Mittwoch, 21. Oktober 2026

Bessert euren Wandel und eure Taten

 

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"So hat der HErr der Heerscharen, der Gott Israels, gesprochen: Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen!" (Jeremia 7:3) 

Jeremia 7 

Es ist ein ungewöhnlicher Ort für eine solche Predigt. Jeremia steht nicht irgendwo am Rand der Stadt, sondern am Eingang des Tempels. Menschen kommen, um Gott anzubeten. Sie kennen die richtigen Worte, bringen ihre Opfer und gehören zum Bundesvolk. Und doch stellt Gott durch seinen Propheten eine Frage, die bis in unser eigenes Herz reicht: Was geschieht zwischen unserem Gottesdienst und unserem Alltag? 

Jeremia soll den Menschen zurufen: „Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun!“ Und unmittelbar danach nennt er den Satz, auf den sie offenbar besonders stolz sind: „Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies!“ (Jeremia 7:4). Sie wiederholen den Namen des Tempels, als könnte die Nähe zu einem heiligen Ort selbst zu einem Schutzschild werden. Sie sind doch das Volk Gottes. Sie haben den Tempel. Was sollte ihnen schon geschehen? 

Doch der Herr schaut tiefer. 

Er spricht von Fremdlingen, Waisen und Witwen, die nicht bedrückt werden dürfen. Er spricht von unschuldigem Blut und davon, anderen Göttern nachzulaufen. Der Gottesdienst am heiligen Ort muss im Leben des Menschen sichtbar werden. Was im Tempel bekannt wird, muss vor der Haustür, am Arbeitsplatz, in der Familie und im Umgang mit dem Schwachen seine Wahrheit beweisen. 

Das macht Jeremia 7 für mich so eindringlich. Der Herr sagt nicht: Besucht den Tempel nicht. Hört auf zu beten. Werdet weniger religiös. Im Gegenteil: Er ruft sein Volk zu einer Religion zurück, die wirklich das ganze Leben umfasst. Die äußere Handlung ist nicht das Problem. Das Problem entsteht dort, wo die äußere Handlung das fehlende innere Leben verdeckt. 

Dasselbe lehrt später der Erretter. Jesus begegnet Menschen, die religiös ausgesprochen gewissenhaft sind. Sie zahlen sogar den Zehnten von den kleinsten Gewürzen, lassen aber, wie der Herr sagt, „das Wichtigere im Gesetz“ außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Dann gebraucht er das Bild vom Becher: „Mache zuerst das rein, was den Inhalt des Bechers bildet, dann wird auch seine Außenseite rein werden können.“ (Matthäus 23:26) 

Jesus sagt nicht, dass die Außenseite unwichtig ist. Er sagt: Beginne innen. 

Vielleicht liegt darin eine der großen Gefahren eines religiösen Lebens. Man kann lernen, wie man aussieht, ohne zu lernen, wie man wird. Man kann die Sprache des Glaubens beherrschen, ohne das Herz vom Glauben beherrschen zu lassen. Man kann regelmäßig am Abendmahl teilnehmen, in den Tempel gehen, Berufungen erfüllen, die Schrift lesen und beten – und gleichzeitig feststellen, dass bestimmte Bereiche des eigenen Lebens noch gar nicht wirklich dem Herrn gehören. 

Das ist keine Anklage gegen religiöse Gewohnheiten. Gute geistliche Gewohnheiten sind kostbar. Aber sie sind Mittel und nicht Ziel. Sie sollen unser Herz zu Christus führen. 

König Benjamin verstand diesen Zusammenhang. Sein Volk versammelte sich am Tempel, um seine Worte zu hören. Mosia 2. Doch die entscheidende Veränderung geschah nicht allein dadurch, dass sie sich an einem heiligen Ort versammelten. Als sie die Botschaft von Jesus Christus hörten und an ihn glaubten, erlebten sie, wie sie selbst sagten, eine „mächtige Wandlung“ in ihrem Herzen. Aus äußerer Versammlung wurde innere Wandlung. Mosia 5. 

Das ist der Unterschied zwischen religiöser Gewohnheit und Bekehrung. 

Bekehrung bedeutet nicht, dass ich plötzlich alles richtig mache. Sie bedeutet, dass ich Christus erlaube, mich von innen heraus zu verändern. Der natürliche Mensch wird nicht durch noch mehr religiöse Aktivitäten überwunden. Wir brauchen das Sühnopfer Christi und die Eingebungen des Heiligen Geistes. 

Das wird auch jedes Mal sichtbar, wenn wir vom Abendmahl nehmen. Wir tun äußerlich etwas sehr Einfaches: Wir nehmen Brot und Wasser. Doch diese Handlung verweist auf etwas, das innerlich geschehen soll. Wir kommen mit gebrochenem Herzen und zerknirschtem Geist zu Christus und empfangen erneut die reinigende Wirkung seines Sühnopfers. 

Vielleicht sollten wir deshalb am Sonntag nicht nur fragen: Habe ich teilgenommen? Sondern: Was verändert sich dadurch in mir? 

Verändert es meine Geduld mit meinem Ehepartner? Meine Sprache gegenüber meinen Kindern? Meine Bereitschaft, zu vergeben? Meine Ehrlichkeit, wenn niemand zusieht? Meine Aufmerksamkeit für einen Menschen, der Hilfe braucht? 

Dann würde aus einer äußeren Handlung eine innere Bewegung. 

Ein Beispiel dafür finden wir auch in der jüngeren Geschichte der Kirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele Städte Europas in Trümmern. In Ostdeutschland mussten Mitglieder ihren Glauben später unter den Bedingungen eines kommunistischen Staates leben. Die staatlichen Einschränkungen wurden immer stärker, und viele Mitglieder waren bei Arbeit und Ausbildung wegen ihres Glaubens Benachteiligungen ausgesetzt. Dennoch konzentrierten sie sich auf ihre Familien und ihr Kirchenleben und unterstützten einander. Ilse Kaden erinnerte sich später an diese Zeit mit den Worten: „Der Zusammenhalt war wunderschön.“ Geschichte der Kirche in Deutschland – „Der Zusammenhalt war wunderschön“; Chronologie der Kirche in Deutschland 

Später wurde dies auch bei den Jugendlichen sichtbar. Als 1980 in Ostdeutschland das Seminar eingeführt wurde, stieß das Programm trotz der schwierigen Bedingungen auf große Begeisterung. Als F. Enzio Busche das Gebiet besuchte, entschuldigte sich der zuständige Pfahlpräsident zunächst dafür, dass „nur“ 89 Prozent der Jugendlichen eingeschrieben waren. Busche hielt diesen Wert für außergewöhnlich hoch. Doch der Pfahlpräsident dachte an die elf Prozent, die noch fehlten. Er wollte sich damit nicht zufriedengeben: „Jeder unserer jungen Leute ist wichtig. Wir können nicht einen einzigen verlieren.“ Offizielle Geschichte des Seminars in Ostdeutschland 

So wurde Glaube sichtbar – nicht nur im Versammlungsgebäude, sondern in Fürsorge und Treue. 

Genau hier berührt sich die Botschaft Jeremias mit einer modernen Erklärung von Jüngerschaft. Sean R. Dixon lehrt, dass Jünger Christi ihr Leben nicht in verschiedene Bereiche aufteilen. Sie bemühen sich, in der Schule, bei der Arbeit, in der Kirche und in ihren alltäglichen Entscheidungen dieselben Menschen zu sein. Jüngerschaft ist für ihn keine zusätzliche Aktivität, sondern etwas, das den Kern unseres Lebens bestimmt. Sean R. Dixon – „Every Day Disciples of Jesus Christ“ 

Die Joseph Smith Translation kann uns bei solchen Texten zusätzlich helfen, bestimmte Aussagen aus der Perspektive der Wiederherstellung zu betrachten. Gerade bei einer prophetischen Warnung wie Jeremia 7 lohnt sich deshalb der Vergleich mit der Inspired Version / New Translation. Sie ersetzt den biblischen Text nicht, kann aber zum besseren Verständnis beitragen. 

Die entscheidende Frage lautet also nicht: Bin ich religiös genug? 

Vielleicht lautet sie vielmehr: Wird mein Glaube in meinem Leben wahr? 

Jeremia nennt dafür konkrete Prüfsteine. Wie behandle ich Menschen, die mir nichts zurückgeben können? Wie gehe ich mit Schwachen um? Wie ehrlich bin ich, wenn niemand zusieht? Welche Dinge haben vielleicht unbemerkt einen Platz in meinem Herzen eingenommen, der eigentlich Gott gehört? 

Das sind unangenehme Fragen. Aber gerade darin liegt ihre Heiligkeit. 

Denn Umkehr bedeutet nicht, dass ich mich vor Gott besser darstelle. Umkehr bedeutet, dass ich aufhöre, mich vor ihm zu verstecken. 

Ich kann ihm sagen: Herr, außen sieht manches bei mir ordentlich aus. Aber du kennst auch das Innere. Du weißt, wo mein Herz noch nicht verändert ist. Reinige zuerst den Becher in mir. 

Dann beginnt etwas Wunderbares. Christus verlangt nicht, dass ich mich allein in einen anderen Menschen verwandle. Er bittet mich, mich ihm anzuvertrauen. Sein Sühnopfer kann dort wirken, wo meine eigene Kraft nicht ausreicht. Seine Gnade kann aus einem äußerlich religiösen Leben ein innerlich geheiligtes Leben machen. 

Darum empfinde ich Jeremia 7 letztlich nicht als eine Botschaft der Verwerfung, sondern als eine Botschaft der Hoffnung. Der Herr ruft sein Volk nicht deshalb zur Umkehr, weil er es loswerden möchte. Er ruft es zurück, weil er bei ihm wohnen möchte: 

„Bessert euren Wandel und euer ganzes Tun, so will ich euch an diesem Orte wohnen lassen!“ 

Das ist für mich der tiefste Gedanke dieses Kapitels: Gott möchte nicht nur, dass ich mich in seiner Nähe befinde. Er möchte, dass er in mir Raum bekommt. 

Ich glaube, dass Jesus Christus genau das möglich macht. Ich habe erfahren, dass religiöse Gewohnheiten allein mein Herz nicht dauerhaft verändern können. Aber wenn ich mich ehrlich dem Herrn zuwende, meine Fehler nicht entschuldige und ihn um Vergebung und Veränderung bitte, geschieht etwas, das ich selbst nicht hervorbringen könnte. Manchmal langsam und fast unmerklich – aber wirklich. Mein Gottesdienst bekommt dann eine andere Bedeutung, weil er nicht mehr nur etwas ist, das ich für Gott tue, sondern Ausdruck dessen wird, was Gott in mir tut. 

Darum möchte ich den Ruf Jeremias nicht nur an andere richten. Ich möchte ihn selbst hören: 

Bessere deinen Wandel. Bessere dein Tun. Lass Christus dein Herz verändern. 

Denn vielleicht beginnt wahre Anbetung genau dort, wo das, was wir am heiligen Ort bekennen, auch in unserem gewöhnlichen Leben Gestalt annimmt.

Dienstag, 20. Oktober 2026

Du hast mich verlassen, die Quelle lebendigen Wassers

 

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„Denn zwiefaches Unrecht hat mein Volk begangen: mich, den Born lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich gegrabene Brunnen (d. h. Zisternen) anzulegen, löcherige Brunnen, die das Wasser nicht halten!” (Jeremia 2:13) 

Jeremia 2 und 3 

Es gibt einen Unterschied zwischen Durst und der Frage, wo wir unseren Durst stillen. Durst ist zunächst etwas ganz Natürliches. Jeder Mensch braucht Wasser. Aber wenn wir durstig sind, macht es einen entscheidenden Unterschied, ob wir zu einer frischen Quelle gehen oder aus einem Gefäß trinken, dessen Wasser längst abgestanden ist. 

Jeremia verwendet genau dieses Bild, um die geistliche Situation Israels zu beschreiben. Das Volk hatte den Herrn verlassen und suchte Leben an anderen Stellen. „Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen zu graben, rissige Zisternen, die kein Wasser halten.“ 

Das Bild ist deshalb so stark, weil eine Zisterne zunächst durchaus sinnvoll erscheint. Sie sammelt Wasser und kann einen Menschen durch trockene Zeiten bringen. Aber sie produziert kein Wasser. Und wenn sie Risse bekommt, verliert sie sogar das, was sie einmal empfangen hat. 

Vielleicht beschreibt das überraschend genau manches in unserem eigenen Leben. 

Wir suchen Sicherheit in unserem Besitz, Bedeutung in unserer Leistung, Anerkennung in den Augen anderer oder Ablenkung in der Fülle unserer Möglichkeiten. Nichts davon muss an sich schlecht sein. Aber nichts davon kann die Aufgabe erfüllen, die nur Christus erfüllen kann. Wir können viele Dinge besitzen und innerlich trotzdem durstig bleiben. 

Jeremias Botschaft ist deshalb mehr als eine Anklage. Sie ist eine Einladung, die Quelle wiederzufinden. 

In Jeremia 3 ruft der Herr: „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!“ Der Ruf zur Umkehr ist unmittelbar mit einer Verheißung verbunden. Gott möchte sein Volk nicht einfach für seinen Irrweg bestrafen. Er möchte es zurückhaben. Umkehr bedeutet deshalb nicht nur, etwas Falsches aufzugeben. Sie bedeutet, nach Hause zurückzukehren. 

Das wird besonders deutlich, wenn wir Jeremia mit einer Begebenheit aus dem Leben Jesu verbinden. Jahrhunderte später steht eine Samariterin am Jakobsbrunnen. Sie kommt, um Wasser zu schöpfen. Jesus aber spricht zu ihr von einem Wasser, das tiefer reicht als das Wasser des Brunnens: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ (Johannes 4:14). 

Plötzlich bekommt Jeremias Bild ein Gesicht. 

Die Quelle lebendigen Wassers ist Jesus Christus. 

Elder David A. Bednar hat in seiner BYU-Rede „A Reservoir of Living Water“ genau diesen Zusammenhang aufgegriffen. Er erklärt, dass Christus und sein Evangelium für unser geistliches Leben ebenso notwendig sind wie Wasser für unseren Körper. Besonders eindrücklich finde ich seinen Gedanken, dass wir das lebendige Wasser nicht nur gelegentlich brauchen. Wir brauchen es beständig. Die heiligen Schriften werden dabei zu einem Reservoir, aus dem wir immer wieder schöpfen können. David A. Bednar: „A Reservoir of Living Water“ 

Das verändert auch unseren Umgang mit den heiligen Schriften. Wir lesen sie dann nicht nur, um Informationen über vergangene Menschen zu erhalten. Wir suchen darin die Stimme dessen, der auch heute zu uns spricht. Wir suchen Christus. 

Alma erlebte etwas Ähnliches. Als er sich an die Worte seines Vaters über Jesus Christus erinnerte, veränderte sich sein Innerstes. Aus Schuld wurde Vergebung, aus Verzweiflung Hoffnung und aus geistlichem Durst Freude. Alma hatte versucht, sein Leben selbst zu gestalten. Erst als er sich Christus zuwandte, fand er die Quelle, die er selbst nicht hervorbringen konnte. 

Vielleicht kennen wir diese Erfahrung in kleinerem Maßstab. Manchmal haben wir lange versucht, ein Problem allein zu lösen. Wir haben geplant, kontrolliert, gearbeitet und uns Sorgen gemacht. Und irgendwann merken wir: Ich brauche nicht noch mehr von mir selbst. Ich brauche Christus. 

Dann kann ein Gebet wieder anders werden. Eine Schriftstelle bekommt plötzlich eine persönliche Bedeutung. Das Abendmahl wird zu mehr als einem vertrauten Teil des Gottesdienstes. Wir beginnen wieder zu trinken. 

Auch die neuere Geschichte der Kirche zeigt, dass lebendiges Wasser nicht von günstigen Umständen abhängig ist. In der Ukraine begann die Kirche Anfang der 1990er Jahre mit einer kleinen Gemeinschaft in Kiew. Die Mitglieder lebten das Evangelium zunächst in kleinen und einfachen Formen. Schon 1992 organisierten ukrainische Mitglieder Tempelfahrten nach Freiberg. Die Reise war lang, teuer und mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden – und trotzdem machten sie sich auf den Weg. 

Auch die neuere Geschichte der Kirche zeigt, dass lebendiges Wasser nicht von günstigen Umständen abhängig ist. 1992 machten sich ukrainische Mitglieder erstmals gemeinsam auf den langen und kostspieligen Weg zum Freiberg-Tempel. Fast zwei Jahrzehnte lang reisten Mitglieder aus der Ukraine nach Deutschland, um dort geistliche Kraft zu finden. Eine von ihnen war Larysa Shyshkanova, die trotz ihres Alters und der körperlichen Belastung 2004 diese Reise unternahm. Schließlich wurde am 29. August 2010 der Kiew-Tempel geweiht. Die Geschichte zeigt mir: Geistliches Leben wächst nicht zuerst durch äußere Größe. Es beginnt damit, dass Menschen sich immer wieder der Quelle zuwenden. “The Morning Breaks”; "Temple Pilgrimages" 

Das ist auch für uns eine wichtige Frage. Woraus versuche ich meinen inneren Durst zu stillen? 

Vielleicht ist es nicht immer etwas Offensichtliches. Manchmal bauen wir unsere Zisternen aus sehr guten Dingen. Arbeit. Familie. Dienst. Wissen. Gemeindeaktivitäten. Selbst unser religiöses Engagement kann zu einer Zisterne werden, wenn wir irgendwann mehr auf unsere Aktivität als auf Christus vertrauen. 

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Tue ich genug?“ 

Sondern: „Trinke ich noch?“ 

Trinke ich täglich aus dem Wort Gottes? Suche ich den Heiligen Geist? Spreche ich mit dem Herrn nicht nur über meine Aufgaben, sondern auch über mein Herz? Kehre ich zu Christus zurück, wenn ich merke, dass meine Seele trocken wird? 

Jeremia erinnert uns daran, dass Gott uns nicht aus der Ferne zur Umkehr auffordert. Er ruft seine Kinder nach Hause. „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder!“ Das ist die Stimme eines Vaters, der nicht möchte, dass wir auf unseren rissigen Zisternen sitzen bleiben. 

Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zu unserer eigenen Berufung, die über dieser Reihe steht: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen.“ Der Gott, der uns kennt, bevor wir geboren wurden, kennt auch unsere Umwege. Er kennt unseren Durst. Er kennt die Stellen, an denen wir versucht haben, ohne ihn auszukommen. Und dennoch bleibt seine Einladung bestehen. 

Komm zurück. 

Trink. 

Bleib bei der Quelle. 

Ich glaube, dass Jesus Christus tatsächlich die Quelle lebendigen Wassers ist. Ich habe erfahren, dass er einen inneren Frieden schenken kann, den äußere Umstände nicht hervorbringen können. Nicht jedes Problem verschwindet dadurch, und nicht jede Frage wird sofort beantwortet. Aber wenn ich mich wieder Christus zuwende, verändert sich etwas in mir. Ich bekomme neue Kraft, Hoffnung und Orientierung. Deshalb möchte ich nicht immer größere Zisternen bauen, um meinen Durst selbst zu kontrollieren. Ich möchte lernen, immer wieder zu der Quelle zu gehen, die niemals versiegt.

Montag, 19. Oktober 2026

Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen

 

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„Noch ehe ich dich im Mutterschoße bildete, habe ich dich erwählt (oder: ersehen), und ehe du das Licht der Welt erblicktest, habe ich dich geweiht: zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt”. (Jeremia 1:5) 

Jeremia 1 

Das Buch Jeremia beginnt nicht mit einem großen Sieg, sondern mit der Berufung eines Menschen, der sich selbst für ungeeignet hält. Vielleicht ist gerade das ein guter Anfang für eine Reihe über einen Propheten, dessen Leben von Widerstand, Einsamkeit, Trauer und der scheinbaren Erfolglosigkeit seiner Botschaft geprägt sein wird. 

Jeremia wirkte etwa ab 627 v. Chr. im Südreich Juda und bis nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. Seine Berufung erhielt er im 13. Regierungsjahr König Josias. Damit war er ein Zeitgenosse Lehis. Als Lehi ungefähr um 600 v. Chr. Jerusalem mit seiner Familie verließ, wirkte Jeremia noch immer in derselben Stadt. Beide verkündeten die Warnung vor dem kommenden Gericht, doch der Herr gab ihnen unterschiedliche Aufträge: Jeremia blieb in Jerusalem, während Lehi mit seiner Familie in ein neues Land geführt wurde. Das Buch Mormon bestätigt, dass zu jener Zeit „viele Propheten“ nach Jerusalem kamen und das Volk vor der Zerstörung der Stadt warnten (1 Nephi 1:4). Jeremia war einer von ihnen. 

Juda entfernte sich immer weiter von Gott. Politische Bündnisse schienen wichtiger als Vertrauen auf den Herrn, und religiöse Formen konnten den Verlust des Glaubens nicht mehr verdecken. Jeremia sollte diese Entwicklung nicht nur beobachten. Er sollte sie ansprechen. Er sollte warnen, mahnen und zugleich von einer kommenden Hoffnung zeugen. Sein Buch ist deshalb zugleich ein Buch des Gerichts und ein Buch der Verheißung. Hinter den Tränen über Jerusalem steht immer wieder die Zusage, dass Gott sein Volk nicht endgültig aufgeben wird. Und während Jeremia in Jerusalem blieb, begann durch Lehis Familie bereits ein weiterer Teil der Geschichte Israels – eine Geschichte, in der sich die Warnungen der Propheten ebenso erfüllen sollten wie die Verheißungen des Herrn. 

Doch bevor Jeremia zum Propheten für Juda wird, muss er zunächst etwas über sich selbst erfahren. 

Der Herr sagt zu ihm: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erkannt.“ 

Jeremia sieht sich selbst offenbar zuerst aus der Perspektive seiner Begrenzungen: „Ach, Herr, HERR! Siehe, ich kann nicht reden; denn ich bin zu jung.“ (Jeremia 1:6) Der Herr sieht dagegen etwas, das Jeremia selbst noch nicht erkennen kann. Er sieht einen Menschen, den er kennt, den er vorbereitet und den er gebrauchen kann. 

Das ist ein Gedanke, der mich unmittelbar betrifft. 

Wie oft beurteilen wir uns selbst danach, was wir gerade können? Wir vergleichen unsere Worte mit denen anderer, unsere geistige Stärke mit der anderer, unsere Erfahrungen mit denen anderer. Wir sehen, was uns fehlt. Gott sieht darüber hinaus. 

Er sagt zu Jeremia nicht: Du hast recht. Du bist zu jung. Suche dir jemanden, der besser geeignet ist. 

Er sagt: „Du sollst zu allen gehen, zu denen ich dich sende, und alles reden, was ich dir gebiete.“ (Jeremia 1:7) 

Und dann gibt er ihm die entscheidende Zusage: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten.“ (Jeremia 1:8) 

Das ist etwas anderes als die Zusicherung, dass Jeremia keine Schwierigkeiten erleben werde. Der Herr verspricht ihm nicht Erfolg nach menschlichen Maßstäben. Er verspricht ihm seine Gegenwart. 

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Selbstvertrauen und Glauben. Selbstvertrauen sagt: Ich kann das schaffen. Glaube sagt: Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann – aber ich weiß, wem ich vertraue. 

Diese Erfahrung zieht sich durch die heiligen Schriften. Mose fühlt sich wegen seiner Sprache ungeeignet. Henoch bezeichnet sich als langsam im Reden. Joseph Smith beschreibt sich später als einen unbedeutenden jungen Mann. Immer wieder scheint Gott Menschen zu berufen, die selbst nicht das Gefühl haben, den Anforderungen zu genügen. 

Auch Joseph Smiths Geschichte beginnt in dieser Spannung. Der junge Prophet hatte keine akademische Ausbildung und keine kirchliche Stellung, die ihn nach menschlichen Maßstäben für die Aufgabe der Wiederherstellung qualifiziert hätte. Und doch wurde er berufen, das Evangelium Jesu Christi in einer Zeit wiederherzustellen, in der Priestertumsvollmacht, lebende Propheten und viele klare Lehren des Evangeliums verloren gegangen waren. Seine Geschichte zeigt nicht, dass Gott nur außergewöhnlich begabte Menschen gebrauchen kann. Sie zeigt vielmehr, was geschehen kann, wenn ein Mensch bereit ist, sich von Gott führen zu lassen. 

Geschichte der Kirche – Material der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Interessant ist dabei auch die Lehre von der Vorherordinierung. Jeremia hört: „Ehe du aus dem Mutterschoß hervorgingst, habe ich dich geheiligt.“ Das bedeutet nicht, dass sein Leben ohne Entscheidungsfreiheit festgelegt gewesen wäre. Vielmehr erkennen wir darin die Wirklichkeit, dass Gott seine Kinder kennt und sie auf Aufgaben vorbereiten kann, die sie in diesem Erdenleben übernehmen sollen. 

Die Wiederherstellung vertieft diesen Gedanken. In Lehre und Bündnisse 138 wird von den treuen Geistern in der vorirdischen Welt berichtet, die auf ihre irdische Aufgabe vorbereitet wurden. Das macht Jeremias Berufung für mich noch persönlicher: Vielleicht beginnt Gottes Wirken in unserem Leben nicht erst in dem Augenblick, in dem wir eine Berufung erhalten. Vielleicht hat er uns schon lange vorher mit Erfahrungen, Begabungen, Beziehungen und geistigen Eindrücken darauf vorbereitet. 

Doch Vorbereitung bedeutet nicht Perfektion. 

Das zeigt gerade Jeremia. 

Der Herr beruft ihn – und Jeremia bleibt ein Mensch. Er wird später klagen, weinen und sich von seiner Aufgabe überfordert fühlen. Seine Berufung schützt ihn nicht vor Schmerz. Aber sie gibt seinem Schmerz einen anderen Zusammenhang: Er weiß, wem er gehört und wem er dienen soll. 

Hier passt eine Aussage von Gérald Caussé besonders gut. In einer BYU-Ansprache über persönliche Schwächen erinnerte er daran, dass Gott gerade junge und unerfahrene Menschen für sein Werk gebraucht und dass der Herr persönliche Begrenzungen durch seine Gnade in Stärke verwandeln kann. Er verweist dabei ausdrücklich auf Enoch, Joseph Smith und andere junge Menschen, die sich selbst nicht für außergewöhnlich hielten. 

Gérald Caussé – „For When I Am Weak, Then Am I Strong“ 

Das entspricht auch einer Wahrheit aus dem Buch Mormon. Moroni fürchtete, dass seine sprachlichen und schriftstellerischen Schwächen dazu führen könnten, dass die Menschen seine Aufzeichnungen nicht annehmen würden. Doch der Herr antwortete: „Wenn Menschen zu mir kommen, so werde ich ihnen ihre Schwäche zeigen … wenn sie sich vor mir demütigen und Glauben an mich haben, dann werde ich Schwaches für sie stark werden lassen.“ (Ether 12:27.) 

Vielleicht ist Schwäche deshalb nicht immer das Gegenteil von Berufung. Manchmal ist sie sogar der Ort, an dem Berufung wirklich wirksam werden kann. 

Denn solange ich glaube, ich müsse alles allein können, brauche ich Gott nicht wirklich. 

Jeremia muss lernen, dass die entscheidende Frage nicht lautet: Kann ich sprechen? Sondern: Wird der Herr durch mich sprechen? 

Das ist auch für unsere heutigen Berufungen wichtig. Vielleicht stehst du vor einer Aufgabe, bei der du dich unvorbereitet fühlst. Vielleicht sollst du eine Klasse unterrichten, eine Familie führen, jemandem helfen, eine schwierige Entscheidung treffen oder in einer neuen Verantwortung dienen. Vielleicht denkst du: Andere könnten das besser. 

Dann lohnt es sich, Jeremia 1 noch einmal langsam zu lesen. 

Der Herr sagt nicht: Du bist perfekt. 

Er sagt: Ich kenne dich. 

Er sagt nicht: Du brauchst mich nicht. 

Er sagt: Ich werde meine Worte in deinen Mund legen. 

Und er sagt nicht: Du wirst keine Angst haben. 

Er sagt: „Ich bin mit dir.“ 

Das verändert die Perspektive. Unsere Schwächen müssen nicht länger Beweise dafür sein, dass wir ungeeignet sind. Sie können uns daran erinnern, woher unsere eigentliche Kraft kommt. 

Ich glaube, dass Jesus Christus uns tiefer kennt, als wir uns selbst kennen. Ich glaube, dass unser Leben für ihn nicht zufällig ist und dass er uns mit Gaben, Erfahrungen und Möglichkeiten vorbereitet. Ich glaube auch, dass eine Berufung nicht bedeutet, dass wir bereits alles können. Sie kann vielmehr der Weg sein, auf dem Christus uns befähigt, zu dem Menschen zu werden, den er in uns sieht. 

Jeremia sah einen jungen Mann, der nicht reden konnte. 

Der Herr sah einen Propheten. 

Vielleicht sehen wir heute nur unsere Schwächen. Vielleicht sieht Christus bereits etwas, das wir selbst noch nicht erkennen können. 

Und vielleicht beginnt Vertrauen genau dort: nicht damit, dass ich plötzlich keine Angst mehr habe, sondern damit, dass ich trotz meiner Angst dem folge, der sagt: 

„Fürchte dich nicht … denn ich bin mit dir.“ 

Samstag, 17. Oktober 2026

Für Zion kommt der Erlöser

 

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„Wer ist der, der von Edom kommt, von Bozra in hochroten Kleidern?“ (Jesaja 63:1) – verbunden mit Jesaja 65:17: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ 

Jesaja 63, 64, 65 und 66 

Es ist ein ungewöhnliches Bild, mit dem Jesaja den letzten Abschnitt seines Buches eröffnet. Einer kommt aus Edom, seine Kleider sind rot, sein Auftreten ist gewaltig. Er ist nicht der stille Tröster, den wir aus den Evangelien kennen. Er kommt als der, der „mächtig ist zu retten“ (Jesaja 63:1). Wenige Kapitel später hören wir dieselbe Stimme sagen: „Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jesaja 65:17). Zwischen diesen beiden Bildern liegt die ganze Spannung der Wiederkunft Christi: Der Erlöser kommt nicht nur, um zu trösten. Er kommt, um das Böse zu richten, sein Volk zu erlösen und schließlich alles neu zu machen. 

Damit schließt sich der große Kreis des Buches Jesaja. 

Jesaja hatte mit einem Volk begonnen, das sich von Gott entfernt hatte. Schuld, Stolz und geistliche Blindheit prägten seine Geschichte. Doch mitten in dieses Versagen stellte der Prophet die Verheißung eines kommenden Messias. Ein Licht sollte aufgehen. Ein Knecht sollte leiden. Ein Erlöser sollte kommen. Zion sollte wiederhergestellt werden. 

Nun stehen wir am Ende – und der Erlöser kommt tatsächlich. 

Jesaja 63 zeigt dabei eine Seite Christi, die wir vielleicht lieber ausblenden würden. Der Messias ist nicht nur der sanfte Tröster. Er ist auch der Richter. Das rote Gewand erinnert an die Kelter und an das Gericht über das Böse. Aber gerade hier liegt eine wichtige Wahrheit: Der Richter und der Erlöser sind nicht zwei verschiedene Personen. Derjenige, der das Böse endgültig besiegt, ist derselbe, der unsere Schmerzen getragen hat. 

Jesaja 63 zeigt zunächst den gewaltigen Erlöser, der kommt, um sein Volk zu retten. Doch mitten in diesen großen Bildern des kommenden Herrn erinnert Jesaja an „die Taten der Huld des HERRN“: „In all ihrer Bedrängnis war auch er bedrängt … in seiner Liebe und seinem Erbarmen hat er selbst sie erlöst.“ (Jesaja 63:7,9). Genau auf diese Verse lenkt auch der Leitfaden „Komm und folge mir nach!“ den Blick. Er nennt Jesaja 63:7–9 ausdrücklich als Zeugnis für Jesus Christus als unseren Erretter und Erlöser. Der kommende Christus ist derselbe Christus, der sein Volk schon immer getragen hat. Derjenige, der am Ende in Macht kommt, ist derselbe Erlöser, der in Liebe und Erbarmen handelt. 

Dann wird aus der Prophezeiung ein Gebet. Jesaja 64:1 ruft: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Das ist die Sehnsucht eines Menschen, der nicht mehr nur über Gott reden möchte. Er möchte, dass Gott kommt. 

Vielleicht kennen wir dieses Gebet. 

Es gibt Zeiten, in denen wir keine Erklärung mehr suchen, sondern seine Gegenwart. Zeiten, in denen wir nicht mehr fragen: „Warum geschieht das?“, sondern: „Herr, wann kommst du?“ Jesaja gibt dieser Sehnsucht Worte. 

Und doch bleibt seine Antwort nicht beim Warten stehen. In Jesaja 65 spricht Gott selbst: „Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jesaja 65:17) 

Das ist mehr als eine Reparatur der alten Welt. 

Es ist Wiederherstellung. 

Die Lehre und Bündnisse helfen uns, diese Verheißung zu verstehen. Die Erde wird nicht einfach bedeutungslos werden. Sie soll geheiligt und für celestiale Herrlichkeit vorbereitet werden. Lehre und Bündnisse 63:49 verbindet das Kommen des Herrn mit der Zeit, in der „das Alte vergeht und alles neu wird“. 

Die Zukunft, die Jesaja beschreibt, ist deshalb keine Flucht aus Gottes Schöpfung, sondern ihre Vollendung. 

Und genau hier wird Jesajas Vision plötzlich sehr gegenwärtig. Denn während wir auf die endgültige Wiederkunft warten, erleben wir bereits die Sammlung Israels. Jesaja 66:18 beschreibt Menschen aus „allen Nationen und Zungen“, die kommen und die Herrlichkeit des Herrn sehen. 

Das ist heute keine rein zukünftige Vorstellung mehr. 

Die Kirche Jesu Christi ist zu einer weltweiten Gemeinschaft geworden. Menschen aus immer mehr Nationen schließen Bündnisse mit Christus, Gemeinden entstehen in unterschiedlichen Kulturen, und Tempel werden auf mehreren Kontinenten gebaut. Die Sammlung Israels bedeutet dabei nicht einfach, dass alle Menschen an einen einzigen geografischen Ort ziehen. Zion wird überall dort aufgebaut, wo Menschen Christus nachfolgen und seine Bündnisse eingehen. 

Präsident Russell M. Nelson hat deshalb dazu eingeladen, die Welt auf das Zweite Kommen Christi vorzubereiten. Er verbindet diese Vorbereitung nicht mit Angst vor der Zukunft, sondern mit einer bewussteren Nachfolge: „Jetzt ist die Zeit“, unser Leben Christus neu zu weihen, Israel zu sammeln und uns auf seine Wiederkunft vorzubereiten. "Der Herr Jesus Christus wird wiederkommen". 

Gerade die weltweite Kirche macht diesen Gedanken sichtbar. Ein junger Mensch in Afrika, eine Familie in Südamerika, ein Mitglied in Asien oder eine Gemeinde in Europa müssen nicht darauf warten, irgendwann an einen entfernten Ort zu gelangen, um Teil Zions zu sein. Zion beginnt dort, wo Menschen ihr Herz dem Erlöser zuwenden. 

Damit bekommt Jesajas Vision eine ganz praktische Bedeutung. 

Wenn Christus kommt, möchte ich nicht erst anfangen, ihm zu folgen. Ich möchte heute schon lernen, so zu leben, wie ich dann leben möchte. Ich kann Frieden stiften, wo Streit herrscht. Ich kann vergeben, wo Verletzungen geblieben sind. Ich kann dienen, wo jemand Hilfe braucht. Ich kann meine Bündnisse ernst nehmen. Ich kann meine Familie und meine Gemeinde stärken. Und ich kann daran mitwirken, dass Menschen in meiner Umgebung etwas von der Liebe Christi erfahren. 

Ich kann die neue Welt nicht selbst erschaffen. 

Aber ich kann heute schon ein kleines Stück Zion sichtbar machen. 

Jesaja 66 führt diese Hoffnung schließlich über Israel hinaus. Menschen aus den Nationen kommen und sehen die Herrlichkeit Gottes. Der Prophet blickt damit auf eine Zeit, in der Gottes Gegenwart nicht mehr nur von wenigen gesucht wird, sondern seine Herrlichkeit die Welt erfüllt. Die offizielle Zusammenfassung des Kapitels verbindet diese Vision ausdrücklich mit dem Zweiten Kommen, der Sammlung Israels und der Verkündigung des Evangeliums unter den Nationen. 

Und dann steht am Ende noch einmal diese gewaltige Verheißung: 

„Denn gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, die ich schaffen werde, vor mir bestehen werden … so soll auch euer Same und euer Name bestehen.“ (Jesaja 66:22) 

Gottes Werk ist größer als meine Lebenszeit. 

Das bedeutet: Ich muss nicht alles vollendet sehen, um treu zu sein. Ich darf an etwas bauen, dessen endgültige Vollendung ich vielleicht nicht mehr in meinem irdischen Zustand erleben werde. Ich darf glauben, dienen, Zeugnis geben und Bündnisse halten, weil ich weiß, dass der Herr die Geschichte zu ihrem Ziel führen wird. 

Damit schließt sich der Kreis dieser ganzen Reihe. 

Jesaja begann mit einer verletzten Welt. Er führte uns durch Gericht und Hoffnung, Dunkelheit und Licht, menschliches Versagen und göttliche Barmherzigkeit. Er zeigte uns den leidenden Knecht, den kommenden Erlöser, die Sammlung Israels und die Wiederherstellung Zions. 

Nun endet er mit einer neuen Schöpfung. 

Das ist für mich die eigentliche Botschaft: Der Herr kommt. 

Nicht nur als Erinnerung an Bethlehem. Nicht nur als der Christus von Golgatha. Nicht nur als der auferstandene Herr, von dem wir in den Evangelien lesen. Er kommt wieder – in Macht und Herrlichkeit. Und derselbe Christus, der einst sagte: „Kommt her zu mir“, wird eines Tages kommen, um sein Volk zu sammeln, das Böse zu überwinden und seine Schöpfung zu erneuern. 

Darum muss ich vor der Zukunft keine Angst haben. 

Ich muss mich auf sie vorbereiten. 

Wenn Jesaja fragt: „Wer ist der, der von Edom kommt?“, kenne ich die Antwort. Er selbst gibt sie: „Ich bin es, der mit Gerechtigkeit redet, der reiche Mittel hat zu retten.“ (Jesaja 63:1). Es ist mein Erlöser. 

Der, dessen Gewand mich an das Gericht über das Böse und zugleich an sein vergossenes Blut erinnert. Der, der sein Volk getragen hat. Der, der die Tränen seiner Kinder gesehen hat. Der, der Zion sammelt. Und der schließlich sagen wird: 

„Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ 

Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass er lebt und wiederkommen wird. Und ich glaube, dass wir schon heute kleine Zeichen dieser kommenden Wirklichkeit erleben dürfen: in der Sammlung Israels, in Tempeln, in Dienst, Barmherzigkeit und Glauben auf der ganzen Welt. 

Für Zion kommt der Erlöser. 

Und wenn er kommt, wird er nicht nur etwas Altes reparieren. 

Er wird alles neu machen.

Freitag, 16. Oktober 2026

Um Zions willen will ich nicht schweigen

 

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"Um Zions willen darf ich nicht schweigen und um Jerusalems willen mir keine Ruhe gönnen (= nicht ruhig zusehen), bis seine Gerechtigkeit (= Rechtfertigung) aufgeht wie Lichtglanz (= die Morgensonne) und sein Heil wie eine brennende Fackel," (Jesaja 62:1) 

Jesaja 62 

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Warten auf etwas und dem Warten mit Glauben. Das eine kann passiv sein. Das andere verändert uns. Jesaja 62 führt uns genau in diesen Zwischenraum: Der Erlöser ist angekündigt, Zion ist verheißen – aber die vollständige Erfüllung steht noch aus. Und gerade deshalb sagt Jesaja: „Um Zions willen will ich nicht schweigen.“ 

Das ist bemerkenswert. Jesaja hätte angesichts der noch nicht erfüllten Verheißungen auch sagen können: Wir müssen eben abwarten. Stattdessen wird das Warten zu einer geistlichen Aufgabe. Er will reden, beten, hoffen und mitwirken. 

Besonders eindrucksvoll ist das Bild der Wächter auf den Mauern Jerusalems: „Ich habe Wächter auf deine Mauern gestellt, Jerusalem; sie werden niemals schweigen, weder bei Tag noch bei Nacht.“ Und ihnen wird aufgetragen: „Gebt ihm keine Ruhe“, bis der Herr Zion aufrichtet. (Jesaja 62:6-7) 

Ein Wächter kann den Sonnenaufgang nicht beschleunigen. Er kann die Zukunft nicht herbeizwingen. Aber er kann wach bleiben. 

Vielleicht ist das eine der schwierigsten Formen des Glaubens: treu zu bleiben, wenn die verheißene Veränderung noch nicht sichtbar ist. 

Wir kennen diesen Zustand. Wir beten für eine Veränderung in der Familie, für Heilung, Versöhnung oder Frieden. Wir hoffen auf eine Antwort und wissen doch nicht, wann sie kommen wird. Manchmal erkennen wir sogar Gottes Verheißung, ohne zu wissen, wie sie sich erfüllen soll. 

Jesaja erinnert uns daran: Gottes Verzögerung ist nicht Gottes Vergessen. 

Die Joseph Smith Translation macht an einer kleinen Stelle etwas besonders deutlich. Wo die King-James-Bibel in Vers 4 die Namen „Hephzibah“ und „Beulah“ verwendet, gibt die Inspired Version deren Bedeutung wieder: „Delightful“ und „Union“. Zion soll nicht mehr „verlassen“ heißen; das Land nicht mehr „öde“. Denn, so heißt es: „the Lord delighteth in thee“ – der Herr hat Gefallen an dir. (Isaiah 62:4) 

Das ist mehr als eine sprachliche Einzelheit. Hinter der Verheißung Zions steht die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Was heute noch unvollendet aussieht, ist für Gott nicht wertlos. Er sieht bereits, was daraus werden kann. 

Und deshalb schweigen die Wächter nicht. 

Ihr Schweigen wäre geradezu ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit. Ihr Reden dagegen bedeutet: Ich glaube noch an die Verheißung. 

Das lässt sich unmittelbar auf unser persönliches Leben übertragen. Wenn wir für einen Menschen beten, der sich vom Evangelium entfernt hat, sagen wir durch unser Gebet: Ich glaube noch an Gottes Wirken. Wenn wir trotz Enttäuschungen weiter dienen, sagen wir: Ich glaube noch daran, dass dieses Werk dem Herrn gehört. Wenn wir in schwierigen Zeiten weiterhin Gottesdienst feiern, das Abendmahl nehmen und unsere Bündnisse halten, sagen wir: Die gegenwärtigen Umstände bestimmen nicht meine Hoffnung. 

So wird Warten zu Mitwirken. 

Jesaja formuliert es später ganz praktisch: „Geht durch, geht durch die Tore, bereitet dem Volk den Weg; bahnt, bahnt die Straße, räumt die Steine weg, richtet ein Banner auf für die Völker!“ (Jesaja 62:10) 

Wir warten also nicht einfach auf Zion. Wir bereiten den Weg für Zion. 

Wir warten auf Frieden – und schaffen Frieden, wo wir leben. 

Wir warten auf die Sammlung Israels – und helfen heute schon, Menschen zu Christus zu führen. 

Wir warten auf eine heilere Welt – und heilen, was in unserem kleinen Einflussbereich geheilt werden kann. 

Wir warten auf den Erlöser – und versuchen, sein Licht sichtbar werden zu lassen. 

Ein modernes Beispiel dafür sehe ich in den Heiligen in der Ukraine. Während des Krieges war für viele von ihnen die Zukunft völlig ungewiss. Und doch wurde der Glaube nicht einfach auf einen späteren, besseren Zeitpunkt verschoben. Anfang 2023 veranstaltete die Kirche wöchentliche Online-Seminare für ukrainische Mitglieder und Flüchtlinge. Selbst während der Stromausfälle schalteten sich Menschen aus der Ukraine dazu – manche nur mit ihrem Mobiltelefon und im völligen Dunkel. Eine Verantwortliche sagte später: „Wir haben immer Angst, dass die Menschen wegen der Stromausfälle nicht teilnehmen können, aber sie sind immer da, selbst im Dunkeln.“ „Ukrainian Members Learn Emotional Resilience, Coping Skills From Church Seminar“ – Church News 

Das beeindruckt mich gerade deshalb, weil darin nichts Spektakuläres liegen muss. Ein Wächter auf der Mauer tut zunächst etwas sehr Einfaches: Er bleibt dort. 

Vielleicht ist das auch manchmal unsere wichtigste Aufgabe. 

Weiter beten. 

Weiter dienen. 

Weiter hoffen. 

Weiter glauben. 

Weiter den Weg bereiten. 

Wir müssen nicht wissen, wann die vollständige Erfüllung kommt. Wir müssen nur wissen, wem wir vertrauen. 

Das erinnert an Abraham. Auch ihm wurden Verheißungen gegeben, deren vollständige Erfüllung er nicht selbst erleben sollte. Sein Glaube bestand nicht darin, dass er alle Einzelheiten kannte. Sein Glaube bestand darin, dass er Gott vertraute und deshalb weiterging. 

Genau darin liegt eine wichtige geistliche Wahrheit: Wir müssen nicht die ganze Erfüllung sehen, um treu an ihr mitzuwirken. 

Manche Menschen pflanzen Bäume, unter deren Schatten sie niemals sitzen werden. Manche Eltern säen Glauben, dessen Früchte erst ihre Kinder sehen. Manche Mitglieder bauen Gemeinden auf, deren spätere Entwicklung sie selbst nicht mehr erleben. Manche beten für Zion und sehen nur einen kleinen Anfang. 

Aber Gott sieht das Ganze. 

Jesaja beschreibt deshalb Zion nicht als etwas, das Menschen allein hervorbringen. Am Ende steht die Zusage des Herrn: „Sie werden sie nennen: das heilige Volk, die Erlösten des HERRN; und dich wird man nennen: die Gesuchte, die nicht verlassene Stadt.“ (Jesaja 56:12) 

Die nicht verlassene Stadt. 

Vielleicht ist das die Antwort auf viele unserer persönlichen Wartezeiten. 

Wir sehen nur die Mauer. 

Gott sieht die Stadt. 

Wir sehen nur die Verzögerung. 

Gott sieht die Erfüllung. 

Wir sehen nur den nächsten Schritt. 

Gott sieht den Weg. 

Darum ist das „Nicht-Schweigen“ Jesajas nicht bloß ein Aufruf zum Reden. Es ist ein Bekenntnis des Vertrauens. Ich schweige nicht, weil ich bereits alles sehe. Ich schweige nicht, weil alle Probleme gelöst wären. Ich schweige nicht, weil ich die Zukunft kenne. 

Ich schweige nicht, weil ich den kenne, der die Zukunft kennt. 

Und vielleicht bedeutet das für uns heute: Wenn die Antwort noch aussteht, lass das Gebet nicht verstummen. Wenn Zion noch nicht vollendet ist, hör nicht auf, daran mitzubauen. Wenn Gottes Verheißung noch nicht sichtbar geworden ist, halte dich umso fester an ihn. 

Denn irgendwann wird der Wächter nicht mehr in die Ferne schauen müssen. 

Irgendwann wird der Erlöser kommen. 

Bis dahin dürfen wir auf der Mauer stehen. 

Wach. 

Betend. 

Hoffend. 

Und tätig. 

Ich glaube an Jesus Christus, den Erlöser Zions. Ich glaube, dass seine Verheißungen gewiss sind, auch wenn ihre Erfüllung manchmal länger auf sich warten lässt, als wir es uns wünschen. Ich glaube, dass der Herr sein Volk nicht vergisst und dass auch unser kleines, treues Wirken Teil seines großen Werkes sein kann. Deshalb möchte ich nicht schweigen – nicht weil ich schon alles sehe, sondern weil ich dem vertraue, der alles sieht.

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Der Geist des Herrn ist auf mir

 

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„Der Geist Gottes des HErrn ruht auf mir, weil der HErr mich gesalbt (= geweiht) hat, um den Elenden (oder: Demütigen) frohe Botschaft zu bringen; er hat mich ja gesandt, um die, welche gebrochenen Herzens sind, zu verbinden, den Gefangenen die Freilassung anzukündigen und den Gebundenen die Entfesselung,“ (Jesaja 61:1) 

Jesaja 61 

Es gibt Worte in der Schrift, die wir nicht nur lesen, sondern bei denen wir spüren, dass sie auf eine Person zulaufen. Jesaja 61 gehört für mich zu diesen Worten. Sie stehen zunächst als Verheißung im Raum – und dann steht Jesus in der Synagoge von Nazareth auf, nimmt die Schriftrolle des Propheten und liest genau diese Worte. Danach sagt er: „Heute ist dieses Schriftwort erfüllt, das ihr eben gehört habt.“ (Lukas 4:21). Der lange Weg der Verheißung findet plötzlich ein Gesicht. Der Erlöser ist nicht mehr nur angekündigt. Er steht vor ihnen. Die Kirche bezeichnet diese Verse deshalb zu Recht als eine der eindringlichsten messianischen Prophezeiungen. 

Bemerkenswert ist, wie Jesus seine Mission beschreibt. Er spricht nicht zuerst von Macht, Herrschaft oder äußerem Triumph. Er spricht von Menschen, die etwas verloren haben: den Armen, den Gefangenen, den Blinden, den Zerschlagenen und den Trauernden. „Er hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, den Gefangenen Befreiung zu verkündigen …“ (vgl. Jesaja 61:1–3). Genau darin liegt eine der schönsten Offenbarungen über das Wesen Christi: Er kommt dorthin, wo Menschen nicht mehr vollständig sind. 

Vielleicht brauchen wir diese Erkenntnis, wenn wir selbst an einen Punkt kommen, an dem wir uns nicht mehr so fühlen, wie wir gerne wären. Wir denken manchmal, das Evangelium sei vor allem für die Starken, die Glaubenden, die Überwinder. Doch Jesaja zeigt uns einen anderen Christus. Er kommt zu denen, die kaum noch Kraft haben. Er sucht nicht zuerst die auf, die alles im Griff haben, sondern die, deren Herz zerbrochen ist. 

Das bedeutet nicht, dass Christus jedes Leid sofort wegnimmt. Heilung bedeutet in den Schriften nicht immer, dass eine Krankheit verschwindet, eine Beziehung sofort wiederhergestellt wird oder eine schmerzhafte Erinnerung ausgelöscht wird. Manchmal beginnt Heilung viel unscheinbarer: Ein Mensch findet wieder Hoffnung. Ein Gefangener erkennt, dass seine Vergangenheit nicht sein endgültiges Urteil ist. Ein Trauernder kann wieder beten. Einer, der sich selbst verloren hat, entdeckt, dass Christus ihn nicht verloren hat. 

Diese Wahrheit berührt sich tief mit Alma 7. Alma bezeugt, dass der Erlöser „Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art“ auf sich nehmen werde, damit er gemäß dem Fleisch wisse, „wie er seinem Volk beistehen könne“ (Alma 7:11–12). Christus erlöst uns also nicht aus sicherer Entfernung. Er kennt den Weg durch das Leid, weil er ihn selbst gegangen ist. 

Hier passt Elder Jeffrey R. Holland mit seiner Ansprache „Wie ein zerbrochenes Gefäß“ besonders gut. Er spricht über Menschen, die mit psychischen und emotionalen Belastungen leben, und erinnert daran, dass wir uns nicht für solche Leiden schämen müssen. Eine zerbrochene Psyche kann ebenso Heilung erfahren wie ein gebrochener Körper oder ein verwundetes Herz. Während Gott heilt, können wir einander helfen, indem wir nicht urteilen, sondern mitfühlend und gütig sind. 

Damit wird Jesaja 61 plötzlich ganz gegenwärtig. Christus heilt nicht nur durch außergewöhnliche Wunder. Manchmal geschieht seine heilende Arbeit durch einen Menschen, der zuhört, durch eine Gemeinde, die trägt, durch professionelle Hilfe, durch ein Gebet, einen Priestertumssegen oder durch die stille Gewissheit: Ich bin nicht allein. 

Das Evangelium ist deshalb nicht nur eine Botschaft über Vergebung. Es ist eine Botschaft über Wiederherstellung. 

Auch Alma 7 macht deutlich, dass Christus unsere Schmerzen nicht lediglich kennt, sondern gerade dadurch befähigt ist, uns beizustehen. Auch Elder Dale G. Renlund hat diese persönliche Dimension in seiner Ansprache „Himmelschreiende Ungerechtigkeit“ eindrucksvoll beschrieben. Er bezeugt, dass Jesus Christus weiß, was Ungerechtigkeit bedeutet, und die Macht hat, Heilung anzubieten. Weil der Erlöser selbst unermessliches Leid getragen hat, kann er sich vollkommen in uns einfühlen. Und Elder Renlund führt diese Wahrheit direkt zu Jesaja 61:3 zurück: Wer zu Christus kommt, darf auf eine „Krone der Schönheit anstelle von Asche“ hoffen – auf Freude und Fröhlichkeit anstelle von Leid und Kummer. 

Doch Jesaja 61 bleibt nicht bei der Heilung stehen. In Vers 3 heißt es, dass der Herr den Trauernden „Schmuck statt Asche“ und ein „Lobgewand statt eines betrübten Geistes“ geben will. Und anschließend lesen wir: „Und sie werden die alten Trümmerstätten wieder aufbauen und die früher verödeten Orte wieder aufrichten.“ (Jesaja 61:4). 

Das ist ein geistliches Muster: Christus heilt uns nicht nur, damit wir uns besser fühlen. Er heilt uns, damit durch uns auch andere Heilung erfahren können. 

Sister Sharon Eubank hat diesen Gedanken in ihrer Ansprache über die humanitäre Arbeit der Kirche sehr schön ausgedrückt. Sie erinnerte daran, dass Gott unsere Gebete häufig durch andere Menschen beantwortet. Dann stellte sie die Frage, ob wir bereit sind, selbst die Antwort auf das Gebet eines anderen Menschen zu sein. “Möge der Herr sich unserer bedienen” 

Damit wird aus Jesaja 61 eine persönliche Berufung. Wenn Christus zu den Zerbrochenen geht, dürfen auch wir zu ihnen gehen. Vielleicht sitzt jemand neben uns in der Gemeinde und trägt eine Last, von der wir nichts wissen. Vielleicht braucht ein Angehöriger nicht unsere Erklärung, sondern unser Zuhören. Vielleicht braucht ein junger Mensch nicht noch mehr Ratschläge, sondern jemanden, der ihm glaubhaft vermittelt: Du bist nicht allein. 

Christlicher Dienst bedeutet manchmal einfach, bei einem Menschen auszuhalten, dessen Heilung länger dauert, als wir gehofft haben. 

Und vielleicht ist gerade das die praktische Frage, die Jesaja 61 an uns richtet: Wo kann ich heute Teil der heilenden Mission Christi sein? 

Vielleicht nicht auf spektakuläre Weise. Vielleicht durch einen Besuch. Eine Nachricht. Ein geduldiges Gespräch. Eine Spende. Eine Berufung, die wir treu erfüllen. Oder dadurch, dass wir einen Menschen nicht auf seine Schwäche reduzieren. 

Denn Christus sagt nicht: „Bring dich erst in Ordnung, dann komm zu mir.“ 

Er sagt: „Kommt alle zu mir.“ 

Diese Einladung richtet sich an die Armen, die Gefangenen, die Zerbrochenen und die Trauernden. Und sie richtet sich auch an uns. Jesaja 61 ist deshalb nicht nur eine Prophezeiung über Jesus. Es ist eine Einladung, ihn kennenzulernen. 

Vielleicht hast du ein zerbrochenes Herz. Vielleicht trägst du eine alte Schuld. Vielleicht fühlst du dich gefangen in einer Gewohnheit, aus der du allein nicht herauskommst. Vielleicht trauerst du um einen Menschen oder um einen Lebensabschnitt, der unwiederbringlich verloren scheint. 

Dann ist Jesaja 61 eine Botschaft für dich. 

Der Erlöser kommt nicht nur zu den Gerechten. Er kommt zu den Verwundeten. 

Er kommt nicht nur zu denen, die sehen. Er kommt auch zu den Blinden. 

Er kommt nicht nur zu den Freien. Er kommt zu den Gefangenen. 

Er kommt nicht nur zu denen, die Grund zur Freude haben. Er kommt zu denen, die trauern. 

Und vielleicht ist das größte Wunder: Er bleibt nicht vor unseren Wunden stehen. Er tritt hinein. 

Dann wird aus der alten Verheißung eine persönliche Begegnung. Jesaja sah den kommenden Messias. Die Menschen in Nazareth sahen Jesus. Alma bezeugte seine Fähigkeit, seinem Volk beizustehen. Und wir dürfen heute erfahren, dass derselbe Christus noch immer heilt, befreit, tröstet und aufrichtet. 

Ich weiß, dass Jesus Christus tatsächlich derjenige ist, von dem Jesaja gesprochen hat. Ich weiß, dass seine Mission nicht mit seinem irdischen Wirken endete. Er lebt. Seine Macht zu heilen ist nicht vergangen. Manchmal heilt er unsere Umstände, manchmal unser Herz, manchmal unsere Beziehung zu ihm, und manchmal schenkt er uns die Kraft, mit einer Wunde weiterzugehen, die erst in der Auferstehung vollkommen geheilt werden wird. Aber ich glaube: Keiner, der zu ihm kommt, bleibt von seiner Liebe unberührt. 

Wenn ich an Jesaja 61 denke, sehe ich deshalb nicht mehr nur eine alte Prophezeiung. Ich sehe den Erlöser vor mir. Den, dessen Geist auf ihm ist. Den, der zu den Zerbrochenen kommt. Den, der aus Asche wieder Schönheit entstehen lässt. 

Und ich weiß: Für Zion kommt der Erlöser – und er kommt auch für mich.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Der Erlöser kommt nach Zion

 

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„Mache dich auf, werde licht! denn dein Licht ist gekommen**), und die Herrlichkeit des HErrn ist über dir erstrahlt.“ (Jesaja 60:1) 

Jesaja 60 

Manchmal genügt ein einziger Satz, um die Atmosphäre eines ganzen Lebens zu verändern. Jesaja 59 endet in Dunkelheit. Die Menschen haben sich von Gott entfernt, Wahrheit und Gerechtigkeit scheinen verloren. Und dann, unmittelbar danach, dieser Ruf: „Mache dich auf, werde licht!“ Nicht: Warte, bis die Welt heller wird. Nicht: Mache dich selbst zum Licht. Sondern: Steh auf – denn dein Licht kommt. 

Das ist der entscheidende Gedanke dieses Kapitels. Zion leuchtet nicht aus eigener Kraft. Seine Herrlichkeit ist nicht das Ergebnis vollkommener Menschen. „Die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.“ (Jesaja 60:1) Das Licht kommt von außerhalb von uns. Es kommt von Christus. 

Vielleicht ist das eine der tröstlichsten Wahrheiten des Evangeliums. Wir müssen nicht erst vollkommen sein, bevor Christus in unserem Leben wirken kann. Er kommt gerade in unsere Unvollkommenheit, unsere Fragen und unsere dunklen Zeiten. Jesaja leugnet die Finsternis nicht: „Denn siehe, die Finsternis bedeckt die Erde und tiefes Dunkel die Völker; aber über dir geht der HERR auf.“ (Jesaja 60:2) Die Dunkelheit ist noch da – aber sie hat nicht mehr das letzte Wort. 

Auch die Inspired Version bestätigt diese Bewegung. „Und die Heiden werden zu deinem Licht kommen, und Könige zum Glanz deines Aufgangs.“ (Jesaja 60:3) Danach beschreibt Jesaja Menschen aus allen Richtungen, die sich sammeln: „sie alle versammeln sich, kommen zu dir.“ (Jesaja 60:4) Aus Finsternis wird Licht, aus Zerstreuung wird Sammlung. 

Damit wird Jesaja 60 zu einem wunderbaren Bild für die Sammlung Israels in unserer Zeit. Menschen aus vielen Nationen kommen zu Christus. Sie schließen Bündnisse, finden geistliche Heimat und helfen wiederum anderen, den Weg zum Erlöser zu finden. Präsident Russell M. Nelson hat die Sammlung Israels als „das wichtigste Werk der Welt“ bezeichnet. Er erklärt, dass diese Sammlung auf beiden Seiten des Schleiers geschieht: durch Missionsarbeit, Tempelarbeit und Familiengeschichte, aber ebenso dadurch, dass wir den Glauben und das Zeugnis der Menschen stärken, mit denen wir leben, arbeiten und dienen. So helfen wir anderen, zu Christus zu kommen und ihre Bündnisse mit Gott zu schließen. “Lassen Sie Gott siegen” 

Besonders sichtbar wird diese Sammlung in den Tempeln. Jesaja sagt: „… und ich werde den Ort meiner Füße herrlich machen.“ (Jesaja 60:13) Der Tempel ist deshalb weit mehr als ein schönes Gebäude. Er ist ein Ort, an dem Christus im Mittelpunkt steht, an dem Bündnisse geschlossen und stellvertretend Segnungen für Verstorbene empfangen werden. Er verbindet Menschen über Generationen und Nationen hinweg. 

Eine Geschichte aus Ghana macht diesen Gedanken besonders anschaulich. Dort hatten Mitglieder lange auf einen eigenen Tempel gewartet. Schon 1989 und 1990, während eines staatlichen Verbots öffentlicher kirchlicher Versammlungen, hielten Mitglieder ihre Gottesdienste in ihren Häusern und besuchten einander. Jahre später, am 16. Februar 1998, verkündete Präsident Gordon B. Hinckley in Accra vor 6.700 Mitgliedern den Bau des ersten Tempels in Westafrika. 2004 wurde der Tempel geweiht. 

Was für ein Bild für Jesaja 60: Menschen, die durch eine dunkle Zeit gegangen waren, sahen ein neues Licht aufgehen. “The Freeze – Ghanaische Kirchengeschichte” und “First Temple in West Africa – Ghana”. 

Und dieses Licht war nicht nur ein Gebäude. Es war ein Zeichen dafür, dass die Sammlung weiterging. Der Tempel kam nicht zu einer bereits vollkommenen Gemeinschaft. Er entstand mitten in einer Geschichte des Wartens, Glaubens und Durchhaltens. 

Genau deshalb berührt mich auch eine Aussage von Justin Collings in seiner BYU-Ansprache „Gifts of Light“. Er nennt unter den besonderen Gaben Gottes das wiederhergestellte Evangelium, den heiligen Tempel, lebende Propheten – und schließlich den Sohn Gottes selbst. Alles andere erhält seine Bedeutung aus dieser Quelle: Christus ist das Licht, durch das wir überhaupt erkennen können, was wirklich gut ist. BYU Speeches – „Gifts of Light“ 

Das ist vielleicht auch für unser persönliches Leben wichtig. Manchmal warten wir darauf, dass zuerst die Dunkelheit verschwindet. Wir denken: Wenn meine Sorgen gelöst sind, wenn meine Familie wieder zur Ruhe gekommen ist, wenn ich meine Fragen beantwortet habe, wenn mein Glaube stärker geworden ist – dann kann ich wieder hoffnungsvoll sein. 

Jesaja sagt es anders: Richte dich auf, weil Christus kommt. 

Nicht weil du schon alles überwunden hast. Nicht weil du alle Antworten besitzt. Sondern weil sein Licht größer ist als deine Finsternis. 

Und dann fordert Jesaja uns sogar auf, selbst aufzustehen: „Mache dich auf, werde licht!“ Das bedeutet nicht, dass wir aus eigener Kraft Licht erzeugen sollen. Es bedeutet, dass wir das empfangene Licht nicht verborgen halten. 

Vielleicht beginnt das ganz unscheinbar. Ein Mensch braucht jemanden, der zuhört. Ein einsamer Mensch braucht eine Einladung. Ein Angehöriger braucht Vergebung. Ein Jugendlicher braucht jemanden, der an ihn glaubt. Ein Verstorbener wartet vielleicht darauf, dass jemand seinen Namen sucht und stellvertretend für ihn Tempelbündnisse empfängt. 

So wird die Sammlung Israels persönlich. 

Wir müssen dafür nicht in einer großen Geschichte vorkommen. Vielleicht wird niemand erfahren, dass wir einem Menschen Hoffnung gegeben haben. Vielleicht wird niemand sehen, dass wir einen Namen aus unserer Familiengeschichte gesucht haben, für jemanden gebetet oder in einer schweren Situation Christus treu geblieben sind. Aber genau so breitet sich sein Licht aus: von Mensch zu Mensch. 

Jesaja sieht eine Zeit voraus, in der die Tore Zions nicht mehr geschlossen werden. Menschen kommen aus allen Richtungen. Die Zerstreuten werden gesammelt. Der Fremde wird nicht mehr draußen stehen. Und am Ende steht die Quelle allen Lichtes: „Der HERR wird dir zum ewigen Licht sein.“ (Jesaja 60:19) 

Das ist vielleicht der wichtigste Satz des ganzen Kapitels. Nicht wir sind das Licht. Der Herr ist das Licht. 

Deshalb müssen wir auch nicht verzweifeln, wenn wir feststellen, wie viel Dunkelheit noch in unserer Welt und manchmal auch in unserem eigenen Herzen vorhanden ist. Ein kleines Licht muss nicht die ganze Nacht beseitigen, um echt zu sein. Es muss nur leuchten. 

Und vielleicht ist genau das die Einladung Jesajas an uns: Nicht darauf zu warten, dass die Welt zuerst hell wird. Nicht darauf zu warten, dass alle Menschen vollkommen werden. Nicht darauf zu warten, dass unsere eigenen Schwierigkeiten verschwinden. 

Mache dich auf. 

Christus kommt. 

Sein Licht scheint bereits. 

Ich weiß, dass Jesus Christus das Licht der Welt ist. Ich weiß, dass er heute Menschen aus allen Nationen sammelt und dass die weltweite Ausbreitung des Evangeliums und der Tempel ein sichtbares Zeichen dieser Verheißung ist. Ich glaube auch, dass seine Gegenwart nicht nur in großen Ereignissen zu finden ist, sondern in den stillen Momenten unseres persönlichen Lebens. Wenn wir uns ihm zuwenden, kann sein Licht in uns scheinen, obwohl die Nacht um uns herum noch nicht vergangen ist. Wir müssen die Dunkelheit nicht besiegen, bevor wir Hoffnung haben dürfen. Wir dürfen uns aufrichten, weil unser Licht kommt.