„Und in jenen Tagen gab es Riesen auf der Erde, und sie stellten Noach nach, um ihm das Leben zu nehmen; aber der Herr war mit Noach, und die Macht des Herrn war auf ihm.“ (Mose 8:18)
Genesis 6:1-22; Genesis 7:1-24
Einführung: Die Welt vor der Sintflut
In Genesis 6 beginnt eine drastische Wende in der frühesten Menschheitsgeschichte: Die Vermehrung der Menschen führt nicht zu Segen, sondern zu größerer Bosheit und Korruption, so dass „alle Gedanken des Herzens des Menschen nur böse waren, allezeit“ (Genesis 6 :5). Diese grundsätzliche Verdorbenheit ist es, die das göttliche Urteil über die damalige Welt herbeiführt.
In der Joseph-Smith-Übersetzung, wie sie in Mose 8:25–26 überliefert ist, wird das Motiv der „Reue“ entscheidend neu akzentuiert. Während Genesis 6:6 formuliert, dass es den Herrn reute, den Menschen geschaffen zu haben, verlagert Mose 8 diesen Schmerz ausdrücklich auf Noach selbst. „Und es reute Noach, und das Herz tat ihm weh“ – der innere Schmerz über den moralischen Verfall der Menschheit wird dem Propheten zugeschrieben, nicht Gott. Noach leidet an der Welt, die sich von ihrem Schöpfer abgewandt hat; sein Herz trägt die Last dessen, was aus Adams Nachkommen geworden ist. Erst auf dieses mitfühlende Rufen des Gerechten hin spricht der Herr das Gericht aus: „Denn es reut Noach … und er hat mich angerufen.“ Gottes Entscheidung zur Sintflut erscheint damit nicht als Ausdruck göttlichen Bedauerns oder Sinneswandels, sondern als Antwort auf die Klage, das Zeugnis und das Leiden seines Propheten. Die enge Gemeinschaft zwischen Gott und Noach tritt hier besonders deutlich hervor: Gott handelt nicht distanziert, sondern in Beziehung – er hört den, der mit ihm fühlt, und richtet die Welt als Konsequenz fortgesetzter Gewalt gegen den Gerechten und gegen die göttliche Ordnung.
Genesis 6:4 und die „Riesen“ – soziale, nicht physische Deutung
Der kurze, aber schwer verständliche Vers zu den „Riesen“ („Nephilim“) in Genesis 6:4 wurde über Jahrhunderte diskutiert. Klassische Auslegungen sehen hier entweder übernatürliche Wesen oder – heute anspruchsvollere Kommentare – Menschen mit herausragender sozialer Stellung, die durch Einfluss und Macht die gesellschaftliche Ordnung ins Chaos führten. In Mose 8:18 wird dieses Motiv nochmals aufgenommen, indem von „Riesen auf der Erde, [die] versuchten, Noah das Leben zu nehmen“ berichtet wird – nicht als reine körperliche Giganten, sondern als mächtige Gegner der göttlichen Botschaft. Diese „Riesen“ symbolisieren gesellschaftliche Autoritäten, die sich gegen Gottes prophetischen Auftrag stellen und den Ruf zur Umkehr als Bedrohung wahrnehmen. Scripture Central+1
Dies deckt sich mit einer Lesart, die „Söhne Gottes“ und „Töchter der Menschen“ nicht primär als Engel und Frauen, sondern als symbolische Kategorien versteht: Die „Söhne Gottes“ könnten für einen Stand oder eine Elite stehen, die früher einmal dem Bund nahe standen, nun aber durch Machtmissbrauch und moralischen Verfall gefallen sind. Solche Menschen werden – im Sinne sozialer „Riesen“ – zu gefährlichen Kräften, weil sie entscheiden, was „gut“ und „ansehnlich“ ist, ohne Gottes Maßstab zu beachten. Offene Bibel
Genesis 6:6–7: Es reute Gott – oder doch Noah?
Die Verse 6 und 7 von Genesis 6 berichten, dass Gott „es reute“, den Menschen geschaffen zu haben, und dass er die Menschheit samt Tieren vernichten werde. Dieser Ausdruck „reute“ (hebr.: nacham) ist sprachlich eng verwandt mit Bedauern, Trauer und Entscheidungen, die aus innerer Betroffenheit erwachsen. In der klassischen Genesis-Erzählung wird dies Gottes eigenes Empfinden zugeschrieben, das die Größe der moralischen Katastrophe betont. bibel.github.io
In Moses 8:25-26 wird dieser Gedanke weiter vertieft: Hier wird ausdrücklich Noah selbst traurig darüber, was aus der menschlichen Familie geworden ist, und sein Herz ist „betrübt“, weil der Herr den Menschen gemacht hat. Die Nuance ist wichtig: Es zeigt einen Propheten, der nicht nur Gott zuhört, sondern Gottes Herz in seinem eigenen Brustkorb spiegelt. Noah leidet mit, als er erkennt, wie weit die Welt von Gottes Wegen abgefallen ist – und das zeigt uns, dass Gottes prophetische Stimme nicht kalt, sondern zutiefst empathisch und leidenschaftlich ist.
Diese Perspektive hilft auch, das schwierige theologische Problem von göttlicher Allwissenheit und „Reue“ des Schöpfers zu überdenken: Der Text spricht nicht von einem Gott, der unvorbereitet überrascht wird, sondern von einem Gott, der den Zustand der Welt so ernst nimmt, dass er trägt und leidet, selbst im göttlichen Heilsplan. Dieses Leid zeigt die Tragödie der Sünde und dass Gottes Urteil nicht leichtfertig fällt.
Noah im Licht von Moses 8: Prophet, Priester, Bewahrer der Treue
In der erweiterten Erzählung von Moses 8 wird Noah bewusst in einen größeren Zusammenhang gestellt: Er erhält den Priestertitel „nach dem Orden des Sohnes Gottes“, was darauf hinweist, dass seine Berufung nicht nur eine pragmatische Rettungsarbeit ist, sondern Teil der göttlichen Heilsordnung. Noah ist Prophet, der das Evangelium predigt, ein Prediger der Umkehr, und steht in direkter Kontinuität mit der Botschaft, die bereits Adam und Enoch verkündet haben. Bible Central
Noahs gescheiterte Predigt vor seiner Generation – die Menschen weigern sich zu hören, „wir sind doch die Söhne Gottes, wir heiraten, essen und trinken, und unsere Kinder werden mächtige Männer“ – zeigt, wie Selbsttäuschung, Heuchelei und ein falsches religiöses Selbstverständnis zu tödlichem Abbruch der Gemeinschaft mit Gott führen. Bible Central
Genesis 7: Die Sintflut als Erneuerung und Neuanfang
Genesis 7 schildert den Eintritt in die Arche, die langsame Überflutung der Erde und den Abschluss des göttlichen Gerichts. Die Flut ist kein willkürliches Naturgeschehen, sondern das endgültige Ergebnis langanhaltender Verweigerung, Umkehrunfähigkeit und moralischer Selbstzerstörung. Unter den Trümmern dieser verdorbenen Welt wird durch Gnade und Gehorsam ein neuer Anfang möglich: Noah und seine Familie werden zu den Wurzeln einer gereinigten Menschheit.
Im Licht von Moses 8 ist diese Jahrhundertkatastrophe zugleich ein theologisches Symbol für Umkehr, Gnade und den Weg der Rettung, der durch Gehorsam und den Bund mit Gott möglich bleibt.
Persönliches, geistliches Zeugnis
In der Betrachtung dieser Texte habe ich neu erkannt, dass göttliches Urteil und göttliche Gnade nicht Gegensätze sind, sondern Teil derselben göttlichen Liebe. Die Tragik der „Riesen“ jenseits körperlicher Größe erinnert mich daran, wie leicht Menschen – auch heute – durch sozialen Einfluss und falsche Selbstidentität von Gottes Maßstab getrennt werden. Und doch zeigt mir Noahs Treue und sein Mitgefühl die große Barmherzigkeit Gottes: dass selbst in Zeiten tiefster Verdorbenheit ein treuer Diener Hoffnung trägt und Gottes Herz widerspiegelt.
Moses 8 vertieft dieses Verständnis, indem es Noahs Leiden über seine Generation und seinen priesterlichen Auftrag betont: Es ist ein Aufruf an mich, nicht nur Gottes Worte zu hören, sondern Gottes Herz zu tragen – leidenschaftlich, demütig und demütig bereit zur Umkehr.
Dieses Zeugnis teile ich in der Zuversicht, dass Gottes Wege immer auf Berufung zur Heiligkeit, zu Umkehr und zu wahrer Gemeinschaft mit ihm zielen – nicht zur Verurteilung um ihrer selbst willen, sondern zur Umformung unseres Herzens.





