
Er spricht von Fremdlingen, Waisen und Witwen, die nicht bedrückt werden dürfen. Er spricht von unschuldigem Blut und davon, anderen Göttern nachzulaufen. Der Gottesdienst am heiligen Ort muss im Leben des Menschen sichtbar werden. Was im Tempel bekannt wird, muss vor der Haustür, am Arbeitsplatz, in der Familie und im Umgang mit dem Schwachen seine Wahrheit beweisen.
Das macht Jeremia 7 für mich so eindringlich. Der Herr sagt nicht: Besucht den Tempel nicht. Hört auf zu beten. Werdet weniger religiös. Im Gegenteil: Er ruft sein Volk zu einer Religion zurück, die wirklich das ganze Leben umfasst. Die äußere Handlung ist nicht das Problem. Das Problem entsteht dort, wo die äußere Handlung das fehlende innere Leben verdeckt.
Dasselbe lehrt später der Erretter. Jesus begegnet Menschen, die religiös ausgesprochen gewissenhaft sind. Sie zahlen sogar den Zehnten von den kleinsten Gewürzen, lassen aber, wie der Herr sagt, „das Wichtigere im Gesetz“ außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Dann gebraucht er das Bild vom Becher: „Mache zuerst das rein, was den Inhalt des Bechers bildet, dann wird auch seine Außenseite rein werden können.“ (Matthäus 23:26)
Jesus sagt nicht, dass die Außenseite unwichtig ist. Er sagt: Beginne innen.
Vielleicht liegt darin eine der großen Gefahren eines religiösen Lebens. Man kann lernen, wie man aussieht, ohne zu lernen, wie man wird. Man kann die Sprache des Glaubens beherrschen, ohne das Herz vom Glauben beherrschen zu lassen. Man kann regelmäßig am Abendmahl teilnehmen, in den Tempel gehen, Berufungen erfüllen, die Schrift lesen und beten – und gleichzeitig feststellen, dass bestimmte Bereiche des eigenen Lebens noch gar nicht wirklich dem Herrn gehören.
Das ist keine Anklage gegen religiöse Gewohnheiten. Gute geistliche Gewohnheiten sind kostbar. Aber sie sind Mittel und nicht Ziel. Sie sollen unser Herz zu Christus führen.
König Benjamin verstand diesen Zusammenhang. Sein Volk versammelte sich am Tempel, um seine Worte zu hören. Mosia 2. Doch die entscheidende Veränderung geschah nicht allein dadurch, dass sie sich an einem heiligen Ort versammelten. Als sie die Botschaft von Jesus Christus hörten und an ihn glaubten, erlebten sie, wie sie selbst sagten, eine „mächtige Wandlung“ in ihrem Herzen. Aus äußerer Versammlung wurde innere Wandlung. Mosia 5.
Das ist der Unterschied zwischen religiöser Gewohnheit und Bekehrung.
Bekehrung bedeutet nicht, dass ich plötzlich alles richtig mache. Sie bedeutet, dass ich Christus erlaube, mich von innen heraus zu verändern. Der natürliche Mensch wird nicht durch noch mehr religiöse Aktivitäten überwunden. Wir brauchen das Sühnopfer Christi und die Eingebungen des Heiligen Geistes.
Das wird auch jedes Mal sichtbar, wenn wir vom Abendmahl nehmen. Wir tun äußerlich etwas sehr Einfaches: Wir nehmen Brot und Wasser. Doch diese Handlung verweist auf etwas, das innerlich geschehen soll. Wir kommen mit gebrochenem Herzen und zerknirschtem Geist zu Christus und empfangen erneut die reinigende Wirkung seines Sühnopfers.
Vielleicht sollten wir deshalb am Sonntag nicht nur fragen: Habe ich teilgenommen? Sondern: Was verändert sich dadurch in mir?
Verändert es meine Geduld mit meinem Ehepartner? Meine Sprache gegenüber meinen Kindern? Meine Bereitschaft, zu vergeben? Meine Ehrlichkeit, wenn niemand zusieht? Meine Aufmerksamkeit für einen Menschen, der Hilfe braucht?
Dann würde aus einer äußeren Handlung eine innere Bewegung.
Ein Beispiel dafür finden wir auch in der jüngeren Geschichte der Kirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele Städte Europas in Trümmern. In Ostdeutschland mussten Mitglieder ihren Glauben später unter den Bedingungen eines kommunistischen Staates leben. Die staatlichen Einschränkungen wurden immer stärker, und viele Mitglieder waren bei Arbeit und Ausbildung wegen ihres Glaubens Benachteiligungen ausgesetzt. Dennoch konzentrierten sie sich auf ihre Familien und ihr Kirchenleben und unterstützten einander. Ilse Kaden erinnerte sich später an diese Zeit mit den Worten: „Der Zusammenhalt war wunderschön.“ Geschichte der Kirche in Deutschland – „Der Zusammenhalt war wunderschön“; Chronologie der Kirche in Deutschland
Später wurde dies auch bei den Jugendlichen sichtbar. Als 1980 in Ostdeutschland das Seminar eingeführt wurde, stieß das Programm trotz der schwierigen Bedingungen auf große Begeisterung. Als F. Enzio Busche das Gebiet besuchte, entschuldigte sich der zuständige Pfahlpräsident zunächst dafür, dass „nur“ 89 Prozent der Jugendlichen eingeschrieben waren. Busche hielt diesen Wert für außergewöhnlich hoch. Doch der Pfahlpräsident dachte an die elf Prozent, die noch fehlten. Er wollte sich damit nicht zufriedengeben: „Jeder unserer jungen Leute ist wichtig. Wir können nicht einen einzigen verlieren.“ Offizielle Geschichte des Seminars in Ostdeutschland
So wurde Glaube sichtbar – nicht nur im Versammlungsgebäude, sondern in Fürsorge und Treue.
Genau hier berührt sich die Botschaft Jeremias mit einer modernen Erklärung von Jüngerschaft. Sean R. Dixon lehrt, dass Jünger Christi ihr Leben nicht in verschiedene Bereiche aufteilen. Sie bemühen sich, in der Schule, bei der Arbeit, in der Kirche und in ihren alltäglichen Entscheidungen dieselben Menschen zu sein. Jüngerschaft ist für ihn keine zusätzliche Aktivität, sondern etwas, das den Kern unseres Lebens bestimmt. Sean R. Dixon – „Every Day Disciples of Jesus Christ“
Die Joseph Smith Translation kann uns bei solchen Texten zusätzlich helfen, bestimmte Aussagen aus der Perspektive der Wiederherstellung zu betrachten. Gerade bei einer prophetischen Warnung wie Jeremia 7 lohnt sich deshalb der Vergleich mit der Inspired Version / New Translation. Sie ersetzt den biblischen Text nicht, kann aber zum besseren Verständnis beitragen.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Bin ich religiös genug?
Vielleicht lautet sie vielmehr: Wird mein Glaube in meinem Leben wahr?
Jeremia nennt dafür konkrete Prüfsteine. Wie behandle ich Menschen, die mir nichts zurückgeben können? Wie gehe ich mit Schwachen um? Wie ehrlich bin ich, wenn niemand zusieht? Welche Dinge haben vielleicht unbemerkt einen Platz in meinem Herzen eingenommen, der eigentlich Gott gehört?
Das sind unangenehme Fragen. Aber gerade darin liegt ihre Heiligkeit.
Denn Umkehr bedeutet nicht, dass ich mich vor Gott besser darstelle. Umkehr bedeutet, dass ich aufhöre, mich vor ihm zu verstecken.
Ich kann ihm sagen: Herr, außen sieht manches bei mir ordentlich aus. Aber du kennst auch das Innere. Du weißt, wo mein Herz noch nicht verändert ist. Reinige zuerst den Becher in mir.
Dann beginnt etwas Wunderbares. Christus verlangt nicht, dass ich mich allein in einen anderen Menschen verwandle. Er bittet mich, mich ihm anzuvertrauen. Sein Sühnopfer kann dort wirken, wo meine eigene Kraft nicht ausreicht. Seine Gnade kann aus einem äußerlich religiösen Leben ein innerlich geheiligtes Leben machen.
Darum empfinde ich Jeremia 7 letztlich nicht als eine Botschaft der Verwerfung, sondern als eine Botschaft der Hoffnung. Der Herr ruft sein Volk nicht deshalb zur Umkehr, weil er es loswerden möchte. Er ruft es zurück, weil er bei ihm wohnen möchte:
„Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen!“
Das ist für mich der tiefste Gedanke dieses Kapitels: Gott möchte nicht nur, dass ich mich in seiner Nähe befinde. Er möchte, dass er in mir Raum bekommt.
Ich glaube, dass Jesus Christus genau das möglich macht. Ich habe erfahren, dass religiöse Gewohnheiten allein mein Herz nicht dauerhaft verändern können. Aber wenn ich mich ehrlich dem Herrn zuwende, meine Fehler nicht entschuldige und ihn um Vergebung und Veränderung bitte, geschieht etwas, das ich selbst nicht hervorbringen könnte. Manchmal langsam und fast unmerklich – aber wirklich. Mein Gottesdienst bekommt dann eine andere Bedeutung, weil er nicht mehr nur etwas ist, das ich für Gott tue, sondern Ausdruck dessen wird, was Gott in mir tut.
Darum möchte ich den Ruf Jeremias nicht nur an andere richten. Ich möchte ihn selbst hören:
Bessere deinen Wandel. Bessere dein Tun. Lass Christus dein Herz verändern.
Denn vielleicht beginnt wahre Anbetung genau dort, wo das, was wir am heiligen Ort bekennen, auch in unserem gewöhnlichen Leben Gestalt annimmt.




