“Und ich will euch ein neues Herz verleihen und euch einen neuen Geist eingeben: das steinerne Herz will ich aus eurer Brust herausnehmen und euch dafür ein Herz von Fleisch verleihen. 27 Ich will meinen Geist in euer Inneres geben und will solche Leute aus euch machen, die nach meinen Satzungen wandeln und meine Weisungen beobachten und tatsächlich ausführen.” (Ezechiel 36:26–27)
Ezechiel spricht hier nicht zu Menschen, deren Leben gerade gut läuft. Sein Volk ist zerstreut. Jerusalem ist zerstört, das Land liegt verwüstet da, und Israel lebt unter den Völkern. Die Verheißung, die Gott nun gibt, beginnt deshalb mit der Sammlung: „Ich will euch aus den Völkern holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.“ (Ezechiel 36:24). Erst danach folgen die Worte, die zum geistlichen Mittelpunkt dieses Kapitels werden: Reinigung, ein neues Herz und ein neuer Geist.
Das ist bemerkenswert. Gott verspricht seinem Volk nicht einfach, die verlorene Heimat zurückzugeben. Er will mehr tun. Die äußere Wiederherstellung soll mit einer inneren Wiederherstellung verbunden sein.
Zuerst sagt er: „Ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet.“ Dann: „Ein neues Herz will ich euch geben.“ Und schließlich: „Meinen Geist will ich in euer Inneres legen.“ Reinigung, neues Herz, neuer Geist – daraus entsteht ein neues Leben. (Ezechiel 36:25-27)
Auch die Inspired Version der Bibel, die Joseph Smith im Auftrag des Herrn als inspirierte Überarbeitung der King James Version anfertigte, verändert diese entscheidenden Verse nicht. Ezechiel 36,25–27 steht dort inhaltlich genauso: Gott reinigt sein Volk, nimmt das steinerne Herz weg, gibt ein Herz aus Fleisch und legt seinen Geist in sein Inneres. Das ist wichtig, denn wir müssen hier keine vermeintliche Korrektur durch die Joseph-Smith-Übersetzung suchen. Die Aussage Ezechiels selbst ist bereits klar.
Noch deutlicher wird sie, wenn wir unmittelbar weiterlesen.
In Ezechiel 37 führt der Herr den Propheten in ein Tal voller trockener Gebeine. Israel selbst wird mit diesen Gebeinen verglichen: „Unsere Gebeine sind vertrocknet, und unsere Hoffnung ist verloren.“ Dann spricht Gott zu den Gebeinen und lässt sie wieder zusammenkommen. Knochen bekommen Sehnen, Fleisch und Haut. Doch dann geschieht etwas Entscheidendes: „Aber es war noch kein Odem in ihnen.“ Erst als der Geist kommt, werden sie lebendig. Und in Vers 14 sagt der Herr: „Und ich werde meinen Geist in euch geben, dass ihr leben sollt.“ (Inspired Version, Ezechiel 37:14)
Damit wird sichtbar, wie eng Kapitel 36 und 37 miteinander verbunden sind. In Kapitel 36 verheißt Gott: Ich gebe euch meinen Geist. In Kapitel 37 erklärt er bildhaft, was das bedeutet: Ihr werdet leben.
Die Botschaft richtet sich ursprünglich an das Haus Israel. Gott verheißt die Sammlung seines Volkes, seine Reinigung und seine Wiederherstellung. Die trockenen Gebeine stehen ausdrücklich für „das ganze Haus Israel“. (Inspired Version, Ezechiel 37) Es geht also nicht darum, Ezechiel 36 ausschließlich als persönliche Bekehrungsgeschichte zu lesen.
Aber gerade darin liegt eine wunderbare geistliche Anwendung. Was Gott mit seinem Volk tut, zeigt uns auch etwas über sein Wirken mit einzelnen Menschen.
Denn wir kennen dieses steinerne Herz vielleicht besser, als wir manchmal zugeben möchten. Ein Herz kann hart werden durch Enttäuschungen, Schuld, Verbitterung oder Gewohnheit. Es kann sich daran gewöhnen, Gottes Stimme zu hören, ohne noch wirklich auf sie zu reagieren. Man kann äußerlich vieles richtig machen und innerlich trotzdem weit entfernt sein.
Deshalb ist das Evangelium Jesu Christi mehr als eine Anleitung zur Verhaltensverbesserung.
Gott sagt nicht: Ich gebe euch eine Liste neuer Regeln, damit ihr euch künftig besser benehmt. Er sagt: Ich gebe euch ein neues Herz.
Diese Botschaft klingt bereits in Psalm 51 an. David betet: „Schaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Psalm 51:12) Jeremia spricht später von dem neuen Bund, bei dem Gott sein Gesetz nicht nur vor das Volk stellt, sondern sagt: „Ich lege mein Gesetz in ihr Inneres und schreibe es auf ihr Herz.“ (Jeremia 31:33)
Und im Buch Mormon finden wir dieselbe Erfahrung in besonders persönlicher Form. Nach König Benjamins Worten bezeugen die Menschen, dass der Geist des Herrn „eine mächtige Wandlung“ in ihrem Herzen bewirkt habe. (Mosia 5:2) Sie haben nicht einfach beschlossen, sich äußerlich etwas mehr anzustrengen. Ihre Wünsche haben sich verändert.
Vielleicht ist das eine der schönsten Beschreibungen wahrer Umkehr. Wir tun nicht nur andere Dinge. Mit der Zeit wollen wir andere Dinge.
Das bedeutet nicht, dass unsere Anstrengungen unwichtig wären. Ezechiel sagt ausdrücklich, dass der Geist Gottes dazu führt, dass sein Volk nach seinen Satzungen wandelt. Das neue Herz zeigt sich also im neuen Leben. Aber die Veränderung beginnt tiefer als bei einzelnen Verhaltensweisen.
Sie beginnt dort, wo Gott uns berühren kann: in unserem Inneren.
Darum ist es auch so wichtig, dass wir uns auf den Einfluss des Heiligen Geistes vorbereiten. Persönliche Offenbarung geschieht nicht immer in spektakulären Augenblicken. Ich habe erfahren, dass ich dafür innerlich und auch ganz praktisch bereit sein muss. Wenn ich mir Zeit für die heiligen Schriften nehme, bete, zur Ruhe komme und mich bewusst dem Herrn zuwende, entsteht eine andere Offenheit. Manchmal verändert sich dabei nicht sofort meine Situation. Aber etwas in mir verändert sich.
Vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen Ezechiel 36 und Ezechiel 37.
Gott verspricht nicht nur, das Verwüstete wieder aufzubauen. Er gibt seinem Volk einen neuen Geist. Und wo sein Geist wirkt, entsteht Leben.
Das Bild geht sogar noch weiter. Nach der Verheißung des neuen Herzens spricht Ezechiel davon, dass die verwüsteten Städte wieder aufgebaut werden und das öde Land „wie der Garten Eden“ werden soll. (Inspired Version, Ezechiel 36:35) Und in Kapitel 37 verheißt Gott schließlich: „Ich werde mein Heiligtum in ihre Mitte setzen für immer.“ (Inspired Version, Ezechiel 37:26)
Damit schließt sich ein großer Kreis: Gott sammelt, reinigt, erneuert, belebt und wohnt wieder bei seinem Volk.
Ich glaube, dass diese Verheißung auch für uns eine tiefe geistliche Bedeutung hat. Jesus Christus möchte nicht nur unsere Fehler vergeben. Er möchte unser Herz verändern. Ich glaube, dass der Heilige Geist tatsächlich in unserem Inneren wirken und unsere Wünsche, unsere Sichtweise und schließlich unser Leben verändern kann. Ich habe erfahren, dass diese Veränderung oft still beginnt, wenn ich mich innerlich und äußerlich auf den Herrn vorbereite. Dann kann aus einem harten Herzen wieder ein empfängliches Herz werden. Aus geistlicher Trockenheit kann neues Leben entstehen. Und ich bezeuge, dass Jesus Christus die Macht hat, uns nicht nur anders handeln, sondern neu werden zu lassen.


